Solche Verweser hat Kerr nicht verdient

19. Mai 2025. Das Theatertreffen ist zu Ende – zum Abschluß gabs noch Preise und Debatten. Und eigentlich fast einen Skandal.

Von Esther Slevogt

19. Mai 2025. Mit den traditionsreichen Ritualen der Verleihung des Alfred-Kerr-Darstellerpreises und der Jurydebatte ging gestern das Theatertreffen zu Ende – wobei es schon immer zu den Besonderheiten dieses letzten Tages gehörte, dass der Nachwuchspreis von Verfechtern eines "Früher-war-alles-besser"-Theaterbegriffs ausgerichtet wird, der Alfred-Kerr-Stiftung nämlich. Unvergessen die Philippiken gegen die vermeintlich in der Gegenwart so heruntergekommene Kunst, die zur Preisverleihung Stiftungsinitator und Spiritus Rector Günther Rühle stets den Zuhörenden entgegendonnerte.

Seit er nicht mehr lebt, haben allerdings die Auftritte seiner Sachverwalter doch den Hang zum Unfreiwillig-Komischen, ja auch Grotesken, und erreichten diesbezüglich gestern einen neuen Höhe- beziehungsweise Tiefpunkt: als Peter von Becker sich erst zu tendenziell kenntnislosen und platten Ausfällen gegen die Produktion "EOL" hinreißen ließ. Dazu gab es wirre Ausführungen zur Vielsprachigkeit in der Schweiz und in Ghana, die offenbar die Vorstellung der in der Schweiz geborenen Kerr-Preis-Jurorin Bettina Stucky einleiten sollten. Bevor der völlig unvorbereitet wirkende Vortrag noch weiter auf Abwege geriet, bat von Becker schließlich Bettina Stucky als "gealterte Ophelia" auf die Bühne. Ganz schlimm! Solche Verweser hat der große Kerr echt nicht verdient!

Theater ist einfach geil

Gottseidank rettete Stucky die Sache souverän mit einem fantastischen Vortrag, der eine ungeheuer intensive Beschreibung des Schauspiels von Carmen Steinert in der Magdeburger Inszenierung von "Blutbuch" enthielt, in dem sie gleichzeitig mit großer Leidenschaft den Weg ihrer Entscheidungsfindung abbildete. Carmen Steinerts kurze und emotionale Dankesrede gipfelte in den Worten "Theater ist einfach geil! Ein paar Leute müssen das nur noch kapieren."

Da war die Preisverleihung ganz bei sich selbst, zu der Kerr-Biografin und Stiftungspräsidentin Deborah Vietor-Engländer einen eindringlichen und von bitterem Humor durchzogenen Text über Kerrs Tod 1948 in Hamburg kurz nach seiner Rückkehr aus der Emigration beigesteuert hatte. Da Vietor-Engländer krankheitshalber nicht selber kommen konnte, verlas der Schauspieler und Kerr-Peisträger Paul Herwig ihren Text. Vielleicht kann man die übrigen Amtsträger der durchaus ehrenwerten Stiftung zu etwas mehr Zurückhaltung bewegen, was öffentliche Auftritte betrifft! Tut es für Kerr, möchte man ihnen zurufen.

(sle)

 

Kaffee statt Wein

18. Mai 2025. Buh-Rufe und eher sparsamer Applaus bei der Premiere des letzten Theatertreffen-Gastspiels "Double Serpent" aus Wiesbaden. Hier mein Shorty – verbunden mit dem praktischen Tipp, vor Besuch dieses Theaterabends eher einen Kaffee als ein Glas Wein zu trinken, weil vor allem das (ausgeklügelte) Sounddesign des Abends nicht nur eine düstere Atmosphäre macht, sondern auch bereits vorhandene Müdigkeit verstärkt. Um 17 Uhr tritt die Jury zur öffentlichen Abschlussdebatte zusammen und stellt sich den kritischen Fragen des Publikums. Wir übertragen die Debatte im Livestream. 

Alfred-Kerr-Preis an Carmen Steinert

Den diesjährigen Alfred-Kerr-Preis erhält die 1994 in Graz geborene Schauspielerin Carmen Steinert aus dem Ensemble des Theaters Magdeburg. Sie wird für ihren Auftritt in Kim de l'Horizons "Blutbuch" in der Regie von Jan Friedrich ausgezeichnet.

Bettina Stucky würdigte die Preisträgerin bei der Verleihung am Sonntagmittag in ihrer Laudatio: "Und dann leuchtet jemand auf der Bühne. Mit so viel Humor. Wie Du als erwachsene Figur die Geschichte immer wieder auf den Boden bringst, immer direkt bleibst im Tonfall. Du drückst nicht drauf, es ist ein feiner Pinsel, ohne Nachdruck. All das zeugt von einer großen schauspielerischen Intelligenz und ich bin dankbar und glücklich, dass es solche Menschen wie Dich auf der Bühne gibt."

(sd)

 

Text, Tisch, Wasserglas

17. Mai 2025. Vielleicht muss man auch noch einmal über den Stückemarkt sprechen, beziehungsweise das etwas verdruckste Schrumpfformat "Text Tisch Wasserglas", mit dem er in diesem Jahr fast undercover mit zwei Veranstaltungen wieder ins Rahmenprogramm des Internationalen Forums gelangt ist, nachdem er 2023 abgeschafft worden war.

Jahrelang hatte das Theatertreffen davor schon den geschriebenen Stücktext, auch Theaterstück genannt, nur noch mit spitzen Fingern angefasst. Dabei war der zum Theatertreffen seit 1978 genuin dazugehörige Stückemarkt immer weiter heruntergekommen. Unter dem Druck eines stets etwas verquält wirkenden Modernismus war an dem Begriff, was unter einem Stück überhaupt zu verstehen sei, so lange performativ herumgeschraubt worden, bis er am Ende völlig unkenntlich und irgendwie auch beliebig geworden war. Dabei hatte man stets auch das Gefühl, dass das Theatertreffen herrschenden Trends und ideologischen Moden hier eher hinterherlief, statt selber Trends zu setzen. Als der Stückemarkt 2023 beim Theatertreffen dann ganz abgeschafft wurde, hatte die Renaissance des Theatertextes längst begonnen.

Und man brauchte jetzt nur einmal der Dramatikerin Nele Stuhler beim Performen ihres eigenen Textes zuzuhören, um zu erkennen, was für ein unbestechliches Instrument zur Weltbeschreibung die Sprache ist. Wie sie da Formen für die zerfallenden Gewissheiten, die Sehnsucht nach Eindeutigkeit bei ihrer gleichzeitigen Unmöglichkeit findet –  unsere Verlorenheit in den Abgründen zwischen den Dichotomien, die uns so unabkömmlich bei der Erfassung der Welt und ihrer Widersprüche erscheinen, und die gleichzeitig völlig untauglich dafür sind. "Und oder oder oder oder und und beziehungsweise und oder beziehungsweise oder und beziehungsweise einfach und", heißt das im letzten Herbst am Münchner Residenztheater uraufgeführte Stück, das irgendwo in einem noch unentdeckten Kosmos zwischen René Pollesch und Ernst Jandl anzutreffen ist.

Erkenntnisstiftendes Roadmovie

Denn es waren nicht nur, wie früher beim Stückemarkt, unaufgeführte Texte, die hier vorgestellt wurden. Wichtig war vor allem das eher blasenhafte Kriterium, dass die Autor*innen einmal Stipendiat*innen des Forums gewesen sein mussten. Denn dieses Forum feiert in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag, woraus sich die nicht wirklich stimmige Idee ergab, das Rahmenprogramm ausschließlich mit einstigen Stipendiat*innen zu bestreiten. Aber das ist ein anderes Thema.

Jetzt gab es in der ersten Ausgabe von "Text, Tisch, Wasserglas" Kay Matters ebenso so kluges wie unglaublich witziges Drama "Stützliwösch Supertrans" über einen Vater, der mit seinem Transkind unterwegs ist, und was da dann in unserer in Binariäten und Dichotomien denkenden Welt an Abstrusem, Lustigem oder Traurigem eben so alles passieren kann – ein ziemlich erkenntnisstiftendes Roadmovie der Extraklasse. Und auch Kay Matter ist mit der hintergründigen Lakonie, mit der der Text selbst gelesen wurde, ein*e ziemlich souveräne*r Interpret*in des eigenen Dramas.

Es waren aber auch Spieler*innen oder Sprecher*innen wie Christian Erdmann oder Mercy Dorcas Otieno zu erleben. Erdmann, der "Maskuland" von Philippe Heule las – eine Auseinandersetzung mit dem ambivalenten Erbe, das die eigene Männlichkeit bedeuten kann. Und der Frage, wie dieses Erbe vielleicht gestaltet werden könnte. Auch Stücke von Emre Akal, Anastasiia Kosodii und Olivia Wenzel kamen zu Gehör und vermittelten im Gesamteindruck ein ziemlich vitales Bild von zeitgenössischer Dramatik – leider hier eher unter dem Radar als darauf.

(sle)

 

Nicht mehr identifizierbar

15. Mai 2025. Langsam legt sich das Theatertreffen in seine letzte Kurve. Gerade laufen noch die Gastspiele des Pina-Bausch-Reenactments "Kontakthof", die vorletzte der insgesamt zehn eingeladenen Inszenierungen. Und vielleicht muss man noch einmal über die Musik dieses Abends nachdenken. Diese alten Schlager aus den 1920er Jahren, deren Schmelz ja inzwischen auch schon etwas Abgegriffenes hat.

Damals, 1978 also, war das ein ganz unbekannter Kontinent: versunken, vergessen, verdrängt. Erst zwei Jahre zuvor hatte der große Eberhard Fechner mit seinem berühmten Dokumentarfilm die "Comedian Harmonists" und ihre Songs überhaupt wiederentdeckt, von denen manche auch im "Kontakthof" zu hören sind – mit ihrer merkwürdigen Mixtur aus biedermeierlicher Frivolität und morgensternhaftem Sprachwitz: deutsches Kunstlied meets amerikanischen Swing und Jazz

Die "Comedian Harmonists" 1928 © NDR | Eberhard Fechner

Das verwies damals auch auf die vernichtete und untergegangene Kultur der 1920er Jahre, in deren Tradition sich Pina Bausch sah mit ihrem Tanztheater, auf die sie sich bezog. So hatten sich die "Comedian Harmonists" 1935 aufgelöst, ihre jüdischen Mitglieder entkamen der Verfolgung durch Emigration. Kurt Joos, von 1955 bis 1958 der Lehrer von Pina Bausch an der Essener Folkwangsschule, war 1933 emigriert, da er ohne seine jüdischen Mitarbeiter nicht weiterarbeiten wollte. Die Wiederentdeckung auch des Anteils, den jüdische Künstlerinnen und Künstler an dieser frühen Ausformung der Popkultur hatten, für die die Lieder dieses Abends stehen, hatte gerade begonnen, als "Kontakthof" herauskam. 

Heute, wo sich der Mainstream längst dieses Erbes bemächtigt und es vielleicht auch neutralisiert und verniedlicht hat, Wiedergänger dieses Stils wie Max Raabe (der übrigens heute bei der Beerdigung von Margot Friedländer singt) und andere dieses Genre sehr erfolgreich bespielen, ist das Singuläre, das die Verwendung dieser Musiken damals bedeutet hat, wohl nicht mehr zu entziffern. Und auch als V-Effekt in seiner emotionalen Abgründigkeit nicht mehr identifizierbar. Aber diese Musik nun nicht mehr zu verwenden, war ja auch keine Option.

(sle)

 

Überlebende des Ruhms

14. Mai 2025. Es war schon ein besonderes Erlebnis, die gealterten Tänzer*innen des legendären Ensembles von Pina Bausch nach fast einem halben Jahrhundert mit ihren medialen Phantomen von einst in Kontakt treten zu sehen – mit einer Aufzeichnung eines der berühmtesten Tanzabende von Pina Bausch: "Kontakthof", uraufgeführt im Jahr 1978.

Allen voran die beiden ikonischsten Gesichter dieses Ensembles – Meryl Tankard und Josephine Ann Endicott – von Pina Bausch immer wieder kontrapunktisch besetzt: die ätherische Meryl Tankard und die bodenständige Josephine Ann Endicot, die die junge Tänzerin, die sie damals war nun, fast fünfzig Jahre später, als "pummelig" bezeichnet. Schon die Mitte bis Ende Zwanzigjährigen, die diese Tänzer*innen 1978 waren, traten in den Tanzabenden von Pina Bausch als Überlebende auf. Überlebende der Zurichtungen von Körperkonzepten und Geschlechterverhältnissen, der vom Kapitalismus und seinen Schlagern konfektionierten Vorstellungen von Liebe und der daraus hervorbrechenden Sehnsucht nach dem richtigen Leben im falschen.

Kontakthof Echoes UrsulaKaufmannKontakthof - Echoes Of '78 © Ursula Kaufmann

So süffig und so poetisch, so schmerzvoll und wahrhaftig wie Pina Bausch hatte das bis dahin noch niemand auf dem Theater erzählt. Jetzt, ein halbes Jahrhundert später, begegnen wir neun der einst zwanzig Tänzer*innen des Ursprungsabends wieder. Sie kehren zurück auch als Überlebende des eigenen Ruhms, manchmal belächeln sie das Pathos von einst. Doch fügen sie ihm auch die Beglaubigung durch ein gelebtes Leben hinzu.

"Heute ist manches peinsam – bei aller (Selbst-)Ironie haben die schräg gelegten Köpfe und koketten Gesten, die Schleifen im Haar und die Hemdchen, mit denen Endicott und Tankard ein Duett der bezaubernden Gören tanzen, etwas verstaubt Stereotypisierendes", schreibt Elena Philipp in ihrem Shorty zur TT-Gastspielpremiere. "Wie sieht wohl eine genderfluide junge Person diese Aufführung?, frage ich mich. Transportiert sich hier der Geist der Entstehungszeit oder sind diese Routinen einer sexualisierten Weiblichkeit unerträglich überholt? 'Kontakthof – Echoes of ’78' ist eine praktische Lehrstunde in bundesdeutscher Mentalitätsgeschichte."

(sle)

 

Blicke in Vergangenheiten

13. Mai 2025. Gestern lief noch einmal "Unser Deutschlandmärchen" am Gorki Theater. "Hinreißend, kraftvoll, klug. Für mich die beste Inszenierung, die ich im Rahmen des TT 2025 gesehen habe", schwärmt ein Kommentator, der eigentlich erst gar keine Lust auf den Abend hatte, wie er selbst zugibt.

Beim Publikumsgespräch erzählte Dinçer Güçyeter, wie seine Mutter auf die Uraufführung des Romans reagierte, schreibt uns Theaterblogger Konrad Kögler in den Kommentaren. Der Vorschlag, Güçyeters Roman aufs Theater zu bringen, sei von Gorki-Intendantin Shermin Langhoff gekommen. Langhoffs Idee, die Mutter Fatma von einem Arbeiterinnen-Chor verkörpern zu lassen, sei allerdings dann schnell verworfen worden, berichtet Kögler.

Widerhall aus der Verganenheit

Esther Slevogt führt heute in ihrer Kolumne noch einmal etwas weiter aus, wie sie den Protest der Kulturschaffenden gegen die Kürzungen der öffentlichen Kulturausgaben wahrnimmt – der sich am Sonntag auch beim Theatertreffen im Rahmen der Podiumsdiskussion "Was jetzt?" u.a. mit Barrie Kosky und Lisa Jopt artikulierte. 

Echos aus der Geschichte, genauer gesagt dem Jahr 1978, gibt’s auch heute abend bei der nächsten Theatertreffenpremiere aus Wuppertal "Kontakthof – Echos of '78" von Meryl Tankard. Wir werden berichten.

(sd)

Terroristische Kulturpolitik

12. Mai 2025. "Und jetzt? Strategien und Allianzen gegen die große Kulturdepression" war am gestrigen Nachmittag ein Podiumsgespräch überschrieben, auf dem unter anderem die Dortmunder Intendantin Julia Wissert, Opernregisseur Barrie Kosky und GDBA-Präsidentin Lisa Jopt saßen. Aber auch Vertreter*innen der Freien Szene wie Jonas Zipf von Kampnagel, die Bremer Schwankhallen-Co-Leiterin Anna K. Becker und Verena Lobert vom Berliner Feld Theater.

Lobert präsentierte nochmal den ganz speziellen Fall ihres Hauses: nämlich einerseits mit einem Theaterpreis des Bundes ausgezeichnet worden zu sein, andererseits durch die abrupten wie brachialen Sparmaßnahmen seit Anfang des Jahres kein Geld für Programm mehr zu haben. Janette Mickan wiederum berichtete von den Besonderheiten Freien Theatermachens in Gegenden, wo die AfD eine Mehrheit hat und wo etwa Mails, die gegenderte Ansprachen enthalten, erst gar nicht beantwortet würden. In Brandenburg zum Beispiel.

"Kultureller Selbstmord" der Stadt Berlin

Barrie Kosky verwahrte sich gegen den Begriff "Depression", der lähmend und daher unbrauchbar sei. Gleichzeitig prangerte er noch einmal das große Versagen der Berliner Kulturpolitik an, die Sparpolitik als "act of terrorism" und "cultural suicide" der Stadt Berlin. Denn was gebe es hier denn, außer Kultur? Nichts! Und in Zukunft dann auch noch nicht einmal mehr das. Ohne Not werde hier ein ganzes kulturelles Ökosystem zerstört. Leise Hoffnungen jedoch scheint Kosky in die neue Kultursenatorin zu setzen. Während ihr Vorgänger ein völliger Dilettant gewesen sei, sei Sarah Wedl-Wilson ein Vollprofi. 

TTPanelKosky 1000 sleBarrie Kosky verurteilt die Berliner Kulturpolitik © sle

Ja, da möchte man gerne mithoffen. Fragt sich dann aber auch, wo eigentlich das Quantum Selbstkritik der Szene bleibt. Wie konnte es so weit kommen? Was ist unsere Rolle in diesem Katastrophen-Szenario, außer der des Opfers? Was haben wir übersehen? Welche Fehler haben wir gemacht?

Im zweiten Teil der Veranstaltung konnte sich das zum großen Teil aus Kulturakteur*innen bestehende Publikum für einzelne Themen entscheiden, die dann in kleineren Gesprächsrunden verhandelt wurden. Wie weit würde man kompromisstechnisch gehen, um überhaupt noch Theater machen zu können? Mit dieser Frage war die von Janette Mickan geleitete Gesprächsrunde überschrieben. Wie man sich mit anderen Gesellschaftsbereichen vernetzen könne, um die Relevanz der Darstellenden Künste zu erhöhen, war ein anderes Schwerpunktthema. Außerdem gab es eine Best-Practice-Runde, wie man ganz konkret in Leitungsfunktionen agiert, wenn man einerseits eine Institution stabil führen will, andererseits auf Teams und flache Hierarchien setzt. 

(sle)

Historische Aufführungspraxis

11. Mai 2025. Wie Regisseurin Luise Voigt Brechts "Die Gewehre der Frau Carrar" als ein dokumentarisches Dokument behandelt und eine staubknisternde Patina alter Film- oder Schallplattenaufnahmen erzeugt, ist wirklich herausragend. Im Nachgespräch wurde dann sehr erhellend offen gelegt, wie genau, akribisch und mit welchen Mitteln sie das erarbeitet hat.

Die Regisseurin saß mit dem Ensemble und dem Produktionsteam auf dem Podium, auch dabei der belgische Schauspieler Tony De Maeyer, ein Kenner der Biomechanik von Meyerhold aus den 1920er Jahren, die die Theaterästhetik Bertolt Brechts beeinflusst hat. Für "Die Gewehre der Frau Carrar" hat De Maeyer sie mit den Schauspielerinnen und Schauspielern trainiert. Sieben Grundbewegungen ist jeweils eine Gegenbewegung zuordnet. Will man die Türklinke herunterdrücken, drückt man sie erstmal hoch. Will man vom Stuhl aufstehen, sinkt man erst einmal ein Stück tiefer. So entsteht die besondere Spielweise des Stücks.

Und auch wer dachte, dass die Stimmen wie etwa die von Barbara Horvath als Carrar mit ihrem harten rollenden rrr gar von alten Tonbandaufzeichnungen stammen, der wurde eines Besseren belehrt. Die  Sprechweisen von Therese Giehse oder Helene Weigel dienten als Vorbild. Und vor allem die Inszenierung von Egon Monk aus den 1950 Jahren, im Zuge derer eine eigene mikrofonverstärkte Sprechweise entstand – eine, die die Figuren trotz den Wirren des Spanischen Bürgerkriegs bei höchstem Verstand zeigt.

(sik)

Als Theatertreffenpremiere lief gestern "Unser Deutschlandmärchen" am Gorki Theater und kam gut beim Festivalpublikum an, wie ein ebenfalls sehr angetaner Leonard Haverkamp in seinem Shorty schreibt.

Im Tagesspiegel holt Rüdiger Schaper zur Halbzeitbilanz aus und fasst seine Eindrücke von "Bernarda Albas Haus" und "Die Gewehre der Frau Carrar / Würgendes Blei" zusammen: "Die traditionelle Dramatik ist nicht mehr genug. Das behaupten diese Aufführungen aus München und Hamburg. Doch die Zugaben lassen den Befund, wenn er denn überhaupt stimmt, noch schlimmer erscheinen. Beide Regisseurinnen wollen mit Gewalt die Aussage schärfen und erreichen das Gegenteil."

"Maschine", "Blutbuch", "EOL" wird "Kleinteiligkeit beschieden. Nur die beiden Volksbühnen-Abende "Ja nichts ist ok" und "SANCTA" können vor Schapers Augen bestehen: "Hier wird geklotzt, gepowert, und ob das mag oder schrecklich findet, hier gibt das Theater nicht klein bei, versteckt sich nicht. Krisen kommen und gehen, Katastrophen geschehen. Aber die Volksbühne vergeht nicht."

(sd)

Dicker als die Bibel

10. Mai 2025. Gestern stellte sich das Gastspiel vom Residenztheater München vor, Luise Voigts Inszenierung "Die Gewehre der Frau Carrar / Würgendes Blei" bringt in der ersten Hälfte Bertolt Brechts Stück über eine Pazifistin im Spanischen Bürgerkrieg als Stück der Stunde absolut überzeugend auf die Bühne und verläppert in der zweiten Hälfte in Björn SC Deigners Fortschreibung des Brecht-Stücks im Wohlfeilen, schreibt Esther Slevogt in ihrem Shorty.

Außerdem gab es nach der zweiten Vorstellung von Florentina Holzingers "SANCTA" ein Publikumsgespräch, Simone Kaempf berichtet: Die erwartbare Frage kam nicht: Weder das Publikum noch Moderatorin Xenia Sircar fragten bei Florentina Holzinger nach der Nacktheit auf der Bühne. Angebracht wäre es, denn nackt spielen nicht nur die knapp 20 Performerinnen, sondern auch ein Teil des Chors des Schweriner Theaters. Vielleicht hat sich die Frage aber mittlerweile auch erübrigt mit der dritten zum Theatertreffen eingeladenen Inszenierung, zumal es bei Holzingers Nacktheit um alles andere als Intimität geht. Und vermutlich steckte der Mehrheit des Publikums wie einem selber auch etwas ganz anderes in den Synapsen: Das Skinhanging der letzten Szenen des Abends nämlich. Erst sieht man in Video-Großaufnahme, wie zwei Performerinnen an der Rückenhaut an Haken aufgespießt werden, dann pendeln sie an den Haken wie Glocken über die Bühne, dass es einem beim Zuschauen schwer schmerzt. 

Publikumgespräch zu "SANCTA": Wie weh tut das?

"Ich bin noch am Vibrieren" läutete Theaterwissenschaftler*in Mike Dele Dittrich Frydetzki denn auch ihr Input ein und fasste in aller Kürze zusammen, dass hier dem Backlash aus rechtskonservativen Kräften entgegen geskatet werde und sich mit der Mischung aus Fürsorge und Härte auf der Bühne eine Gemeinschaft bilde. Ein Faden, der aber nicht aufgenommen wurde, und im Gespräch wirkt Holzinger alles andere als bereit, sich in einen queerfeministischen Diskurs verstricken zu lassen. 

Mit auf dem Podium saß auch die Dirigentin des Abends, Marit Strindlund, die neben Holzinger wie aus einer ganz Welt gelandet scheint. Das Orchester und die Holzinger-Truppe sind erst spät in den Proben zusammen gekommen. Aber, so Holzinger, es mussten gar nicht so viele Kompromisse gemacht werden. Mit mehr als 150 Beteiligten habe der Abend größenmäßig an Grenzen geführt. "Ist das groß wie Las Vegas?", fragt die Moderatorin. "Das ist größer als Las Vegas." 

Die körperliche Anstrengung des Spiels, das Skinhanging war dann das, was eigentlich interessierte, auch wenn Fragen an die beeindruckende Holzinger nur zaghaft kamen. Ob nach einer Vorstellung erst mal Urlaub nötig ist, wird gefragt. "No Comment", sagt Holzinger, aber erklärt dann sehr genau, dass beim Skinhanging rotiert werde. Manche machen es mehrmals in kurzer Zeit, andere mit längeren Pausen, "Jede hat ihre eigene Hängungs-Präferenz". Eine der Spielerinnen hat es auf über hundertmal gebracht. Wie weh tut das, möchte man fragen. Aber stattdessen geht es um die Sicherheitsvorschriften, die eingehalten werden, und auch da hat Holzinger wieder eine klare Botschaft: "Wir haben ein ganzes Buch, und das ist dicker als die Bibel."  

(sik / sd)

Zwischen Welt und Untergang

9. Mai 2025. Die gestern im Martin-Gropius-Bau gestartete Performative Installation in Virtual Reality des Wiener Duos DARUM hat Christian Rakow in Begeisterung versetzt. Mit der Auswahl dieser eigenwilligen Arbeit für das Zehner-Tableau "hat das Theatertreffen einen Zipfel Zukunft erwischt, eine Ahnung von Performancekunst, wie sie einmal ausschauen wird: nicht mehr human-to-human, aber immer noch theatral, hochgradig Feedback-getrieben, interaktiv," schreibt er in seinem Shorty.

 

War soeben in "[EOL] End of Life" von DARUM. Und ja, eine echt bemerkenswerte Arbeit. Beim #Theatertreffen der @berlinerfestspiele.bsky.social. Die Fotos stammen aus dem Vorbereitungsraum, bevor es in die VR-Installation geht. nachtkritik.de/berliner-the...

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— Christian Rakow (@chrakow.bsky.social) 8. Mai 2025 um 18:16

Papst versus Päpstin

Am Abend zeigte dann erst mal der Vatikan in Rom, was er in Sachen Theatralität so drauf hat. Zunächst war weißer Rauch aufgestiegen - was traditionsgemäß heißt: Die Konklave hat in der Sixtischen Kapelle einen neuen Papst gewählt. Als Leo XIV. trat sellbiger dann auch bald schon auf den berühmten Balkon am Petersplatz in Rom. Um die Sixtinische Kapelle und eine Päpstin geht es auch in SANCTA von Florentina Holzinger. Der göttliche Finger, mit dem Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle Gott Adam animieren läßt, ist hier ein Roboterarm. Punktgenauer hat wahrscheinlich noch keine TT-Gastpielpremiere das Weltgeschehem kommeniet: Habemus Florentinam! Hier der Shorty von Sophie Diesselhorst.

Allein an den Tischen 

Nach "[EOL]" zu "Almost There" von Nofar Sela zu gehen, fühlt sich folgerichtig an," schreibt Elena Philipp in ihrem Bericht über die Performance der israelischen Theatermacherin Nofar Sela.

Forum AlmostThere ephKaffee, Cookie, Zeichnung: Die Performance "Almost There" © Elena Philipp

"Wieder erlebt man die Performance allein, zwar ohne VR-Headset, aber einzeln an Tischen sitzend. Und wieder ist die eigene Beteiligung wesentlich. Nur dass hier nicht in einer virtuellen Umgebung geklickt wird, sondern, mit Kopfhörern und Audio auf den Ohren, geschrieben. Mehr hier.

(sle)

 

Solidarität aus Hamburg

8. Mai 2025. Auch nach der zweiten Vorstellung von "Die Maschine oder: Über allen Gipfeln ist Ruh" gab es nach der Vorstellung eine Solidaritätsadresse des Hamburger Ensembles an die von einschneidenden Kulturkürzungen betroffenen Berliner Kolleg*innen. Hier noch einmal im Video.

Berliner Theatertreffen nach ihrem Feuerwerk an Komik u. Kunst verlesen die Ensemblemitglieder des Deutschen SchauSpielHaus Hamburg eine Solidaritätserklärung für die Berliner Kulturschaffenden angesichts des momentanen politischen Kahlschlags dieses Desaster ist jetzt deutschlandweit zu erwarten

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— Komitee für Preußische Leichtigkeit (@kplzentrale.bsky.social) 7 May 2025 at 21:26


Die Welpen schweigen im Walde

7. Mai 2025. Karin Beier war natürlich auch diesmal nicht zugegen, als die zweite Inszenierung des von ihr geleiteten Hamburger Schauspielhauses beim Berliner Theatertreffen lief: "Die Maschine oder: Über allen Gipfeln ist Ruh", für die Regisseurin Anita Vulesica darüber hinaus gestern auch den 3sat Theaterpreis bekam. Beier hatte ja schon zur Eröffnung wissen lassen, ihr Hund habe geworfen, und sie könne daher der Veranstaltung nicht beiwohnen. So liess sie es zumindest bei der Übergabe der Urkunde nach dem Katie-Mitchell-Gastspiel übermitteln.

Das Spiel mit den putzigen Kleinen war der Hamburger Intendantin wohl auch jetzt wichtiger, als das Gastspiel dieser preisgekrönten Arbeit. Und die Auszeichnung, die die Einladung zum Theatertreffen für das von ihr geleitete Haus bedeutet. Diese Geste, die an sehr feudale Ancien-Regime-Haltungen gemahnt, wirkt auf die beobachtenden Kritikerinnen auch deshalb etwas befremdlich, weil sich im Zusammenhang damit schon auch Fragen nach Solidarität und Wertschätzung stellen – in Zeiten wie diesen erst recht, wo das Theater, seine Leuchtturm-Veranstaltungen und Rituale doch zumindest von denen hochgehalten und gewertschätzt werden sollten, deren Kunst hier gefeiert wird. Weil sie doch von vielen Seiten immer stärker unter Druck geraten. Finanziell und überhaupt. Zumindest hätte sich Frau Beier eine etwas weniger desinteressiert klingende Ausrede als das Ding mit ihrem Hund einfallen lassen können.

Beim Schlussapplaus von "Die Maschine" war es dann der Schauspieler Camill Jammal, der den brandenden Applaus kurz bändigte und an alle Anwesenden appellierte, sich den Protesten gegen die Berliner Sparmaßnahmen und den Privatisierungs-Plänen anzuschließen.

Auch die gläserne 3sat-Preis-Trophäe hatte es offenbar nicht ganz heil ins Haus der Berliner Festspiele geschafft, wie man den etwas drucksenden Ausführungen der preisüberreichenden 3sat-Koordinatorin und -Repräsentantin Natalie Müller-Elmau entnehmen konnte. Auch das aber kann der Tatsache nichts anhaben, dass Anita Vulesica, ihre Inszenierung und ihr Ensemble das bisherige Highlight des Festivals geliefert haben!

(sle / sik)

Der Shorty zum Gastspiel ist hier



Internationales Forum macht unsichtbare Grenzen sichtbar

60 Jahre internationales Forum, Anlass für ein Festival im Festival. Von 2.476 Künstler*innen, Alumni und Alumnae aus 90 Ländern haben die Leiter*innen zwei Handvoll Ehemalige für ein Gastspiel ausgewählt. Gestartet ist die Reihe am Sonntag mit Laila Solimans Kaffeezeremonie "Wanaset Yodit" (aber da hatten wir Autor*innentreffen und waren nicht dabei). Jetzt ging's weiter mit Kieron Jinas "A Border Is a Line That Birds Cannot See".

Mit seiner Großmutter blickte Kieron als Kind den Flugzeugen nach: "The Sky, it is moving", der Himmel bewegt sich, so träumten sie vom Reisen. Mit einem Koffer zieht der Performende seine Runden um die Kastanie vor dem Haus der Berliner Festspiele. Das Publikum befindet sich drinnen in der Kassenhalle, wo auch der poetische Text abgespielt wird. In Südafrika, lernen wir, war die Bewegungsfreiheit der Familie eingeschränkt: In Übersee studieren – unmöglich.

Forum 1200 ephPublikum drinnen, Performer draußen im Garten © eph

Mittlerweile ist Jina stellvertretend für die Familie unterwegs, stylt sich am Flughafen besonders queer, um für die Security Harmlosigkeit auszustrahlen, jemand zu sein, dessen "terroristisch klingender Mittelname" nichts zu besagen hat. Einmal um das Gebäude zieht der Performende mit weit ausgreifenden Schritten, flatternden Ellbogen, Flügelhänden, dem Körperidiom eines Migrierenden. Von Durban nach Johannesburg nach Berlin ist Jina gewandert und wünschte sich, Grenzen wären, wie aus Vogelsicht: unbedeutend. Textlich ist "A Border Is a Line That Birds Cannot See" absolut gelungen, als Performance eher ein winziges work-in-progress.

Und doch versteht man die Motivation für die Einladung: Forums-Teilnehmer*innen aus dem Globalen Süden haben es schwerer, sich in der Darstellenden Kunst zu behaupten, sagt Forums-Co-Leiter Aljoscha Begrich. Beim Durchgehen der Jahrgänge fänden sich Teilnehmende aus Belgien, Deutschland, Frankreich oder den Niederlanden in den Theaterstrukturen der jeweiligen Länder wieder, bis hin zu Intendanzen. Wer aus Libanon, Nigeria oder Paraguay teilnimmt, wird die Kunst eher nicht zum Beruf machen können. A border can be an invisible line.

(eph)

 

Über allen Gipfeln ...

6. Mai 2025. Gestern war Pause beim Theatertreffen. Zeit für die ersten Einschätzungen des Kunstgehalts von Jahrgang 2025. Hauptthema der Berichterstattung ist allerdings weiterhin die Preisverleihung an Christopher Rüping – die nächste (an Anita Vulesica) steht heute bevor.

Talk of the town ist weiterhin die Verleihung des Berliner Theaterpreises an Christopher Rüping am Sonntag, von der auf Spiegel Online Wolfgang Höbel berichtet mit besonderem Augenmerk auf die mittlerweile neue Hauptstadt-Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson, die als Laudatorin auftrat und als deren Lieblingswort Höbel ein etwas hohl klingendes "eindrucksvoll" ausmacht. Und in seiner Kolumne hat sich Janis El-Bira auch noch mal mit Rüpings Aktion befasst.

Die ersten drei "Bemerkenswerten" sind über die Bühne gegangen, während die Eröffnung "Bernarda Albas Haus" aus Hamburg auch in den Medien eher kühl aufgenomnen wurde, kamen das Gastspiel "Blutbuch" aus Magdeburg und das Heimspiel "ja nichts ist ok" an der Volksbühne gut an (hier zum Beispiel im Freitag).

Heute geht es weiter mit der nächsten Festivalpremiere und der nächsten Preisverleihung: Denn Anita Vulesica, Regisseurin des Georges-Perec-Abends "Maschine oder: Über allen Gipfeln ist Ruh" vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg, erhält den diesjährigen 3Sat-Preis. Hier als Einstimmung die Nachtkritik aus dem Oktober 2024, geschrieben von Katrin Ullmann, die heute Abend auch die Preisrede halten wird. 

Wir werden natürlich berichten.  (sd)

Hinrichs on fire

5. Mai 2025. Es wird geschwärmt vom Publikumsgespräch nach der zweiten Vorstellung von René Polleschs "ja nichts ist ok". Stellvertretend ein Eindruck vom Kritikerkollegen Fabian Wallmeier: 

Fabian Hinrichs on fire. Voller Liebe für Pollesch und die gemeinsame Praxis und mit einem mitreißenden Furor gegen alles, was das nicht würdigt. Props aber auch an alle, die sich nach der (freundlichen, aber harten) Zurechtweisung einer Balkonfragerin noch Wortmeldungen trauten. #Theatertreffen

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— Fabian Wallmeier (@fabianwallmeier.bsky.social) 4 May 2025 at 22:21

(sd)

Theaterpreis Berlin an Christopher Rüping

Der Höhepunkt gestern war natürlich der Moment, als Christopher Rüping auf der großen Bühne im Haus der Berliner Festspiele die 20.000 Euro aus "den Händen des Senats" zurückwies, die mit dem Theaterpreis Berlin verbunden sind, der ihm kurz zu vor überreicht worden war. Im Vorfeld konnte man angesichts der vielen staatstragenden Reden, der protokollarisch korrekt adressierten Mitglieder aus Politik und Senat, fast noch den Eindruck gewinnen, alles sei gar nicht so schlimm – das Theater sei in den letzten Monaten nicht so radikal in seiner Existenz und Bedeutung für diese Gesellschaft in Frage gestellt worden, wie es tatsächlich geschah. Theater wäre noch immer so etwas wie ein Teil der Staatsraison, Teil des kulturellen Selbstverständnisses von Stadt und Republik.

Die feierliche Preisübergabe hatte Hans Gerhard Hannesen, Vorstandsvorsitzender der preisvergebenden Stiftung Preußische Seehandlung, gemeinsam mit Sarah Wedl-Wilson vorgenommen. Die britisch-österreichische Kulturmanagerin füllt dem Hörensagen nach schon eine Weile die Lücke, die der soeben demissionierte Berliner Kultursenator Joe Chialo hinterlassen hat und wird als aussichtsreiche Kandidatin für seine Nachfolge gehandelt. Chialo selbst stand übrigens als Redner und Preisübergeber noch im Programm der Preisverleihung, wurde aber dann mit keinem einzigen Wort erwähnt.

Feierliche Tünche

Zunächst beschworen die wirklich herzerwärmenden Laudatios von zentralen Rüping-Spieler*innen wie Maja Beckmann, Nils Kahnwald, Benjamin Lillie oder Wiebke Mollenhauer, irrlichternde Interventionen von Anna Drexler und kleine Zitate aus berühmten Rüping-Inszenierungen wie "Trauer ist das Ding mit Federn" eine wunderbare heile Welt des Theaters (der Freundschaft, ja, der Liebe), und man folgte diesen Beschwörungen nur allzu gern. 

Video von Esther Slevogt

Dann aber trat Christopher Rüping zur "Replik" ans Rednerpult – um uns recht schnell daran zu erinnern, dass eben nichts ok oder in Ordnung ist. Ein riesen Transparent mit einem QR-Code senkte sich über der Bühne herab. Link zu einer Liste der Institutionen, die von den Kürzungen betroffen sind. Rüping teilte den Anwesenden mit, es fühle sich für ihn nicht richtig, sondern vielmehr ausgesprochen falsch an, aus den Händen dieses Senats nun so viel Geld entgegenzunehmen. Vielmehr wolle er es an jene weitergeben, denen die gleiche öffentliche Hand die Gelder entzog. Damit waren die Verhältnisse geklärt, die feierliche Tünche der Veranstaltung abgelegt.

(sle)


Ein geteiltes, ein geschlossenes Publikum

4. Mai 2025. Am zweiten Festivalabend hatten zwei Produktionen Theatertreffenpremiere:

Im Deutschen Theater Berlin lief Jan Friedrichs Inszenierung von Kim de L'Horizons Roman "Blutbuch". Tobias Gerosa sah eine "pralle, kluge, theatrale und berührende" Inszenierung, die das Publikum in Berlin begeisterte.

In der Volksbühne lief René Polleschs letzte Inszenierung "ja nichts ist ok" mit Fabian Hinrichs. Und Elena Philipp stellt in ihrem Shorty zum Theatertreffengastspiel fest: "Der Pollesch-Äquator teilt die Theaterwelt in diejenigen, die von seinen Stücken als schmerzvoll wahrhaftigem Ausdruck unserer spätkapitalistischen Seinsform zuinnerst berührt werden, und diejenigen, die sich von den unterspannten Pathosformeln nicht im Kern ihres Wesens angesprochen fühlen." 

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Nackte Ohnmacht

3. Mai 2025. Hölderlin geht immer, wenn es im Kulturbetrieb darum geht, den Abgrund zu orchestrieren. Und so ertönte im dunklen Zuschauerraum im Haus der Berliner Festspiele zunächst das lakonische Timbre einer raunenden Stimme mit Worten wie diesen: "Vom Abgrund nämlich / Vom Abgrund nämlich haben / Wir angefangen und gegangen / Dem Leuen gleich, in Zweifel und Ärgernis, / Denn sinnlicher sind Menschen / In dem Brand / Der Wüste ... / .... Des Menschen nämlich, ist der Nabel / Dieser Erde, diese Zeit auch / Ist Zeit, und deutschen Schmelzes."

Die Stille bebt im Pathos dieser irgendwie auch enigmatischen Worte, aus denen die nackte Ohnmacht aufsteigt. Wohin gehören sie? Was wollen sie hier? Die Stimme gehört Bruno Ganz, einem Schauspieler aus Zeiten, wo die Hochkultur noch so richtig hoch oben war, kaum erreichbar für viele. Aber in diesen Höhen auch noch einigermaßen sicher vor dem Zugriff mittelmäßiger Kulturpolitik und ihrer Vollstreckerinnen und Vollstrecker war, die jüngst so hemmungslos agieren.

Lästiger Geist? Pathetische Anekdote?

War das also Symbolpolitik, diese Aufnahme aus den 1980er (glaube ich) Jahren hier nun zuerst ins Dunkel der auf die Theatertreffeneröffnung wartenden Branchenvertreter*innen einzuspielen? Jetzt, wo anderthalb Jahrzehnte des Versuchs, Barrieren abzubauen, neue Zugänge zu schaffen, die Hochkultur so an den Abgrund ihrer selbst gebracht haben. Kann es ein Zurück in die früheren Höhen überhaupt noch geben?

Oder ist das nur ein lästiger Geist, der hier nochmal aus der Konserve eingespielt wird? Eine pathetische Anekdote, Rest aus einer verblichenen Welt? Fragen am Rand, bevor im Festspielhaus die Reden begannen. Von Matthias Pees, Claudia Roth und Nora Hertlein-Hull, über die mehr im Shorty zum Eröffnungsabend von Christian Rakow zu erfahren ist.

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Es geht los!

2. Mai 2025. "Das Theatertreffen wird düster", prognostiziert rbb-Kritikerin Barbara Behrendt in Hinblick auf die Themen der Zehner-Auswahl: Krieg, Unterdrückung, Missbrauch, ja, eine allgemeine Perspektivlosigkeit. 

Dagegen halten allerdings SANCTA von Florentine Holzinger und ihr feministisches "¡No pasarán!" und in gewisser Weise auch "Unser Deutschlandmärchen", Hakan Savaş Micans Theateradaption von Dinçer Güçyeters preisgekröntem Roman, der auf die Macht der Liebe setzt. Auch Anita Vulesicas aberwitzige Goethe-Schredderung "Die Maschine oder: Über allen Gipfeln ist Ruh" nach Georges Perec wirft sich mit anarchischer Wucht dem finsteren Zeitgeist entgegen.

Verräterisches Timbre

Die heutige Eröffnung des Gipfeltreffens des deutschsprachigen Theaters ist wohl auch der letzte Auftritt der grußworthaltenden Claudia Roth in ihrer Eigenschaft als Kulturstaatsministerin. "Dass sie nun weniger Gelegenheit zum Redenhalten haben wird, lässt Erleichterung aufkommen", merkt in einem galligen Kommentar Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung an. Stets sei er bei Roths Reden schon über die Anrede gestolpert: "Liebe Demokratinnen und liebe Demokraten", habe die "farbenfrohe Gute-Laune-Pathetin" dem Auditorium stets entgegen geschmettert. Ein verräterisches Timbre signalisierte dem Kritiker dabei sogleich, "dass im unverfänglichen Gewand der Ansprache schon die erste ausschließende und spaltende Botschaft steckt." Das findet Seidler "umso schwerer erträglich, weil Roth die Kunst und Kultur immer wieder zu einem Fest der Demokratie, Vielfalt, Nachhaltigkeit erklärt und damit sowieso schon ideologisiert, verkleinert und verzweckt hat. Es bleibt zu hoffen, dass wir das nicht schon sehr bald vermissen werden."

Katerstimmung schon vor der Party?

"Kulturpolitik, wenn sie nicht gerade im Sparwahn für Negativschlagzeilen sorgt, ist allzu oft bloße Symbolpolitik", schreibt Erik Zielke im nd. "Kein Kunstfestival ohne Politikerreden. Wie untergeordnet der Bereich der Kulturpolitik im Gesamtfeld des Politbetriebs ist, wird schon daran deutlich, dass die einzelnen politischen Parteien kaum noch mit einer kulturpolitischen Agenda in Verbindung zu bringen sind. Wenn die Christdemokraten einen Kulturstaatsminister ernennen, bleibt entsprechend unklar, ob wir mit einem konservativen Bewahrer des bürgerlichen Erbes zu rechnen haben oder mit einem neoliberalen Liebhaber der schwarzen Null. Die Erfahrung, nicht nur der letzten Monate, lehrt uns, eher vom Schlechteren auszugehen." Katerstimmung schon vor der Party? ist sein Ausblick auf das Theatertreffen überschrieben, dessen Rahmenprogramm er zwar sympathisch, aber auch recht selbstrefenziell findet.

Laboratorium der Fantasie

Für die Welt hat Jakob Hayner Fühlung mit Theatern in Hamburg und Magdeburg aufgenommen, Städte, die beide mit Produktionen bei Theatertreffen vertreten sind. Sein Fazit: "So unterschiedlich die Theaterwelten in Hamburg und Magdeburg sind – zwischen West und Ost, Sälen mit 1200 und 200 Plätzen, Dauergast und Neuling beim Theatertreffen –, so zeigen beide Häuser auf ihre Weise, dass das Theater als 'Laboratorium sozialer Fantasie' (Heiner Müller) längst nicht ausgedient hat."

Sowieso: Solange vor dem Haus der Berliner Festspiele pünktlich zum Beginn des Theatertreffens die berühmten Kastanienbäume zu blühen beginnen, muss einfach Hoffnung sein.

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Kommentare  
TT-Live-Blog, Theaterpreis C. Rüping: Die Gang
Heute Mittag mischte die „Gang“, wie Benjamin Lillie seine „partners in crime“ nannte, die Verleihung des Theaterpreises der Preußischen Seehandlung auf. Die üblichen Rituale der Matinee im Festspielhaus wurden von Anna Drexler im Krähenkostüm aus der Bochumer „Trauer ist das Ding mit Federn“-Inszenierung, die zwar einen FAUST gewann, es aber nur auf die Theatertreffen-Shortlist schaffte, gallig kommentiert und unterbrochen.

Drexler und Maja Beckmann trieben ihre Späße mit dem Festspiele-Intendanten Matthias Pees, der sich an seine Zeit als Dramaturg von Rüpings Münchner Kammerspiele-Event „Dionysos Stadt“ (Theatertreffen 2019) erinnerte und die sehr offene Arbeitsweise von Rüping mit Teamplay und ohne Scheuklappen würdigte. Nach der Entlassung von Kultursenator Joe Chialo sprang kurzfristig seine Staatssekretärin Sarah Wedl-Wilson ein, musste vor ihrem Grußwort aber noch etwas warten, da Drexler zunächst noch den musikalischen Publikums-Abschiedsgruß „Nehmt Abschied Brüder“ an den glücklosen Senator dirigierte.

Es folgte eine Nummernrevue aus Schnipseln und Motiven in den Kostümen von Rüping-Inszenierungen aus Bochum und Zürich, die zum Teil ins Repertoire des DT Berlin gewandert sind, und die seine Dramaturgin Katinka Deecke mit vielen Stamm-Spieler*innen kuratierte. In sehr persönlichen Laudationes erinnerten sich Wiebke Mollenhauer an die Zusammenarbeit im ersten Schauspielschul-Semester in Hamburg, Nils Kahnwald in einer kurzen Pause vom Ketten-Rauchen an ein „Hallo, Klaus“, das seit einer Probe 2011 zwischen ihm und Rüping zum Running-gag wurde und Benjamin Lillie an den gemeinsamen Start in der DT-Box 2013, wo er sich wohler fühlte als in der ursprünglich von Chefdramaturgin Sonja Anders für ihn vorgesehen Thalheimer-Großproduktion.

Auf das Preisgeld von 20.000 € verzichtete Rüping. Er spendet es an jene Institutionen, die vom Berliner Kultur-Kahlschlag besonders betroffen sind. Eine noble Geste, aber nur ein symbolischer Akt und ein Tropfen auf den heißen Stein, da dieses Preisgeld weniger als 1 % der Kürzungen ausmacht.

https://daskulturblog.com/2025/05/04/blutbuch-beim-theatertreffen-und-theaterpreis-an-christopher-rueping/
Liveblog Theatertreffen: Begeisterung
Grandios!
Liveblog Theatertreffen: Null geteilt bei Hinrichs
Erstens: Publikum war null geteilt :Standing Ovations
Zweitens: Hinrichs beängstigend intelligent
Liveblog Theatertreffen: Ego
Hinrichs hat vor allem ein überdimensioniertes Ego. Wenn ich das mal sagen darf, ist ja lang genug her jetzt: Wie viel er nur von sich selbst erzählte in den eigenen Nachrufen auf Pollesch, immer auf den eigenen Anteil hinweisen musste - verstörend.
Liveblog Theatertreffen: So what?
# 4

Offen gestanden, denke ich, daß Rene Pollesch ziemlich genau um die Qualitäten und Dimensionen seines künstlerischen Partners wußte; wäre ihm an anderen als durch Fabian Hinrichs vielleicht notwendig eigenwilligen oder untypischen „Nachrufen“ gelegen gewesen, hätte er mit diesem nicht bis zuletzt, geradezu im ALTER EGO-STILE, so intensiv zusammen gearbeitet. P.P. ?? Gab hier mal nen Peter Pan...; den hat Hinrichs übrigens auch einmal gespielt (auch Paul in der Legende von Paul und Paula, mein persönliches Pech, das nicht gesehen zu haben). Muß wohl ein Ego sein, bevor man es wegschmeißen kann, aber Spaß beiseite: solche Sätze zu Freuds Geburtstag ..
Liveblog Theatertreffen: Hinrichs einordnen
#4
Es gibt nur einen Nachruf auf Pollesch, den Hinrichs verfasst hat, er ist im Spiegel, in der FAZ und auf nachtkritik erschienen (https://nachtkritik.de/portraet-reportage/fabian-hinrichs-verabschiedet-sich-mit-einem-brief-von-dem-grossen-theatermenschen-rene-pollesch). Dieser Nachruf hat mich bewegt, weil jede Zeile, jedes Wort von großer Liebe zu Pollesch und zum Theater an sich zeugt. Von welchen Passagen sprechen Sie dort? Ein weiter Text ist in der FAS erschienen und handelt von der Werkentstehung des außergewöhnlichen Duos, insbesondere des letzten Stückes. Es ist also ein Nachruf auf die gemeinsame Arbeit. Ich möchte das hier einordnen, weil ich Hinrichs sehr schätze und beide Texte wertvoll für mich sind. Ich kann den Vorwurf, der auf die Persönlichkeit von Hinrichs abzielt, anhand der Texte keineswegs nachvollziehen. Im Gegenteil.

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(Anm. Redaktion. Den zweiten hier erwähnten Text finden Sie unter dem Titel "Proben mit Pollesch" auch hier https://nachtkritik.de/portraet-reportage/proben-mit-pollesch-schauspieler-und-co-regisseur-fabian-hinrichs-erzaehlt-ueber-seine-theaterarbeit-mit-dem-verstorbenen-autor-und-regisseur-rene-pollesch)
Liveblog Theatertreffen: Keine Hundsprozesse
Naja, mit der Titelzeile ("Die Welpen schweigen im Walde", Anm.) läuft man bei mir natürlich offene Türen ein, erinnert ja auch ein wenig an die orchestralen Manöver im dunklen Wald in Franz Kafkas "Forschungen eines Hundes", welche ich zuletzt anläßlich der "Oklahoma"-Inszenierung erinnerte, aber inhaltlich finde ich das Ganze dann vielleicht doch ein wenig hyperkritisch. Da wurden quasi Hundehaare in der gut gesalzenen Suppe gefunden, und nun droht beinahe schon der Hundsprozess (auch diese, die "Hundsprozesse", liefen 2011 in Köln zur Beier-Intendanz) ? Die Hauptsache ist doch, daß das Deutsche Schauspielhaus Hamburg in all den Beier-Intendanzjahren eine sehr gute Arbeit abgeliefert hat, das ist bekannt und das bei weitem beste Argument für das Theaterwesen, ob Frau Beier nun einmal mehr oder einmal weniger spricht, zumal Katie Mitchell und Anita Vulesica eigene Stimmen haben und nun -wiederholt auch- gekürte Handschriften -und in Hamburg absolut gewertschätzt werden. Wir müssen den am 9.5.2025 auf der Veddel anstehenden "Volpone" nicht in "Welpone" umtaufen, um gerade NEW HAMBURG als ein sehr schönes, auch neue Zuschauergruppen erschließendes Theater in Erinnerung zu rufen, und auf der Veddel wird man das mit den Hündchen sogar verstehen: Glückwunsch zum Wurf (es muß nicht immer ein großer sein)..
Liveblog Theatertreffen: Beiers Verbleib wirklich so wichtig?
Ach, es ist wohl sehr wichtig, wo Frau Beier ist? Wenn sie keine Doppelgängerin hat, hat sie vielleicht eine Aufführung besucht in einer anderen Hauptstadt (wegen der Möglichkeit der Doppelgängerin: das ist spekulativ …). Vielleicht sucht sie nach einem neuen Stück und schaut sich so einiges an (nächste Spielzeit ist keine Inszenierung von ihr in Hamburg geplant). Aber ehrlich: ist das so wichtig???
Liveblog Theatertreffen: Eine der Begabtesten
#8: ja sie ist wichtig! Gerade in diesen Zeiten. Ich finde Karin Beier ist eine der begabtesten Regisseurinnen d. deutschen Theaters. Grossartige Inszenierungen!!!
Liveblog Theatertreffen: Hinrichs' Anteil
#6:
Der zweite Text ist doch voll von den Sachen, die ich meinte (Witzebuch, ich bestellte einen Text bei René; ich inszenierte, denn er war nicht da; ich und mein Sachbuch, ich und was-ich-gerade-an-Musik-hörte, usw). Sie werden sagen, da wird nur die Zusammenarbeit beschrieben. Aber es geht in eigentlich jedem Absatz um Hinrichs' Anteil, unbewusst vielleicht, aber doch mit Händen zu greifen. Und achtet man einmal drauf, wird es etwas wunderlich und greift auch auf den ersten Text über.
Liveblog Theatertreffen: Kieron Jina
Im Rahmenprogramm zum 60. Jubiläum des Internationalen Forums gab es ein Wiedersehen mit dem südafrikanischen Performer Kieron Jina (Alumnus 2019), der in der von Thomas Oberender kuratierten Festival-Reihe „Shifting Perspectives“ mit dem „Pink Money“-Gastspiel 2018 begeisterte.

Diesmal zeigt er nur ein halbstündiges Appetithäppchen: „A Border Is a Line That Birds Cannot See“ verknüpft seine bekannten Themen Afrofuturismus (mit Raumfahrer-Brille im 1. Teil), Queerness (mit Jockstraps-Look im 2. Teil) und Migration (als Leitfaden des Voiceovers).

Die wenigen Zuschauer, die eine Karte ergattern konnten, schauen von der Kassenhalle auf den Vorplatz, wo Jina seine Kreise zieht und Festival-Gäste immer wieder irritiert durchs Blickfeld laufen, bevor der queere Befreiungs-Part im Garten des Festspielhauses stattfindet. Freundlicher Applaus für eine kleine Show dieses Performers, der in größeren Formaten sein Entertainer-Talent noch viel besser ausspielen kann.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/05/07/die-maschine-oder-ueber-allen-gipfeln-ist-ruh-schauspielhaus-hamburg/
Liveblog Theatertreffen: Gern gelesen
#5 : Nein, lieber Herr Zarthäuser, #4 war/bin ich nicht. Würde bezügl. Hinrichs /Pollesch so etwas nicht schreiben. Statt auf einer Ziege zu reiten, Nimmerland umkreisend, schwimme, tauche ich mal eben im grünen Grund und lese immer wieder gern von Ihnen.
Bin & bleibe für Sie ganz speziell
Peter Pan - der Ihre.
Liveblog Theatertreffen: Wichtig/Nicht wichtig
#9: Die Frage war/ist nicht, ob Frau Beier wichtig ist, sondern ob es wichtig ist, wo sie ist, wenn sie nicht in Berlin (im Foyer eines Theaters) gesehen wurde oder warum … oder, ob sie die Gründe für eine Abwesenheit bekannt geben muss, oder ob wir das Recht oder berechtigte Interesse haben, es zu erfahren usw. Na gut: Interesse ist nicht verboten …
Erlauben Sie mir die Bemerkung, dass ich eine erfolgreiche und erfahrene Regisseurin nicht als „begabt“ im Sinne von „talentiert“ bezeichnen, sondern diesen Begriff eher jüngeren Personen zuordnen würde … aber das am Rande …
Liveblog Theatertreffen: Nixen sind im Kommen
„Alsternixe“ ist aber auch sehr schön, zumal Nixen ja in den letzten Monaten ordentlich Aufwind hatten. Offen gestanden, hätte es mich auch gewundert, wenn dieser P.P. etwas mit Ihnen zu schaffen gehabt hätte ! Schön ist auch die kleine Hamburger Grußadresse vom 8.5. ..., und gleich heißt es „Habemus papam“ . Pierbattista Pizzaballa machte einen sehr guten Eindruck auf mich, gestehe ich, aber ob er es wirklich geworden ist ?!
Liveblog Theatertreffen: Bitte Argumente!
"Dieser P.P."? Wieso so despektierlich? Offen gestanden, bemühe ich mich hier um Beispiele, die meine sicherlich leicht schroffe Meinung einfach unterstützen, und stelle sie so zur Debatte. Herr Zarthäuser, wenn Sie sich davon gestört fühlen, dann argumentieren Sie doch einfach. Aber bitte etwas prägnanter als "desletzt".
Liveblog Theatertreffen: Melodie
Das war nicht despektierlich gemeint, „Alsternixe“ hat das bereits in # 12 angedeutet, daß sie so etwas zu Pollesch/Hinrichs nicht schreiben würde, und aus meiner Vergangenheit mit „Peter Pan“ paßte schlicht das Statement in Ihrem #4 nicht überein mit dieser Erinnerung (das war alles; über das „so etwas zu Pollesch/Hinrichs“ störten Sie sich offenbar analog zu „dieser P.P.“ nicht, aber das nur am Rande und in Klammer)

Ich störe mich auch nicht an Ihrer etwaigen schrofferen Art (es sah eher umgekehrt aus, wenn auch in einem anderen Thread, aber mit ähnlicher Melodie). Im übrigen antwortete ich in meinem #5 bereits auf ihren #4 , was bis jetzt unbeantwortet blieb, und ich sehe nicht, daß ich diesem Kommentar noch viel hinzuzufügen hätte (er ist eigentlich sogar kurz und einigermaßen prägnant, denke ich).
Liveblog Theatertreffen: SANCTA!
"Sancta" war auch beim Wiedersehen ein tolles Crossover-Spektakel und Florentina Holzingers verdiente dritte TT-Einladung. Wie oben beschrieben war das Nachtgespräch zu dieser Produktion enttäuschend. Mike Dele Dittrich Frydetzki (nonbinäre Performer*in mit Verbindungen zu Hellerau Dresden und LOFFT Leipzig) im fünfminütigen Impuls einen interessanten Aufschlag zum Backlash, den wir seit Jahren erleben, auch und gerade im Osten, dem diese in Schwerin angestoßene Koproduktion und Holzingers queerfeministische Performance etwas entgegen setzen. Leider schien Moderatorin Xenia Sircar bei der Moderation überfordert: diese Gedanken wurden von den weiteren Panelistinnen kaum aufgenommen, ein Gespräch zu dieser Produktion kam kaum in Gang und blieb an der Oberfläche.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/05/10/sancta-beim-theatertreffen/
Liveblog Theatertreffen: Made in China 2.0
Das Pina Bausch-Reenactment "Kontakthof" wirkte in manchen Aspekten aus der Zeit gefallen. Ganz im Hier und Jetzt war jedoch unmittelbar davor die Lecture Performance „Made in China 2.0“ von Wang Chong (Alumnus des Internationalen Forums 2013), der als Highlight des Rahmenprogramms seine aktuelle Arbeit zeigte. Beeindruckend, wie Chong politischen Mut mit dramaturgischer Qualität und Humor verbindet. Ein nur knapp einstündiger, sehr lehrreicher Ritt durch die Gegenwart der VR China. Der Performer hat darum gebeten, aus Rücksicht auf seine Sicherheit auf detailliertere Beschreibungen zu verzichten. Das ist selbstverständlich zu respektieren.
Liveblog Theatertreffen: Schlaglichter
Zum Start ins Abschlusswochenende des Theatertreffens 2025 gab es im Haus der Berliner Festspiele am gestrigen Freitag Abend zwei weitere Veranstaltungen aus dem Forums-Rahmenprogramm.

Mit einem Foto von zwei jungen Männern, die sich erstaunlich ähnlich sehen, startete der ungarische Theatermacher Kristóf Kelemen (Forums-Alumnus 2023) seinen Input zur „Narrowing Spaces“-Diskussion. Links war sein jüngeres Ich zu sehen, rechts der Autokrat Viktor Orbán. Beide wirken wie selbstbewusste, nachdenkliche Bohemiens und doch könnten ihre Ansichten zu Politik und Kunst kaum unterschiedlicher sein.

Ein paar kurze Schlaglichter ward Kelemen auf seine Performances und Interventionen, mit denen er häufig die volkstümelnde Propaganda des FIDESZ-Regimes persifliert. Auf ihn folgte Azadeh Ganjeh (Alumna 2019), deren Spielräume in Teheran stetig enger wurden und die seit 2022 im Gegensatz zu Kelemen ins Exil gingen. Die von Felizitas Stilleke (Alumna 2016) moderierte Runde streifte diverse Aspekte von der „Schere im Kopf“, die zu Selbstzensur führt, über unpolitische Ansätze junger ungarischer Künstler bis zum neoliberalen „Kunst muss sich rechnen und an der Kasse verkaufen“-Argument der Subventionsgegner. Es wäre interessanter gewesen, die Arbeiten der beiden Künstler*innen noch genauer vorzustellen.

Tiefpunkt des Rahmenprogramms war im Anschluss die Performance „Something is approaching“ von Carolina Mendonça (Alumna aus São Paulo, 2015) & Lara Ferrari, die ausdrücklich noch als „Work in Progress“ vor der Premierenreife gelabelt wurde, in dieser Form aber nicht vorzeigbar war. Es begann schon damit, dass die Kassenhalle des Festspielhauses ein denkbar ungeeigneter Ort ist und nur die wenigsten, für 18 € verkauften Plätze eine gute Sicht auf das Bühnengeschehen bieten.

Die 45 Minuten bestehen über weite Strecken aus einer monoton vom Blatt gelesenen und ins Mikro gesprochenen Nicht-Performance, bevor Ferrari und Mendonça ganz tief in den Klischeebaukasten greifen und halbnackt auf allen Vieren über die Bühne kriechen. Der Begleittext lieferte feministisch angehauchtes Wortgeklingel.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/05/17/narrowing-spaces-something-is-approaching/
Liveblog Theatertreffen: Kein heuriger Hase
Ich weiß nicht, ob Sachwalter hier ganz richtig am Platze ist; ein h-euriger (jemand berate mich, wie ich der Autokorrektur austreibe, den Weinkenner raushängen zu lassen und unfehlbar zu transsubstantiieren zu „Heuriger“) Hase ist Peter von Becker eigentlich ja nicht, und schon als Bettina Stucky beim TT 2002 (siehe Artikel von Peter Laudenbach im Tagesspiegel vom 21.5.2002) selbst den Preis erhielt, aus den Händen Elisabeth Trissensaars, hielt dieser die Einleitungsrede; ich vermute beinahe, daß das mit der Ophelia ein Insider zwischen den beiden ist, frei nach dem Dialog „Ich werde in Dir immer die Ophelia sehen“ (vielleicht sah Peter von Becker sie das erste Mal in dieser Rolle und altert bei seinem obigen Zitat bewußt mit) - „Ja, aber eine gealterte“ (die es werktreu ja garnicht geben kann). Wie auch immer, sehr schön und gut nachvollziehbar und persönlich fallen dann Bettina Stuckys Sätze aus (da braucht es keine Vermittlung etwa durch ein Ministerium für Einsamkeit !)..
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