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Fremd in der Heimat

von Hartmut Krug

Senftenberg, 8. April 2017. Ein riesiger Kasten steht im kleinen Studio des Senftenberger Theaters. Das Publikum, das in einer Reihe an allen Seiten des Raumes sitzt, bekommt erst einmal wenig zu sehen. Aber viel zu hören, denn ein Mann geht mit seiner E-Gitarre musizierend um den Kasten herum.

Dann kommt ein Pastor und findet einen Menschen, der mit seinem Rollstuhl in einen Graben gerollt ist. Und während eine Frau auf der Suche nach dem Weg zur Kirche und nach Liebe ist, wehrt sich Benjamin, der Mann im Rollstuhl, gegen die Hilfsversuche des Pastors. Dieser kommt aus dem Westen, weht wie ein schwarzer Teufel zwischen die Menschen und wird von seinem Darsteller wie ein überaktiver, lärmender Eindringling gezeigt.

Gelähmt seit 1989

Benjamin, ein Parteiarbeiter im Ruhestand, fühlt sich tot und steif. Seit dreizehn Jahren bewegt sich nichts mehr bei ihm, seit er 89 vom einzigen abgefeuerten Schuss bei Kämpfen aus Versehen durchs Fenster getroffen worden ist. "ich rief gerade an beim ministerium aber die waren schon alle in westberlin im kadewe ein betriebsunfall."

SterneueberSenftenberg1 560 uIm Warteraum für eine bessere Zukunft: Sebastian Volk, Eva Geiler, Katrin Flüs © Neue Bühne Senftenberg

Die Wände des Kastens werden abgerissen, was eine schöne Metapher ist. Denn nun ist die kleine Welt für die Figuren als große offen – wobei dieses Zimmer inmitten der Weite auch nur wie ein enger Warteraum wirkt. Das Stück zeigt Menschen, die in einer für sie neuen Zeit nach Sinn, Arbeit und Liebe suchen. Weshalb sie sich ein anderes Leben vorstellen, sich in Sehnsüchte versteigen und deshalb zuweilen aufs Hausdach steigen, um in die Sterne zu gucken. Es geht um Beziehungsprobleme, Liebessehnsüchte und berufliche Wünsche. Die Menschen wehren sich gegen ihre Lebenssituationen, aber sie halten sich auch an ihnen fest.

Eine Neufassung von "Sterne über Mansfeld"

Dies neue Stück von Fritz Kater benutzt einige schöne Gedichtzitate von Wolfgang Hilbig, baut aber vor allem kräftig auf einem alten Stück von Kater auf, dessen Uraufführung Armin Petras (die Person hinter der fiktiven Identität "Fritz Kater") 2003 in Leipzig selbst inszenierte. "Sterne über Mansfeld" hieß es und zeigte, wie seine Menschen aus dem ehemaligen Gebiet für Kupferabbau um Mansfeld von ihrer Heimatregion geprägt waren.

Das ist bei "Sterne über Senftenberg" nicht so. Dies Stück könnte überall in Ostdeutschland spielen. Jedenfalls in der Fassung, die an der Neuen Bühne Senftenberg gezeigt wird. Denn der Schluss, der 13 Jahre später angesiedelt ist und die Entwicklung der Menschen einfängt, wird nicht recht ausgespielt, obwohl gerade diese Passage zeigt, dass dieses Stück Senftenberg meint.

Den "Chor der älteren Damen", die im Mansfeld-Stück Arbeitshelme und Kittelschürzen trugen und Zeit und Geschehen kommentierten, bringt die Senftenberger Inszenierung leider auch nicht auf die Bühne. Und wenn Benjamin später dem Pastor seinen Gott zeigt, den er als Kind geliebt, aber seit 30 Jahren versteckt hat, dann ist dies nur eine kleine weiße Stalin-Büste. Leider hat Regisseur Dominic Friedel Johannes R. Bechers gruslig anbetendes Gedicht "Zum Tode J.W. Stalins" aus Katers Text gestrichen. Ohnehin fehlt der Inszenierung manchmal etwas die letzte Härte gegenüber ihren Figuren und dem Text von Petras.

Der Rocker im Bürgerpelz

Tomas, der früher Rockmusiker war und es wieder werden will, wandelt mit seiner Gitarre durchs Geschehen. Er hat seine Schulden in den letzten Jahren halbiert, sagt seine Frau, mit der er in einem noch nicht abbezahlten Reihenhaus lebt. Sie hegt Hoffnungen, denn im Frühjahr werde er Gebietsleiter und damit mehr verdienen. Für seine geplante Go-Kart-Bahn allerdings muss er noch Autoreifen sammeln, schließlich hat er erst 252, braucht aber noch 612.

SterneueberSenftenberg2 560 uSehnsüchte wiegen im Kleine-Welt-Kasten: Sybille Böversen, Sebastian Volk, Eva Geiler, Robert Eder, Katrin Flüs © Neue Bühne Senftenberg

Dem Stück und seinen Figuren zu folgen ist nicht immer leicht. Weil es nicht chronologisch aufgebaut ist, sondern eher assoziativ, und mit seinen Figuren von Situation zu Situation springt. Dialoge wirken wie Collagen, und die Figuren erzählen immer wieder von sich sehr direkt, um dann wieder ins Spiel zu wechseln. Dabei werden ihre Texte allzu oft von dem lautstarken Rockmusiker übertönt.

Oder ein Gespräch wird zwischen einem Mann, der hoch oben auf dem Dach des Hauses den Sternen nahe ist, und einer Frau voller Wünsche unten am Boden geführt. Auch am Schluss, wenn die Wände wieder eingehängt worden sind und vier Darsteller, unter ihnen ein bemerkenswert souveräner kleiner Junge, das geschlossene Haus umrundend, ihre Texte wie Zusammenfassungen mehrmals vortragen, ist der hohe Geräuschpegel nicht gut für die Verständlichkeit dieser Texte.

Das nuancierte und kräftige Spiel der Darsteller, vor allem aber der Darstellerinnen, versöhnt mit einer Inszenierung, die sich richtig nur dem Zuschauer erschließt, der den Text kennt.

 

Sterne über Senftenberg
von Fritz Kater
Regie: Dominic Friedel, Bühne und Kostüm: Peter Schickart, Dramaturgie: Maren Simoneit.
Mit: Robert Eder, Roland Kurzweg, Sebastian Volk, Sybille Böversen, Katrin Flüs, Eva Geiler, Marianne Helene Jordan, Dae Eun Choi.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.theater-senftenberg.de

 

Kritikenrundschau

"Es geht im Wortsinne um Gott und die Welt." Allesamt seien die Akteure scheinbar Verlorene, denen der Autor aber doch auch Hoffnung lässt. "Figuren eigentlich ohne Anfang, aber mit einer großen inneren Tiefe", schreibt Frank Starke in der Märkischen Allgemeinen Zeitung (10.4.2017). In der Regie von Friedel und im Bühnenbau von Schickart füge sich das eigentlich Sperrige des Textes zu einem bemerkenswert vitalen Ganzen. Der Abend bewege sich an der Grenze zur Malerei, "wo der Betrachter selbst einen Standpunkt zum Gezeigten finden muss. Es bleiben Rätsel. Es bleibt ein Staunen. Ein Staunen auch über die Energie und die Spiellust, die der Regisseur bei dieser vornehmlich jungen Truppe freigesetzt hat."