logo_nachtkritik_klein.png
Drucken

Die Primzahlen des Lebens

von Ralph Gambihler

Dresden, 15. September 2013. Ein Herr Brad Pitt, so heißt es etwas näselnd im Programmheft, habe die Filmrechte an dem Stoff vor Jahren erworben, weggekauft sozusagen, vorsorglich gebunkert für Hollywood. Die Bühnenrechte seien deshalb eigentlich "vom Markt" gewesen. Die Dinge liefen dann aber doch etwas anders. Und so kam es, dass nach der Uraufführung der englischen Theaterfassung vor einem Jahr in London nun auch die deutschsprachige Erstaufführung von Mark Haddons Romanbestseller Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone (2003) in der Adaption des Erfolgsdramatikers Simon Stephens zu erleben war.

supergut 280h davidbaltzer uJonas Friedrich Leonhardi als Sonderling
Christopher © David Baltzer
Auf der Bühne sehen wir einen Teenager, halb Mann, halb Junge noch, mit auffälliger Motorik. Seine Bewegungen sind linkisch und eckig, der Kopf gerät bei Anspannung in beunruhigende Unwucht. Christopher heißt dieser Teenie, der auf den ersten und auch auf den zweiten Blick ein braver Sohnemann mit artiger Frisur und artigen blauen Shorts ist. Er lebt bei seinem alleinerziehenden Vater, hat eine Ratte namens Toby, betet bei Stress Primzahlen herunter und antwortet auf die Frage nach seinem Alter: "Fünfzehn Jahre und drei Monate und zwei Tage".

Christopher wird im Verlauf des Abends in ein neues Leben schlingern. Er wird ein bisschen erwachsen werden, unter schwierigen Bedingungen.

Sozialdrama im Tetris-Look

Der englische Erzähler, Dichter und Dramatiker Mark Haddon, 1962 in Northhampton geboren und in den 90er Jahren als Kinder- und Jugendbuchautor bekannt geworden, erzählt in "Supergute Tage" die Geschichte eines Jugendlichen mit Asperger-Syndrom. Zunächst schickt er seinen Helden in eine Art Detektivgeschichte. Weil Christopher unter Verdacht gerät, den Hund der Nachbarin bestialisch mit einer Mistgabel getötet zu haben, will er herausfinden, wer es wirklich war. Er nimmt "Ermittlungen" auf, was für ihn eine Herausforderung ist, weil er eigentlich nur seine Straße kennt und außer Kontaktschwierigkeiten auch eine ausgeprägte Berührungsphobie hat. Das Genre der Detektivstory wird indessen nur vorübergehend bedient. Dahinter kommt nach und nach ein kantiges Sozial- und Familiendrama zum Vorschein und darin das Bild eines jugendlichen Außenseiters, der sich einer für ihn völlig konfusen und unverständlichen Welt ausgesetzt sieht.

Die Kulisse im Kleinen Haus des Staatsschauspiels, entworfen von Sabrina Rox, ist der Innenwelt der Hauptfigur entlehnt. Sie zeigt ein zerklüftetes, nach hinten ansteigendes Quadergebirge, das, wäre es nicht komplett schwarz und damit bestens zum weiteren Bekritzeln geeignet, von Ferne an den Daddel-Klassiker Tetris erinnern würde. Die Darsteller haben hier im Laufe des Abends ein Kletterpensum zu absolvieren und müssen, wenn es schnell gehen soll, höllisch aufpassen, dass sie nicht abstürzen.

Herzerwärmend leichthändig

Eingerichtet wurde der Abend von Jan Gehler, 1983 in Gera geboren und seit dieser Saison fest als Hausregisseur in Dresden engagiert. Gehler scheint ein Faible für Stoffe über jugendliche Rebellen und Außenseiter zu haben. 2011 brachte er eine Adaption von Wolfgang Herrndorfs Ausbüchserroman Tschick zur Uraufführung (Einladung zum Münchner Nachwuchsfestival Radikal Jung), im vergangenen Jahr schickte er Joseph Eichendorffs Taugenichts auf die Reise.

supergut1 560 davidbaltzer uBeeindruckend: Sami Bills Videoprojektionen in der Tetris-Landschaft. © David Baltzer

Mit dem Asperger-Autisten und Handwerkersohn Christopher hat er sich einen weiteren Sonderling vorgenommen – mit veritablem Ergebnis. Gehler schlüsselt Haddons tragikomische, nicht immer klischeefreie Geschichte mit leichter Hand auf und haucht ihr reichlich Leben ein. Er folgt dabei Simon Stephens' Struktur, dem Wechsel aus Spielszenen und Erzählsequenzen (die Ina Pionthek als mitfühlende Lehrerin vorträgt).

Die Arbeit mit Assoziationsräumen funktioniert gut, wenn etwa Christopher nach dem Zerwürfnis mit seinem Vater (ein ebenso bemühter wie überforderter Daddy: Thomas Eisen) den Rucksack packt, abhaut, zum ersten Mal in seinem Leben eine Fahrkarte kauft, Zug fährt und durch die große Stadt irrt, um dort bei seiner Mutter (eine impulsive Frau: Cathleen Baumann) unterzuschlüpfen. Da wird das Quadergebirge mit Soundtrackhilfe und Passantengewimmel zur urbanen Bedrohung, zum sinnlichen Overload, zum Labyrinth für einen Lebensanfänger. Eindrucksvoll auch: die aufwändigen Videoprojektionen von Sami Bill, der dem Strich erstaunliche Beine macht und rasante Zahlen, Buchstaben, Piktogramme auf den schwarzen Grund jagt.

Dass es ein herzerwärmender Abend geworden ist, liegt ansonsten am zu Recht umjubelten Hauptdarsteller. Jonas Friedrich Leonhardi spielt keinen Kranken, er spielt die Krankheit und den Lebenswillen eines Jungen, der in eine ernste Krise gerät, weil ihm die Erwachsenen nicht sagen, was wirklich los ist. Er spielt einen, der unter Mühen und Schmerzen die Primzahlen des Lebens kennenlernt. Und entlockt dieser Geschichte des Andersseins damit das Drama der Befreiung und der Identitätsbildung, um das es eigentlich geht.

 

Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone (DEA)
von Simon Stephens nach dem Roman von Mark Haddon
Deutsch von Barbara Christ
Regie: Jan Gehler, Bühne: Sabrina Rox, Kostüm: Katja Strohschneider, Video: Sami Bill, Musik: Vredeber Albrecht, Licht: Björn Gerum, Dramaturgie: Robert Koall.
Mit: Jonas Friedrich Leonhardi, Ina Piontek, Thomas Eisen, Anna-Katharina Muck, Cathleen Baumann, Jan Maak.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Kritikenrundschau

 

"Ein berührender Stoff und eine unaffektierte Inszenierung", ist Michael Bartsch in den Dresdner Neuesten Nachrichten (17.9.2013) angetan. "Von diesem Theaterabend nahm jeder etwas mit, und sei es nur die Selbstanfrage, wie man sich gegenüber einem solchen Jungen verhalten würde." Jonas Friedrich Leonhardi treffe die Rolle des Christopher "auf anrührende und manchmal bestürzend authentische Weise." "Mit diesem Typ hat man kein Mitleid, mit dem leidet und fiebert und sehnt man."

"Die Inszenierung ist meist schwungvoll und tobt dabei nicht über die Widersprüche der Figuren hinweg", meint Hartmut Krug im Deutschlandfunk (16.9.2013). "Vor allem aber: Sie verkitscht die Schwierigkeiten, die ein Mensch mit dem Asperger-Syndrom besitzt und anderen bereitet, nicht allzu viel." Jonas Friedrich Leonardi gebe den Christopher mit eckigen, leicht verklemmten Bewegungen und oft weggeducktem Kopf als einen ganz normalen Jungen mit besonderen Schwierigkeiten. "Er präsentiert dem dankbaren Publikum eine schöne Identifikationsfigur." Aber trotzdem bleibe die Erkenntnis: "Das Leben mit Christopher ist nicht einfach. Und er ist nicht nur lieb, sondern auch hart und egoistisch."