Soll man ihn freisprechen?

von Gabi Hift

Berlin, 10. Februar 2019."Reptil!", "Hersteller künstlicher, eitler und unnützer Bücher!" – so und noch ärger hat Bertolt Brecht über Thomas Mann gelästert. Vor 15 Jahren stand dieses Reptil im Zentrum eines Dreiteilers "Die Manns – Ein Jahrhundertroman", der so erfolgreich war, dass die Familie Mann seitdem als so etwas wie die deutsche Königsfamilie gilt. Und nun hat sich der Schöpfer dieses Dokudramas, Heinrich Breloer, für sein neues Projekt ausgerechnet den ausgesucht, der seinen ersten Helden so gehasst hat.

Breloer ist keiner, der Genies die Maske herunterreißen und den gestörten Wicht dahinter bloßstellen will. Er nähert sich seinen Subjekten aus einer Position der Bewunderung für ihr Werk. Das Format des Dokudramas, bei dem Originaldokumente und Interviews mit Zeitzeugen neben Spielfilmszenen stehen, hat er erfunden. Es war aufregend, wegen seiner Offenheit, sollte, ganz im Sinn von Brechts epischem Theater, die Zuschauer zum selbständigen Denken bringen. Heute gilt die Form gelegentlich als verstaubt, tauglich höchstens zu mäßig kritischem Bildungsbürgerfernsehen. Bei "Brecht" zeigt sie sich von beiden Seiten.

BrechtBreloer 560 WDR NikKonietzky uDer junge Bert Brecht (Tom Schilling) und Elisabeth Hauptmann (Leonie Benesch) Ende der 1920er Jahre in Berlin © WDR / Nik Konietzky

Teil 1 umfasst den Zeitraum von Brechts Schulzeit während des Ersten Weltkriegs bis zu seiner Flucht 1933. Gehetzt von der schieren Menge des Stoffs rutscht die Erzählung in einen "und dann... und dann … und dann"-Modus ohne klaren Fokus. Teil 2, der von Brechts Rückkehr aus dem Exil bis zu seinem Tod in der DDR 1956 reicht, entwickelt hingegen einen beachtlichen Sog und bringt einen zum Denken. Die Jahre des Exils lässt Breloer einfach aus.

Brecht und die Frauen

Den ersten Teil erzählt Breloer an den Frauengeschichten entlang, um die man bei Brecht natürlich nicht herumkommt. Auch wer sonst nicht das Geringste über Brecht weiß, hat von den vielen Frauen gehört, die er – je nach Betrachtungsweise – ge- oder missbraucht, ausgebeutet, geschwängert, geheiratet oder zu Grunde gerichtet hat. Ohne die er nicht sein konnte und ohne die es seine Werke nicht gegeben hätte. Breloer stellt diese Frauen nicht als bemitleidenswerte Opfer dar, sondern als eigenständige, faszinierende Personen.

BrechtBreloer1 560 WDR StefanFalke uDie  Mutter von Hanne Hiob: Marianne Zoff (Friederike Becht) mit Bert Brecht (Tom Schilling)  © WDR / Stefan Falke

Gespielt werden sie von vier hinreißenden Schauspielerinnen: Mala Emde als Paula Banholzer, "Bi", ist wunderbar ernst und störrisch und besonders, wenn sie sagt: "Aber ich bin nichts Besonderes, gar nicht." Friederike Becht als Marianne Zoff glitzert und leuchtet und wirbelt wie ein Hollywoodstar der dreißiger Jahre, mit schiefem spöttischem Lächeln und Augen wie schwarze Seen. Leonie Benesch als junge Elisabeth Hauptmann balanciert fast durchsichtige Zartheit mit sommersprossiger Widerspenstigkeit. Lou Strenger als junge Helene Weigel schließlich trifft deren Tonfall beim Lied "Lob des Kommunismus" so perfekt, dass man eine Gänsehaut bekommt.

... aber etwas fehlt

Jede dieser vier Frauen glänzt auf ihre Art, und lustig sind sie auch. Man versteht vollkommen, wieso Brecht sie haben wollte, nur wie er sie herumgekriegt hat, versteht man nicht. Alles wird bloß behauptet und man bleibt mit dem Gefühl zurück, dass das, was man da sieht, niemals so gewesen sein kann. Zwar hat Tom Schilling viel von dem speziellen Charme, den die Fotos des jungen Brecht ausstrahlen: den schüchternen und doch vorwitzigen Blick, die großspurige Allüre, so kindlich übertrieben, dass es schon wieder liebenswert ist. Er kann gut singen und Gitarre spielen, vermutlich besser, als Brecht es konnte. Aber etwas fehlt.

BrechtBreloer2 560 WDR NikKonietzky uNach dem Krieg: Helene Weigel (Adele Neuhauser) und Bertolt Brecht (Burghart Klaußner) © WDR / Bernd Spauke

Auch von Brechts politischer Entwicklung bekommt man im ersten Teil kaum etwas mit. Es ist ein rasender Ritt durch die Geschichte der Zwischenkriegszeit und wer nicht ganz sattelfest ist, wird schon bald nichts mehr verstehen. Schon gar nicht, wie das Sein Brechts Bewusstsein bestimmt.

Einladung zum Mitdenken

Der zweite Teil beginnt mit den Dokumentaraufnahmen von Brechts Vorladung vor das "Komitee für unamerikanische Umtriebe" . Damit ist sehr klar der Ton gesetzt: Ab jetzt soll und darf man mitdenken. Man kann es großartig schlitzohrig finden, wie Brecht sich 1947 aus der Affäre gezogen hat. Oder man kann finden, dass er den amerikanischen Genossen in den Rücken gefallen ist, weil er ohnehin wusste, dass er am nächsten Tag die USA verlassen würde.

Dann folgen die Jahre in der DDR. Brecht wird jetzt von Burghart Klaußner gespielt, Helene Weigel von Adele Neuhauser. Kurz denkt man noch über Ähnlichkeiten nach (Klaußner: nicht so sehr, Neuhauser: enorm), dann ist man gefangen. Das vielfältige dokumentarische Material verschmilzt völlig organisch mit den Spielszenen. Breloer konnte eine ganze Anzahl von Mitarbeitern aus der Zeit interviewen. Besonders aufschlussreich ist das Gespräch mit B.K. Tragelehn. Ganz anders als im ersten Teil wissen jetzt Schauspieler und Regisseur, "wie er es gemacht hat".

BrechtBreloer4 560 WDR NikKonietzky uBerlin 1952: Brecht probt "Der Hofmeister" in dem Kammerspielen des Deutschen Theaters, wo das Berliner Ensemble 1949 gegründet wurde. © WDR / Nik Konietzky

Weit über die Hälfte der Zeit sieht man Brecht und seine Mitarbeiter bei Theaterproben. Das ist so überzeugend gemacht, dass man das Gefühl hat, man säße selbst dabei, etwa als einer von Brechts Meisterschülern. Klaußner spielt die Figur Brecht nicht oder arbeitet sich an irgendeinem Charakter ab – er handelt: Er inszeniert eine Szene. Neuhauser spielt nicht die Weigel – sie probt "Mutter Courage". Und Breloers Text ist in diesen Szenen nicht mehr hölzern wie im ersten Teil, sondern funktioniert perfekt. Alles wird gezeigt, nichts erklärt.

#Metoo-Urszene im Urfaust

Eine Schauspielerin hat sich in einer Szene zu beklagen. Brecht schlägt vor, sie solle es statt zu ihrem Partner nach vorne sprechen, mit denselben Worten. Sie solle jedoch dem Publikum ganz sachlich erklären, was los ist. Sie tut's und man erlebt unmittelbar, dass die Wirkung der Worte so eine völlig andere ist – und hat das Epische Theater begriffen.

BrechtBreloer5 560 WDR NikKonietzky uLegendär: Helene Weigel (Adele Neuhauser) 1949 als Mutter Courage. Links: Angelika Hurwicz (Marie Louise Stahl) als Courage-Tochter Katrin © WDR / Nik Konietzky

An einer anderen Stelle nimmt Brecht einen Vorschlag der jungen Schauspielerin Käthe Reichel auf, die gerade die Gretchenszene "bin weder Fräulein weder schön" probt. Während er ihr vormacht, wie sie nach dem Satz zuerst weggehen, dann, nach ein paar Schritten, plötzlich denken "Da ist was passiert! Das wird mein Leben verändern!" und sich erschrocken zu Faust zurückdrehen soll, weiß man: genau in dieser Sekunde hat Brecht sie verführt. Man sieht aber auch: genauso muss sie die Szene spielen! Er demonstriert ihr, wie das Begehren aufflammen soll: mit Verzögerung, aber dann wie ein Blitz, sie macht es nach, fühlt es, und schon "hat" er sie. Schauspielerin und Frau stecken im selben Körper. Er hat die junge Frau, die ihn gerade noch körperlich abstoßend fand, vor aller Augen dazu gebracht, ihn zu wollen. Und er hat gleichzeitig das, was er da zwischen ihnen angezündet hat, benutzt, um einen magischen Theatermoment zu erschaffen. Das alles kann man in der kurzen Szene mitverfolgen – und sieht die Urszene aller #metoo-Augenblicke am Theater vor sich. Hat Brecht seine Macht missbraucht? Als Mann aber auch als Regisseur? Ist das zu trennen? Waren die Verhältnisse schuld? Hätte ein Einzelner soviel Macht gar nicht haben dürfen? Aber musste er sie nicht haben, er, das Genie, der gegen alle Widerstände eine neue Art des Theaters durchsetzen wollte?

Ständig die Augen verschließen

In anderen Szenen erlebt man mit, wie Brecht und Weigel sich durch die entsetzliche Dummheit der Nomenklatura durchlavieren müssen. Erschütternde Szenen: Martin Pohl, einer der Meisterschüler, ist nach zwei Jahren Haft entlassen worden und sitzt nun Brecht gegenüber. Er erzählt, dass er gefoltert wurde und ein falsches Geständnis abgelegt hat. Brecht braust auf, ehrlich erschüttert, will sofort ganz oben intervenieren. Pohl sagt erstaunt, das hätten doch aber alle gewusst. Und es wird klar, dass Brecht es tatsächlich gewusst haben muss, nichts unternommen hat, und es so vollkommen verdrängt hat, dass er jetzt wirklich entsetzt war. Es ist kaum möglich, zu sagen, wie gut diese Szene gespielt ist und wie gut geschrieben – weil man sie nicht mehr als Spiel oder erfunden erlebt, sondern wie wild nachdenkt, wie Brecht anders hätte handeln können, ohne alles zu verlieren.

Ebenso geht es einem mit Brechts Verhalten beim Aufstand vom 17. Juni. Es schnürt einem die Brust ab, zu sehen, wie Brecht und Weigel und alle Mitarbeiter, die nach und nach zu ihnen stoßen, in diesem wahnsinnigen Zwiespalt stecken, beim Aufbau einer neuen Gesellschaft mitzuwirken, einem neuen Theater, das wahrhaftiges Lehrtheater wäre, in dem alle voller Lust herausfinden könnten, wie das Leben der Menschen besser werden könnte – während rundherum das Experiment "real existierender Sozialismus" zur Diktatur verkommt und sie ständig die Augen verschließen müssen, um ihre Position zu halten.

BrechtBreloer3 560 WDR NikKonietzky uBertolt Brecht (Burghart Klaußner) wenige Monate vor seinem Tod im Jahr 1956 © WDR / Nik Konietzky

Zuletzt sieht man Brecht an der Inszenierung von "Galileo Galilei" arbeiten, der abschwört und sein Wissen an die Herrschenden verrät, um zu überleben. Die Anderen sagen, er habe seine Hände befleckt, Galileo aber antwortet: "Besser befleckt als leer". Breloer fragt B.K. Tragelehn, ob er meint, Brecht hätte gewusst, dass er hier über sich selbst schrieb. Und Tragelehn antwortet, es gäbe zweierlei Wissen – ein intellektuelles Wissen und ein Wissen der Kunst. Und: "Na ja – er hats geschrieben, nicht?"

So funktioniert der zweite Teil von "Brecht" tatsächlich fast wie ein Brecht'sches Lehrstück. Man denkt nach, was Brecht getan hat, um für sich und die Seinen zu erreichen, was er wollte. Man sieht, welche Kompromisse er eingegangen ist, dass es zum Teil furchtbare Kompromisse waren. Dass er gewonnen hat. Dass er daran krepiert ist. Soll man ihn verurteilen? Soll man ihn freisprechen? Hätte er besser handeln können? Wie?

 

Brecht
Fernsehfilm in zwei Teilen
Buch und Regie: Heinrich Breloer, Kamera: Gernot Roll, Szennenbild: Christoph Kanter, Kostümbild: Ute Pfaffendorf, Maske: Silka Lisku, Musik: Hans P. Ströer, Schnitt: Claudia Wolscht.
Mit: Tom Schilling, Burghart Klaußner, Lou Strenger, Adele Neuhauser, Franz Hartwig, Ernst Stötzner, Leonie Benesch, Trine Dyrholm, Mala Emde, Friederike Brecht, Laura de Boer, Maria Dragus, Franz Dinda, Thimo Meitner, Anatole Taubman, Oscar Olivo, Anna Herrmann, Götz Schubert.
Termin der Erstsendung: 22. März 2019 (ARTE), 27. März 2019 (ADR)
Dauer: Zwei mal 90 Minuten .

www.ard.de

 

Mehr Brechtfilme? In Mackie Messer. Brechts Dreigroschenfilm spielt Lars Eidinger den armen BB.

Kommentare

Kommentare  
#1 Filmkritik Brecht: differenziertEmeli Hase 2019-02-11 11:20
Mitreißende, sehr differenzierende Besprechung! Danke, ich werde mir den zweiten Teil AUF JEDEN FALL anschauen.
#2 Filmkritik Brecht: Ruth Berlau fehltgerold ducke 2019-02-11 14:47
Sehr gute Besprechung, da kann ich nur zustimmen.
Nur zwei Anmerkungen: Ruth Berlau fehlt. Kommt sie im Film nicht vor? Sie war doch Brechts große Liebe und hat am meisten gelitten. Und eine Erinnerung an den wunderbaren Film von Jan Schütte: "Abschied - Brechts letzter Sommer" (2000?) mit Bierbichler.
#3 Filmkritik Brecht: Berlau-ErgänzungGabi Hift 2019-02-11 16:22
Lieber Gerold Ducke,
Doch, Ruth Berlau kommt vor, sie spielt sogar eine prominente Rolle- es war nur in der Kritik nicht genug Platz für alles- danke für die Frage, jetzt kann ich es hier noch anfügen. Sie wird von Trine Dyrholm gespielt, einer prominenten dänischen Filmschauspielerin. Berlau/Dyrholm steht als Figur und gleichzeitig als Schauspielerin mit einem etwas anderen Spielstil auf sehr interessante Weise quer zum restlichen Enseble. Berlau ist die Einzige von Brechts Frauen, die weder bereit war, sich aus seinem Leben zurückzuziehen, noch sich mit den Bedingungen abzufinden, die für diejenigen Frauen galt, an denen Brecht das sexuelle Interesse verloren hatte, aber nicht das Interesse an ihrer Mitarbeit. Im Film sieht man, wie sie Brecht eine herzzerreißende Szene nach der anderen auf den Proben macht und wie Brecht das an sich abperlen lässt ohne mit der Wimper zu zucken- er ist in keinster WEise bereit sich zu entschuldigen. Aber er versucht auch nicht, sie loszuwerden, obwohl sie ständig Szenen macht- sie bleibt immer weiter die Fotographin der Truppe, und wird, sobald sie sich wieder "vernünftig" verhält, in alle Disskussionen mit einbezogen. Anders als Helene Weigel, die "die gemeinsame Sache" über alles stellt und versucht, ihre Verletztheit möglichst wenig zu zeigen, kämpft Ruth Berlau immer weiter, beklemmend zu sehen, weil sie so chancenlos ist. Dryholm spielt ihre Rolle psychologischer, "filmischer" als die anderen Schauspielerinnen- man könnte sagen: ganz und gar nicht brechtisch- eine gute Übersetzung für die Außenseiterrolle, in der Ruth Berlau sich befunden haben muss, weil sie sich so wenig beherrschen konnte - oder : sich so wenig beherrschen lassen wollte.
#4 Filmkritik Brecht: sündlose SteinewerferClaus Günther 2019-02-12 22:10
Sündlose Steinewerfer – zu Brecht
Danke, Gabriele Hift! Natürlich hat Brecht über sich selbst geschrieben, über seine Konflikte. Natürlich sind da Parallelen vom Katholizismus zum Stalinismus. Aber natürlich gibt es kein Schwarz und Weiß. Natürlich gibt es diesen Widerspruch in sich, den der INQUISITOR als Prototyp des Machthabers im GALILEI benennt: "Was käme heraus, wenn diese alle, schwach im Fleisch und zu jedem Exzeß geneigt, nur noch an die eigene Vernunft glaubten, die dieser Wahnsinnige für die einzige Instanz erklärt!". Denn ist der Glaube an die Vernunft bei den Schwachen im Fleische und Exzessgeneigten mehr als eine Lebenslüge? Drehen die Menschen sich nicht immer nur im Kreise ihrer animalischen Fleischesschwäche? Heutzutage hat selbst die katholische Kirche unter der so lange und so gut unter den Teppich gekehrten Fleischesschwäche schwer zu leiden.
Natürlich gibt es immer jene, die reflexartig und bis zur Erschöpfung Steine werfen als Symbol ihrer Sündlosigkeit. Danke nochmals Gabriele Hift, dass sie mit Fragen enden und nicht mit der Arroganz der Steinewerfer: "Soll man ihn verurteilen? Soll man ihn freisprechen? Hätte er besser handeln können? Wie?" Ich frage weiter: "Steht es uns zu, ihn zu verurteilen oder freizusprechen? Würden wir besser handeln? Wenn ja, was gibt uns die Gewissheit?"
Ein berühmter Kampfspruch aus dem GALILEI ist: "Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!"
In den Anmerkungen zur "Mutter" hat sich Brecht mit Blick auf den Stalinismus deutlich zurückgenommen: "Nicht im Finden und Aussprechen der Wahrheit zeigt sich das, was Klugheit genannt wird, sondern im Finden der Unwahrheit und der größeren oder geringeren Feinheit des Verschweigens." Feinheit hat die Konnotation von Feigheit. Aber ist es feige zu schweigen angesichts überaus geschickt gewebter Lügengespinste, gegenüber denen die Zumutungen der Wahrheit wenig Überzeugungskraft ausstrahlen?
Nochmals vielen Dank, Gabriele Hift! Eigentlich bin ich in Castorfs GALILEO GALILEI gegangen, weil ich dachte, es werden solche Fragen verhandelt. Ich habe mich getäuscht oder Castorf nicht verstanden.
#5 Filmkritik Brecht: Wer kann dichten wie er?nachgeboren 2019-02-13 10:23
Es stünde jedem zu, Brechts Handeln zu verurteilen oder zu begrüßen, der besser oder zumindest genauso gut und viel gut dichten könnte als er konnte. Kann das wer? (ich schätze, Castorf weiß das)
#6 Filmkritik Brecht: schöner ErfolgGabi Hift 2019-02-13 16:38
#nachgeboren: Meinen Sie dann auch, dass es Brecht nicht zustand, die Handlungen von Galileo Galilei zur Diskussion zu stellen, da er doch keinesfalls ein so guter Astronom war wie dieser? Genauso auf dieser Linie argumentiert übrigens Galilei im Stück, wenn er auf die Kritik seiner Schüler, er habe sich die Hände befleckt, antwortet: "Besser befleckt als leer." Damit sagt er, dass die Erkenntnisse, die er gewonnen hat, und vor allem die, die er- und nur er- noch haben kann, falls er weiterlebt, so wichtig für die Menschheit sind, dass keiner ihn kritisieren soll, der nicht zu ebensolcher oder besserer Arbeit fähig wäre. Brecht hat diese Replik Galileis geschrieben, der wohl in mancher Hinsicht sein Alter Ego war, aber stellt diese Haltung in seinem Stück zur Diskussion. Und hat es damit ausgelöst, dass selbst heute noch darüber gestritten wird- so wie hier gerade eben. Ein schöner Erfolg für Brecht, jedenfalls.
#7 Filmkritik Brecht: verdichtetnachgeboren 2019-02-13 19:28
#Gabi Hift: Eben. Weil: Er hat seine Kritik - in jeder Hinsicht - verdichtet... Das ist eben etwas anderes, als wen oder was in unliterarischer Form kritisieren.
Gegen eine Kritik von Newton, Helmholtz, Einstein, Herschels Tochter oder Baade hätte Galilei sicher nichts einzuwenden gehabt, im Gegenteil, sie dürfte ihm sehr viel Vergnügen und frischen Lebensmut bereitet haben!
#8 Filmkritik Brecht: Galilei als HeldClaus Günther 2019-02-16 21:48
GALILEI als Held
Hallo Gabi Hift, GALILEI spricht es nur nach: „Besser befleckt als leer. Klingt realistisch. Klingt nach mir. Neue Wissenschaft, neue Ethik.“ Davor war sein Schüler ANDREA überwältigt, weil ihm GALILEI, der Gefangene der Inquisition, eine Abschrift der „Discorsi“ zukommen ließ: „Mit dem Mann auf der Straße sagten wir: Er wird sterben, aber er wird nie widerrufen. – Sie kamen zurück: Ich habe widerrufen, aber ich werde leben. – Ihre Hände sind befleckt, sagten wir – Sie sagten: Besser befleckt als leer.“ Der Dialog mit ANDREA geht über in den großen Schlussmonolog, die Selbstanklage GALILEIs: „Ich habe meinen Beruf verraten.“ – „Wie es nun steht, ist das Höchste, was man erhoffen kann, ein Geschlecht erfinderischer Zwerge, die für alles gemietet werden können.“ Sie versorgen als Knechte die Machthaber mit Wissen, „es zu gebrauchen, es nicht zu gebrauchen, es zu mißbrauchen, ganz wie es ihren Zwecken dient“.
GALILEI meint also keinesfalls, dass ihn keiner kritisieren soll, ja er bezichtigt sich sogar in übertriebener Weise selbst; aber er weist auf die Tatsache hin, dass es ohne seine „Feigheit“ sein wissenschaftliches Vermächtnis, die „Discorsi“, nicht gegeben hätte. Diese „Discorsi“ allerdings sind Zeugnisse der Glaubwürdigkeit, sie sind gerade kein Kniefall vor der Inquisition.
Deutlich vor Brecht hat Henrik Ibsens „Volksfeind“ Tomas Stockmann in bescheideneren und überschaubaren Verhältnissen seinen Erkenntnisdrang und seine Wahrheitsliebe auf den Prüfstand stellen dürfen. Er hat als „Arzt“ und „Wissenschaftler“ herausgefunden, dass das Wasser im Kurort, dessen Wohlergehen von den Badegästen abhängt, gesundheitsgefährdend ist und rechnet mit Dankbarkeit, „dass so eine wichtige Wahrheit endlich an den Tag kommt“. Doch sein Bruder, der Bürgermeister des kleinen Ortes, weiß: „Einzig und allein das Bad garantiert der Stadt eine sichere Zukunft.“ Deshalb ist er von der Gesundheitsgefährdung durch die Wasserverhältnisse nicht überzeugt. Für ihn gilt eine andere „Wahrheit“: Tomas Stockmann ist „ein unruhiger, streitsüchtiger, rebellischer Geist“, der sich mit seiner „Unbeherrschtheit“ selbst am meisten schadet. In seiner „Funktion als kleiner Angestellter des Bades“ hat er „kein Recht auf irgendeine Überzeugung“, die im Widerspruch steht zu der seiner Vorgesetzten. Wenn diese ihm etwas verbieten, hat er – in seiner beruflichen Position - zu gehorchen.
Großtuerisch suggeriert Brecht, es hätte erreicht werden können, dass „Wissen einzig zum Wohle der Menschheit“ – angewendet würde, wenn GALILEI widerstanden hätte.
Tomas Stockmann wäre nicht in solch missliche Lage geraten, wenn GALILEI widerstanden hätte, hä?
Die heutige Realität ist ganz eindeutig, dass Wissenschaftler als „Zwerge“, die nicht einmal besonders „erfinderisch“ sein müssen, als „kleine Angestellte“, die in ihrer beruflichen Funktion „kein Recht auf eine eigene Überzeugung“ haben, die Interessen ihrer Vorgesetzten und Arbeitgeber zu vertreten haben. Sie haben sich adaptiert; in überwältigender Mehrheit würden sie niemals mit eigenwilligen Bekundungen von „Gesundheitsgefährdungen“ ihre „fristlose Kündigung“ riskieren, sondern bei entsprechenden Verdachtsäußerungen in selbstverständlichem vorauseilendem Gehorsam aufgrund eigener wissenschaftlicher Expertise zu dem Resultat gelangen, „dass der Sachverhalt nicht im Entferntesten so gefährlich oder bedenklich ist,“ wie vermutet.
Glücklich das Land, das Helden hat wie GALILEI !
#9 Brecht-Film Breloer: Bewunderungseposmichael haller 2019-03-21 21:59
Keinerlei, nicht für eine Sekunde, kritische Beleuchtung des Herrn Brecht.Noch nicht mal zu seinem skandalösen Verhalten zum 17ten Juni. Allein aus der Sicht des Endlosbewunderers sollte kein Film gedreht werden. Den ersten Teil mit Konfirmandengesicht Schilling kann man sich zudem komplett schenken. Einzig interessant sind die Interviews, aber auch hier nur komplette Brecht- Anhimmler zu genießen. Für mich war es leider verschwendete Zeit.
#10 Brecht-Film Breloer: Zeit für NeuesOliver Held / Berlin 2019-03-22 02:18
Die augenblickliche Affinität des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu Bertolt Brecht kommt nicht von ungefähr. Nach dem Mackie-Messer-Film des SWR-Redakteurs Joachim A. Lang folgt nun also das Dokudrama "Brecht" des WDR-Pensionärs Heinrich Breloer. In den letzten zwei Jahrzehnten der DDR war das BE, Brechts Hinterlassenschaft, höflich ausgedrückt nur noch Mausoleum, hämisch formuliert ein Kadaver.
Dass die altgedienten intellektuellen Restposten in den Funkhäusern von ARD und ZDF im Haus am Schiffbauerdamm Identifikationsmuster für ihre eigene Situation finden, verwundert nicht. Jeder weiß: Einer heroischen Vergangenheit folgte Hier wie Dort ein allzu langes Dahinsiechen historisch längst überholter Weltanschauungen und Positionen,
Vor ein paar Tagen haben Zukunftsauguren die letzte gedruckte Zeitung für das Jahr 2033 prognostiziert. Ob es bis zu diesem Termin tatsächlich noch eine ARD, ein ZDF oder gar ein Berliner Ensemble ala Oliver Reese braucht, erscheint mir doch höchst zweifelhaft. Vielleicht wäre es mal - in jeder Hinsicht - Zeit für was Neues.
#11 Filmkritik Brecht: Therese GiehseThomas Schmidt 2019-03-24 10:02
Habe gestern eine Nachricht an die ARD Gesendet
Hallo sehr geehrte Damen und Herrn,
gestern kam in Arte die Filme Brecht
In dem Film ist mir aufgefallen das Therese Giehse fehlt .
die ja schließlich eine großartige Schauspielerin war und auch Mitglied des berühmten
Berliner Ensembles von Bertolt Brecht. Sie war auch nach dem Krieg eine gefragte Interpretin seiner Werke sowie eine Brecht-Fürsprecherin und – Interpretin.
und deshalb ist sie für den 2 Teiler Brecht wichtig und hat "Ein Bertolt Brecht-Abend mit Therese Giehse" auf mehreren Schallplatten sowohl in der BRD
wie auch in der DDR veröffendlich.
Therese Gieshe gehört zu Brecht wie Helene Weigel und Co. Ihr hättet mal auch Mario Adorf fragen können was er von Brecht denkt war sehr interesant was er in seiner Biographie Reise auf der Bühne gesagt hat. Euer 2 Teiler wurde doch auf der Berinale gezeigt, wo sogar 1955 mal die Schauspielerin Therese Giehse ein Begrüßungsgeschenk erhalten hat, also sie gehört zu dem Film wie alle andere. Bitte gebt das den Filmemacher weiter Danke.
#12 Filmkritik Brecht, ARD: Brecht verzwergtKonrad Kögler 2019-03-28 17:13
Bertolt Brecht wird in diesem sich zäh und ohne Spannungsbogen dahinschleppenden, brav Stationen abhakenden Film verzwergt. Den Dichter und sein Werk lernt das Publikum nicht näher kennen, stattdessen fokussiert sich der Film auf die hinlänglich bekannten Liebesaffären von Brecht. Die Hauptrolle wird auf zwei Schauspieler aufgeteilt: als junger Brecht ist der begabte Tom Schilling ein blasser Totalausfall, den alten Brecht spielt Burghart Klaußner als Choleriker. Aber auch ihm gelingt es nicht, Eindruck zu hinterlassen. Einziger Lichtblick einer schwachen Produktion ist die Österreicherin Adele Neuhauser als Helene Weigel.

daskulturblog.com/2019/03/28/westler-wir-brecht-film-kritiken/

Kommentar schreiben