Es waldet die Ruhe

13. Oktober 2024. Anita Vulesica gibt ihr Regiedebüt am Schauspielhaus Hamburg und setzt ihre Wiederentdeckung des Dichters Georges Perec fürs Theater fort. Als Mitglied der Gruppe Oulipo arbeitete Perec für die "Spracherweiterung durch formale Zwänge". In "Die Maschine" zerpflückt er ein Goethe-Gedicht – und das Hamburger Ensemble zieht in futuristischem Setting alle schauspielerischen Register.

Von Katrin Ullmann

"Die Maschine ..." von Georges Perec in der Regie von Anita Vulesica in Hamburg © Eike Walkenhorst

13. Oktober 2024. Ein Compliance-Hinweis vorab: Diese nächtliche Kritik ist KI-generiert. Nein, ist sie nicht. Oder doch? Schließlich geht es an diesem Abend ja um eine Maschine, um die Arbeitsweise eines Computers. Und um ein Nachtlied. Eines über alle Gipfel, über die Natur und über den Menschen. Über die Ruhe und über den Tod. Bestehend aus nur einer Strophe mit acht Versen. Reimschema: Kreuzreim. Johann Wolfgang von Goethe schrieb es, so heißt es, mit Bleistift an die Wand der Jagdhütte auf dem Kickelhahn im Thüringer Wald. Am 6. September 1780. Es war ein typisches Gelegenheitsgedicht, eine schnelle Signatur, gewissermaßen ein Selfie des Dichters vor der Hütte, ein "I was here". Wenige Jahre später brannte die Hütte ab. Das Gedicht zählt bis heute zu Goethes berühmtesten.

Skelettierte Poesie

Für den französischen Autor und Filmemacher Georges Perec (1936–1982) bildete es 1968 die Grundlage für das Hörspiel "Die Maschine". Darin dekonstruiert eine Instanz, "Kontrolle" genannt, das Gedicht, zerpflückt es in seine Einzelteile. Drei "Speicher" folgen ihren Anweisungen, zählen Versfüße und Strophen, sortieren Substantive, verschlucken Buchstaben, verändern Reihenfolgen und vertauschen Wörter. Sie rezitieren das Gedicht in Vierergruppen, sprechen es in der Vertikalen, rückwärts und in zufälliger Abfolge. Sie probieren Buchstabenversetzungen und Metathesen, Verneinung, Verdopplungen und Auslassungen. Echos aus der Maschine klingen so: "Wipfel haben kurze Beine" oder "warte warte nur nur balde balde balde balde balde" oder "je fetter der vogel, desto magerer der Quark" oder "es waldet die ruhe die vögelein schweigen" oder "skaum seinen ehauch" oder "über nella figlepn".

Die Maschine 1 Eike WalkenhorsCamill Jammal, Daniel Hoevels, Sandra Gerling, Yorck Dippe, Christoph Jöde, Moritz Grove © Eike Walkenhorst

Beim Hörspielhören flirren einem die Silben und Buchstaben durchs Hirn. Man denkt an Kurt Schwitters und Ernst Jandl, an Sinn und Unsinn, an Struktur, Textur und an skelettierte Poesie. Dass dieses Hörspiel ein interessanter Text für die Theaterbühne sein könnte, daran denkt man nicht. Doch die Regisseurin Anita Vulesica beweist genau das. Es ist bereits ihr zweiter Perec, im Mai inszenierte sie am Deutschen Theater Berlin "Die Gehaltserhöhung". Allerdings sieht der in Hamburg aufgeführte Text – und das ist vielleicht auch ein Glück – nicht mal in allen Wipfeln den Hauch einer Handlung vor. Stattdessen zerlegt und feiert er die Sprache, lässt Wörter tanzen und gibt der Stille Raum. 

Feine Komik

Treppenartig angeordnet sitzen die drei Spieler (mehr kastrierte Bürohengste als Alphamännchen) Christoph Jöde, Moritz Grove und Daniel Hoevels als "Speicher 1 – 3" und Sandra Gerling als die ansagende "Kontrolle" an ihren Leuchtröhrenschreibtischen. Darauf montiert sind je ein riesiger roter Buzzer, ein ebenso riesiger Hebel und ein Abluftrohr. Apparaturen, die die Darsteller*innen im Gleichtakt bedienen werden, musikalisch empowert von Camill Jammal, der am unteren Treppenabsatz einen wild gewordenen Kabelsalat bedient.

Hinter den getreppten Tischen baut sich eine silbrig schimmernde Lüftungs- oder Orgelwand auf. Verbindungsrohre führen in diese hinein und wieder aus ihr heraus. Die beeindruckend pseudo-futuristische Konstruktion von Henrike Engel ist so großspurig opulent wie eindeutig mechanisch, ist eine Kulisse wie aus einem Science-Fiction-Film der Siebziger Jahre. Ähnlich retro wirkt das strähniges Perückenhaar, das alle fünf Performer*innenköpfe bedeckt, genauso wie deren blassblaue Bundfaltenhosen (Kostüme: Janina Brinkmann).

Die Maschine 8 Eike WalkenhorsChristoph Jöde, Yorck Dippe, Moritz Grove, Daniel Hoevels, Camill Jammal, Sandra Gerling © Eike Walkenhorst

Meist spielsitzend gelingt den Darsteller*innen trotz der starren Textsorte, trotz des sich wiederholenden Kommandotons und des mechanischen Ausführenmüssens, eine irrwitzige, feine Komik: Da blitzt ein lautes sich Wundern über die Sprache auf, ein plötzliches Behaupten von nicht vorhandenen Bedeutungen und ein hoffnungsloses sich Verhaspeln in Konsonanten. Mit kleinen Gesten und manchen Zuckungen erzählen Dippe, Grove und Hoevels von Nervositäten und Profilneurosen, von Kunstkennerschaft, Musik und Sprachzauber. Sie agieren enorm präzise, fast mechanisch, und doch bricht ihnen immer wieder ihr Menschsein durch, zeigt sich im Unberechenbaren und im Fehlerhaften.

Die Zerbrechlichkeit der Worte

Mal zerren sie dann ihren kleinen Textauftritt in möglichste Länge, mal verhaken sie sich in der eigenen Wiederholung, mal hören sie gar nicht mehr auf zu singen und mal bricht ihnen zitternd fast die Stimme weg. Die Macht, die von Sandra Gerlings (grandios!) beherrschter und beherrschender Figur ausgeht, ist immer spürbar. Sie sitzt schließlich ganz oben auf der Treppe. Und wenn sie nicht gerade absurde Vorgaben macht, klimpert sie so einschüchternd mit den Augen, wie es vielleicht sonst nur ein Fahrkartenkontrolleur vermag.

Hin und wieder unterbricht Yorck Dippe als wuschelgelockter Georges Perec mit stoisch ruhigen Auftritten das sprachliche Räderwerk, erklärt seine Versuchsanordnung, seine Arbeit und seine Gedanken zur "Welt als Puzzle". Mit ihm dreht sich die Bühne und gibt den Blick frei auf flackerndes Super-8-Geknister, auf schemenhaft projizierte Baumstämme und schrecklich liebliche Disney-Waldbrände (Video: Philipp Hohenwaerter). Dann ist Raum für das Nachtlied "as contemporary bodymovement" einem schlimm schönen, minutenlangen Ausdruckstanz des Ensembles, oder für die Aufzählung weltweiter gipfelnder Wipfel – "Nanga Parbat 8115, Kickelhahn 861" – und die aller (im Walde schweigenden) Vogelarten auf der Roten Liste.

Die Maschine 9 Eike WalkenhorstCamill Jammal, Christoph Jöde, Moritz Grove, Daniel Hoevels, Sandra Gerling © Eike Walkenhorst

Klug ergänzt die Regisseurin Perecs Text, adaptiert, aktualisiert und rhythmisiert ihn, und fügt mit den fünf großartigen Darsteller*innen eine feine Menge Humor, Musikalität und brizzelnde Spiellust hinzu, setzt selbstbewusste Pausen voll schwereloser Stille. Einer Stille, die gefüllt ist mit Möglichkeiten. mit der schier endlosen Variabilität der Sprache und ihrer Bedeutung; und hin und wieder mit vom Bühnenhimmel fallenden Fischen. Vulesica folgt den Prinzipien des Autors – seinem Versuch, alles zu systematisieren, die Welt zu ordnen, das Chaos zu kontrollieren – und zeigt zugleich, dass es in der Zerbrechlichkeit der Worte einen Zauber gibt, der sich jeder Definition entzieht.

Die Maschine oder: Über alle Gipfeln ist Ruh
von Georges Perec
Aus dem Französischen von Eugen Helmlé
Regie:  Anita Vulesica, Bühne: Henrike Engel, Kostüme: Janina Brinkmann, Musik: Camill Jammal, Körperarbeit & Choreographie: Mirjam Klebel, Video: Phillip Hohenwarter, Licht: Susanne Ressin, Dramaturgie: Christian Tschirner.
Mit: Yorck Dippe, Sandra Gerling, Moritz Grove, Daniel Hoevels, Christoph Jöde, Camill Jammal.
Premiere am 12. Oktober 2024
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.de

Kritkenrundschau

"Der Text von Georges Perec zeigt auf beeindruckende Weise, was Sprache, was Poesie bedeuten kann. Wie sie entsteht. Allein mit Logik ist sie nicht zu reproduzieren", berichtet Katja Weise im NDR (13.10.2024). "Regisseurin Anita Vulesica setzt durchaus folgerichtig auf die Kraft des hier betont altertümlich Analogen und folgt Perecs Spielereien lustvoll (...)." Einen "Blick über den Ursprungstext hinaus" biete Vulesica allerdings nicht.

"Dieser Abend ist unglaublich präzise gearbeitet, sehr kurzweilig und voller Witz. Und es gehört schon einiges dazu, ein volles Haus am Premierenabend mit so einem Thema 90 Minuten lang bei der Stange zu halten und es zeitweilig so gebannt still werden zu lassen, dass nicht der kleinste Mucks zu hören war", schreibt Susanne Oehmsen im Hamburger Abendblatt (14.10.2024). "Das geht natürlich auch nur mit einem Ensemble, das ganz offensichtlich Spaß an der Sache hat und mit bemerkenswerter Akkuratesse die Körperarbeit und Choreografien umzusetzen versteht."

"Es ist so selten geworden, einen Humor zünden zu sehen, wie er nur im Theater funktioniert," schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (14.10.2024). "Ohne großes technisches Bühnenbrimborium oder zwanghafte Bezüge zu heutigen Krisen zeigt Vulesica mit Perecs 'Die Maschine', was Sprache kann, wenn sie als komplexes Medium ernst genommen wird: nämlich unglaublich komisch zu sein." Sie erfinde ein paar zeitgenössische Textpassagen hinzu oder lasse den Dichter im Werkstatt-Overall selbst auftreten. "Als das lange genug vorangetrieben wird, jauchzt das Publikum atemlos und springt zum Applaus begeistert aus den Sitzen, denn es hat ein kleines Schauspielwunder erlebt."

Alexander Diehl von der taz (16.10.2024) registriert manches "Zotige", das schon bei Perec angelegt sei, das aber "potenziert" werde "durch dieses durchweg enorm präzise Spiel". Das Timing "stimmt hier einfach", so der Kritiker. Das "teils reichlich aufgetragene Komödiantische" im Retro-Schick der Aufführung produziere auch ein Problem: "Hö hö hö. Schau mal, wie skurril das damals alles war! Natürlich führt auch das zu Lachern, aber es ist keine Analyse irgendeines technischen Stands der Dinge. Darum geht es hier aber ganz maßgeblich: um Technik einerseits und um deutsches Dichterfürstentum andererseits."

Kommentare  
Die Maschine, Hamburg: Dekonstruktion?
Ich habe eine andere, sicherlich subjektive Deutung des Stücks, schließe mich aber zugleich der positiven Bewertung Katrin Ullmanns an.
Die Dekonstruktion ist für mich eine Satire für die in den 1950er Jahren vorherrschende textimmanente Methode, die all denjenigen Literaturwissenschaftlern zu pass kam, die sich im Faschismus desavouiert hatten. Denn ihnen war es in diesem Rahmen möglich, sich auf die Form zu konzentrieren und die Inhalte in den Hintergrund zu schieben. (Ich nenne als Protagonisten den Belgier Paul de Man.)
Das äußerst turbulente Stück endet mit Begriffen wie "Stille", "Ruhe" und "Frieden", und auf diese Weise setzen sich - so sehe ich es - humanistische Werte durch.
Ich gebe gern zu, dass der Autor eine andere Absicht verfolgt haben mag. Für mich bietet meine Auffassung aber die Möglichkeit, (über die von Katrin Ullmann genannten Vorzüge der Aufführung hinaus) eine Perspektive zu haben, um dem Eindruck von bloßem Klamauk entgegenzuwirken.
Die Maschine, Hamburg: Hinweis auf Hörspiel
Falls es jemanden interessiert:
Unter
https://www.ardaudiothek.de/episode/100-aus-100-die-hoerspiel-collection/1968-die-maschine/ard/12975619/
ist derzeit die 1968 produzierte deutsche Hörspielfassung zu hören, die mit einem kurzen "Pst!" endet. Sie dauert auch nur 53 Minuten.
Die Maschine, Hamburg: Sternstunde
Anita Vulesica gelingt mit ihrer Inszenierung der Maschine von Georges Perec am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg eine Sternstunde des Theaters. Garanten des Erfolges sind S. Gerling, Y. Dippe, M. Grove, D. Hoevels, C. Jammal und C. Jöde. Sie begeistern und verzaubern das Publikum mit ihrem Spiel. Die Präzession der Darsteller*in in Gestik, Mimik, Sprache, Vokalisation, Tempo und aufblitzendem, feinsinnigem Humor lassen einen staunen. Bravissimo, Merci & Chapeau für dieses Feuerwerk der Theaterkunst. So lebendig und begeisternd können die Akteure auf den Brettern, die die Welt bedeuten unterhaltend verzaubern.
Doch dieser Abend beinhaltet noch so viel mehr. Goethes Gedicht „Über allen Gipfeln ist Ruh“ (1780) wird mittels eines von Menschen gespielten Computers im Hörspiel von G. Perec (1968) zerlegt, variiert, entfremdet, verfremdet, surreal und dadaistisch moduliert. Der Vielfalt sind keine Grenzen gesetzt und Gedanken an den Tod, der allen Naturwesen bestimmt ist, schwebt über uns.
Descartes entwickelte die mechanistische Physiologie im 17. Jh. und Hume mechanisierte die Psychologie im 18. Jh. und Goethe schrieb „Das überhandnehmende Maschinenwesen quält und ängstigt mich, es wälzt sich heran wie ein Gewitter, langsam, langsam; aber es hat seine Richtung genommen, es wird kommen und treffen“(Programmheft).
Perec der Vielgestaltige mit seiner oulipoistischen Struktur nimmt sich Goethes Gedicht an und ver(be)arbeitet es zur Maschine und man spürt deutlich seine Vorliebe für soziologische und spielerische Schreibweise sowie zu Fragen technologischer Ästhetik. Begeistert von der neuen Technologie der Computer schreibt er die Maschine, ein Hörspiel, zu sprachlichen, technikreflektiven Elementen und politischen Motiven. Die drei Speicher des Computers rebellieren wiederholt gegen die übergeordnete Kontrolleinheit, indem sie durch Ironie, Verweigerung, Eigensinn und Unsinn die autoritären Anweisungen der Kontrolleinheit unterlaufen. Die Maschine ist ein Kunstwerk, das unsere Sinne und unser Denken aus Automatismen der Wahrnehmung befreit und auf spielerische Weise Einblicke in die Funktion von Sprache eröffnet (siehe Programmheft, welches den Zugang zum Verständnis des Stückes fabelhaft erweitert).
Anita Vulesica (UA: 12.10.2024) macht aus dem Hörspiel einen Theaterabend, der alle bisher erwähnten Aspekte mit der Entwicklung künstlicher neuronaler Netze und ihrer Auswirkungen auf unser Leben verbindet. Diese ungetümen Sprachmodelle versuchen Forschende mittlerweile mit psychologischen Testverfahren besser zu verstehen und von Kritikern werden sie als „stochastische Papageien“ bezeichnet. Doch die Zeit steht nicht still. Die Rezeptionsästhetik fordert die Multifunktionalität der Kommunikation mit allen Sinnen. KI wird noch komplexer werden und biomechanische (Motion Capture, Performance Capture) bzw. bioelektrische Systeme sowie Bionik werden vermutlich weitere Tore öffnen (auch in diesen Sphären erweitert das Programmheft den Horizont).
Begann der Abend mit Vogelgesang so endet er mit Stille und Ruhe. Dem Aushalten von Stille bis zum Black-Out.
90 Minuten habe ich gehört und geschaut. Gedanken kamen und gingen und Fragen häuften sich. Die Leistungen der Darsteller*in haben mich fasziniert und übermannt. Sprachlos vor dieser Leistung. Das Programmheft hat dann Licht in so manche Frage gebracht, die mich beim Erleben der Maschine überrannt hatte. Das Zeitalter der Digitalität steht sicher noch in den Kinderschuhen und ob es ein Zeitalter des Segens für den Menschen wird, ist mir noch unklar. Bleibt die Frage nach dem Sinn des Unsinns oder dem Unsinn des Sinns. Merci & Chapeau.
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