Veraltete Tonträger

von Georg Kasch

Berlin, 14. Mai 2012. Die Welt ist schlecht, wir wissen es, die Dramatiker wissen's auch, und weil die Fakten ohnehin klar sind, kommt es vor allem darauf an, wie sie gesagt werden. Magdalena Fertacz etwa jagt in "Kalibans Tod" die moralische Verkommenheit des Westens zusammen mit ein bisschen Kunstschelte durch den Fleischwolf: Da wird "Der Schwarze, der seinen Sohn verschlang" vom "Guten" aus Haiti geholt und zusammen mit dem "Gewöhnlichen Menschen" in eine Galerie gesperrt. Menschen rufen an und zwingen den "Schwarzen", Dinge zu tun, während der "Gewöhnliche Mensch" halb bewusst, halb unbewusst (schließlich versucht er, durch symbolische Gaben das Lebend es anderen zu retten) auf dessen Herz wartet für eine Transplantation.

Schwarze Komödie ohne zündende Pointen

Plakativ geht's zu im letzten Teil des Theatertreffen-Stückemarkts 2012, wo Polen den Super-Immigranten sucht, und auch, wenn nicht alles so schlicht ist, wie es auf den ersten Blick scheint, so formt "Kalibans Tod" doch eine moralische Ohrfeige. Zumal in Polen, das sich in seiner Rolle als langjähriger europäischer Underdog kaum als Globalisierungsgewinnler sehen dürfte. Fertacz schrieb die Szenen ihrer schwarzen Komödie, deren Pointen nicht zünden wollen, ursprünglich fürs Radio. Ihnen fehlt jeder szenische Funke, und Dominic Friedel weiß bei seiner Halbvisualisierung in der Kassenhalle des Hauses der Berliner Festspiele auch nichts Rechtes damit anzufangen. Er setzt die Hälfte seiner Schauspieler ins Publikum, stellt die andere auf ein Sockel mit hochkant gestellten Podestrahmen und lässt lesen. Den erhobenen Zeigefinger kriegt er so natürlich nicht aus der Vorlage.

markus und markus 280 jannes frubel uProstende Performer: das Duo Markus&Markus
© Jannes Frubel
Einzige akustische Zutat: Das Andante aus Mozarts Klaviersonate Nr. 11, das die Fallhöhe der europäischen Zivilisation markiert. Und Wolfgang Amadeus Mozart führt auch direkt in "Polis3000: respondemus" von Markus&Markus: Hier gurgelt die Königin der Nacht von der Rache in ihrem Herzen – und muss später als Beweis dafür herhalten, dass die Menschen verrückt sind. Denn warum, so fragen die beiden jungen Performer aus Hildesheim, die hier so tun, als seien sie extraterrestische Besucher, schickt die Menschheit (die westliche, natürlich) von Zeit zu Zeit Botschaften ins All – und was lässt sich aus ihren Inhalten lesen?

Piratentheater aus dem tt-Projektlabor

Zum ersten Mal gab es beim Stückemarkt statt des Dramatikerworkshops ein Projektlabor, und die Kernidee von Markus Schäfer & Markus Wenzel ist witzig: Was sagen all die Bilder, Texte und Musiken aus, die da jetzt auf veralteten Tonträgern durch den Weltraum schweben? Welches Menschheitsbild vermitteln sie? Markus&Markus collagieren ihre Rechercheergebnisse, fügen noch ein paar hübsche Fundstücke hinzu, und so streifen sie durch Werbebilder der Erde, durch Klassikhits und krude Texte.

Wenn man sich je fragte, welches Theater die Piraten schauen, falls sie sich in eines verirren sollten: So ähnlich könnte es aussehen. Die beiden Nerds sind angry young men, die zwischen Videoprojektionen und Materialtischen mit Anfang/Mitte Zwanzig noch herausbrüllen müssen, wie blöd die Welt, vor allem der Westen ist.

Angetäuschter Dialog

Laut und leer zieht sich der Abend auf der Seitenbühne: Hier kotzen sie ein bisschen, da legen sie ausführlich lange Papiersilhouetten von Erdendingen im Schwarzlicht aus, dann dreschen sie auf die Theatertreffen-Einladung von Karin Henkel ein. Die Hand beißen, die einen füttert? Ganz originell! Ihr Hass aufs Establishment macht auch vor Pina Bausch nicht halt. Immerhin gehören ihre Nachtanzereien noch zu den szenisch ergiebigsten Momenten des Abends. Dass sie unfähig sind, den von ihnen angetäuschten Dialog mit dem Publikum auch zu führen, macht die Sache nicht sympathischer.

Was hat Mentor René Pollesch mit seinen Schützlingen besprochen? Haben sie seine Ratschläge übernommen? Und kann innerhalb der wenigen Tage überhaupt eine performative Entwicklung stattfinden? Im ersten Jahr seines Bestehens jedenfalls bleibt das, was so ein Projektlabor leisten könnte, noch ziemlich schleierhaft.

Am Ende erhielten andere die Preise. Zu recht.

 

Śmierć Kalibana – Kalibans Tod
von Magdalena Fertacz
Aus dem Polnischen von Andreas Volk
Szenische Einrichtung: Dominic Friedel, Dramaturgie: Andrea Koschwitz.
Mit: Para Kiala, Sven Lehmann, Maximilian Löwenstein, Abak Safaei-Rad, Katharina Schmalenberg, Max Simonischek, Gunnar Teuber.

Polis3000: respondemus
von Markus&Markus
Mentor: René Pollesch, Video: Katarina Eckold, Dramaturgische Mitarbeit: Suse Wessel, Choreographie: Michael Hess, Ausstattung: Manuela Pirozzi, Mitarbeit: Hieu Hoang Duc, Anna Fries, Matthias Meyer.

www.berlinerfestspiele.de

 

In einem Theaterbrief porträtierte Iwona Uberman die polnischen Dramatikerinnen und diesjährigen Stückemarkt-Kombatandinnen Magdalena Fertacz und Julia Holewińska.

Kommentare

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#1 Stückemarkt 3 beim TT: Markus&Markus sind wirklich komischInga 2012-05-15 19:21
Ich fand's auch irgendwie Schleiereule (von Pollesch). Aber diese weibliche Zaubertröteneinlage, ging es da nicht eher um die Frage, was Singen eigentlich ist? Also, sorry, aber ich hab da wieder mal an Dietmar Dath denken müssen. Musik hat keinen Referenten, wonach wir im Theater aber immer suchen, nach diesem sprachlichen Referenten, nach diesem logozentrischen Sinn der Sprache, welche angeblich "den Menschen" repräsentieren solle und könne. Aber sind denn hier jetzt etwa alle Menschen gleich?! Nee, so singen, das können zum Beispiel nicht alle. Oder vielleicht doch? So wie die Frauen aus Pink Floyds "The Great Gig in the Sky"? Die Musik trennt jedenfalls nicht zwischen Natur und Kultur, Frau und Mann usw.:

"Musik benimmt sich wie Tiere; als wollte ihre Einfühlung an deren geschlossener Welt etwas von dem Fluch der Geschlossenheit gutmachen ... Wie in Kafkas Fabeln ist ihm Tierheit die Menschheit so, wie sie von einem Standpunkt der Erlösung aus erschiene, den einzunehmen Naturgeschichte selber verhindert. Mahlers [okay, hier ist's Mozart] Märchenton erwacht an der Ähnlichkeit zwischen Tier und Mensch. Trostlos und tröstend in eins, entschlägt die ihrer selbst eingedenke Natur sich des Aberglaubens an die absolute Differenz von beiden."

Ausserdem sind Markus & Markus wirklich komisch, wie sie da versuchen, Pina Bausch nachzutanzen. Doch das funktioniert irgendwie nicht, denn es sind eben Markus & Markus, die hier tanzen. Und damit wird auch das ganze metaphysische bzw. intellektuelle Geschwafel ÜBER die Kunst ad absurdum geführt. In dieselbe Richtung gehen die leeren Floskeln und Luftblasen einiger Theatertreffen-Besucher, welche versuchen, eine Antwort auf die Frage zu formulieren, was sie dazu sagen würden, dass sie gerade einen Ausserirdischen vor sich hätten. Es geht hier also nicht um das Sprechen ÜBER das Theater, sondern um den Aufführungsprozess und das MITeinander von Performern und Zuschauern im Hier und Jetzt. Darauf verweisen die im Zuschauerraum verteilten Mars-Schokoriegel, darauf verweist ein Grill-Walker mit seinem scheppernden Bauchladen, welcher im Verlauf der Aufführung auf die Bühne geholt wird - Bratwurstduft durchzieht den Raum. Das ist die Öffnung der Sinne für die Gegenwart.

Es eröfnet sich ein Widerspruch: Über all diesem repräsentativen Kunst-Gewese (Pina Bausch nachtanzen usw.) zeigt sich letztlich das wirkliche/reale Leben, indem an die Bühnenrückwand Bilder von Menschen aus den verschiedensten Kulturen der Welt projiziert werden. Und mir erscheint es plötzlich so, als hätte die Theaterkunst einen blinden Fleck, will sie doch auf der Bühne immer nur den europäischen, weissen, männlichen, heterosexuellen Menschen repräsentieren. Dabei gibt es auf diesem Globus so viel mehr lebendige Kulturen als nur diese Eine.

Zwischenzeitlich wird das Zufalls-Puzzle der Evolution mit Hilfe ausgeschnittener Papierfiguren auf dem Bühnenboden ausgelegt, und wir können es nicht nur anschauen, sondern auch hören (von diversen Tierlauten über Babygeschei bis zum Autoverkehrslärm und Presslufthammergeräuschen). Das zeigt ein weiteres Mal auf, dass "der Mensch", um den es im Theater immer gehen soll, nicht das Zentrum des Universums ist, sondern nur ein kleiner Teil davon. Vielleicht gibt es, wenn der (Zerstörungs-) Prozess der menschlichen Zivilisation so weiter geht, bald nur noch ausserirdisches Leben auf der Erde. Wer weiss das schon so genau. Leben findet immer statt. Und hoffentlich muss/te keine/r kotzen.

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