Gefahren! Liebe! Hoffnung!

von Andreas Klaeui

Paris, 13. Februar 2010. Das Théâtre du Soleil ist ganz auf Fin de siècle eingestellt: von außen schon wirbt es in verschnörkelter Frakturschrift für "Theater-Saal, Konzert, Kinematographie" wie ein Vergnügungs-Etablissement jener Zeit, an der Rückwand des großen Foyers steht "Les Naufragés du Fol Espoir (Aurores)" in goldenen Lettern auf rotem Grund wie der Romantitel auf einer ledergebundener Prachtausgabe, wie man sie um die vorletzte Jahrhundertwende finden konnte. Die Platzanweiser tragen schneidig lackierte Haare und imposante Schnauzer, an den Wänden versprechen Affichen: "Abenteuer! Erkundungen! Gefahren! Liebe!".

Neue Gesellschaft in Patagonien

Es ist nicht zu viel gesagt. Fin de siècle heißt auch: Aufbruch in ein neues Jahrhundert – und so ist der Abend gestimmt. Er geht auf einen ominösen, posthum erschienenen Roman Jules Vernes zurück, "Die Schiffbrüchigen der Jonathan" ("Les Naufragés du Jonathan"), sein Sohn hat ihn fertig geschrieben. Er erzählt die Geschichte von Australien- respektive (bei Verne) Südafrikafahrern: im Bauch des Schiffs arme Auswanderer, auf dem Erstklass-Deck eroberungsfreudige Industrielle. Einer von ihnen erkauft zum Vergnügen vom Reeder den Umweg über Valparaiso, was bedeutet: am gefährlichen Kap Horn vorbei, wo alle in einen Sturm geraten und Schiffbruch erleiden.

Ein einheimischer Indianer und ein rätselhafter europäischer Zivilisationsflüchtling retten sie auf eine Insel in Patagonien, sie geraten zwischen die Grenzen von Chile, Argentinien und Großbritannien, können sich als unabhängige Inselrepublikaner ansiedeln, und das heißt: haben die historische Chance, eine neue Gesellschaft aufzubauen.

Verückte Hoffnung

Wie soll, wie wird die neue Gesellschaft aussehen? Ariane Mnouchkine und Hélène Cixous, ihre Weggefährtin als Autorin und Dramaturgin seit langem, umkreisen die Frage auf mehreren Ebenen. Deutlich spricht sie schon der Titel an: "Die Gestrandeten der Verrückten Hoffnung", eigensinnig hält der Untertitel dagegen: "Morgenröte". "Fol Espoir" ist aber nicht nur der Name des Schiffs, sondern zunächst einer "Guinguette" an der Marne, einer Tanzkneipe, wie es sie an den Flussläufen rund um Paris vor hundert Jahren zahlreich gab.

Hier hat sich eine wunderliche Crew eingefunden: Ein Cinéast, der Pathé – also der etablierten Kulturindustrie – den Rücken gekehrt hat, eine Regisseurin (!) namens Madame Gabrielle, eine ad hoc zusammengewürfelte Truppe. Sie wollen Vernes Roman verfilmen; der Wirt gibt den Kapitän, der österreichische Kellner einen Habsburger-Erzherzog, zwei bärtige Zirkusdamen spielen Diplomaten (es geht nicht gut), Schauspieler spielen eh alles, ein russischer Maler zeichnet die Décors, der enthusiastische Zeitungsjunge ist der Smutje.

Ein idealistischer Robinson

Diese Rahmenhandlung spielt im Juli 1914, der Ausbruch des Ersten Weltkriegs steht unmittelbar bevor und wirkt auf die Truppe ein: die österreichische Provokation, die deutsche Kriegstreiberei, die Hoffnungen der Sozialisten um Jean Jaurès, den Krieg doch noch zu verhindern, Jaurès' Ermordung – der erste Schiffbruch eines hoffnungsvollen Jahrhunderts, einer Zeit der verrückten Möglichkeiten und aufbrechenden Horizonte: Elektrizität, Kinematographie, Flugfahrt, Sexualwissenschaft, Frauenrechte, Marxismus ... Eine weitere Rahmenhandlung zeigt zum Einstieg in den Abend die Enkelgeneration der Cinéasten – heute – auf der Suche nach den alten Filmspulen.

Bleibt auf der vierten eingezogenen Ebene die Geschichte des rätselhaften Aussteigers in Vernes Roman, des europäischen Anarchisten in Patagonien: den Verne wohl nach dem Modell Johann Orths gestaltet hatte, des "roten Erzherzogs" in der Habsburger-Familie, der seine kaiserlichen Titel 1889 deponierte und 1890 auf See verschollen ist – in der Fiktion lebt er weiter als idealistischer Robinson.

Zauber der Illusionen

Dies tönt nun alles weitaus komplizierter, als es in der Theaterwirklichkeit ist. Wer will schon die Zusammenfassung eines Abenteuerromans lesen, wenn er ihn von der besten, jugendlichsten, verspieltesten, phantasiereichsten, unwürdigsten, witzigsten Oma erzählt haben kann! Der Abend ist wie alle guten Mnouchkine-Abende – und zu diesen zählt er – nicht nur klug gedacht, sondern auch überaus theatersinnlich gemacht. Der Zauber der politischen Illusionen überträgt sich eins zu eins auf die Herstellung der Bühnenrealitäten.

Zum Beispiel in den gefilmten Szenen, die sämtlich mit dem wiederkehrenden Ruf "Dreh die Kurbel!" beginnen: das ist die Stummfilmästhetik der großen Geste, der aufgerissenen Augen, der überdeutlichen Körperzeichen, mit ihren Schrifttafeln, mit dem Rest der Crew, der die Kamera begleitet, an den Rockschößen der Akteure zieht, auf dass sie im Winde wehen, der sich auf den Boden wirft, um nicht ins Bild zu kommen, mit rhythmischem Feingefühl und Sensibilität Schneeflocken streut, die schmale Kulisse (zu mehr hat das Budget nicht gereicht) eilig der Kamera nachrückt. Oder die Umbauten: diese eilenden, huschenden Zwischenszenen, die in ihrer beiläufigen Eleganz, ihrer präzisen Choreografie gerade so suggestiv sind wie die Spielszenen, zwischen denen sie die Brücken schlagen.

Morgenröte nach stürmischem Meer

Es gibt wunderbare Liebesszenen, die sich ebenso wunderbar verselbständigen und aus dem Ruder laufen, es gibt die Theaterillusionen, die echter sind als jeder Realismus: nach dem Mnouchkine'schen Prinzip des Pars pro toto: Man hat vor sich ein Leintuch und einen knienden Mann mit einem Ruder in der Hand – und sieht synekdotisch das aufgewühlte stürmische Meer, die finstere Nacht, den tapferen Indio in seiner Schaluppe. Es gibt die Illusionsbrüche mit doppeltem Boden; und es gibt eine sehr schöne, sehr selbstironische Szene, in der die Regisseurin wie eine Exorzistin über die Bühne rast, mit einer Räucherkerze in der Hand, sie will die Kriegsgeister vertreiben, imperialistische Ressentiments, die sich in der Truppe einnisten. Sie fletscht die Zähne, faucht bedrohlich, räuchert die ganze Bühne aus – und schreckt statt der bösen Geister in allen heimlichen Ecken doch nur Liebespaare auf.

Man wird Ariane Mnouchkine nicht mangelnde Deutlichkeit vorwerfen. Die Startmusik bei der Abfahrt der "Verrückten Hoffnung" ist die "Internationale". Auf der patagonischen Insel scheint kurz ein utopischer Staat nach Rousseaus Gesellschaftsvertrag möglich – und ist schon immanent bedroht von Industrie- und Machtphantasien. Über dem Eingang von Mnouchkines Theater steht seit Jahr und Tag: Liberté, Egalité, Fraternité. Freiheit als Basis, sagt einer auf der Bühne, Gleichheit als Mittel, Brüderlichkeit – oder vielmehr: Menschlichkeit!, rufen die Frauen dazwischen – als Ziel. Regisseurin Gabrielle gelingt es nochmal, ihren Film fertig zu stellen, in dem sich am Schluss die Katastrophen burlesk konzentrieren. "Wir machen weiter!" geht die stehende Wendung auf dem Set.

Dennoch stellt sich hier wie dort, im Film wie unter den Künstlern die Frage: Was kann man tun? Der Indio und sein Anarchist bauen einen Leuchtturm, damit sich kommende Schiffe besser zurecht finden. Und es ist ja auch ein Statement, wenn die 71jährige Leiterin des Théâtre du Soleil, das nun doch schon 45 Jahre im Zeichen der Sonne steht, ihr neues Stück "Aurores" nennt: Morgenröte.

 

Les Naufragés du Fol Espoir (Aurores)
Kollektivproduktion des Théâtre du Soleil nach einem Roman von Jules Verne, Co-Autorin: Hélène Cixous.
Regie: Ariane Mnouchkine, Musik: Jean-Jacques Lemêtre.
Mit: Eve Doe-Bruce, Juliana Carneiro da Cunha, Astrid Grant, Olivia Corsini, Paula Giusti, Alice Millequant, Dominique Jambert, Pauline Poignand, Marjolaine Larranaga y Aubin, Judit Jancso, Aline Borsari, Frédérique Voruz, Shaghayegh Beheshti, Maurice Durozier, Duccio Bellugi-Vannuccini, Serge Nicolaï, Sébastien Brottet-Michel, Sylvain Jailloux, Andreas Limma, Seear Kohi, Armand Saribekyan, Vijayan Panikkaveettil, Samir Abdul Jabbar Saed, Vincent Mangado, Sébastien Bonneau, Maixence Bauduin, Jean-Sébastien Merle, Seietsu Onochi.

www.theatre-du-soleil.fr

 

Andere Theaterreisen an Bord eines Schiffes? Frank Castorf setzte zur Wiedereröffnung seiner Volksbühne im Herbst 2009 mit Friedrich von Gagern im Gepäck über den Ozean und ließ außerdem Schillers fragmentarischen Seestücke inszenieren. Und Andreas Kriegenburg brach zum Einstand von Ulrich Khuon am Deutschen Theater mit Joseph Conrad ins Herz der Finsternis auf.

Kritikenrundschau

Das Théâtre du Soleil habe schon immer seine manchmal etwas einfachen Utopien gestisch durchspielt. "Nie geschah es so leichtfüßig, so heiter, so witzig und traurig wie in diesem neuen Stück", schreibt Joseph Hanimann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.2.2010). Immer wieder rolle hier die "Darstellernatur als komische und dramatische Wahrheit aus den schemenhaften Rollen hervor". Man befindet sich auf dem Dachboden der Guinguette "Au Fol Espoir", einer Pariser Trink- und Tanzbude am Marne-Ufer, im Sommer 1914. "Was bei früheren Aufführungen des Théâtre du Soleil in der exotischen Pracht Indiens oder Kambodschas strahlte, rauscht hier in den Stehkragen, Rüschen, Tschaikowsky-, Dvorak- und Debussy-Klängen der Belle Époque." Das erzählerisch weit ausholende Neben-der-Rolle-Stehen von Mnouchkines Spielweise "gelangt in dieser Innenschau der untoten Utopie unversehens zu seiner vollen Wirkungskraft". Fazit: "Frühere Stücke haben wir wegen ihrer manchmal einfachen Schemen kritisiert, bedauert, belächelt. Hier verneigen wir uns. Und eine Truppe in Hochform grüßt unter Ovationen freundlich zurück."

"Theater kann wunderbar sein", seufzt Ulrich Weinzierl in der Welt (29.5.2012) anlässlich des Gastspiels von "Les Naufragés du Fol Espoir (Aurores)" bei den Wiener Festwochen 2012. Vor allem das von Ariane Mnouchkine: "Es ist eine Hommage an die Kinematografie, den Zauber der bewegten und bewegenden Bilder." Zugleich erzähle Mnouchkine in "Les Naufragés du Fol Espoir (Aurores)" die Geschichte der Utopien, der zum Scheitern verurteilten Visionen von einer gerechteren, friedlichen Welt, von Pazifismus und Humanität. Ein Wirbelwind von Spielfreude und staunenswerter szenischer Fantasie fege durch den Riesenraum der Wiener Messehalle. "Wir sehen, wie mit einfachsten Mitteln Realität und schöner Schein simuliert werden, sind beglückt vom Reiz der Täuschung, dem wir so gern erliegen. Und beginnen mit dem Herzen zu denken." Hier finde, "gestaltet von einer Virtuosentruppe", Welttheater im Wortsinn statt, "große Oper ohne Gesang, ein Fest der Sinne". "Keine Frage: Stadttheater sind nie und nimmer imstande, ein solches Spektakel auf die Beine zu stellen." Doch es sei gut zu wissen, dass derlei möglich sei. "Angela Merkel und François Hollande sollten eine Aufführung besuchen. Am besten gemeinsam."

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