Schluss Aus Banane

von Frank-Patrick Steckel

Berlin, 18. Januar 2011. Es gibt Menschen, die der Begabung zur Kunst in all ihren Ausdrucksarten unmittelbar teilhaftig geworden sind. Wolf Redl war ein solcher Mensch. Eine Eigenart schöpferischer Menschen kann nun darin bestehen, diesem ihrem Reichtum, statt mit selbstsicherer Gewissheit, mit abgründiger Reserviertheit zu begegnen. Redls Reserve erstreckte sich nicht nur auf die Beschaffenheit und Bedeutung der eigenen Begabung, sie speiste sich aus einem verzehrenden Bewusstsein für die Notwendigkeit einer Form, in der Kunst uns einzig vor Augen zu kommen hat – verzehrend insofern, als dieses Bewusstsein sofort verwarf, wessen es in dieser Hinsicht als unzulänglich gewahr wurde – ohne doch je den malerischen Theaterhafen erreichen zu können, in dessen Kneipen die berechnende Formlosigkeit als das non plus ultra neuzeitlicher künstlerischer Verwirklichung gefeiert wird.

Untertreibungskünstler im Entertainmentbiz

von Esther Boldt

Helsinki, Ende Dezember 2010. Eine Frau joggt auf der Stelle, tapp, tapp, tapp klingt das Stakkato ihrer Turnschuhe. "Well, well, well!", ruft ein Mann mit Hut ihr zu: "Look at you! You're looking good!" Mit einem langsamen Ausfallschritt steigert er seine Begeisterung, reckt die Hände zur Decke, "Wo-hoow!", während sie ihre Hochleistungsperformance intensiviert, indem sie sich um 45 Grad dreht und einmal in die Hände klatscht. Am Rand der Spielfläche wartet eine zweite Frau auf ihren Einsatz, ihren Auftritt, ihre ganz persönliche Showtime. Willkommen bei "Entertainment Island 1", einer skurrilen Show im Boxring von Oblivia. Drei Performer demonstrieren sich und dem Publikum im Zehn-Minuten-Takt Praxen der Ertüchtigung und Ermunterung und musikalisieren dabei Cheerleading-Laute und Selbstermutigungsformeln: "Oooh yeah! Allright! Wo-hoow!"

Zehn Perlen für Neukölln

von Anne Peter

Berlin, Oktober 2009. "Performance, dit is wenn man'n Fernseher hinstellt, und einer fährt immer mit'n Fahrrad drum rum", Bardame Marianne kennt sich aus mit dem Theater. "Ick dachte, dit wär' so mit Blut und Sperma", wirft Jule ein. Miezeken zwirbelt bloß aufmerksam ihren Staubwedel. "Jedenfalls tragen die im Publikum oft Brille, und meistens schreibt jemand 'ne Diplomarbeit drüber." Und während die drei rotzig schlagfertigen Damen aus dem Kneipen-, Dirnen- und Putzgewerbe noch darüber streiten, was Theater nun eigentlich ist, befinden sie sich schon mitten drin. In der Gassenhauer-Revue "Die Rixdorfer Perlen" werden nicht nur freche Alt-Berliner Lieder zum Besten gegeben werden, sondern auch nach Frauenherzenslust gefrozelt, gekalauert und gelästert, bevorzugt über Steglitz oder "die Intellektuellen". Zwischendrin wird mit vereinten Publikumskräften "Bolle" geschmettert, und am Ende hat man sich ganz köstlich amüsiert.

Den Tanzenden fällt der Himmel auf den Kopf

von Tobias Prüwer

Leipzig, 8. November 2010. "Avantgarde setzt auf ein Publikum, das sich zu seiner Individualität bekennt. Sie liebt den Zuschauer, der sich anhand des Gesehenen und Gehörten selbst befragt, sein Empfinden, sein Leben, seinen Erinnerungs- und Bilderschatz durchstöbert." Mit diesen Worten begrüßte die erste euro-scene 1991 ihre Besucher. Als Nachwende-Neugründung aus der früheren Leipziger Schauspielwerkstatt hervorgegangen, hieß das heutige Festival zeitgenössischen europäischen Theaters im Untertitel ursprünglich Festival europäischer Avantgarde.

Gestus und Gefühl

von Dirk Pilz

Februar 2008. Die Bühne ist eine steile Drehscheibe, die jeden Gang zum Großereignis macht. Wenn die junge Hedvig Ekdal ihren Vater unten an der Rampe erspäht, stürmt sie von hoch oben hinab und sinkt glückstrunken in seine Arme; und am Ende, ehe sie sich erschießt, weil der Herr Ekdal nicht ihr Vater ist, taumelt Hedvig über die leere Fläche. Zuvor jedoch ist sie in herzerweichendes Heulen ausgebrochen. "Krampfhaft weinend" steht als Regieanweisung im Text, krampfhaft weinend steht Hedvig hier auf der Bühne – jede Seelenfaser lässt Henrike Jörissen vor Schmerz und Schauder vibrieren.

Dieser Idiotie wollen wir nicht erliegen

von Lars-Ole Walburg

Gorleben, 6. November 2010. Als Theatermensch habe ich mich viel mit der griechischen Antike beschäftigt und davon würde ich hier gern erzählen. Die Stücke, die vielen Menschen heute eher Angst machen mit ihren schwierigen Orts- und Heldennamen, waren in ihrer Zeit sehr aktuelle und leicht verständliche Geschichten. In der Blütezeit des Athener Stadtstaates im 5. Jahrhundert vor Christus entstanden eine Vielzahl von Dramen, von denen einige wenige bis heute überliefert sind. Die "Antigone" des Sophokles beispielsweise, in der sich Antigone dem staatlichen Verbot, ihren Bruder zu begraben, widersetzt und dafür zum Tode verurteilt wird.

Vom Herz der Stadt zur Villa Global

von Jürgen Reuß

Freiburg, 9. Oktober 2010. Am Festwochenende vom 8.-10. Oktober feiert das Theater Freiburg seinen 100. Geburtstag. Manche schauen zu solchen Anlässen zurück, die Freiburger nach vorn: Wie wird das Stadttheater der Zukunft angesichts sozialer, demographischer, politischer und medialer Veränderungen aussehen? Eine mögliche Antwort gibt das Motto, unter dass die neue Spielzeit gestellt wird: "Heart of the City".