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Stéphane Braunschweig verabschiedet sich als Intendant des Pariser Odéon-Théâtre

Möwenflug ins Post-Anthropozän

11. November 2024. Acht Jahre leitete Stéphane Braunschweig das Pariser Odéon-Théâtre. Mit einer ergreifenden Deutung von Tschechows "La Mouette | Die Möwe" geht er jetzt von Bord. Ein Stück, das alle zu kennen glauben, so aber noch niemand gesehen hat.

Von Joseph Hanimann

Theaterbrief aus Frankreich (14) - Zu den Theaterbesetzungen am Odéon in Paris und in anderen Regionen Frankreichs

"Hier wird nicht mehr gespielt, hier wird gekämpft"

von Joseph Hanimann

Paris, 15. März 2021. Mit ihrem Sinn fürs Absurde hätte die von Paris nun auf andere französische Regionen ausgreifende Besetzung von Theatern einen vorzüglichen Stoff für ein Stück von Eugène Ionesco abgeben können. Wenn Schauspieler und Bühnentechniker mit ihrem bloßen Dasein und Herumstehen den Betrieb von Häusern lahmlegen wollen, der aufgrund einer sturen Covid-Politik der Regierung seit über vier Monaten ohnehin praktisch lahmliegt – ist das dann potenzierte Lähmung oder gesteigerter Aktivismus? Von großer Aktion ist auf dem Platz vor dem Pariser Théâtre de l'Odéon in diesen Tagen wenig zu sehen. Die Eingangsgitter sind geschlossen, davor stehen ein paar Schaulustige, dahinter ein paar von den Besetzenden. Will man wissen, worum es ihnen genau geht, muss man sich mit ihnen durch die Gitterstäbe unterhalten wie in einem Gefängnis. Wer hier festsitzt, die Besetzer drinnen oder das von den Sälen ausgeschlossene Publikum draußen, ist die Frage.

Theaterbrief aus Frankreich (13): Joseph Hanimann über französische Theaterexperimente im Lockdown

"Wo sind Sie gerade?"

von Joseph Hanimann

Paris, 23. November 2020. Improvisation ist dem französischen Theater nicht unbekannt. Durch die Dauerimprovisation aufgrund ständig wechselnder Covid-Maßnahmen sind die Theater in Frankreich aber an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit und Experimentierfreude geraten. Nach dem Lockdown des Frühjahrs hatten sie einen reichhaltigen Saisonstart mit den entsprechenden sanitären Vorsichtsregeln ausgearbeitet, jedes auf eigene Weise. Für seine "Iphigenie" von Racine, eines der Highlights der neuen Spielzeit, hatte Stéphane Braunschweig am Théâtre de l’Odéon mit zwei gesondert spielenden Besetzungsteams geprobt, damit die Produktion weiterlaufen kann, falls ein Schauspieler positiv getestet wird. Doch auch das half nichts. Nach der Mitte Oktober verhängten Ausgangssperre ab 21 Uhr in Paris und anderen Städten, die die Aufführungen ins enge Zeitfenster zwischen Feierabend und Abendruhe zwängte, kam zwei Wochen später der zweite Lockdown fürs ganze Land. Und damit die Rückkehr für alle ans Fenster der Computerbildschirme.

Theaterbrief aus Paris (12) - Das Théâtre du Soleil von Ariane Mnouchkine und seine neue Kreation "Une chambre en Inde"

Cornélia in Wonderland

von Thomas Rothschild

Paris, 23. November 2016. Wenn Cornélia, die Assistentin des Leiters einer Schauspieltruppe, einschläft, bekommt sie in ihrem Zimmer in Indien Besuch. Durch Fenster und Türen dringen sie ein auf die großflächige Simultanbühne mit Cornélias breitem Bett, Tischen, Sitzgelegenheiten, einer offenen Toilette im Hintergrund und einer Veranda rechts vorne für Jean-Jacques Lemêtre, der die Vorstellung mit pulsierenden Basslinien begleitet: die Affen von Mahatma Gandhi, Shakespeare, Tschechows drei Schwestern oder grotesk-schreckliche Taliban. "Une chambre en Inde" – so heißt die jüngste, größtenteils vom Kollektiv bei einem längeren Aufenthalt in Indien entwickelte Kreation an Ariane Mnouchkines Théâtre du Soleil. Sie könnte auch, frei nach Gian Carlo Menotti, "Cornélia and the Night Visitors" heißen.

Theaterbrief aus Paris (11) - Wie reagieren die Pariser Theater und ihr Publikum auf die Attentate vom 13. November? Ein Bericht zwei Wochen danach

Tanz über die Splitter der Explosion

von Lena Schneider

Paris, 27. November 2015. Nach dem Verstummen kamen die Ausrufezeichen. Am Wochenende, das auf die Attentate vom 13. November folgte, waren alle Vorstellungen in den Theatern in und um Paris abgesagt worden. François Hollande hatte am Sonntag vor dem Parlament eine flammende Kriegsrede gehalten und dann gemeinsam mit den Abgeordneten viele Strophen der Marseillaise gesungen. Im Laufe der Woche drauf schickten die Theater Lebenszeichen durch ihre Mail-Verteiler. "Ensemble!" (Zusammen!), rief das städtische Théâtre de la Ville am Dienstag, dem ersten Spieltag nach den Attentaten. "Le Théâtre reste ouvert!" (Das Theater bleibt offen), hieß es aus dem Banlieue Sartrouville am Tag drauf. Und gleich nochmal das Théâtre de la Ville: "Ensemble!"

Bericht vom Festival d’Avignon 2015 - der Wunsch nach mehr Politik trifft verschiedene Arten des Verschwindens

Tod auf Bewährung

von Lena Schneider

Avignon, 18. Juli 2015. Ein Gespenst schwebt überm diesjährigen Festival in Avignon, das Gespenst des Verschwindens. Es hat verschiedene Gestalten. Eine davon hat sich das Festival zum Programm gemacht. "Ich bin der Andere" heißt die Saison 2015. Es ist ein Echo auf "Je suis Charlie", die weltweite Solidaritätsbekundung nach der Ermordung der 12 Mitarbeiter von "Charlie Hebdo". Doch der 7. Januar scheint vom südfranzösischen Sommer aus fern. Die Menschen drängen sich bis spät in die Nacht auf Plätzen, in Sälen und Warteschlangen zusammen wie jedes Jahr. Die halbherzigen Taschenkontrollen (noch gilt in Frankreich das Terrorschutzprogramm "Vigipirate") nehmen sie gelassen hin. Business as usual. Der erste Schock nach dem Attentat ist längst verklungen, und wenn da so etwas wie eine Angst vor der plötzlichen Auslöschung geblieben ist, wird sie mit dem Fächer, dem wichtigsten Utensil im Avignoner Hochsommer, beiseite gewedelt.

Theaterbrief aus Paris (10) – Die Pariser Theater zeigen Inszenierungen, die dem schimärischen Illusionsspiel huldigen|411
Theaterbrief aus Paris (10)
Theaterbrief aus Paris (9) – Saisonhalbzeit an den Pariser Theatern: die Bühnen pflegen die Entdeckerfreude und das politische Theater lebt subtil auf |411
Theaterbrief aus Paris (9)
Theaterbrief aus Paris (8) – Unter dem Intendanten Stéphane Braunschweig setzt das Théâtre de la Colline voll auf seine Gründungsidee|411
Theaterbrief aus Paris (8)
Theaterbrief aus Paris (7) – Vor 20 Jahren gründete Joël Pommerat seine Theatergruppe. Jetzt ist er der Theatermacher der Stunde - mit Stücken über die Gesetze des Wandels und der menschlichen Metamorphose|411
Theaterbrief aus Paris (7)
Theaterbrief aus Paris (6) – Gwénaël Morin, Thomas Jolly, Francois Orsoni: Wie das französische Regietheater die Kunst des Gliederns betreibt |411
Theaterbrief aus Paris (6)
Theaterbrief aus Paris (5) – Sylvain Creuzevault und seine Truppe
Theaterbrief aus Paris (5)
Theaterbrief aus Paris (4) – Wie französische Dramatiker mit dem Erbe der Geschichte umgehen|411
Theaterbrief aus Paris (4)
Proteste gegen französische Theaterpolitik|411
Proteste gegen französische Theaterpolitik
Theaterbrief aus Paris (3) – Warum die Klassiker in Frankreich immer wieder Sprengkraft entfalten|411
Theaterbrief aus Paris (3)
Theaterbrief aus Paris (2) – Wie die zeitgenössische Komödie moralisch und politisch sein kann|411
Theaterbrief aus Paris (2)
Theaterbrief aus Paris (1) – Toller, Stramm, Gieselmann: Die Entdeckerlust auf deutsche Autoren|411
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