Massive Kürzungen, massiver Widerstand

Mainz, 26. Mai 2011. Ums Staatstheater Mainz ist eine Spardiskussion entbrannt. Bereits im April trat Finanzdezernent Günter Beck (Grüne) mit Plänen an die Öffentlichkeit, die städtischen Zuschüsse ab 2013 um 3 Millionen Euro zu kürzen. "Massives Sparen ist das Gebot der Stunde", wird Beck dazu auf der Webseite des Südwestrundfunks zitiert. Die Stadt Mainz belaste ein Gesamtschuldenberg von fast 1 Milliarde Euro.

Auf Widerstand stößt Beck mit diesem Vorhaben nicht nur beim Intendanten des Staatstheaters Matthias Fontheim, der gegenüber dem SWR in derselben Meldung äußert, "mir wurden die Fördersummen bei meiner Vertragsverlängerung zugesichert". Die Kürzungen, so Fontheim, würden für das Drei-Sparten-Haus (Schauspiel, Ballett, Musik) bei einem Gesamtetat von etwa 27 Millionen Euro die Schließung einer Sparte zufolge haben.

Auch Kulturdezernentin Marianne Grosse (SPD) widerspricht ihrem Kollegen in der Mainzer Allgemeinen Zeitung: "Die 'frühzeitige Festlegung' auf drei Millionen Euro allein auf städtischer Seite sei 'aus heutiger Sicht utopisch', so Grosse, zumal das Land ja dann per Staatstheater-Vertrag gezwungen wäre, seinen Beitrag ebenfalls um drei Millionen Euro zu kürzen.'"

Am vergangenen Samstag fanden sich, nach Angaben des SWR, rund 1.500 Bürger zu einer Protestkundgebung zusammen, um gegen die Sparpläne am Mainzer Theater zu demonstrieren.

(SWR / Mainzer Allgemeine Zeitung / chr)

alt

Fusion erzwungen, aber nicht anerkannt

Anklam, 5. Mai 2011. Neue Schwierigkeiten gibt es in Mecklenburg-Vorpommern. Auch vier Monate nach Unterzeichnung des Kooperationsvertrags zwischen dem Theater Vorpommern in Greifswald und Stralsund und der Vorpommerschen Landesbühne Anklam sieht sich die Landesregierung in Schwerin nicht in der Lage, diese Kooperation als Einlösung der geforderten Fusion anzuerkennen.

Facebook tötet Hamlet

Hildesheim, 5. April 2011. 4,4 Milliarden Euro hat die Versteigerung der neuen Mobilfunkfrequenzen dem Bund eingebracht und eine Menge Anschlussfragen, die der Deutsche Bühnenverein bereits im April 2010 aufwarf. Die neue, für schnellere Internetdienste nutzbare LTE-Funktechnik (Long Term Evolution) von Telekom, Vodafone und O2 liegt auf derselben Frequenz, die für die drahtlosen Mikrophone von Sängern und Schauspielern am Theater genutzt wird. Die Frage, wer für die Umrüstung der Theaterfunkanlagen aufkommt, ist bis dato ungeklärt (siehe hierzu die letzte Meldung aus dem Dezember 2010).

Angesichts der bevorstehenden Einführung der LTE-Technik durch die Telekom im April 2011 hat Marcus Rohwetter für die Onlineausgabe der Wochenzeitschrift Die Zeit (2.4.2011) die voraussichtlichen Konsequenzen am kleinen Theater Hildesheim überprüft: "Bis zu 150.000 Euro" müssten laut Angaben des Hauses für eine neue Mikrofonanlage aufgebracht werden – Kosten, die aus dem laufenden Etat nicht zu bestreiten seien. "Dass sich die ruinöse Neuanschaffung noch abwenden lässt, ist unwahrscheinlich", schätzt der Artikel ein und spitzt zu: "Facebook tötet Hamlet und bringt den Löwenkönig zum Schweigen. Zahlreiche Aufführungen werden technisch unmöglich."

(chr)

Hier gilt's dem Personal

von Ute Grundmann

Gera, 8. November 2010. Krisenintervention am Theater Altenburg-Gera: Das Haus soll weitergeführt, die Gefahr einer Insolvenz vor allem mit Hilfe des Landes Thüringen abgewendet werden. Das beschloss der Aufsichtsrat der Theater-GmbH gestern in Gera.

alt

Schwere See in Wilhelmshaven

Wilhelmshaven, 29. März 2011. Am 10. März meldete Radio Bremen Online, dass die kommende Spielzeit an der Landesbühne Nord in Wilhelmshaven "gefährdet" sei. Weil das niedersächsische Kultusministerium - obwohl der Zweckverbandsvorsitzende der Landesbühne, der Auricher Landrat Walter Theuerkauf, seit Mai 2010 dringend um neue Verhandlungen gebeten habe - nicht über die zukünftige Finanzierung des Theaterbetriebs verhandele. Da aber Theater eine mittelfristige Planungssicherheit bräuchten, sei eine "verantwortliche Wirtschaftsplanung" für die neue Saison eigentlich kaum noch zu schaffen, hätten "übereinstimmend der Landesbühnen-Intendant und Zweckverbandsvorsitzende" gewarnt.

Sehenden Auges in den Crash?

Rostock, 3. November 2010. Wie verschiedene Online-Medien melden, fehlen dem Volkstheater Rostock zwischen 750.000 und 1,2 Millionen Euro. Deshalb soll der kaufmännische Geschäftsführer des erst im April in eine GmbH umgewandelten Vier-Sparten-Haus, Kay-Uwe Nissen, entlassen werden. Laut NDR 1 Radio MV ermitteln "Wirtschaftsprüfer" derzeit die genaue Höhe des Fehlbetrages.

Der Niedergang?

Halle, März 2011: Seit Oktober 2010 schwebt das Schließungsbeil über dem Thalia Theater Halle. Zwischenzeitlich sah es so aus, als sei es gerettet. Jetzt scheint es, als sei das Aus für das Theater von Annegret Hahn kaum mehr abzuwenden.

Zweck-Ehe light

von Georg Kasch

26. Oktober 2010. Läuten sie etwa, die Hochzeitsglocken? Immer wenn das Geld mal wieder knapp ist, werden sie diskutiert und dekretiert, die Fusionswünsche und -befehle. Und selten werden die Zwangsverheirateten auf Dauer glücklich.

alt

Die spinnen, die Kölner
oder
Man kann sich die Suppe auch selber einbrocken

Februar 2011. Die Kölner Kulturpolitik ist sehr speziell. "Eigenwillig", nennen das die Mecklenburger, wenn sie nicht "spinnert" sagen wollen.

Da gelingt es den Kulturoberen, mit Karin Beier eine überaus befähigte Intendantin an ihr daniederliegendes Schauspiel zu verpflichten. Die Frau erfüllt binnen zweier Jahre mehr als die in sie gesetzen Erwartungen, und was tun die Amtswalter? Sie schmeißen der Regisseurin Knüppel zwischen die Beine.

Ministerin unterschreibt gegen Schließung

Halle, 18. Oktober 2010. Wie die Mitteldeutsche Zeitung (19.10.2010) berichtet hat auch Birgitta Wolff, Sachsen-Anhalts Kultusministerin, die Unterschriftenliste für den Erhalt des Thalia Theaters Halle unterzeichnet.

Leise bröckeln unsere Lieder

25. Februar 2011. Jetzt machen sich die dauernden Kürzungen der Theateretats bemerkbar. Langsam zerfallen die Häuser. die Situation in Thüringen beschreibt Wolfgang Hirsch in der Thüringischen Landeszeitung (23.2.2011). In Weimar reicht es nicht mehr für einen "Lohengrin", auch nicht im Wagner-Jahr 2013. Honorare für dringend benötigte Gäste: gibt es nicht mehr. Der Bühnenboden im Nationaltheater: kaputt. Die Tontechnik müsste repariert werden, ebenso die Lichtanlage, die Bestuhlung neu bespannt, zusammen 400.000 Euro Minimum.

Erlanger Spar-Schlacht geht weiter

Erlangen, 3. August 2010: Nach der Kürzung überlebenswichtiger Gelder für das renommierte Internationale Figurentheaterfestival Erlangen und vorangegangenen Sparrunden für das kleine Theater Erlangen hat die Stadt erneut den Rotstift angesetzt. Mit einer denkbar knappen Mehrheit von 25 zu 24 Stimmen beschloss der Stadtrat, das diesjährige Weihnachtsmärchen "An der Arche um Acht" von Ulrich Hub ausfallen zu lassen. Damit scheint dem traditionsreichen Familienstück, das mit insgesamt 36 Vorstellungen im November und Dezember disponiert ist, ein "jähes und für das Theater völlig überraschendes Ende gesetzt worden zu sein", wie das Theater mitteilt.

Offener Brief

3. Dezember 2010. Sehr geehrte Frau Prof. Dr. von Schorlemer,

die sächsische Theater- und Orchesterlandschaft steht nach Ihren Verlautbarungen in der Leipziger Volkszeitung vom 2.12.2010 offensichtlich vor fundamentalen Veränderungen. Seit Jahren ist mit dem Kulturraumgesetz des Freistaates Sachsen eine verlässliche Struktur für die Planbarkeit der künstlerischen Einrichtungen vorhanden, um die uns andere Bundesländer beneiden. Galt bis heute die gesetzte Struktur, die jedem Kulturraum in Sachsen ein Mehrspartenhaus mit Theater und Konzerten garantiert, als gesichert, so ist nach Ihren Einlassungen in der Presse zur Finanzierung der Kulturräume und zur Neustrukturierung der Landesbühnen Sachsen eine Kehrtwende um 180 Grad geplant.

Verteilungskampf in Sachsen

Sachsen, 17. Juni 2010. Der Verteilungskampf wird auch in Sachsen härter: Nachdem die sächsische Staatsregierung das Land 1994 in acht Kulturräume aufteilte und über sie die regionale Kultur förderte, setzt sie nun das zukunftssichernde System mit einer Umverteilung aufs Spiel. Wie der die Staatsregierung und den Landtag beratende Sächsische Kultursenat meldet, ist vorgesehen, "von den 86,7 Millionen Euro Landeszuweisungen an die Kulturräume in Sachsen (...) bis zu 7 Millionen Euro für die Finanzierung der bisher vom Freistaat direkt getragenen Landesbühnen Sachsen zu reservieren." Die Landesbühnen sind als eine Art Staatstheater beim Land angesiedelt und sollen für die Tourneeversorgung jener Gegenden sorgen, die keine eigenen Ensembles besitzen.

Kulturräume unter Beschuss

von Torben Ibs

Dresden, 2. Dezember 2010. Während Sachsen in Schnee und eisiger Kälte versinkt, erhitzen sich die Kulturgemüter im Freistaat. Denn die schwarz-gelbe Regierung möchte das tun, was Regierende derzeit gerne im Munde führen – sparen. Ob Jugendhäuser oder Kulturhaushalte, das Prinzip Rasenmäher führt die Hände von Ministerpräsident Stanislaw Tillich und seiner Ministerriege. Dabei soll auch eine Errungenschaft der Nachwende-Kulturpolitik unters Messer kommen: das Kulturraumgesetz.

Nur noch alle zwei Jahre?

1. Juni 2010. Wie im nachtkritik-krisometer in den vergangen Monaten verschiedentlich beobachtet, wirkt sich die Finanzlage der Kommunen zunehmend auf den Kulturbereich aus. So auch in Mülheim an der Ruhr. Wie der Mülheimer Kulturdezernent Peter Vermeulen (CDU) in einem Filmbeitrag von Matthias Weigel für nachtkritik-stuecke2010.de sagt, wird ob der städtischen Finanzlage derzeit auf politischer Ebene auch die Zukunft der renommierten Mülheimer Theatertage "Stücke" diskutiert.

Muss Theater sein?

1. Dezember 2010. Landauf, landab wird derzeit für den Erhalt von Theatern, Opern, kulturellen Einrichtungen gekämpft. Dass Theater sein müssen, darin sind sich die meisten Fachleute einig auf Podiumsdiskussionen und in Feuilleton-Leitartikeln. Doch bei genauerem Hinsehen ist das Feld weit, die Szene zersplittert: Zuletzt wies Birgit Walter in der Berliner Zeitung (29.11.2010) insbesondere auf die Folgen bei der Freien Szene hin, die keine Lobby besäße. Nachdrücklich kritisierte sie zudem ihre die Krise zum Teil schlicht leugnenden Kollegen: In der Welt und der Wirtschaftswoche hatten Eckhard Fuhr bzw. Bernd Mertens mit zum Teil abenteuerlichen Zahlen jongliert, um zu beweisen, wie sehr Kultur, Theater und Opern insbesondere, Geld verschwendeten.

Akademie der Künste Berlin
Bayerische Akademie der Schönen Künste München
Freie Akademie der Künste in Hamburg
Sächsische Akademie der Künste Dresden


An die Präsidentin
des Deutschen Städtetages
Frau Dr. h.c. Petra Roth
Oberbürgermeisterin der Stadt
Frankfurt/Main

12. Mai 2010


Offener Brief
Erhalt der deutschen Theaterlandschaft

 

Sehr geehrte Frau Präsidentin,

die Akademien der Künste nehmen mit großer Sorge zur Kenntnis, dass in vielen Städten der Bundesrepublik die Bereitschaft zur Demontage der Theaterlandschaft wächst.

So soll in Wuppertal einer der schönsten Theaterneubauten der Zeit nach 1945 geschlossen werden, ein Haus in dem Pina Bausch einige ihrer besten Tanztheater-Visionen geschaffen hat. In Oberhausen steht das Theater trotz beachtlicher überregionaler Resonanz vor dem finanziellen Ruin. Dortmund stößt an seine existenziellen Grenzen, Moers und Hagen stehen zur Disposition. Wilhelmshaven benötigt ein Signal für die Fortsetzung seiner Arbeit, in Dessau ist die Existenz eines wichtigen Theaters bedroht, das alljährlich Ausrichter des Internationalen Kurt Weill Festivals ist. Die Reihe ließe sich fortsetzen.

Sehr geehrte Frau Roth, das Theater in Deutschland hat eine wesentliche Bindefunktion für die Gesellschaft, es ist Garant für soziale und politische Kommunikation, für kulturelle und musische Bildung und nicht zuletzt für künstlerische Innovation und dies sowohl im Musiktheater wie im Schauspiel als auch im Tanztheater. Das Zusammenspiel von Repertoire, Ensemble, Abonnement und die Öffnung für neues Publikum haben sich als Elemente des deutschen Theatersystems bewährt. Das deutsche Theater verfügt über ein dichtes Netz und hat nicht nur in den Metropolen, sondern in den kleinsten Kommunen seinen festen Platz.

Sie stehen einer Stadt vor, die sich besonders auch durch ihre Theater profiliert hat. Wer Senftenberg oder Neustrelitz zur Disposition stellt, stellt das kulturelle Leben ganzer Städte zur Disposition und gefährdet damit letztlich auch die Theaterarbeit in Berlin und Frankfurt.

 

Die Akademien der Künste fordern den Deutschen Städtetag auf, sich gegen die Steuerpolitik des Bundes zu stellen, die die Städte und Kommunen in ihrer kulturellen Existenz bedroht und die gegen das Konnexitätsprinzip verstößt. Demokratie wird für die einzelne Bürgerin, den einzelnen Bürger vor allem vor Ort, in der Kommune erfahrbar. Die Theater haben großen Anteil daran, dass die Erfahrung der Selbstverwaltung und damit der Selbstverantwortung als demokratische Prinzipien auch an junge Menschen weitergereicht werden. Wer Theater schließt oder ihre finanzielle Auszehrung billigend in Kauf nimmt, gefährdet einen zentralen Ort der demokratischen Auseinandersetzung.

Sehr geehrte Frau Roth, bitte betrachten Sie diese Zeilen als eine Aufforderung, die von einer tiefen Sorge um den Erhalt unserer kulturellen Institutionen getragen ist. Wir bitten Sie als Präsidentin des Deutschen Städtetags, das in Ihrer Verantwortung Stehende zu tun, die Einzigartigkeit der deutschen Theaterlandschaft zu erhalten.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Prof. Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste
Prof. Dr. Dr. Dieter Borchmeyer, Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste
Armin Sandig, Präsident der Freien Akademie der Künste in Hamburg
Prof. Udo Zimmermann, Präsident der Sächsischen Akademie der Künste

Aushungern bis aufs Skelett

21. November 2010. Peter Grisebach zum Beispiel, neuer Intendant des Landestheaters Schleswig-Holstein, habe auf Biegen und Brechen 700 000 Euro gespart und damit die Hälfte seines akuten Lochs im 20-Millionen-Haushalt gestopft, schreibt Joachim Mischke in seinem Report für das Hamburger Abendblatt. "Hat mit frischem Wind im Spielplan die Abo-Zahlen nach oben gedrückt (20 Prozent plus in Flensburg, zwölf in Rendsburg, acht in Schleswig), ohne Stammkunden zu vergraulen. Hat den Gäste-Etat für diese Spielzeit halbiert. Und muss nun nicht 80 seiner rund 350 Mitarbeiter entlassen, weil er nur so noch dem Streichdruck ab 2012 entkommen könnte."

26. März 2010. Das nachtkritik-Krisometer macht Schule. Heute widmet sich die Frankfurter Allgemeine Zeitung auf einer ganzen Seite den Finanzsorgen im Kulturbereich. Fallbeispiele stammen aus NRW, Schleswig-Holstein, Berlin und Brandenburg sowie Baden-Württemberg. Hier der Überblick zur Lage der Dinge zwischen Ostsee und Schwarzwald.