Solange ist die Welt noch in Ordnung?

von Şeyda Kurt

6. April 2021. Vor einigen Wochen in Köln, ich watsche durch die Innenstadt. Mein Blick bleibt an einem Werbeplakat hängen, das an einem Stromverteiler klebt. Darauf prangt der Spruch: "Solange es Bücher gibt, ist die Welt noch in Ordnung", unterschrieben von einer lokalen Kulturinstitution. Noch bevor ich einige Sekunden später an der nächsten Ampel zum Stehen komme, bin ich sauer. Während ich auf das grüne Licht warte, keife ich "Bullshit!" unter meiner FFP2-Maske. Bullshit. Welche Welt soll das sein, die allein dadurch in Ordnung ist, weil Bücher existieren? Und um welche Bücher geht es überhaupt?

Er will!

von Şeyda Kurt

25. Februar 2021. Am 14. Februar, am sogenannten Valentinstag, twittere ich: "Ich habe keine romantischen Gefühle gegenüber Deutschland." Eine Aussage dieser extrem beschönigenden, abmildernden Art nennt sich Euphemismus, das lernte ich im Deutschunterricht (denn eigentlich meine ich damit, dass ich Deutschland einfach wirklich nicht so mag).

(In-)Glorious Avengers!

von Şeyda Kurt

12. Januar 2020. "You are beautiful, but you will always remind me of violence." – Otobong Nkanga 

Im Juni schrieb ich eine Kolumne über einen kurdischen Schauspieler, seinen toten Hund und meine Mutter, die jeden Abend vor dem Fernseher von der Karibik träumt. Ein Leser kommentierte: "Tja! Wieso geht ihre Mutter nicht in das Theater?!" Prompt kochten meine Komplexe hoch, die viele Kinder von migrantischen Eltern aus der Arbeiter*innenklasse kennen dürften. Das Gefühl, dass solche beiläufigen, vermutlich gar nicht böse gemeinten Fragen als demütigender Tadel meine, unsere Unzulänglichkeit adressieren.

Gemeinsame Geschichte(n)

von Şeyda Kurt

25. November 2020. Sie haben es sicherlich schon mitbekommen. 2020 war kein ideales Jahr, um eine Theaterkolumne zu schreiben. Vor mehr als zehn Monaten begab ich mich erstmals auf die Suche nach neuen Visionen von Intimität, Freund*innenschaft, Familie, Verbündung und Solidarität auf den Bühnen. Manchmal verließ ich eine Theatervorstellung mit einer neuen Idee, einem unausgefüllten Gefühl, einem vagen Zusammenhang, einem Widerspruch. Dann dachte ich mir: Das vertiefe ich im nächsten Monat. In der nächsten Kolumne. Ich arbeite an dem Gedanken. Ich verdichte ihn. Dann schlossen wieder die Theater. Dann zerstreuten sich die Gedanken.

Utopien und Männlichkeiten

von Şeyda Kurt

13. Oktober 2020. Es ist kalt in Deutschland. Am Abend einer dieser kalten Herbsttage, am 9. Oktober 2020, sitze ich das erste Mal seit Jahresanfang wieder in einem Berliner Theater. Im Ballhaus Naunynstraße in Kreuzberg feiert die Performance "Complex of Tensions" von Jasco Viefhues Premiere. Es ist das Theaterdebut des in Offenbach geborenen Regisseurs. Für eineinhalb Stunden ist es warm.

Sich kreuzende Spuren der Gewalt

von Şeyda Kurt

16. Juni 2020. Meine Mutter sitzt Abend für Abend vor dem Fernseher. Manchmal leiste ich ihr Gesellschaft. Wir schauen ihre Lieblingssendung: Zwei Teams campieren an einem verlassenen Strand in der Dominikanischen Republik, ohne Kontakt zur Außenwelt. Sie leben – zumindest vor der Kamera – ohne Hab und Gut in Zelten und müssen sich selbst versorgen. Sie fischen, manchmal essen sie tagelang von einem Sack Reis. Unter der prallen Sonne treten sie in Parcourswettbewerben gegeneinander an. Wer gewinnt, darf schlemmen. Oder verreisen. Aus dem Team der Verlierer*innen muss eine Person den Wettkampf verlassen. Wer die mehrmonatige Odyssee bis zum Ende durchhält, darf sich auf einen Haufen Preisgeld freuen. Das Spektakel wird unter dem Namen Survivor auf dem Kanal TV8 ausgestrahlt und gehört zu den erfolgreichsten Sendungen im türkischen Fernsehen.

Ein Beben, ein Zittern

von Şeyda Kurt

12. Mai 2020. Nun werden Sie nicht neidisch. Aber ich war in diesem Frühjahr bereits in einem Theater, mit Körpern aus Fleisch und Blut auf der Bühne, die Shakespeares "Twelfth Night" spielten. Scheinwerfer, Publikum. Ich saß drin, am 22. März, Ortszeit 16 Uhr, am äußersten Rand des Saals, mit Atemschutzmaske und Abstand zum nächsten atmenden Körper, am äußersten Rand eines benachbarten Kontinents: in Tokio.