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Letzte Hoffnungslosigkeit

von Andrea Heinz

Wien, 10. März 2018. Das Leben ist ein Spiel, sagt die Spruchweisheit, und wenn das so ist, ist natürlich auch das Altersheim nur eine Bühne. Strumpfsockig tattert Tobias Moretti als Désiré auf diese Bühnenbretter. Hinter ihm erhebt sich halbrund eine Tribüne, auf der der "Vergissmeinnicht-Chor", eine Gruppe älterer Frauen (für die Produktion gecastete Statistinnen), sitzt und ihm zuschaut. Wobei die meisten von ihnen "schlafen". Désiré ist als Alzheimerpatient in der Geriatrie. Wobei er gar kein Alzheimer hat. Weil er es aber Zuhause bei seiner streitsüchtigen Frau nicht mehr aushält, hat er beschlossen, den Dementen zu spielen – die Einweisung ins Heim als selbstbestimmter Akt.

Das ist die Handlung von Dimitri Verhulsts Roman mit dem folgerichtigen Titel "Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau", den Luk Perceval für sein spätes Debüt an der Wiener Burg mit Shakespeares "Romeo und Julia" verknüpft hat. Tobias Morettis Désiré lässt in der Uraufführung von "Rosa oder die barmherzige Erde" im Akademietheater nun aber von Anfang an erkennen, dass das mit der Selbstbestimmung so eine Sache ist. Wie bestellt und nicht abgeholt, gekrümmt und sich an seinen viel zu großen Hosen festklammernd steht er auf der Bühne, lässt sich von der "Pflegemanagerin" (Sylvie Rohrer) die selbigen runter- und neue anziehen. Ab und zu wirft das dauerfreundliche Pflegepersonal (neben Rohrer Marta Kizyma und Daniel Jesch) auch die kleine Drehbühne an, die in der Mitte der Bühne aufgebaut ist, und Désiré lässt sich reglos drehen. Fast wie eine Puppe, die sich herumschieben lässt. Und dann tauchen auch noch seine Frau Moniek (Gertraud Jesserer), die er aus purer Bösartigkeit Camilla nennt, und seine Tochter Charlotte (Sabine Haupt) auf und nötigen ihm Luftballons auf – schließlich ist es sein 74. Geburtstag.

Als wir Romeo und Julia waren

Der einzige Lichtblick in dieser geriatrischen Tristesse ist Rosa (Mariia Shulga), Désirés Jugendliebe, mit der er auf seiner ersten Tanzveranstaltung ein paar Worte wechselte und die er seither nie wieder sah. Als das junge Mädchen, das sie für Désiré immer noch ist, sitzt sie mit dem Rücken zum Publikum ganz oben auf der Tribüne. Keine reale Seniorin ist das, mit der ein Gespräch nach so vielen Jahren doch noch möglich wäre, sondern eine Projektionsfigur, die die verwirkten Möglichkeiten genauso verkörpert wie die Sehnsucht, dass sich das Versprechen auf Glück und Liebe doch noch einlöst.

Rosa 23 560 Reinhard Werner uIm Theater der Träume: Tobias Moretti und der "Vergissmeinnicht-Chor" © Reinhard Werner

Hier bringt Perceval die Shakespeare-Verse ins Spiel, ständig springt die Inszenierung zwischen den zwei Welten. Dann ist Désiré plötzlich Romeo, eine Pflegerin oder seine Frau Moniek werden zu Julias, die Hauptschwester gibt Mercutio, der Pfleger Benvolio und der Krankenhaus-Pastor Dirk (Stefan Wieland) Lorenzo. Eine schöne Idee, die mitunter für anrührende Szenen sorgt, wenn der tattrige Désiré in seinem schäbigen Schlafanzug sich als leidenschaftlich Verliebter nach Rosa/Julia verzehrt. Und freilich gibt es zu denken, wie da am Ende des Lebens der Prototyp jugendlicher Lebensgier und Unbedingtheit aufgerufen wird: Gemahnt es doch letztlich daran, dass die Chancen verpasst sind, die Liebe nicht gelebt wurde.

Ästhetische Geriatrie

Zusammen mit einem immer wieder erklingenden ätherischen (manchmal auch etwas enervierenden) Frauengesang, der wohl den Sirenengesang darstellen soll, mit dem Rosa Désiré letztlich in den Tod locken wird, und den teilweise verstärkten, verfremdeten Stimmen erzeugt dieses Springen zwischen den Welten eine zeitlose, traumhafte und seltsam bodenlose Stimmung; so könnte sich das wohl anfühlen, wenn die Gedanken und Erinnerungen haltlos werden. Einmal gibt die großartige Sabine Haupt auch einen Blick auf das Leid der Angehörigen: Sie regt sich maßlos auf darüber, wie entwürdigend ihr Vater im Heim behandelt wird – und lässt in ihrem Fluchen und Schimpfen die ganze Überforderung der Tochter erkennen, die sich plötzlich um die alternden, pflegebedürftigen Eltern kümmern muss. Schließlich sitzt sie auf dem Schoß ihres Vaters und erzählt ihm unter Tränen, dass sie sich von ihrem Mann trennen wird. Désiré lässt teilnahmslos den Kiefer hängen. Und furzt. Eine starke Szene.

Rosa99 560 Reinhard Werner uWer ist fertiger, Vater oder Tochter? Sabine Haupt, Tobias Moretti © Reinhard Werner

Über weite Strecken lässt der Abend einen aber kalt. Vom humoristischen Zugang der Romanvorlage ist in Percevals Inszenierung nicht mehr viel übrig, das ist gar nicht schlimm. Bloß worum geht es ihr dann: die unerfüllte Liebe? Wird ja als Projektion entlarvt. Die Schrecken der Demenz? Sie werden ja nur (wenn auch beeindruckend) gespielt. Und für eine Auseinandersetzung mit den Zuständen im Pflegeheim gehen die Figuren der Pfleger und Pflegerinnen zu sehr unter. Letztlich bleibt diese Geriatrie eine ästhetisch-surreale Welt voller Senioren in gedeckten Naturtönen, die man gerne anschaut. Dringlichkeit aber hat das keine. Es ist ein Gedankenspiel.

Rosa oder Die barmherzige Erde
eine Bearbeitung von Luk Perceval nach Dimitri Verhulst und William Shakespeare
Uraufführung
Regie: Luk Perceval, Bühne: Katrin Brack, Kostüme: Ilse Vandenbussche, Dramaturgie: Eva-Maria Voigtländer, Licht: Mark van Denesse, Musik: Mathis Nitschke.
Mit: Tobias Moretti, Marta Kizyma, Gertraud Jesserer, Sabine Haupt, Stefan Wieland, Sylvie Rohrer, Daniel Jesch, Mariia Shulga, Vergissmeinnicht-Chor: Hannelore Bauer, Susanna Ernst, Elisabeth Ilse Gebauer, Heide Grömansperg, Waltraud Hackinger, Martha Mraz, Friederike Müller, Ingeborg Ophir, Josefine Oppenauer, Elfriede Potyka, Suzanne Roth, Gabriele Schön.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.burgtheater.at

 

Im Vorfeld der Premiere gab Luk Perceval zwei Wiener Tageszeitungen Interviews, in dem er dem Stadttheater deutschen Modells alle möglichen Mängel, unter anderem einen Hang zu Altersdiskriminierung, bescheinigte. Unsere Zusammenfassung.

 

Kritikenrundschau

"Es geht Luk Perceval bei diesem Zusammenspiel der zwei Stoffe auch um unseren Umgang mit dem Alter, um das Recht auf und die Sehnsucht nach echter Zuneigung, die sich nicht in pflichtschuldiger und teuer bezahlter Pflege ausdrückt", schreibt Bernd Noack auf Spiegel online (11.3.2018). Perceval inszeniere "mit viel Zeit, mit Mut zu einer Stille, in der vielleicht das Nachdenken auch nicht mehr weiterhelfen kann, in der er aber diese Augenblicke des Ausatmens schafft: vielleicht ist ja ein Verstehen zwischen dem Kranken und seiner hilflosen Umwelt nur noch im Schweigen möglich?" Die Nebenfiguren blieben eher blass, "denn es ist dies die Stunde des Schauspielers Tobias Moretti", der "mit ganz unspektakulärem Einfühlungsvermögen, sehr einfach und erschütternd" spiele.

"Mehr kunstfertig als ergreifend", findet Barbara Petsch und wird in Die Presse (12.3.2018) allgemein: "Das Theater sollte zu Sinn und Sinnlichkeit zurückkehren, es jagt manchmal zu sehr dem Naheliegenden hinterher." Immerhin habe Tobias Moretti sich "den widerspenstigen Bücherwurm, der sich im Heim mühsam das nächtliche Kacken ins Bett angewöhnt, bis es endlich unwillkürlich passiert, engagiert anverwandelt: Ein großer Kontrast zu den sonstigen Kraftlackeln des Tiroler Strahlemanns".

"Trotz schöner Schauspielerleistungen: ein Fehlschlag", urteilt auch Ronald Pohl in Der Standard (12.3.2018). Percevals Stückeinrichtung kranke an einem "bemerkenswerten Widerspruch". "Sollte Désiré sich selbst tatsächlich ganz abhandengekommen sein, warum kann er aus seinem lädierten Gedächtnis derart viele Shakespeare -Verse mit Leichtigkeit hervorkramen (Moretti spricht sie mit tiefer Inbrunst)?" Drama werde aus dieser "arg ausgedachten Stoffverschränkung" jedenfalls keines.

Einen "un­heil­schwan­ge­ren Abend, bei dem nur ei­ner sein Kön­nen meis­ter­haft zeigt" hat Martin Lhotzky gesehen und schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (12.3.2018): Moretti meistere seine Rolle mit Würde und rühre in der Trauer um Julia-Rosa zu Tränen. "Ge­nau da­für lohnt sich der Aus­flug ins Aka­de­mie­thea­ter."

Einen "Abend der verpassten Gefühle" hat Wolfgang Kralicek gesehen und schreibt in der Süddeutschen Zeitung (16.3.2018): "Obwohl die Bühne mit acht Schauspielerinnen und Schauspielern sowie einem zwölfköpfigen Greisinnen-Chor bevölkert ist, handelt es sich im Grunde um einen bombastisch orchestrierten Monolog." Die Aufführung kranke an einer Überdosis Konzept. "Den Witz hat Perceval der Vorlage weitgehend ausgetrieben, und die Tiefe, die er stattdessen anstrebt, mag sich nicht recht einstellen." Tobias Moretti spiele "den verbitterten Alten sehr überzeugend, ohne eine große Virtuosennummer daraus zu machen". Aber er komme "nicht viel zum Spielen".

Eva Biringer schreibt in der Welt (online 21.3.2018, 1:35 Uhr): Der "Mischmasch" aus Dimitri Verhulsts Buch und Shakespeare entbehre "jeglicher Grundlage". In Tobias Morettis Darstellung müssten die Zuschauer
"den Unterschied zwischen behaupteter, tatsächlicher und echter Demenz ab Reihe zwei mit der Lupe suchen". Ein Gewinn sei "das Dutzend Lebenserfahrung" des "Vergissmeinnicht-Chors", also "die schiere Anwesenheit der von adrett bis funktional gekleideten Statistinnen, weil Altspielen das eine ist, Altsein das andere". Ein kritischer Kommentar zum Gesundheitssystem, geschweige denn ein Memento mori ergebe sich daraus aber nicht.