Das Überzeitliche von vorgestern

von Stefan Schmidt

Hamburg, 9. Juni 2017. Nach zwei Stunden ist sie endlich da: die Katastrophe! Da hat sich auf der Bühne des Hamburger Thalia Theaters das Schicksal des Hafenarbeiters Eddie Carbone erfüllt, das US-Autor Arthur Miller Mitte der 1950er Jahre für ihn vorgesehen hat. Der arme Mann ist zum Verräter geworden, getrieben von Eifersucht und Geilheit, und das büßt er mit dem Tod.

Antikisch

Es sind die ganz großen Themen, die in "Blick von der Brücke" verhandelt werden: Liebe, Schuld, Rache, Ehre , Recht, Gerechtigkeit, Sühne und Moral. Bei der Bearbeitung des Stoffs um zwei illegale italienische Einwanderer, die in New York bei Verwandten unterkommen und deren trügerische familiäre Ruhe aufmischen, hat sich Miller erkennbar an den Tragödien der Antike abgearbeitet. Der belgische Regisseur Ivo van Hove sucht in seiner international gefeierten Inszenierung des Stücks denn auch so konsequent wie penetrant nach dem sakral Überzeitlichen, dem allgemein (Un-)Menschlichen der Vorlage. Was er allerdings hinter dem Sozialdrama aus der Mitte des 20. Jahrhunderts findet, ist reichlich weltliches Pathos von vorgestern.

Van Hoves preisgekrönter Annäherung an Millers Text kommt vom renommierten Odéon-Théatre de l'Europe, beim Festival "Theater der Welt" in Hamburg wird sie mit deutschen Übertiteln gezeigt. Die Begegnung mit voneinander abweichenden Regieverständnissen, mit ungewohnten Schauspielästhetiken ist hier also gewünscht. "Vu du Pont" – so der französische Originaltitel der Produktion – ist allerdings gar nicht wirklich ungewöhnlich. Die Inszenierung wirkt eher aus der Zeit gefallen.

Vu du point2 560 Thierry Depagne u©Thierry Depagne

Der Regisseur zelebriert eine große Geste nach der anderen. Die Schauspieler psychologisieren sich statisch von Szene zu Szene, jede davon eher ein Gemälde als eine Handlung in Aktion, begleitet von einem unheilvoll wabernden Klangteppich. Jeder Blick, jede Armbewegung, jeder Schritt will hier etwas Konkretes bedeuten, ist ein weiterer Baustein der sich unabwendbar aufbauenden Tragödie. Millers Kunstgriff in der Textvorlage besteht darin, die Geschichte durch einen nur am Rande beteiligten Rechtsanwalt erzählen zu lassen: eine nachträgliche Rechtfertigung eines Vertreters der etablierten Gesellschaft dafür, dass er die Eskalation des Wirtschaftsflüchtlingsdramas nicht verhindert hat. Regisseur van Hove spitzt diese behauptete Unabwendbarkeit der Katastrophe räumlich zu.

In der Box

Die Figuren befinden sich im Innern einer Box, eines schwarzen Quaders, dessen äußere Hülle sich zu Beginn der Inszenierung anhebt, um den Blick der Zuschauer auf einen Kampfplatz freizumachen, auf eine enge weiße Fläche, begrenzt von einer viereckigen Mauer aus Plexiglas mit einer schwarzen Sitz- und Liegefläche darauf. Links und rechts neben dieser kantigen Arena auf der Bühne befinden sich Publikumstribünen. Die Darsteller sind also eingepfercht, agieren auf drei Seite eingekesselt von Zuschauern. Eine wirkungsvoll klaustrophobische Grundsituation, die Bühnenbildner und Lichtdesigner Jan Versweyveld geschaffen hat: Leben unter ständiger Beobachtung durch andere. Haute surveillance!

Vu du point 560 Thierry Depagne u© Thierry Depagne

In diesem Setting gelingen immer wieder einzelne einprägsame Szenen, etwa wenn Hafenarbeiter Eddie, seine Frau, beider Ziehtochter Catherine und die illegal eingewanderten Cousins Marco und Rodolpho beklemmend nah und gleichzeitig gefühlt unendlich weit voneinander entfernt nebeneinander kauern. Jede(r) weiß um die Abgründe des/der anderen. Alle blicken betreten zu Boden. Da wird die Spannung zwischen den Figuren in der Stille und Bewegungslosigkeit auf der Bühne physisch spürbar. Ein atemberaubender Moment.

Nur: Dann friert auch diese Szene in der betonten Bedeutungsschwere von Sounddesign (Tom Gibbons) und Inszenierung ein, dann verpuffen in den künstlich geweiteten Augen der Darsteller die Figuren zu Typen. Und das ist schade, denn in der Produktion sind durchaus beachtliche Schauspielkünstler am Werk, allen voran Charles Berling, der den Eddie mit wenigen, prägnant gesetzten Nuancen gekonnt zwischen dem zu sehr liebenden Ziehvater, dem desillusionierten Hafenarbeiter, dem selbstgefälligen Lüstling und dem zerstörerischen Monster hin- und herbalanciert. Selbst dieser versierte Charakterdarsteller muss aber immer wieder in das Korsett des gebückt gehenden, allzu offenkundig Lasten tragenden Schuldlos-Schuldigen zurückkehren. Statt (gedankliche) Freiräume zu schaffen für Schauspieler und Zuschauer, engt diese Inszenierung ein, gefällt sich selbst allzu sehr in der Darstellung des vorhersehbaren Schreckens.

Plakative Posen

Besonders deutlich wird das am Beispiel von Nicolas Avinée, der den Rodolpho gibt. Als dieser junge Wirtschaftsflüchtling aus Sizilien zum ersten Mal auftaucht, mischt er die Bühnengesellschaft ordentlich auf, wirkt glaubwürdig als Projektionsfläche für Sehnsüchte und Träume, als einer, der als Fischereigehilfe Afrika gesehen hat, der singen, kochen und nähen kann, der die 17-jährige Catherine für Kino und Theater begeistert und schnell erobert. Unbeholfen charismatisch und jungenhaft-pummelig verführerisch. Nur muss dieser überzeugend witzige Hallodri-Draufgänger im Verlauf der Inszenierung erzittern und erstarren im Angesicht des Möchtegern-Übervaters Eddie, der in Wirklichkeit am liebsten selbst der Auserwählte seiner Ziehtochter wäre und deshalb Rodolpho und dessen Bruder an die Einwanderungsbehörde ausliefert. Schlimm genug – aber unter der Last des Geschehens muss doch nicht gleich jede schauspielerische Leichtigkeit zugunsten von plakativen Posen verlorengehen!

Aktuelle Bezüge zur Handlung lassen sich natürlich mühelos herstellen, und gerade deshalb ist es erstaunlich, wie betont distanziert diese Inszenierung daherkommt. Mehr als einen "Blick von der Brücke" auf die unterstellte Tragik der Elenden dieser Welt bietet dieser Abend nicht. Am Schluss senkt sich die schwarze Hülle des Quaders wieder hinab auf das Bühnenpersonal. Die Geschichte ist auserzählt, das Leid der Einwanderer verschwindet.

 

Vu du Pont / Blick von der Brücke
von Arthur Miller
Französisch von Daniel Loayza
(in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln)
Regie: Ivo van Hove, Bühne und Lichtdesign: Jan Versweyveld , Kostüme: An d’Huys, Ton: Tom Gibbons, Dramaturgie: Bart van den Eynde, künstlerische Mitarbeit: Jeff James, Vincent Huguet.
Mit: Nicolas Avinée, Charles Berling, Pierre Berriau, Frédéric Borie, Pauline Cheviller, Alain Fromager, Laurent Papot, Caroline Proust.
Original Produktion des Young Vic London, 2014. Eine Produkti­on des Odéon-Théâtre de l‘Europe in Koproduktion mit Théâtre Liberté – Toulon.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.theaterderwelt.de
www.theatre-odeon.eu
www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

"So eine starke, intensive Inszenierung wie die des flämischen Regisseurs Ivo van Hove gab es am Alstertor seit Jahren nicht", meint Stefan Grund in der Welt (12.6.2017). Das Geschehen habe die Zuschauer tief bewegt: "Das lag zum einen daran, dass sich die umwerfenden Schauspieler in der psychologisch sauber sezierenden Arbeit die Seele aus dem Leib spielten. Zum anderen liegt der Erfolg in der puristisch strengen Regieführung in Kombination mit der kargen Ausstattung der Bühne als einer Art Blackbox begründet." Das Stück sei "in dieser Inszenierung mehr als ein Triebdrama, mehr als ein Arbeitermärchen, es ist eine vollendete Tragödie." Fast choreografiere "van Hove die einzelnen Szenen eher, als Regie zu führen. Starke sakrale, opernhafte Klänge steuern die Stimmung der Schauspieler und des Publikums gleichermaßen. Zum Schluss waren alle überwältigt."

Für Annette Stiekele vom Hamburger Abendblatt (12.6.2017) war Ivo van Hoves Inszenierung "ein gelungenes Beispiel der erhabenen, aber auch ein wenig starren französischen Schauspielkunst. Dort schätzt man das wohlgeformte Wort, und das hervorragende Ensemble um Charles Berling löst dies ein. Allerdings wirkt der mit der Wucht einer antiken Tragödie erzählte Konflikt um einen Ziehvater, der die Eheschließung seiner Nichte mit einem Einwanderer um jeden Preis verhindern will, veraltet, das melodramatische Ende künstlich."

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