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Über das Singen

von Sascha Westphal

Gladbeck, 22. August 2014. Die gigantische und dabei feudale Maschinenhalle der ehemaligen Zeche Zweckel in Gladbeck gehört sicher zu den eindruckvollsten Spielstätten der Ruhrtriennale. Doch davon ist in Boris Nikitins "Sänger ohne Schatten" erst einmal nichts zu spüren.

Zusammen mit seinem Bühnenbildner David Hohmann hat der Schweizer Theatermacher einen Kasten in den Raum gestellt, dessen schwarz verkleidetes Inneres mit den Zuschauerreihen und der überschaubar großen Spielfläche wie eine Kopie eines dieser funktionalen Theatersäle, die viele Stadttheater als zweite, kleinere Spielstätte nutzen, wirkt. Alles, was die Maschinenhalle ausmacht, ist jenseits seiner Wände verschwunden, dem Blick, aber nicht der Erinnerung und erst recht nicht der Sehnsucht entzogen.

saenger-ohne-schatten 560 ruhrtriennalejoergbauamann2014 u© Ruhrtriennale | Jörg Baumann, 2014

Als dann die Performer, die aufgrund eines Bandscheibenvorfalls im Rollstuhl sitzende Sopranistin Karan Armstrong, der Countertenor Yosemeh Adjei, der Tenor Christoph Homberger und der Pianist Stefan Wirth, durch eine Tür an der Seite nach und nach die Spielfläche betreten, offenbart sich schon bald der Sinn des Kastens, wenn nicht gar seine Notwendigkeit. Boris Nikitin setzt zu Beginn seiner Annäherung an den Gesang und die menschliche Stimme ganz auf Intimität.

Gesang und Gefühl
Wenn sich Christoph Homberger auf den Boden legt und a cappella die ersten Zeilen aus der ersten Szene des zweiten Akts von Beethovens "Fidelio" singt oder wenn Yosemeh Adjeis eine der Übungen präsentiert, mit denen er sich vor einer Aufführung einsingt, dann braucht es diesen engen Raum. Vieles an diesem Abend, der mal ganz naiv, mal sichtlich ironisch mit den Konventionen des dokumentarischen und postdramatischen Theaters arbeitet, hat illustrativen Charakter. Das gilt für die kurzen biographischen Statements der Performer genauso wie für die Gesangsbeispiele, die sie geben. Die Performance wird Lecture, um dann gebrochen zu werden.

Nikitin erforscht die Wirkung klassischen Gesangs und die Entstehung von Rollen auf der Bühne. So erklärt Karan Armstrong sehr genau und überaus erhellend, wie sie sich einer Rolle über eigene Lebenserfahrungen nähert, aus ihnen schöpft und sich dann wieder so weit von ihnen distanziert, dass die Gefühle nicht den Gesang kompromittieren. Christoph Homberger bringt das im Innersten konservative Wesen der Opern- und Gesangskunst mit dem Hinweis, dass sie nicht politisch ist, dass der Sänger sich immer an den Text und die Noten hält, also nicht revoltiert, auf den Punkt. Wenn schließlich die Wände des Kastens nach oben gezogen werden und sich doch noch der Blick auf die Halle und die Maschinen öffnet, demonstrieren Adjei und Homberger anhand von Auszügen aus Karol Szymanowskis "Liedern eines verliebten Muezzins" das Wechselspiel von Raum und Stimme. In der Weite der Industriearchitektur offenbart sich der Instrument-Charakter der menschlichen Stimme noch einmal ganz anders und viel direkter als in der Enge der klassischen Theatersituation.

Es bleibt die Musik
Die Konventionen sichtbar machen, und sie dann unterwandern, das ist Hombergers und Nikitins gemeinsame Strategie, die in einer beinahe circensischen Nummer gipfelt: Homberger isst einen Teller Spaghetti und singt dabei eine italienische Arie aus Richard Strauss' "Der Rosenkavalier". Musiktheatrale Subversion – unter größtem körperlichen Einsatz des Sängers. Außerdem darf man natürlich auch an Daniel Kehlmanns berühmte Salzburger Rede denken, in der er das Spaghetti-Essen als eine der Sünden des Regietheaters brandmarkte. Die hehre Kunst schafft sich ab, um anderen Reaktionen und Emotionen Raum zu geben.

Aber letztlich verblassen alle Lektionen genauso wie auch die ganze Ironie gegenüber der Macht, die eine oder mehrere Stimmen entfalten können. So sind es die Momente, in denen der Gesang ganz in den Vordergrund tritt, in denen alles andere unwichtig wird, die von diesem Projekt übrigbleiben werden: Die Angst in Yosemeh Adjeis Stimme, wenn er a cappella eine der Arien aus Händels Barock-Oper "Siroe, re di persia" singt, die Lebensweisheit und die Melancholie, die in Karan Armstrongs Interpretation der Marschallin aus Strauss' "Rosenkavalier" mitschwingen, und der existentielle Horror, den Adjei und Homberger heraufbeschwören, wenn sie das Lied "Der Doppelgänger" aus Franz Schuberts Zyklus "Schwanengesang" im Duett vortragen.

Sänger ohne Schatten
von Boris Nikitin
Konzept und Regie: Boris Nikitin, Bühne: David Hohmann, Boris Nikitin, Kostüme: Anna Sophia Röpke, Konzeptionelle Mitarbeit, Sound, Licht: Matthias Meppelink, Dramaturgie: Stephan Buchberger.
Mit: Karan Armstrong (Sopran), Yosemeh Adjei (Countertenor), Christoph Homberger (Tenor), Stefan Wirth (Klavier).
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause

www.ruhrtriennale.de



Kritikenrundschau

Nikitins Abend "untersucht, wie sich profane Alltagsmenschen in Kunstwesen verwandeln. Wie aus dem Profanen mit Arbeit und Technik der inspirierende Funke erwächst", berichtet Dorothea Marcus für die Sendung "Kultur heute" auf Deutschlandfunk (23.8.2014). Dabei entstehe der echte Gänsehautmoment im Anschluss an den dokumentarischen ersten Teil des Abends, wenn die "engen Wände der Probebühne" hochfahren, die Sänger in die große Industriehalle hineinschreiten und Schubert intonieren: "Auf einmal sind die Sänger in ihren Alltags-T-Shirts selbst zu ihren eigenen 'Doppelgängern' geworden, jene Kunstwesen in jenem schwer beschreibbaren Sehnsuchtsraum, die eine Magie erzeugen, die auch in den Zuschauer körperlich eindringt. Und so ist bewiesen: Die Macht des Gesangs lässt alles andere hinter sich."

Nikitin und seine Sänger machen sich "auf, die große Illusionsmaschine Theater zu durchleuchten und die Grenzgebiete zwischen Rolle und Persönlichkeit, Identität und Verwandlung zu erkunden", berichtet Ulrike Gondorf für die Sendung "Fazit" auf Deutschlandradio Kultur (22.8.2014). Und das gelinge "ganz leicht, unmittelbar und durchaus auch vergnüglich". Auch Gondorf würdigt die Verwandlung der scheinbaren Probenbühne zur ästhetische eindrucksvollen Maschinenhalle als "beste ausgefeilt dialektische Pointe des Abends".

Nikitin kreiere eine "Performance, deren Dramaturgie nicht durchgehend Sogwirkung entfalten kann", berichtet Malte Hemmerich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (25.8.2014). Die Regie spare in ihren Reflexionen auf das Verhältnis von Schauspielrolle und Privatheit "nicht mit Symbolen und Anspielungen. Da gibt es die Überwachungskamera, die im hinteren Teil der Maschinenhalle installiert ist und deren Aufnahmen für kurze Zeit auf die Leinwand gebeamt werden. Aus diesem entfernten Blickwinkel wirkt das Verhältnis von Rolle und Realität noch irritierender, wie verzerrt."

"Eine lockere Melange aus ein wenig Volkshochschule, einer Prise Insider-Talk, ein bisschen Theaterzirkus und etwas Oper" hat Pedro Obiera vom Portal der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung derwesten.de (24.8.2014) in der Gladbecker Maschinenhalle Zweckel erlebt. Die "Doppelrolle des Sängers als Kunstfigur und als Mensch aus Fleisch und Blut, die Wechselwirkung der beiden Bereiche" sollten an diesem Abend demonstriert werden. "Letztlich Ansprüche, die das kuriose Sammelsurium dieses unterhaltsamen Opern-Plauschs nicht leisten kann."

"Körper, Rolle, Identität liegen auf dem Seziertisch. Die Form und Technik, in der sie wieder montiert werden, sind das Fragment, der Ausschnitt, die Episode und Materialsammlung." So berichtet Andreas Wilink auf Spiegel Online (25.8.2014). "Aber was bringen solche Dekonstruktionen von Bühnen-Gefühlsvorgängen und –Strategien", die Sopranistin Karan Armstrong "beschreibt als Balance von Emotion und Distanz, Erfahrung und professioneller Abstraktion? Die Qualität von Nikitin liegt mehr im Betrachten dessen, wie Stimme und Körper sich zueinander verhalten, auseinanderfallen, graduell verschieben, wie der Herstellungsprozess von Ausdruck unter jeweiligen Bedingungen mutiert. Der Schweizer, Jahrgang 1979, misst Grenzen von Wahrheit und Verstellung, Oberfläche und Innenraum aus."

"Regisseur Boris Nikitin verlässt sich auf die Neugier, die in einem Vortragsraum geweckt wird, wenn die Dozenten erscheinen", schreibt Achim Lettmann auf dem Portal des Westfälischen Anzeigers wa.de (24.8.2014). "Der Blick hinter die Kulissen" sei eines der "Versprechen" dieser Produktion. "Enthüllungen gibt es aber nicht. Vielmehr wird die Identität der Opernstimmen transparenter." Wenn sich das Probebühnensetting zur riesigen Maschinenhalle hin öffne, wirke dieser Moment "erhaben, aber mehr auch nicht."