Freitag, 2. Mai 2008, 18 Uhr

von Esther Slevogt

Es ist kühl und dämmrig, die Stimmung beklommen. Besonders angesichts der Soldaten, ihrem altertümlichem Bürogerät und autoritären Verhalten spült das emotionale Gedächtnis Zeiten wieder hoch, als in Berlin noch die Mauer stand und man sich durch Kontrollpunkte wie diesen fädeln musste, um von einer Stadthälfte in die andere zu gelangen. Bloß dass damals der vorherrschende Dialekt das Sächsische war, während die Herrschaften aktuell nur Englisch sprechen.

Denn wir sind, das erfahren wir bald, im Grenzgebiet zwischen einem North- und einem South-State. Und während es im Nord-Staat angeblich ein hochentwickeltes demokratisches System gibt, herrschen im Süd-Staat Krieg und Anarchie. Weshalb dieses Grenzgebiet, wo sich verschiedene Minderheiten angesiedelt haben, unter dem besonderen Schutz der Nord-Armee steht. Auch Ruby Town.

Doch all das erfährt man nur, wenn man mit den seltsam starr wirkenden Damen und Herren, die die befremdliche Szenerie hier bevölkern, in Kontakt tritt und zu den Verhältnissen befragt. Die gestrenge State-Officerin Vicki-Hope Vinci zum Beispiel, als die ein schwarzes Namensschild eine straff frisierte Blondine in Uniform am Checkpoint ausweist.

Einreise, Schlangestehen 

Doch vorläufig ist sie noch nicht besonders kommunikativ und weist mit roboterhafter Freundlichkeit die Wartenden immer wieder an, nicht aus der Reihe herauszutreten. Man fügt sich mit gewissen Widerwillen und hat derweil Gelegenheit, schon mal einen Blick auf die Gegend zu werfen, deren Besuch Zweck der Reise ins Grenzgebiet zwischen Berlin-Schöneberg und Steglitz war.

In einem abgewrackten ehemaligen Lokschuppen im so genannten Natur-Park Schöneberg nämlich, der eher eine bewachsene Industriebrache ist, hat das Berliner Theatertreffen seinen sperrigsten und spektakulärsten Beitrag untergebracht, die achttägige Dauerperformance des österreichisch-dänischen Künstlerpaars Artur Köstler und Signa Sørensen "Signa": "Die Erscheinungen der Martha Rubin".

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© Arthur Köstler

 

 

 

 

 

 

 

Zu diesem Zweck hat der Bühnenbildner Thomas Bo Nilsson aus Sperrholz, Wellblech, antiken Wohnwagen ein kunstvoll verfallenes Dorf errichtet, das halb Favela, halb Flüchtlingscamp ist, aber auch mit Zigeunerlager- und KZ-Assoziationen spielt. Im Innern der spärlichen Hütten blättern die Tapeten, platzt das Linoleum von vergammelten Fußböden ab. Plüschdecken, Kitschbilder und Plastikgardinen, lassen die engen Räume erst recht vollgestopft und ungepflegt aussehen. Manchmal lassen sie an die morbiden Installationen des französisch-polnischen Künstlers Christian Boltanski denken. Oder an Fotografien des Kanadiers Robert Polidori, die zwanzig Jahre nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl in den damals fluchtartig verlassenen Häusern in der Sperrzone entstanden sind.

Klebrig-süßer Assoziationsumpf 

Die Bewohner dieses Camps rücken den Besuchern alsbald in ihren altertümlichen Garderoben mit merkwürdig entrückter Freundlichkeit und allerlei Übergriffigkeit auf den Leib, wollen Dinge verkaufen, in die Peepshow oder nur in ihre Häuser locken. Ihr Leben wird von einer seltsamen Heiligen namens Martha Rubin dominiert, die in rauschender Robe hoch über dem Dorf, aufgebahrt in einem morbiden Schrein, einen totenähnlichen Schlaf schläft und von Signa Sørensen höchselbst verkörpert wird.

Und von Leo, der sich "der Führer" nennt, ein junger Mann mit hochschaftigen, glänzenden Stiefeln und Fell um die Schultern (Artur Köstler), dessen aasige Freundlichkeit das Blut in den Adern gefrieren lässt und der die für das spirituelle Überleben der Community so wichtige Gabe besitzt, die ständig ins Zwischenreich verschwindende Martha Rubin wieder zurückzuholen. Zuletzt aus einer Matratze, wo man die Verstorbene eingenäht hatte, um den Abtransport ihrer Leiche durch das Militär zu verhindern.

Geschickt leitet die Performance ihre Besucher in einen klebrig-süssen Assoziationssumpf europäischer Untergangsszenarien und Katastrofenerfahrungen, samt der Klischees, die sich im kollektiven Gedächtnis davon abgelagert haben: der jüdische Name der mythischen Ahnin dieses eingekerkerten Paria-Völkchens, ihre in der Diaspora versprengten Nachkommen, die sich nach längerer Wanderschaft an diesem unwirtlichen Stück Land angesiedelt haben, wo keine Pflanze mehr wächst, kein Kind mehr geboren wird, weil das Land verstrahlt ist; die mächtige Schutzmacht North-State, mit ihren korrupten, gewaltbereiten Soldaten, die die Ruby-Towner zugleich schützt und drangsaliert. Und von der man doch sagt, dass sie bald untergehen wird.

Versprechungen und Geheimnisse 

Teile des Szenarios locken mit Versprechungen, die sich nie einlösen werden. Eine leere Bühne mit Harmonium zum Beispiel, auf deren Rückseite ein staubiges Akkordeon liegt, wo nie jemand je auftreten wird. Oder die messianische Martha Rubin selbst, von deren Erscheinen ständig gesprochen wird, ohne dass sie ihre Plüsch-Gruft je verließe.

Doch die Geheimnisse, die sich hier in pittoresker Aufdringlichkeit präsentieren, sind wahrscheinlich gar keine, sondern stoßen die Besucher immer nur auf eigene Klischees und Vorstellungen zurück: Von Zigeunern oder anderen Minderheiten, überhaupt vom Anderssein schlechthin; Von den Abgründen des vergangenen Jahrhunderts. Aber auch von Macht, politischer Unterdrückung, Entfremdung oder sexueller Ausbeutung. Man erfährt nichts, was man nicht eigentlich längst zu wissen glaubt, womit Signas Performance mit einiger Virtuosität auf dem schmalen Grad zwischen Reflexion und Manipulation balanciert und vor allem eindrucksvoll die Erkenntnis-verhindernden Kräfte der Fiktion demonstriert.

 

Zur Übersicht: Neues aus Ruby TownSigna beim Berliner Theatertreffen 2008.

 
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