(In-)Glorious Avengers!

von Şeyda Kurt

12. Januar 2020. "You are beautiful, but you will always remind me of violence." – Otobong Nkanga 

Im Juni schrieb ich eine Kolumne über einen kurdischen Schauspieler, seinen toten Hund und meine Mutter, die jeden Abend vor dem Fernseher von der Karibik träumt. Ein Leser kommentierte: "Tja! Wieso geht ihre Mutter nicht in das Theater?!" Prompt kochten meine Komplexe hoch, die viele Kinder von migrantischen Eltern aus der Arbeiter*innenklasse kennen dürften. Das Gefühl, dass solche beiläufigen, vermutlich gar nicht böse gemeinten Fragen als demütigender Tadel meine, unsere Unzulänglichkeit adressieren.

Gemeinsame Geschichte(n)

von Şeyda Kurt

25. November 2020. Sie haben es sicherlich schon mitbekommen. 2020 war kein ideales Jahr, um eine Theaterkolumne zu schreiben. Vor mehr als zehn Monaten begab ich mich erstmals auf die Suche nach neuen Visionen von Intimität, Freund*innenschaft, Familie, Verbündung und Solidarität auf den Bühnen. Manchmal verließ ich eine Theatervorstellung mit einer neuen Idee, einem unausgefüllten Gefühl, einem vagen Zusammenhang, einem Widerspruch. Dann dachte ich mir: Das vertiefe ich im nächsten Monat. In der nächsten Kolumne. Ich arbeite an dem Gedanken. Ich verdichte ihn. Dann schlossen wieder die Theater. Dann zerstreuten sich die Gedanken.

Utopien und Männlichkeiten

von Şeyda Kurt

13. Oktober 2020. Es ist kalt in Deutschland. Am Abend einer dieser kalten Herbsttage, am 9. Oktober 2020, sitze ich das erste Mal seit Jahresanfang wieder in einem Berliner Theater. Im Ballhaus Naunynstraße in Kreuzberg feiert die Performance "Complex of Tensions" von Jasco Viefhues Premiere. Es ist das Theaterdebut des in Offenbach geborenen Regisseurs. Für eineinhalb Stunden ist es warm.

Sich kreuzende Spuren der Gewalt

von Şeyda Kurt

16. Juni 2020. Meine Mutter sitzt Abend für Abend vor dem Fernseher. Manchmal leiste ich ihr Gesellschaft. Wir schauen ihre Lieblingssendung: Zwei Teams campieren an einem verlassenen Strand in der Dominikanischen Republik, ohne Kontakt zur Außenwelt. Sie leben – zumindest vor der Kamera – ohne Hab und Gut in Zelten und müssen sich selbst versorgen. Sie fischen, manchmal essen sie tagelang von einem Sack Reis. Unter der prallen Sonne treten sie in Parcourswettbewerben gegeneinander an. Wer gewinnt, darf schlemmen. Oder verreisen. Aus dem Team der Verlierer*innen muss eine Person den Wettkampf verlassen. Wer die mehrmonatige Odyssee bis zum Ende durchhält, darf sich auf einen Haufen Preisgeld freuen. Das Spektakel wird unter dem Namen Survivor auf dem Kanal TV8 ausgestrahlt und gehört zu den erfolgreichsten Sendungen im türkischen Fernsehen.

Ein Beben, ein Zittern

von Şeyda Kurt

12. Mai 2020. Nun werden Sie nicht neidisch. Aber ich war in diesem Frühjahr bereits in einem Theater, mit Körpern aus Fleisch und Blut auf der Bühne, die Shakespeares "Twelfth Night" spielten. Scheinwerfer, Publikum. Ich saß drin, am 22. März, Ortszeit 16 Uhr, am äußersten Rand des Saals, mit Atemschutzmaske und Abstand zum nächsten atmenden Körper, am äußersten Rand eines benachbarten Kontinents: in Tokio. 

Ich will da nicht mitmachen!

von Şeyda Kurt

31. März  2020. Spätestens nach dem rechtsextremen Terroranschlag in Hanau wünschte ich mir wie viele andere Menschen, die Rassismus erfahren und sich mit ihm beschäftigen, eine Zäsur. Eine Eruption, einen gesellschaftlichen Resonanzraum für den absoluten inneren Ausnahmezustand, den ich fühlte. Ich wollte mich darauf verlassen, dass meine, unsere Geschichte sich in eine soziale Realität übersetzt. Das alles blieb aus.

Vom Theater lernen, heißt lieben lernen

von Şeyda Kurt

25. Februar 2020. Es gibt viele Gemeinsamkeit zwischen einer Theatererfahrung und der Erfahrung des Sich-Verliebens. Damit meine ich nicht jene biochemische, unmittelbare Reaktion des Sich-Verknallens in romantischen oder sexuellen Kontexten. Ich meine das Erlieben im Bewusstsein widriger Umstände. Das Sich-Einlassen, Erarbeiten und Erlernen. Die Entscheidung, zu einer Familie, zu Partner*innen und Freund*innen zärtlich sein zu wollen.