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Gesunde Entwicklung in der vermeintlichen Metastase

10. November 2010. Nach dem Leipzig-Schwerpunkt auf nachtkritik.de, wo Tobias Prüwer und Stefan Kanis sich der Art und Weise widmeten, auf die am Centraltheater und in der Skala unter Sebastian Hartmann Theater gemacht wird, greift nun auch Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung das Phänomen Hartmann auf. Und begibt sich, den medialen, "teilweise mit Hass gewürzten Abgesang in den Ohren", auf Spurensuche: "In dem pseudoklassizistischen Bau mit seinem unscheinbaren Seiteneingang geht es zu wie in einem ganz normalen Stadttheater im Zeitalter dramaturgischer Gesamtkonzepte. Die Programmhefte sind, obwohl sie nicht aussehen wie anständig aufgemachte Lehrmittel, dem Dienst am Zuschauer gewidmet – und das Publikum zeigt sich in einer gesunden Altersmischung von Kostüm mit Brosche bis zu Sweater mit Piercing."

Zwar bestätigten etliche der jüngeren Inszenierungen an Central und Scala "viele Vorurteile über den Bildungs-Dschihad ohne Grübelzwänge, den man Sebastian Hartmann unterstellt", schreibt Briegleb. Serielle Monotonie und Vandalismus zum Selbstzweck seien dennoch nicht zu finden. Seine Diagnose fürs Hartmann-Bashing: "Das überregionale Feuilleton fühlte sich durch Hartmanns Walten an die glücklichen Zeiten der Berliner Volksbühne unter Frank Castorf erinnert, wo Hartmanns Idee von Theater geprägt wurde, und nölt über das Epigonentum. Die lokale Opposition aber gewinnt ihre Gereiztheit aus jener Bach- und Barock-Beschaulichkeit, die sich zu vornehm fühlt, um sich im Theater anschreien zu lassen." (Womit er Tobias Prüwers Einschätzung eines "Geistes des Kleinbürgerdünkels" folgt.)

Sarkastisch gefärbte Neugier

Doch wenn man die Voraussetzung einmal akzeptiert habe, dass Hartmann sich keine Castorf-Amnesie verschreiben will, könne man "in der vermeintlichen Metastase durchaus die gesunde Entwicklung entdecken", die Gegensätze zulasse. Hartmanns "Theater-Philosophie, dass Bilder stärker sind als Worte und 'die Sprache nur ein kleines Zündholz in einem großen Panorama der Gefühle sei', die Hartmann immer wieder den Vorwurf des oberflächlichen Spektakels einbrachte, steht eine Dramaturgie unter Uwe Bautz entgegen, die eher im Geiste Heiner Müllers Thesen und Diskurse kreuzt."

Zum breit aufgestellten Programm  kämen steigende Besucherzahlen und ein zufriedenstellendes Betriebsergebnis. "Und die anfänglichen Irritationen der bürgerlichen Schicht haben sich dank Zuschauerkonferenzen, wieder eingeführten Publikumsgesprächen und anderen pädagogischen Maßnahmen in sarkastisch gefärbte Neugier verwandelt." Skandalös sei in Leipzig allein die Kulturpolitik. Dass Kulturbürgermeister Michael Faber inszwischen teilentmachtet wurde, wird in Brieglebs Text allerdings nicht erwähnt.