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Schlag auf Schlag

von Steffen Becker

Mannheim, 5. Januar 2014. Haben Sie sich beim Gang auf die Bank schon mal vorgestellt, der Person, die über ihren Haus-/Konsum-/Studienkredit entscheidet, nicht in den Hintern zu kriechen, sondern ihr so richtig eine reinzuhauen? Stellvertretend für die Hilfe bei der Steuerhinterziehung von Superreichen, für den Kollaps ganzer Volkswirtschaften, für das ganze scheiß System? Man sollte, man könnte, aber man tut es nicht. In diesem Zyklus aus Wut und Passivität lokalisiert das neue Stück von Marianna Salzmann "Hurenkinder – Schusterjungen" seine Figuren.

Wohngemeinschaft am Rande der Revolution

Die Uraufführung am Nationaltheater Mannheim wirft Menschen mit komischen Namen in eine surreale Menage à trois mit gefühlter Revolutionsnähe: Tschech ist Hausbesitzer mit Aussteiger-Attitüde (Struwwel-Haar, das sich als Perücke rausstellen wird, Gammel-Wäsche, aber aus Seide), Busch ist eine Art Foto-Student, der sein Leben in der Dunkelkammer verbringt, und Ali eine Zugbegleiterin am Rande des Nervenzusammenbruchs. Ausgestattet mit Schutzhelmen stapfen sie über eine karge, angeschrägte Bühne in einem halbierten Käfig mit orangenen Stangen und sprechen die Phrasen, die man zum Eintritt in eine Wohngemeinschaft so braucht: "Mich wirst du praktisch gar nicht sehen", "ich bin alleine und habe keinen Besuch" etc.

hurenkinder2 560 christian kleiner hIm Käfig der Leidenschaften: Martin Aselmann (Busch), Thorsten Danner (Tschech) und Anne-Marie Lux (Ali) © Christian Kleiner

Die Männer wollen mit der Frau erst schlafen und dann ein Nest bauen. Die Frau will lieber mitten im spastischen Sex erzählen, wie sie sich in der Gepäckablage zusammengerollt hat. Außerdem zappt sie durch Revolutionsnachrichten – Ukraine, Thailand, arabischer Frühling. Überall Bilder von Menschen, die auf die Straße gehen, weil sie grundsätzlich die Schnauze voll haben und nicht nur die Konditionen ihres Bankkredits ungerecht finden. Außerdem trägt Ali (Anne-Marie Lux) die Nachricht von aufkommenden Protesten und deren gewaltsamer Unterdrückung in die Wohngemeinschaft. Woran sich die Unruhen entzünden, bleibt im Unklaren und ist für die Inszenierung von Regisseur Tarik Goetzke auch nicht von Belang. Ihn interessiert, wie die Figuren mit dem Umbruch um die Ecke umgehen. In größerem Zusammenhang: Wohin mit dem nebulösen Gefühl, dass sich was ändern muss? Wohin mit der diffusen Wut über die Verhältnisse?

Der süße Duft des Tränengases

Die Frage beantworten Stück und Inszenierung inhaltlich desillusionierend und, damit es weh tut, in der Form radikal. Die Hurenkinder und Schusterjungen wechseln Themen, Emotionen, Kostüme in mörderisch schneller Schnittfolge. Es geht Schlag auf Schlag. Eine Vergewaltigungsszene bricht ab, die Banalität in Form eines Bahn-Service-Dialogs bricht ein. Konfusion gebiert Gewalt gebiert sexuelle Anziehung gebiert Eifersucht. Ein Enkeltrick am Telefon wird ausprobiert, aber nur aus Spaß, ein Penis wird angeknabbert, aber nicht abgerissen, Tränengas wird geschnuppert, aber nicht inhaliert. Nichts wird wirklich durchgezogen, Schauplatz des Stücks bleibt bis fast zuletzt die Wagenburg des Zuhauses.

Die Radikalität der ausbruchswütigen Ali erschöpft sich darin, dass sie auf dem Dach Straßenschlacht nachspielt und im Zug einen Gast (und sich selbst) mit Kaffee verbrüht. Busch (Martin Aselmann) und Tschech (Thorsten Danner) verprügeln sich und schlafen miteinander und mit Ali, kriegen auf der zunehmend klaustrophobischen und vermüllten Bühne trotzdem nichts hin, was einer Beziehungskiste mit wem auch immer ähnelt.

Lähmende Möglichkeiten

Die Videoprojektion im Hintergrund dient zwar nur der Raumbeschreibung ("Wohnzimmer. Himmel"), aber man meint, die Kernbotschaft fast an die Wand geworfen zu sehen: Die heutigen Generationen haben alle Möglichkeiten; das paralysiert sie, nichts bewegt sich. Diesen politischen Leerlauf spiegelt die Inszenierung streckenweise leider auch dramaturgisch. Sie ist getragen vom Willen, dem fiebrigen Stück noch eins draufzusetzen. Alles muss krass sein – komm, stecken wir die Drei in Maleranzüge und lassen sie sich Kompott ins Gesicht schmeißen! Das ermüdet stellenweise.

Dass der Abend alles in allem dennoch gelungen ist, liegt auch an den tollen Schauspielern. Und insbesondere an Anne-Marie Lux. Ihre Rolle als Ali hätte leicht ins Hysterische abgleiten können. Doch die Crux des "Man könnte so vieles sein" übersetzt sie phänomenal gut. Sie ist irre, sie ist zärtlich, sie ist wütend, sie ist depressiv, sie weiß nicht, was sie ist – egal: Lux' Ali ist so glaubhaft, dass der progressive Spießer in einem ihr zurufen will: Jetzt hab halt ne Dreierkiste mit den beiden Typen, ist doch auch ne schöne Utopie. Der normale Mann hat Angst vor ihr, und der Revolutionär will sie lautstark anfeuern. Hervorragend unterstützt wird sie von Thorsten Danner und Martin Aselmann als Männer, die bei der von ihr herbeigesehnten Umwälzung etwas zu verlieren haben (Tschech) bzw. gern etwas zu verlieren hätten (Busch). Als Schauspieler harmonieren sie prächtig. Als Figuren gehen sie jeder für sich allein zu Grunde.


Hurenkinder Schusterjungen (UA)
von Marianna Salzmann
Regie: Tarik Goetzke, Bühne und Kostüme: Wen Kan, Video: Jonas Englert, Licht: Ronny Bergmann, Dramaturgie: Lea Gerschwitz.
Mit: Thorsten Danner, Anne-Marie Lux, Martin Aselmann.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de


Kritikenrundschau

Ziemlich entgeistert ist Ralf-Carl Langhals im Mannheimer Morgen (7.1.2013) von Text und Umsetzung. "Der erzählte Teil der Geschichte ist der einer gescheiterten Ménage-à-trois, die nach launigen Sexgeschichten dann doch zu der spießbürgerlichen Weisheit kommt: Drei sind einer zu viel", so sein Stück-Fazit. "Berufsanfänger" Tarik Goetzke mache den häufigsten Fehler seiner Generation: "Wir jagen das dünne Süppchen durch den Schnellkochtopf dessen, was heute auf dem Theater so geht - und legen sexuell noch eine Schippe drauf. Also lassen wir die Darsteller gelben Schleim aus Bauhelmen schlabbern, bauen die lustige Pinguin-Nummer ein und bringen einen Gummipimmel groß raus, der - Trommelwirbel - final von der jungen Nachwuchsmimin abzubeißen ist." Immerhin gespielt werde das Ganze mit Verve.

Entgeistert ist auch Cornelie Ueding vom Deutschlandfunk (Kultur heute, 6.1.14). Unter dem "verbalen Zynismus einer Brutalitäts-Hilflosigkeits-Allüre" lauerten bei Salzmann "peinliche Larmoyanz und Wehleidigkeit". Von der politischen Relevanz des Stücks ist die Kritikerin alles andere als überzeugt, "schließlich ist herausgebrüllte Larmoyanz noch keine Gesellschaftskritik". Schlimmer noch sei allerdings "die quälende Perspektivlosigkeit der Regie. Statt die Gefühls- und Gesinnungslage der Figuren zu deuten und dramaturgisch einsichtig zu machen, statt Ausdrucksformen für das gerade nicht Ausgesprochene zu suchen, eventuell auch Position zu beziehen und diese den Zuschauern zu vermitteln, hat Tarik Goetzke die Textvorlage 1 zu 1 illustriert. (...) Und die Frage muss erlaubt sein, warum, wie hier, die Abschlussarbeit eines Regiestudiums (...) auf dem Theater gezeigt, und das bedeutet mit allen Fehlern ausgestellt werden muss".

Ganz anders Isabel Metzger in der tageszeitung (7.1.2013). Salzmann gelinge "das Bild einer Generation ohne Ziele und Mumm", ein "gewitztes, erfreulich komplexes Psychogramm, das ohne Zeigefinger und Lehrformel auskommt". Obwohl die Figuren skizzenhafte Jedermanns seien, gelänge es der Regie, "ihnen Tiefe zu verleihen - besonders Ali, die im Stück eine starke Veränderung erlebt", was besonders Anne-Marie Lux zu verdanken sei.

Der Vieldeutigkeit des Textes komme diese Inszenierung nicht wirklich bei, so Johannes Breckner im Darmstädter Echo (7.1.2013). "Inszenieren heißt nicht, alle Einfälle auch zu zeigen." Was an diesem Abend eigentlich erzählt werden solle, bleibe bei aller Umtriebigkeit auf der Bühne merkwürdig diffus. "Aber immerhin gelingt es, die beklemmende Stimmung bis zum Schluss nicht nur durchzuhalten, sondern zu steigern bis zur dunklen Pointe."

Martin Eich ist in der Rhein-Main-Presse (7.1.2013) wiederum not amused. Seine Stück-Zusammenfassung: "Während Demonstranten sterben und Tränengasgranaten explodieren, räsonieren Irgendwas-Erfinder Buchs, Langhaar-Träger Tschech und Zug-Saftschubse Ali über das Leben und die Revolte, gehen sich ständig auf den Geist sowie an die primären Geschlechtssorgane und machen auch sonst alles, damit man sich spätestens nach einer Viertelstunde fragt: Was soll das eigentlich?" Sein Inszenierungsfazit: "Garantiert gibt es für diesen Aktionismus auch ein Konzept, aber am Ende geht es doch nur um das schlechte alte Effekt-Theater, das keiner inhaltlichen Legitimation bedarf, sondern sich selbst genügt."

Salzmanns Stück sei "kein politischer Aufruf, eher ein Nachforschen im Individuellen, ein Versuch über Vorwände, Lethargie und Passivität", meint Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (8.1.2014). In der Figurenzeichnung zeige sich ihr scharfer Blick dafür, "wie Gesellschaft funktioniert und wie sie Menschen prägt". Zu oft wolle allerdings Regisseur Goetzke "die Drastik des Textes durch grelle Überzeichnung und billige Effekte toppen", was der Inszenierung "jede Steigerungsmöglichkeit und der präzisen, entlarvenden Sprache des Textes das Verunsichernde" nehme.