Stéphane Braunschweig verabschiedet sich als Intendant des Pariser Odéon-Théâtre
Möwenflug ins Post-Anthropozän
11. November 2024. Acht Jahre leitete Stéphane Braunschweig das Pariser Odéon-Théâtre. Mit einer ergreifenden Deutung von Tschechows "La Mouette | Die Möwe" geht er jetzt von Bord. Ein Stück, das alle zu kennen glauben, so aber noch niemand gesehen hat.
Von Joseph Hanimann
Die Möwe | La Mouette am Pariser Odéon-Théâtre de l’Europe von Stéphane Braunschweig inszeniert © Simon Gosselin
11. November 2024. Mit offenem Missmut hatte der Regisseur Stéphane Braunschweig zum Ende der vergangenen Saison nach acht Jahren seine Intendanz am Pariser Odéon-Theater beendet. Wiederholte Subventionskürzungen und Unschlüssigkeit im Kulturministerium über die Verlängerung seines Vertrags hatten ihn zu diesem Schritt veranlasst.
Das Odéon ist eines der sechs französischen Staatstheater, war zeitweise Zweitbühne der Comédie-Française und hatte unter Jean-Louis Barrault, Giorgio Strehler, Luc Bondy große Momente. Während den Studentenunruhen 1968 oder mit Roger Blins bewegter Uraufführung von Jean Genets "Die Wände" schrieb es Theatergeschichte. 1990 nahm es den Namen Odéon-Théâtre de l’Europe an.
Umgedrehte Perspektive
Stéphane Braunschweig, ein Meister der intellektuell anspruchsvollen Textauslegung, war seither der sechste Intendant des Hauses. Tschechow gehört zu seinen Vorzugsautoren. "Die Möwe" hatte er schon 2001 als Intendant am Nationaltheater in Straßburg inszeniert. Und wenn Tschechows selbstsüchtige Theaterdiva Irina Nikolajewna Arkadina doch eine aufmerksamere und sensiblere Person wäre, als es scheint? – mag er sich diesmal gesagt haben.
"Dekadent!", ruft sie schon nach den ersten Sätzen beim Stück ihres Sohns Treplew im Park des Sommerhauses am See dazwischen. Sie meint mit dem Ausdruck zwar primär den geschwollenen Stil, könnte aber auch den Inhalt von Treplews Stück über den Niedergang allen Lebens auf Erden gemeint haben. Meistens wird diese Theaterszene im Theater als eine etwas wirre, fantastische Einlage des aufgewühlten jungen Poeten gespielt.
Bild einer Welt ohne Tiere und Menschen
Braunschweig hat in seiner Neuinszenierung die Perspektive umgedreht. Er richtet den Fokus auf Treplews kurze Gedichteinlage und lässt deren Vision von dem auf Erden erloschenen Leben auf die ganze weitere Stückhandlung ausstrahlen. Tschechows "Die Möwe" fürs Post-Anthropozän: ein originelles und ergreifendes Experiment, vom Datscha-Russland so weit entfernt wie von den Kurzschlüssen des zeitgeistigen Aktualisierungstheaters.
Endzeit am ausgetrockneten See © Simon Gosselin
Treplew bietet mit seiner Einlage hier ein immersives Theater. Wenn der Vorhang am See sich hebt, blickt man auf eine neblige Mondlandschaft aus Gesteinsbrocken, einem Bootswrack und einem ausgetrockneten See. Die ganze Sommerfrischlergesellschaft wird eingeladen, sich zusammen mit Treplew auf den Boden zu legen und die junge Darstellerin Nina anzuhören, die ihren Monolog vom längst abgelaufenen Lebenszyklus auf Erden im weißen Kosmonautenanzug hoch über der Bühne schwebend herabspricht. Auch nachdem der vom Spott der Zuschauer beleidigte Treplew die Aufführung abgebrochen hat, bleibt dieses Bild einer Welt ohne Menschen und Tiere bis zuletzt da. Das relativiert die Traurigkeit, Melancholie und die schwelende Tragik der aneinander vorbeiliebenden Personen im weiteren Verlauf von Tschechows Stück.
Ablauf des irdischen Zeitalters
Die unglücklich in Treplew verliebte Gutsverwalterstochter Mascha snieft in der leblosen Einöde ihren Trübsinn wie den Schnupftabak aus der stets griffbereiten Dose in sich hinein. Ihre Mutter Polina Andrejewna entflieht der ehelichen Langeweile illusionslos auf kurzen Spaziergängen durch die Gesteinslandschaft an der Seite des anderswo liebenden Hausarztes Dorn. Die Schauspielerin Arkadina macht es sich mit der E-Zigarette neben dem Erfolgsschriftsteller Trigorin, ihrem Liebhaber, auf den herumliegenden Steinbrocken bequem. Ihr kranker Bruder Sorin wird am Ende zum Sterben ins verrottende Bootswrack gebettet. Was sind schon diese menschlichen Gemütskrisen gegenüber dem bevorstehenden Ablauf des irdischen Lebenszeitalters? – könnte man sich sagen. Weit gefehlt. Apokalyptische Schwarzmalerei ist nicht die Sache von Braunschweigs Theater.
Vor dem Erlöschen des irdischen Lebens: Das Ensemble © Simon Gosselin
Wie ein Relikt aus längst vergangener Zeit bleibt die vom verzweifelten Treplew als Botschaft an Nina abgeschossene Möwe bis zuletzt auf dem Staubboden liegen. Und wenn die nach dem Streit angekündigte vorzeitigen Abreise der Gesellschaft mit dem Ruf "Wir bleiben" plötzlich rückgängig gemacht wird, stürzt eine ganze Schar weiterer Möwen aus dem Bühnenhimmel. Wie im Schreck erstarrt vom Dasein und Dableiben der Menschen, bleiben sie über dem ausgetrockneten See baumelnd hängen. Nicht Endzeit und Untergang ist hier aber das Thema, sondern die menschliche Fähigkeit des Durchhaltens, Weiterzumachens und Überlebens.
Abgebrühtes Geniegehabe
Im letzten Akt sitzt die ganze Gruppe am runden Tisch und spielt Lotto. "Zweiundzwanzig" – "Hier" – "Drei" – "Voilà". Die im Klimastress erstarrten Möwen über ihren Köpfen scheint keiner mehr wahrzunehmen. Das Ankämpfen eines jeden gegen die tägliche Lebensmüh nimmt ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Mascha bemüht sich mit der Wodkaflasche in der Hand, die allgemeine Spiellaune nicht zu verderben. Polina macht gute Miene zum nicht eben lustigen Spiel. Irina überspielt mit ihren Launen die Bange um den Verlust des unberechenbaren Trigorin. Und Nina, die durch Treplews poetische Jugendfantasien und durch Trigorins abgebrühtes Geniegehabe gebrochene Schwärmerin von der hohen Schauspielerkunst, macht sich tapfer zum Bahnhof auf, um im Drittklasseabteil zum neuen Engagement in einem provinziellen Schmierentheater zu fahren.
Die Möwe ist tot: Jean-Philippe Vidal (Treplew) und Ève Pereur (Nina) © Simon Gosselin
In ihrer bis unters Kinn zugeknüpften roten Lederjacke, die sie wie einst der Kosmonautenanzug vor lebensfeindlichen Strahlungen schützen soll, zeigt Ève Pereur diese junge Frau als eine moderne, aus den hohen Idealen in der Realität gelandete Heldin des Weiterkämpfens. Zerbrechen an seinen Endzeitfantasien muss hingegen der von Jules Sagot als fragiler Weltretter gespielte Treplew. Wenn zuletzt aus dem Nebenzimmer der Schuss von seinem Selbstmord fällt, baumelt er hoch oben über den Möwen, wo einst Nina den Text vom Erlöschen des irdischen Lebens deklamierte. Mit dieser nicht eben heiteren, aber auch nicht verzweifelten Vision übergibt Braunschweig am Odéon elegant an seinen Nachfolger Julien Gosselin.
La Mouette | Die Möwe
von Anton Tschechow
Übersetzung aus dem Russischen ins Französische: André Markowicz und Françoise Morvan
Inszenierung und Bühne: Stéphane Braunschweig, Kostüme: Thibault Vancraenenbroeck, Künstlerische Mitarbeit Regie: Anne-Françoise Benhamou, Künstlerische Mitarbeit Bühne: Alexandre de Dardel.
Mit: Sharif Andoura, Jean-Baptiste Anoumon, Boutaïna El Fekkak, Denis Eyriey, Thierry Paret, Ève Pereur, Lamya Regragui Muzio, Chloé Réjon, Jules Sagot, Jean-Philippe Vidal
Premiere am 7. November 2024
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, keine Pause
www.theatre-odeon.eu
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