Der Flow tanzt mit der Tüte

von Grete Götze

Mannheim, 3. Juni 2014. Das Schöne an Festivals ist, dass ihre Inszenierungen den Besucher in eine andere Welt mitnehmen, fernab vom gewohnten Stadttheaterbetrieb und von Alltagssorgen. Das gelingt auch bei "X Firmen", einer Weiterentwicklung von Matthias Lilienthals Idee der "X Wohnungen", die im Rahmen der Mannheimer Schillertage, aber auch zuvor in Berlin, Beirut oder Istanbul, den Besucher seine Nase in fremde Wohnungen und Quartiere stecken ließen. 

Dieses Mal geht es nicht um das Private, sondern um den Beruf. Unter drei Touren kann man auswählen, die Kritikerin entscheidet sich für die SAP-Tour. Erwartungsfroh den Anweisungen folgend, ausgerüstet mit festem Schuhwerk, soll es vom Nationaltheater Mannheim aus mit dem Shuttlebus zur SAP AG nach Walldorf gehen.

Schleuse in eine andere Welt

SAP, das ist eines der größten Unternehmen für betriebswirtschaftliche Software. 66.500 Mitarbeiter, 9800 Mitarbeiter in Walldorf, Gesamtumsatz 2013: 16,9 Milliarden Euro. Eine Firma, in der nichts Sichtbares hergestellt wird, sondern alles rund um Daten: Etwa Analyseplattformen, die Vorbereitungszeiten im Operationssaal optimieren, Programme, die im Supermarkt automatisch anzeigen, wenn ein Produkt gekauft ist und nachbestellt werden muss.

Stopp: Eigentlich soll es mit dem Shuttle-Bus nach Walldorf gehen. Doch der kommt erstmal nicht. Und wie lange die Tour geht, scheint auch nicht ganz klar zu sein. Egal, wird es eben ein Tagesausflug. Nachdem die Gruppe dann doch zur Zentrale gelangt ist, wartet sie noch mal zwanzig Minuten. Dann trägt sich jeder Teilnehmer in eine Liste ein und muss ausnahmsweise nicht durch die "Vereinzelungsanlagen", wie die zwei Guides von SAP erklären, sondern passiert die Glastür in Vierer-Gruppen. Und dann: Willkommen in einer Firma, die so groß wie eine Kleinstadt ist, mit eigenem Fitnessstudio, Friseur und Äpfeln mit Firmenlogo darauf. Ellenlange Flure, sechs Stockwerke, echte Mitarbeiter, die möglichst unauffällig die komischen Kunstleute beäugen, die heute im Haus sind.

Tänzchen im Pausenraum

Der Aufenthalt ist unterteilt in sieben Stationen. An jedem der Orte führt ein anderer Künstler zehn Minuten etwas vor. Als erstes tanzt der ägyptische Künstler Adham Hafez im Pausenraum neben rauchenden Blaumännern eine Art Befreiungstanz, zu dem die Besucher malend assoziieren sollen. Na gut. Im dritten Stock folgt ein Computerspiel der Hildesheimer Truppe "machina eX". Die Zuschauer werden zu Spielern, die durch Kartenauflegen den Performer fernsteuern. Ausgangssituation: Der Hausmeister kommt, also muss der Arbeitnehmer, der im Büro genächtigt hat, sein Schlaflager und seine Wäscheleine vor ihm verstecken. Die Gruppe steht unter Druck, kichert, scheitert an der unsinnigen Software – und läuft weiter ins fünfte Geschoss, wo wohnzimmerähnliche Arbeitsräume neue Formen des Arbeitens zeigen.

Die Software-Entwickler, so viel steht fest, haben hier luxuriöse Produktions-Bedingungen. Entsprechend irritierend ist erstmal der nächste Vortrag, ersonnen von der Bühnenbildnerin Barbara Ehnes, vorgelesen von der SAP-Mitarbeiterin Thea Rees. Sie erzählt, dass die Firma jetzt den Müßiggang als Hauptmotor für umsatzstarkes Arbeiten eingeführt hat. Es stellt sich heraus: Auf Karteikarten vorgetragen wird eine Utopie, wie Arbeit anders organisiert werden könnte. Vielleicht ist das Projekt schon gescheitert (Kommunismus), vielleicht kommt die Zeit noch.

Kampf mit dem Computer

Dann ein Videovortrag des Amerikaners Chris Kondek. Der Zuschauer wird Zeuge eines Traumes, in dem der Protagonist vom Verfolgten zum freiwilligen Datenfütterer wird. Eine kurze Geschichte des Computers: Erst berechnet er die Dinge für den Menschen, jetzt hat er ihn im Griff.

In Station fünf unterhält sich die Mexikanerin María Fernández-Aragón, erdacht von Simon Fujiwara, mit einer extra aus Mexiko eingeflogenen Müllsortiererin ("Pepenador"). Der Zuschauer erfährt durch Bilder und Übersetzung, wie ihre Arbeit aussieht und sich verändert hat, seitdem eine Firma dafür sorgt, dass keine Kriminellen mehr Drogen auf der Müllhalde verkaufen. Die Halde hat jetzt ein Dach, und es gibt Personenkontrollen, um hinein zu gelangen. Das ist gut, um die Drogendealer los zu werden. Aber die ganz Armen, die kommen durch das neue Kontroll-System auch nicht mehr rein. Und fallen durch das Raster. Die Arbeit mit den eigenen Händen wird ersetzt durch die Arbeit unter einem Firmen-Dach. Mit einfachen Mitteln in kurzer Zeit viel auf den Punkt gebracht.

Hauseigenes Orchester

Station sechs zeigt einen Konferenzraum, in dem auf einer viergeteilten Leinwand die Menschen nicht miteinander konferieren, sondern musizieren, darunter Musiker des hauseigenen Sinfonieorchesters. Ausgedacht hat sich das der Komponist Ari Benjamin Meyers.

Und schließlich das schönste Bild, inszeniert von Alexander Giesche in der Eingangshalle. Vor dem Gemälde eines einsamen Mannes rollt die Performerin Tabea Bettin umgeben von einem Kreis aus Ventilatoren eine Klopapier-Rolle auf, die in die Luft steigt, zur Daten-Cloud wird und mit einer Just-do-it-Tüte tanzt. Die Performerin sagt, im Wind stehend: "Ein Mensch, der im Flow ist, geht voll auf in seiner Tätigkeit." Und der Flow tanzt mit der Tüte und einer Red Bull-Dose. Und dann mit einem automatisch laufenden Staubsauger. Dazu ein paar Klavier-Töne. Wunderbar ein Arbeitsthema zu einem Theaterbild empor gehoben.

Geöffneter Türspalt

Fazit: Das war ganz viel. Es war Schönes und Spannendes dabei. Alles hatte irgendwie mit Arbeit zu tun, manches auch mit unsichtbarer Arbeit, mit der die in Walldorf sich seit den Siebziger Jahren hochprofitabel beschäftigen. Das hat Spaß gemacht. Auch wenn die SAP-Zentrale eher Kulisse war, als dass wir konkret etwas über diese doch sehr undurchsichtige Arbeit gelernt hätten. Das ist schade. Denn wo, wenn nicht hier hätte man noch mehr darüber erfahren können, wie diese Codes und Algorithmen zustande kommen, die die halbe Welt benutzt. Oder was das für Leute sind, denen die tollsten Arbeitsmöglichkeiten geboten werden, damit sie sich was Schlaues ausdenken. Aber auch schon der geöffnete Türspalt war aufregend. Und die dazu assoziierten Arbeiten auf unterschiedliche Weise klug. Bei der Rückfahrt im Bus Platzregen. Und wieder zurück in diese Welt.

 

X-Firmen (SAP-Tour) 
Projektdramaturgie: Nadine Vollmer, Silke zum Eschenhoff, Produktionsleitung: Luisa Grass, Technischer Leiter: Piotr Rybkowski.
Von: Adham Hafez, machina eX, Barbara Ehnes, Chris Kondek, Simon Fujiwara, Ari Benjamin Meyers, Alexander Giesche.
Dauer: zwei Stunden (ohne Fahrt)

www.theaterderwelt.de

 

Kritikenrundschau

"Sieben Stationen erwarten uns bei der SAP. Vor jeder steht 'Hier passiert Kunst!'", fasst es Volker Oesterreich in der Rhein Neckar Zeitung (4.6.2014) zusammen. Meditativ bis lustig fand er die Stationen; der globale Einfluss der SAP wird seinem Bericht nach an keiner Stelle kritisch hinterfragt, sondern eher plastisch gemacht und beinahe beworben, zum Beispiel bei der Station, wo "eine Mexikanerin erzählt, wie sich Menschen auf riesigen Müllhalden davon ernähren, dass sie Wertstoffe sammeln, sortieren und verkaufen". "Ob eines der zahlreichen Sozialprojekte der SAP hinter dem mexikanischen Müll-Management steckt?" fragt sich Oesterreich. "Wahrscheinlich nicht." Fakt sei trotzdem, dass bei den Walldorfern (also: SAP) kreative Freiräume geschaffen würden, "um der Infrastruktur in der Dritten Welt auf die Sprünge helfen zu können".

In fünf Stunden schaffe "X Firmen" "ein vielschichtiges Mosaik der zeitgenössischen Arbeitswirklichkeit", so Esther Boldt in der tageszeitung (5.6.2014). So "verschieden die Arbeit an digitalen Schnittstellen und das Handwerk des türkischen Männerfriseurs auf den ersten Blick sein mögen, beide setzen eine Identifikation der Mitarbeiter mit ihrer Tätigkeit voraus und verknüpfen Werktätigkeit und Identität aufs Engste miteinander." In den gesichtslosen Bürogebäuden von SAP würden "vor allem die Zwischenräume bespielt", dennoch schafften die Künstler "tolle Perspektiven auf die vorgefundene Realität".

Alexander Giesche beschere dem SAP-Ausflug zum Abschluss "das wohl schönste Bild", so Dennis Baranski im Mannheimer Morgen (5.6.2014): "Seine von Tabea Bettin bespielte Installation 'The Cloud' konterkariert den 'Arbeits-Flow', indem sie sich nur einem verpflichtet: dem Selbstzweck." Obwohl der Rundgang nicht über Arbeitsplätze führe, sondern allein durch Gemeinschaftsräume, verkomme der Gastgeber nicht zur Kulisse – letztlich das Verdienst großartiger Künstler.

Im SAP-Gebäude bekam Jürgen Berger von der Süddeutschen Zeitung (13.6.2014) einen "Eindruck, wie Arbeitsplatzdesigner wildes Denken fördern wollen". Unter den künstlerischen Installationen hebt er die Arbeit des Münchner Regisseurs und Videokünstlers Alexander Giesche hervor – mit ihren kreisförmig angeordneten Ventilatoren. "Ihre Luftwirbel sorgten dafür, dass eine Klopapierrolle in der Luft schwebte, gelegentlich Bodenhaftung suchte, sich schlängelte oder punktförmig konzentrierte. So in etwa muss das sein, wenn wild gedacht wird."

 
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