Offener Brief

5. Juli 2011. Bonn verliert sich in kultureller Bedeutungslosigkeit

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Damen und Herren des Rates,

die Hemmungslosigkeit, mit der in Bonn Kulturpolitik betrieben wird, lässt uns aus dem Staunen nicht herauskommen! Die radikalen Entscheidungen gegen das Theater in den letzten Jahren sind beispiellos in Deutschland. Keinem anderen Bereich der Stadt wurden in den letzten zehn Jahren so massive Einsparungen zugemutet! Und das in einer Stadt, die im Krisenjahr 2010 als einzige Stadt in NRW ein Wirtschaftswachstum erreicht hat.

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Mit Energie und Schlafbrille

von Dina Netz

Köln, 28. Juni 2011. Wir haben kennengelernt: einen Häftling aus dem Kongo, der im Suff einen Pariser Polizisten tot geprügelt hat. Eine senegalesische Putzfrau, die über ihr Leben nachdenkt. Den Direktor eines Museums der eigenartigen Künste. Eine Witwe, die die politischen Verhältnisse in Burkina Faso kritisiert. Einen sterbenden haitianischen Hermaphroditen. Zwei philosophierende Häftlinge aus Burkina. Eine Frau, die Menschenströme in der ganzen Welt vergleicht.

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Berlin all-inclusive

Text, Filme, Fotos von Matthias Weigel

Achtung: um die Filme anzuschauen, einfach kurz die Ladezeit abwarten.*

Berlin, 27. Juni 2011. Die Opfer dieser "Jihad-Entführung" sind eigentlich keine Opfer. Sie haben sich immerhin freiwillig angemeldet und hätten auch Neonazi-, Robin-Hood- und Mexikanerbanden-Stil wählen können. Dieses nette Angebot stammt vom Gießener Performance-Entführungstrupp Monster Truck und sorgt für ein wirklich unvergessliches Ferienerlebnis, von dem die Urlauber zu Hause erzählen können.

Wenn das Eis schmilzt // Der Tod und das Monologisieren // …

von Stefan Bläske

Wien, 19. Juni 2011. Was bleibt von den Wiener Festwochen 2011? Nun, da sie vorüber sind? Und was in hundert Jahren? Mit seiner Performance "HELLO 2111" sendet der japanisch-wienerische Künstler Michikazu Matsune Botschaften und hübsch verpackte Geschenke in die Zukunft und fragt deren Empfänger: Was wird geblieben sein? Von uns? Unserer Kultur? Der Natur? Matsunes Performance beendet das "Forum Festwochen", bei dem junge, internationale Künstler eine Woche diverse "Überlebensstrategien" erprobten.

Dem Hierarchiemodell den Boden entziehen!

von Christian Rakow

Berlin, 19. Juni 2011. Es lohnt sich immer, gute Informanten zu haben. Meiner war Matthias Lilienthal vom Hebbel-am-Ufer. Der kam kurz vor Festivaleröffnung zu unserer Traube Wartender, verteilte Flyer für die nächste Show am HAU und ließ sich nebenher den entscheidenden Tipp entlocken: "Und nachher, Ann Liv Young? Gibt's wieder Trash-Talk?" – "Nein, diesmal wird man nur mit Fischwasser bespritzt, ist nicht schlimm." Nicht schlimm, ja, aber allemal ein guter Grund, sich wieder in die hinterletzte Reihe zu verkriechen. Sie ist so etwas wie die Kaiserloge für Abende der jungen New Yorker Hardcore-Performerin Ann Liv Young.

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Unterwegs mit dem Kaiser Kunst

von Esther Slevogt

Krakau/Berlin, 11. Juni 2011. Seine apostolische Majestät, Kaiser und König Franz Josef II. von Österreich-Ungarn hat es sich nicht nehmen lassen und ist Samstagmorgen um sieben persönlich an Gleis drei des Krakauer Hauptbahnhofs erschienen, um den Zug zu verabschieden. Zünftig eingerahmt von Marschmusik des Straßenbahn-Blasorchesters. Krakau hat schließlich bis 1918 zu seiner k.u.k.-Monarchie gehört. Und weil seitdem fast hundert Jahre vergangen sind, hält hier in kaiserlicher Uniform natürlich nicht Franz Josef II. persönlich die Rede, sondern ein Schauspieler des Krakauer Stary Teatrs, dessen Intendant Mikołaj Grabowski lachend daneben steht, einer der Paten dieses Projekts, das nun den täglich um 7.30 Uhr auf der Strecke Krakau-Berlin verkehrenden Europa-Express "Wawel" für eine Fahrt in ein Theater auf Schienen verwandelt hat.

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Ein Experte für den Kulturwandel

von Georg Kasch

Berlin, 31. Mai 2011. Schuld ist natürlich Thilo Sarrazin. Sein Pamphlet "Deutschland schafft sich ab" erschien im August 2010, begleitet von einem dem Sommerloch würdigen Medienrummel – und nur wenige Tage später hatte Verrücktes Blut Premiere, jenes Stück von Nurkan Erpulat und Jens Hillje, das zunächst sämtliche Klischees über eine "Kanaken-Klasse" und ihre überforderte Lehrerin reproduziert, um sie dann genüsslich einzureißen. Erpulats Inszenierung wurde sofort als Antwort auf Sarrazins Thesen gelesen – und der Regisseur über Nacht zum Helden des postmigrantischen Theaters, ja zum Experten in Sachen Migration überhaupt.