"Die Hundekot-Attacke" vom Theaterhaus Jena - Der Shorty zum Theatertreffen 2024
Sensationell!
18. Mai 2024. Um die Betriebslogiken und blinden Flecken von Theatern, Medien, ja: allen "Öffentlichkeitsarbeiter*innen" geht es in "Die Hundekot-Attacke" vom Theaterhaus Jena. Mit Witz und Lässigkeit eroberte die Gemeinschaftsproduktion auch die Herzen der Berliner Zuschauer*innen.
Von Christine Wahl
"Die Hundekotattacke" vom Theaterhaus Jena © Joachim Dette
18. Mai 2024. "Hannover: Ballettchef traktiert Kritikerin mit Hundekot": Auch wir vermeldeten im Februar 2023 diese Breaking News und stießen damit – das dürfte in den anderen Medien nicht anders gewesen sein – auf ein mehr als signifikant erhöhtes Leserinteresse. Und als das Theaterhaus Jena "Die Hundekot-Attacke" acht Monate später auf die Bühne brachte, saßen – klar – auch wir in der Premiere.
Inzwischen erscheint das alles ziemlich weit weg: Der Urheber des fäkalen Corpus Delicti, Ballettchef Marco Goeckes Dackel Gustav, ist mittlerweile verschieden. Goecke selbst arbeitet gastweise wieder am Tatort. Und geräuscharm ist gar kein Ausdruck dafür, wie derart unterhalb jedweder Erregungsschwelle sich die Meldung von seinem Comeback letzten Monat medial versendet hatte.
Entlarvung von Betriebslogiken
Umso bemerkenswerter, mit welcher Verve "Die Hundekot-Attacke" jetzt beim Berliner Theatertreffen auf- und einschlug! Großen Jubel und standing ovations gab`s bei der Gastspielpremiere auf der Seitenbühne des Berliner Festspielhauses – und jedes einzelne "Bravo" ertönte absolut zu Recht!
Wie gewitzt der von Pina Bergemann, Nikita Buldyrski, Henrike Commichau, Linde Dercon, Leon Pfannenmüller und Anna K. Seidel kollektiv erarbeitete Abend in der Regie von Walter Bart Betriebslogiken entlarvt – und zwar sowohl die des Theaters als auch die von Medien wie unserem (Nachtkritik kommt tatsächlich ziemlich prominent vor in der Jenaer "Hundekot-Attacke") – das hatte schon Marlene Drexler in ihrer Premierenbesprechung umfassend beschrieben. Jetzt, nochmals sechs Monate später, bestätigt sich erneut, wie überzeugend dem Thüringer Theaterhaus hier ein Abend gelungen ist, dessen Halbwertzeit Lichtjahre über die des Vorfalls selbst hinausreicht.
Lässigkeit und theatraler Eifer
Mit ihrem cleveren Kniff, sich gar nicht erst den Fallstricken von Realismus und Repräsentation auszusetzen, sondern stattdessen das Making-of des Abends als fiktiven E-Mail-Verkehr untereinander über die Rampe zu referieren, bei dem wirklich jede einzelne Silbe haargenau so geschrieben worden sein könnte, bekommen die Akteurinnen und Akteure nämlich jeden Aspekt der Causa mit bewundernswerter Lässigkeit in den Griff.
Pina Bergemann gelingt ein grandioser Brückenschlag von der eigenen Kränkung, als "Provinztheater" unterhalb der überregionalen Wahrnehmungsschwelle zu agieren, bis zum bestens funktionierenden Kalkül, uns ebenso eitle Feuilletonisten mit dem Aufreger-Thema über unsere eigene Zunft in eine Stadt zu locken, bei der einige sicher erst mal googlen mussten, in welchem Bundesland sie überhaupt liegt. Wunderbar auch, wie die Beschäftigung mit dem Hundekot-Übergriff bei Leon Pfannenmüller eigene Rezensions-Traumata reaktiviert, deren erneute Exegese durchaus die eine oder andere Rezeptionsüberraschung zutage fördert. Und grandios: der theatrale Eifer, mit dem Anna K. Seidel die gewonnene Medienaufmerksamkeit in eine politaktivistische Aktion umlenken will und so aktuelle Theatermechanismen aufs Korn nimmt.
Endlich wieder (Selbst-)Ironie
Es ist ziemlich beglückend, wie luzide hier ein mittlerweile sehr rar gewordenes Stilmittel seine Wirkung entfaltet: nämlich das der (Selbst-)Ironie, die etwa beispielhaft zur Anwendung kommt, wenn Nikita Buldyrski mit moralischem Unterton die Hundekot-Attacken-Idee als deplatziert sensationsgeil basht, um stattdessen eine eigene, öde durchgefallene Projektskizze zum Jenaer Stadtverkehr wieder ins Spiel zu bringen.
Überhaupt hat der Tonfall, in dem dieser Abend stattfindet, Seltenheitswert: Er klagt nicht vordergründig irgendetwas oder irgendjemanden an, sondern legt die Verhältnisse gerade dadurch offen, dass er die eigenen Verstrickungen in sie permanent mitreflektiert. Und dies gelingt ihm mit einem entwaffnenden Witz, der gleichzeitig alle Finger in sämtliche Wunden legt und auf eine synapsenanregende Weise versöhnlich ist: in der Tat bemerkenswert!
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Hier die Nachtkritik der Premiere von "Die Hundekot-Attacke" im Oktober 2023 am Theaterhaus Jena.
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Dies alles und noch einiges mehr verhandeln die Jenaer Spieler*innen in „Die Hundekot-Attacke“ und zeigen dem Betrieb einen Stinkefinger mit Küsschen, wie Marlene Drexler in ihrer Nachtkritik so schön schrieb. Aber auch dafür bekam sie nur die üblichen., selbstausbeuterischen 100 €, wie das Theaterpublikum erfährt.
Immerhin sind Wunderbaum und das Theaterhaus Jena zum Ende ihrer siebenjährigen Reise mit ihrer Meta-Komödie endlich dort angekommen, wo sie hin wollten: auf den großen Festivals wie dem Heidelberger Stückemarkt und dem Berliner Theatertreffen, dem Zentrum der sich selbst bespiegelnden Theaterblase.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2024/05/18/die-hundekot-attacke-theaterhaus-jena-kritik/