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Geschichte einer Auslöschung

von Sascha Westphal

Wuppertal, 21. Februar 2014. Wieder und wieder treten die Bühnenarbeiter aus den Seitengängen heraus. Ungerührt von dem Geschehen um sie herum, bauen sie Pia Maria Mackerts faszinierend gestaffelte Bühne nach und nach ab. Zunächst sind es die größeren Requisiten. Etwa der Schreibtisch, an dem der elfjährige JR Vansant (Andreas Helgi Schmid) sein Firmen- und Finanzimperium ersonnen hat, oder die Couch, auf der gerade noch der dem Alkohol verfallene Möchtegern-Schriftsteller Jack Gibbs (Markus Haase) lag. Auch der Stuhl, den Rhoda (Julia Wolff), die einmal davon träumte, Supermodel zu werden, kurz zuvor hereingebracht hat, wird sofort wieder abgeräumt.

Doch das ist nur der Anfang. Bald nehmen die Arbeiter auch den großen Rahmen mitsamt dem schwarzen Gazevorhang auseinander, der bis dahin das auf der Hinterbühne sitzende Publikum vom Geschehen trennte. Wenig später erwischt es dann auch die weiß gerahmte Leinwand, die die Spielfläche in zwei Ebene aufteilt. Noch ein Abbau, der zugleich ein Abriss ist, eine Auslöschung. Schließlich verschwinden mit ihr auch Michael Deegs Videobilder, die William Gaddis' Geschichte von der Macht des Geldes im New York der 70er Jahre verorteten und zugleich einen Bogen ins heutige Wuppertal schlugen. Dafür geht der Blick nun dorthin, wo man sonst eigentlich sitzt, in den in seiner Leere umso imposanteren Zuschauerraum des Opernhauses.

Des Künstlers amerikanischer Traum

In seiner ganzen Breite lässt sich William Gaddis' 1975 erschienenes, zutiefst prophetisches Panaroma der Vereinigten Staaten nicht auf die Bühne bringen. Mit seinen unzähligen Figuren und seinen sich verästelnden Nebenhandlungen widersetzt sich dieser nahezu nur aus Dialogen bestehende Roman konsequent der Aneignung. Also haben Tom Peuckert und der Regisseur Marcus Lobbes ein Destillat geschaffen, das sich vor allem auf die beiden Künstler in JRs Umfeld konzentriert. Der Komponist Edward Bast (Thomas Braus), ein so linkischer wie weltfremder Mann, und Jack Gibbs, der von einer Schaffenskrise in die nächste stürzt, verfangen sich im Netz der Geschäfte. Der Zwang, an Geld zu kommen, saugt sie aus und zerstört all ihre Ambitionen.

jr 560 tom buber uIf you make it there, NYC der 70er Jahre: v.l.n.r. Hanna Werth, Thomas Braus, Julia Wolff, Heisam Abbas, Markus Haase © Tom Buber

Nur wenige Meter liegen zwischen dem Gazevorhang und der Leinwand, auf die von hinten Bilder von Manhattan und Vorstadt-Ansichten aus Long Island projiziert werden. Dieser enge Streifen Welt, an dessen rechtem Rand ein einzelner Baum steht, ist das Reich des vaterlos aufwachsenden JR. Hier geht er seiner Obsession für Werbeprospekte und Gratisangebote nach, hier träumt er von Geschäften aller Art und vom großen Geld, von den Millionen, die sich ein jeder – so verspricht es der amerikanische Traum – erarbeiten kann.

Gier als Motor

Bei Andreas Helgi Schmid hat dieser Junge, der zwar deutliche Rechtschreibschwächen hat, aber dafür das Wesen des amerikanischen Kapitalismus wie kein anderer durchschaut, etwas Manisches. Immer wieder bohrt er in der Nase, sein Mund steht fortwährend offen, und seine Augen kommen kaum einmal zur Ruhe. Er ist ständig in Bewegung. Immer muss noch ein weiterer Zettel an den Vorhang geklebt und ein neues Angebot studiert werden. Und wenn er gar nicht mehr an sich halten kann, steht Schmid, der sich meist auf den Knien hin und her bewegt, einfach auf.

Dieses Kind, das nichts als Geld kennt und keinerlei Skrupel hat, ist letztlich genau wie das System, das er so geschickt zu nutzen weiß: ruhelos und egozentrisch. Seine Gier ist Motor und Brennstoff zugleich. Jedes Geschäft und jeder weitere Winkelzug sind reiner Selbstzweck. Was dabei zerstört und vernichtet wird, interessiert weder JR noch das System.

Kunst vs. Kapital

Alle anderen, die Lehrer und Geschäftsleute, die Künstler und die Broker, die JR nach und nach in seine Geschäfte hineinzieht, agieren vorerst hinter der Leinwand. Sie existieren nur als sprechende Schattenrisse, die sich in Disco-Posen werfen oder aufgeregt hin und her laufen, die erfolglos ihr Glück in der Liebe suchen oder einfach nur die Floskeln der Finanzwelt nachplappern, die in die Kunst flüchten und doch nur ihr eigenes Scheitern finden. Mal sind diese Schatten überlebensgroß, mal wirken sie klein und verschüchtert.

Eines ist diesen Schattengestalten, in denen sich jeder wiedererkennen kann, dennoch gemeinsam: Erst als sie sich von JR in dessen Welt der nur auf Papier existierenden Werte hineinziehen lassen, bekommt ihre Form einen Körper. Das Geld lässt sie  real erscheinen. Treffender lässt sich die Natur des Kapitalismus und seine Macht über alle Menschen auf der Bühne kaum darstellen. Und so triumphiert an diesem Abend, der von der Zerstörung der Künstler durch die Maschinerie des Geldes erzählt, die Kunst über das Kapital. Zum Schluss zieht sich das Ensemble in den Zuschauerraum zurück und blickt auf das Publikum, die wahren Akteure, die endlich handeln müssen.

JR (UA)
nach dem Roman von William Gaddis, aus dem Englischen von Marcus Ingendaay und Klaus Modick, in einer Fassung von Tom Peuckert
Regie: Marcus Lobbes, Bühne und Kostüme, Pia Maria Mackert, Video: Michael Deeg, Dramaturgie: Oliver Held.
Mit: Heisam Abbas, Thomas Braus, Markus Haase, Andreas Helgi Schmid, Christoph Schüchner, Jakob Walser, Hanna Werth, Marco Wohlwend, Julia Wolff.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.wuppertaler-buehnen.de

 


Kritikenrundschau

"Tom Peuckert und Marcus Lobbes haben dem Stück doppelt neue Deutungen übergestülpt und dabei – sicher aus guten Gründen – dick aufgetragen", schreibt Veronika Pantel in der Westdeutschen Zeitung (online 23.2.2014). "Was Gaddis als böse Satire auf den Missbrauch des Kapitalismus im Amerika der 1970er Jahre erdachte, erweitert die neue Bühnenfassung. Sie thematisiert nicht nur den Persönlichkeitsverlust mächtiger Wirtschaftshaie, den scheinbar unvereinbaren Kontrast von Finanzmarkt und Kunst, sondern beklagt auch die Ausbeutung der Natur" und baut Referenzen auf die aktuelle finanzielle Lage des Wuppertaler Schauspiels ein.

Sehr angetan berichtet Ulrike Gondorf im Gespräch für WDR 3 (23.2.2014) über die multimedialen Kniffe dieser Inszenierung. "Klug und witzig" findet sie etwas das Spiel mit Schattenrissen. Es werde "mit optischen Mitteln verstärkt, was die Struktur der Geschichte ist." Die "manische Getriebenheit des Kindes" werde von Andreas Helgi vorzüglich dargestellt. Peukert habe eine "kluge und fokussierte" Romanfassung erstellt und eine "große Sprechpartitur" geschaffen.

Man müsse sich in der Bühnenfassung "stark konzentrieren, um über Schlagworte hinaus den wirtschaftsspezifischen Inhalt der schnell inszenierten Dialoge zu begreifen", sagt Jessica Düster auf WDR 5 (21.2.2014). Auch die Nebenfiguren, die lange Zeit nur als Silhouetten begegnen, seien "dramaturgisch schwierig". Wobei die Akteure "tadellos" agierten und auch das Bühnenbild in seinen Anspielungen auf die Wuppertaler Realität "eindringlich" sei. Fazit: "Wie die Romanvorlage und ihr Protagonist quillt die Inszenierung über vor Ideenreichtum. Hier wie da sind es vor allem geistige Spielereien. Das Gefühl bleibt außen vor."

"Regisseur Marcus Lobbes gelingt mit Hilfe seiner Bühnenbildnerin Pia Maria Mackert ein begeisternder Abend, der seiner nicht abreißen wollenden Sprechpartituren wegen schon sehr viel Konzentration verlangt", schreibt Arnold Hohmann im Rahmen einer Bestandsaufnahme zur Situation der Wuppertaler Bühnen auf dem Portal der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung der westen.de (27.2.2014). Wie "gegenwärtig" Lobbes "die Siebziger plötzlich aussehen lässt und wie geschickt er Wuppertal hier einbaut, das hat schon was. Im Hintergrund wechseln ständig neue Bilder aus einem Amerika der Vorstädte und der Bankenschluchten, durch die auch mal die Schwebebahn fährt. Und dann ist da der beredte Abbruch der Bühnenarbeiter, die bei noch laufendem Spiel bereits sämtliche Requisiten entfernen."