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Am Ende kommen alle lebend raus

von Willibald Spatz

Memmingen, 20. Juni 2014. Es geht darum, dass dem Theater die Wirklichkeit nicht abhanden kommt, dass es nicht die Relevanz verliert. Deswegen muss es manchmal raus in die Realität und ein Stück von ihr auf die Bühne bringen. Das beweist, dass es sich einmischen will, dass es keineswegs in einem Elfenbeinturm vor sich hinproduziert. Im Landestheater Schwaben gibt es seit Jahren Projekte mit Laien, die sich und ihr besonderes Leben vorführen dürfen. Es gab schon Jugendliche, die auf der Suche nach einer Lehrstelle waren, und Patienten der Psychiatrie, Strafgefangene und Depressive.

Tiere und Elfen

Drei Personen: Heinrich Adamer, Gertrud Angele und Angela Mothes. Sie werden auf der Bühne begleitet von den Schauspielerinnen Carolin Jakoby und Joséphine Weyers. Man merkt gleich, dass es dem Regisseur Heinz Lukas-Kindermann wichtig ist, diese Menschen nicht vorzuführen und dennoch zu demonstrieren, dass sie etwas vorführen können. Es reihen sich musikalische, dokumentarische und poetische Nummern aneinander, wobei oft der letzte Satz ein Stichwort für die kommende enthält, sozusagen zur Erzeugung eines roten Fadens.

Joséphine Weyers sitzt mit Angela Mothes in einem runden Fenster und interviewt sie. Angela Mothes erzählt von einer Reise nach Meran mit Pferden, sie wirkt nervös, Joséphine Weyers hält ihre Hand, nimmt ihr die Aufregung, sie lacht. Ob sie sich nicht ein Tier gewünscht habe? Ihr fällt ein: einen Esel zum Tragen des Gepäcks. Lichtwechsel. Jetzt wird Sommernachtstraum gespielt. Carolin Jakoby erscheint mit Eselsmaske als Zettl, und Joséphine Weyers legt sich als schlafende Titania im roten Kleid auf den Boden. Die drei Laien spielen Elfen, bekommen von den Profis ab und zu Stichworte zugeflüstert, wenn sie hängen, machen ihre Sache ansonsten sauber. Heinrich Adamer spielt Gitarre: "Let it be".

Nebel1 560 KarlForster u© Karl Forster

Lied und Gefühl

Zettel ist das Stichwort für die nächste Szene, in der Gertrud Angele die Requisiten-Blumen wegschafft und sagt: "Immer muss ich Zettel aufräumen. Ich wollt, ich wär ein Huhn." Und alle singen auf Stühlen sitzend "Ich wollt, ich wär ein Huhn". Sie haben eine Choreografie mit Hut und Ei im Hut. Die Musik konserviert Erinnerungen und Gefühle, deswegen ist sie so wichtig im Alter und gegen das Vergessen. Deswegen wird auch viel gesungen, gleich am Anfang "Hoch auf dem gelben Wagen", wozu das Ensemble von Bühnenarbeitern auf einem gelben Wagen hereingefahren wird. Auf dem stehen sie und winken, fotografieren das Publikum und animieren es zum Mitklatschen, dass Karl Moik eine Freude daran gehabt hätte.

Sehr subtil ist dieser Reigen nicht, er packt einen trotzdem. Man kann nie absehen, was folgt. Die Macher hatten eine Menge Einfälle und keinerlei Skrupel, sie umzusetzen. Gutes Theater spielt gern mit der Angst der Zuschauer. Deshalb wird das Publikum zunehmend miteinbezogen. Erst müssen nur ein paar aus der ersten Reihe tanzen, dann werden Verwandte gegrüßt und zur Beantwortung von Fragendetails herangezogen, schließlich kommt es zu einer in dem Moment eigentlich unvermeidlichen Polonaise. Es werden Clownshüte ausgeteilt, und schon geht sie los: Es soll bloß keiner behaupten, das Thema Demenz gehe ihn nichts an.

Inklusiver Wahnsinn

Spätestens jetzt ist klar, dass man keiner normalen Aufführung beiwohnt, sondern einem theatralen Amoklauf. Engagiert und besten Willens wurde da eine Sache angepackt, jedoch geraten die eingesetzten Mittel außer Kontrolle.

Man mag gern verunsichert werden, nur wüsste man auch gern, dass derjenige, der einen verunsichert, auch die Grenzen kennt. Der wörtlich genommene gelbe Wagen ist ein irrer Anfang. Wenn nun aber alle paar Minuten eine Schlagernummer heranrollt, zum Huhn auch noch Comicfilme gezeigt werden und die Polonaise Miss Piggy und Kermit einleitet, reiten die Macher diesen Irrsinn zu Tode, und machen es nicht besser dadurch, dass sie ihn durch nochmaliges und nochmaliges Draufsetzen zum schrecklich lustigen Fortleben zu erwecken versuchen.

Alle kommen am Ende irgendwie lebend raus und auch irgendwie froh darüber, bei diesem Wahnsinn dabei gewesen zu sein, der eben nicht der Musikantenstadel war, sondern eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema Demenz versuchte. Am Ende fragt man sich: Soll man nun darüber staunen, wie normal diese Menschen noch sind trotz ihrer Krankheit? Soll man sich ärgern, da sie doch vorgeführt wurden? War dieser Abend nun wundervoll verrückt oder doch schrecklich daneben?

 

Wie Nebel, der vom Fluss aufsteigt
Projektarbeit zum Thema Demenz in Kooperation mit dem Bezirkskrankenhaus Memmingen und dem Arbeitskreis Gerontopsychiatrie
Regie: Heinz Lukas-Kindermann, Bühne und Kostüme: Franziska Harbort, Regieassistenz und Inspizienz: Michael Schöffel, Betreuung: Liz Kapitel
Mit: Heinrich Adamer, Gertrud Angele, Carolin Jakoby, Angela Mothes, Joséphine Weyers.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

http://www.landestheater-schwaben.de/ 

 

Mehr zu der Arbeit mit Demenzkranken am Landestheater Schwaben: www.lukas-kindermann.de, www.bezirkskrankenhaus-memmingen.de  

 

Kritikenrundschau

In der Memminger Zeitung (23.6.2014) beschreibt Michael Dumler den Abend als eine "muntere 60-minütige szenische Collage mit Musik". Irritierend sei ein Ausflug in Shakespeares "Sommernachtstraum", spaßig hingegen die Kermit- und Miss-Piggy-Szene. "Was der Inszenierung letztlich fehlt, ist eine dramatische Verdichtung. So bleiben am Ende viele Fragen zum Thema Demenz offen."