Waldhaus-Menschen

10. Februar 2009. Dem geschätzten Peter Müller aus Zürich sei Dank. Denn ohne ihn, den Schweizer in der Theatertreffen-Jury, hätten die Kollegen KritikerInnen es zuletzt vielleicht verpasst, die alle andere Theaterei des abgelaufenen Jahres hell überstrahlende Aufführung

einzuladen, die Christoph Marthaler und die Seinen dem Hotel Waldhaus im Engadin zu seinem 100. Geburtstag bescherten.

Noch immer zitiert sogar der Neunjährige am Abendbrottisch Graham F. Valentine und kündigt mit komisch rollendem "R" ein "German Lied" an. Oder gerät beim Beginn des dritten Satzes der Waldstein-Sonate ganz aus dem Häuschen: "Weißt Du noch? Weißt Du noch?" Er stellt sich in Positur, so wie er es bei den herrlichen Marthaleristen um Valentine, Bettina Stucky und Ueli Jaeggi sah, als sie zu Beethovens sehnenden Triumphfanfaren ihr komplett sinn- und glamourfreies Defilee in der Waldhaus-Tennishalle abhielten.

Oh, die Jury sei gepriesen für diese souveräne Entscheidung! Selbst wenn es Not tut, einige Korrekturen anzubringen. Denn selbstverständlich ist das Marthaler-Theater, anders als die offizielle Begründung mutmaßt, nicht zuvörderst in "verkommenen Bahnhofswirtschaften" verwurzelt, vielmehr hat es sein energetisches und seelisches Zuhause gerade hier im Waldhaus mit seiner leicht ermatteten Eleganz und seinem kräftig ins Skurrile strudelnden Charme.

Wer je die alten Urlaubskämpen an ihren Einzeltischen erlebte, an denen sie vor tagelang angebrochenen Weinflaschen wittern, als seien sie fest montiert und jederzeit auch während der Schließmonate hier anzutreffen, wer je den mächtigen Lutheraner-General mit Beffchen und seiner ebenso voluminösen, allzeit strickenden Schwester nach dem Dinner in die Fauteuils sinken sah und miterlebte wie sie die anderen Jahr für Jahr zurückkehrenden Sommerkameraden ins Gespräch zogen, wer schließlich Co-Direktor Urs Kienberger, Bruder von Marthalers Lieblingsmusikus Jürg Kienberger, beim Dinner seine mutwilligen Honneurs machen hörte – "Draußen ist es dunkel, ich hoffe drinnen nicht" –, der weiß, woher die Seltsamkeit, woher das Brütende und die Abgründigkeit der Marthalerei stammen.

Das Überdauernde und die Langsamkeit, das Schwere und leicht Fleckige, das Verharrende – der Mensch, der selbst Ambiente ist und es dabei zugleich prägt wie der ewige Gummibaum im Fenstereck, dem kann man hier begegnen in den Hallen des Waldhaus überm Silser See. "Stöffu" Marthaler hat dieses Bild aufgelesen, nach Basel verbracht und später nach Berlin, wo er es mit dem verwandten Bild des überzeugten Blouson- und Kunstlederschuhträgers kreuzte und so den homo marthaleriensis idealis gebar.

(jnm)

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