Sonntag, 4. Mai 2008, 1 Uhr morgens

von Dorothea Marcus

"Willst du heute Nacht hier schlafen?" flüstert mir Camillo ins Ohr. Er hat Locken, trägt Hut und redet schon den ganzen Abend auf mich ein – unter anderem erzählt er mir, wie fantastisch es ist, mit Roumina verheiratet zu sein. Eigentlich war es eine Art Zwangsheirat. Aber mittlerweile lieben sich die beiden sehr, beteuert Camillo. Und jeden Abend arbeitet er daran, dass sie endlich schwanger wird.

Roumina hat allerdings so viel zu tun, dass ich daran nicht glauben kann - mit resolutem Sinn für das Finanzielle verwaltet sie die Peepshow ("Willst du eine Große mit kleinen oder eine Kleine mit großen Brüsten?") Sowie das Lied aus ist und sich die Darstellerin wieder angezogen hat, hört man das Rasseln ihrer Geldbüchse.

Willst du bei mir schlafen? 

Manchmal stellt sich Roumina auch neben Camillo, er küsst sie dann demonstrativ auf den Mund. Eine wahrhaft tolle Ehe! soll ich wohl denken. Aber warum kann ich dann in seinem Bett schlafen? Eigentlich hätte ich es ohnehin schöner gefunden, wenn mich Joseph, der Restaurantbesitzer, gefragt hätte – mehr meine Altersklasse. Aber er wird gerade umarmt von einer jungen Frau mit Rucksack und schwarz gefärbten Haaren. Sie ist extra aus Köln angereist, um die Rubinstädter wiederzusehen und hilft jetzt im Restaurant aus. Ob sie Geld verdient, bezweifle ich - die Ruby Towner ziehen es ihr eher aus der Tasche. Mir auch.

Dem Theatertreffen sei Dank: ohne die wohl kostspieligste Einladung seiner Geschichte wären die Figuren aus Ruby Town für immer im Reich der Fantasie verschwunden (dabei fallen ja noch nicht mal Hotelspesen für die Darsteller an). Auch ein Berliner in Jogginghosen und mit Decke unter dem Arm ist gekommen, schon zur zweiten Nacht, er hat sich oben in einer Abseite des Orakels sein Nachtlager aufgebaut. 25 Euro Eintritt sind immerhin billiger als ein Hotel, denke ich mir. Ruby Town nimmt in der Nacht, wenn es leer, ruhig und ziemlich kalt ist, Ausprägungen einer Geheimsekte oder Kommune an.

"Zeig mir dein Haus", antworte ich Camillo, der einfach nicht aufhört zu reden. Er führt mich zu einem Wohnwagen, wo wir zwischen rosa Plastikblumen und Schwarz-Weiß-Fotos sitzen, ich darf (umsonst diesmal) Wodka trinken und auf sein kunstvoll zerwühltes Bett sehen, dass dennoch irgendwie unbenutzt aussieht. Trotz meiner entschlossenen Bereitschaft zur Verzauberung wünsche ich mir auf einmal, dass Ruby Town mehr wäre als ein Abenteuerspielplatz. Sicher, das Dorf kitzelt niederste Gelüste und Kinderfantasien zugleich, weckt meine archaische Sehnsucht nach einer magischen Welt, die für eine Kritikerin natürlich eminent peinlich ist.

Unmoral, Sensationslust, Spieltrieb

Trotzdem fällt auf: Heute Nacht wird hier einiges an Potential verschenkt. Ruby Town hätte die Chance, die Manipulierbarkeit und ja wirklich vorhandene Bereitschaft seiner Besucher auszureizen. Sie an Grenzen zu führen, wo Moral, Unmoral, Sensationslust, Spieltrieb und niedere Instinkte zu einer trüben Brühe werden - und man selbst erschrocken aufwacht, wohin man eigentlich getrieben wurde. Ist das hier nicht ein Unrechtsstaat?

Warum werde ich nicht dazu aufgefordert, jemanden zu bespitzeln? Zum zivilen Ungehorsam angestachelt, zur Parteinahme gezwungen? Warum hat mir keiner das Handy abgenommen? Warum animieren sie mich nicht einmal mehr zum Schmuggeln? Warum machen sie keinen Aufstand, um mehr Lebensmittel zu bekommen und versuchen, mich hineinzuziehen? Wo in Köln manchmal noch ein Rubytowner in den Sanitätsraum gestoßen und vielleicht gefoltert wurde, herrscht in Berlin zwischen Militär und Bewohnern ein liebevolles Miteinander. Aber Frieden ist dramaturgisch uninteressant.

Ich versuche Camillo zu erzählen, was mir heute Nachmittag ein anderer verraten hat: dass er einst mithalf, die Mutter eines Rubytowners auf ein Minenfeld zu
treiben. Ein Mord, scheint mir. Greife ich jetzt in die Geschichte von Ruby Town ein? War es meine Pflicht oder ein Verrat? Camillo zuckt mit den Achseln. "Ach, die war ohnehin verrückt." Ich bin enttäuscht. Die Fiktion ist unergründlich, aber bereits zu den Akten gelegt. Ich habe auf einmal den Verdacht, dass hier das Skript abhanden gekommen ist. Oder überarbeitet werden müsste.

Bleib doch noch! 

Oder brauchen die Ruby Towner bei acht Tagen Dauerperformance einfach einen längeren Atem, vielleicht gibt es ja in ein paar Tagen die Revolution? Ich flüchte vor Camillo, der einfach zuviel redet und gehe wieder zu Joseph. "Du warst doch heute Nachmittag schon mal da", sagt er, und ich höre seinen rheinischen Akzent heraus. Welcher Anteil ist noch Figur, welche Schauspieler, vielleicht könnten wir ja mal in Köln...

Ich sehe auf die Uhr. Es ist vier Uhr morgens. "Bleib doch noch", sagt er. "Ich kann nicht…" sage ich und höre mich schlimm vernünftig an. Er bringt mich zum Ausgang und umarmt mich kurz und heftig. Ich werde ihn nie wiedersehen, denke ich auf dem S-Bahnsteig. Ein wenig Trauer kann ich nicht unterdrücken.

 

Zur Übersicht: Neues aus Ruby TownSigna beim Berliner Theatertreffen 2008.

 
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