Ein Wunder

von Eva Biringer

16. März 2016. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts, genau genommen Anfang 2015, verzeichnete Deutschland 31 Wolfsrudel, davon sieben in Brandenburg, Tendenz steigend. Dass sie sich in den südlichen, an Sachsen grenzenden Wäldern besonders wohlfühlen, ist keine literarische Erfindung, sondern eine Tatsache. Auch im Zentrum von Roland Schimmelpfennigs erstem Roman steht ein Wolf. Von der polnischen Grenze aus bahnt er sich einen Weg durch das tiefverschneite Brandenburg, Richtung Berlin. Ist "An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts", nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse, ein deutsches Wintermärchen?

Mit diebischem Vergnügen

von Thomas Rothschild

12. Februar 2016. Er war ein sehr österreichischer Schauspieler. Wenn er einen Regisseur hatte, der ihn an die Kandare nahm, einer der größten. Wenn er sich, allzu oft, an den Boulevard verschwendete, immer noch ein begnadeter Komödiant. Dass er darüber hinaus ein liebenswerter und intelligenter Zeitgenosse war, fällt im Theaterbetrieb nicht ins Gewicht. Für seine Umwelt hat es Bedeutung – zumindest so sehr wie sein Talent. Und dann die Stimme, die Sprachfärbung: Wahrscheinlich muss man Österreicher sein, um ihr zu verfallen.

Theater als Kriegsmaschine

von Andreas Tobler

4. Januar 2016. Es gibt kaum eine namhafte Philosoph*in, die sich nicht im weitesten Sinne mit Theater beschäftigt hat, man denke nur an Adornos Beckett-Lektüren, an Judith Butlers "Antigone"-Deutung oder an Jean-Luc Nancys Reflexionen über die Körperlichkeit des Theaters.

Ach, gäbs doch nur ein Richtiges im Falschen!

von Theresa Luise Gindlstrasser

16. Dezember 2015. 1991 veröffentlicht, wurde Nevermind von Nirvana zu einem der wichtigsten Alben meiner, deiner, der Musikgeschichte. Auf dem Cover: ein nacktes Baby unter Wasser Richtung Dollarnote blickend. Spencer Elden, das Nirvana-Baby, ist mittlerweile volljährig und studiert irgendwas mit Kunst. Eine ganze Generation, die "Nevermind" in den CD-Regalen der Älteren entdeckt hat, ist mittlerweile volljährig und studiert, so scheint’s, irgendwas mit Kunst.

Wollt Ihr die totale Agonie?

von Dirk Pilz

3. Dezember 2015. Im Epilog dann die entscheidenden Sätze: "Wir müssen uns entscheiden. Jeder Einzelne muss sich bekennen." Das ist die geschichtliche Situation, die dieses Buch von Philipp Ruch behauptet.

Wenn einen die eigene Spur überholt

von Janis El-Bira

19. November 2015. Einmal, es ist schon gegen Ende seines neuen Buchs, lässt Joachim Meyerhoff seinen würdig-gestrengen Großvater mit großer Sorgfalt einige Messtischblätter ausbreiten. Wanderkarten sind das, auf denen der Maßstab so groß gewählt ist, dass auch winzige Details abgebildet sind: Trampelpfade, einzelne Hütten, Zäune und Bänke. Doch den hochbetagten Mann bringt es völlig aus der sonst wie in Marmor gehauenen Fassung, wenn die Wanderwirklichkeit nicht mehr einlösen kann, was die veralteten Karten versprechen. Ein Parkplatz steht dort, wo einst das bevorzugte Restaurant sich befand, das vormals glasklare Nass der Wasserfälle ist längst nicht mehr trinkbar. Mit spitzem Bleistift ersetzt der Großvater in den Karten das Gewesene durch den Ist-Zustand: "Jetzt Parkplatz!", "Kein Trinkwasser!".

Reminiszenz an "Berlin, einig Theaterstadt" aus Anlass der 25. Wiederkehr der deutschen Vereinigung, mit Blick auf die Theatertagebücher von Michael Eberth.

von Nikolaus Merck

7. Oktober 2015. Im November 1995 fährt der Chefdramaturg des Deutschen Theaters (DT) Michael Eberth ins sibirische Omsk. Mitten im russischen Winter begegnet ihm ein Theaterwunder.