Schiller spielt immer noch mit

von Sascha Westphal

Dortmund, 8. Dezember 2013. Schon seit einiger Zeit führen Theatermacher und Theatergänger, Kritiker und Theoretiker einen lebhaften Diskurs über Theater und Gaming. Gruppen wie machina eX und Invisible Playground greifen ganz direkt aus Computer- und Videospielen bekannte Strukturen und Motive auf und adaptieren sie. Ihre Projekte holen digitale Spiele in die Welt des Theaters und in den städtischen Raum. Damit sind sie zu Vorreitern einer Entwicklung geworden, die immer weitere Kreise zieht. Gaming-Elemente finden sich zum Beispiel auch in den Arbeiten der etablierten Performance-Kollektive Signa und Rimini Protokoll, deren "Situation Rooms" explizit Computerspiel-Konventionen aufgegriffen haben.

Brecht, Benz und GSG 9

von Nikolaus Merck

Berlin, 5. Dezember 2013. Was ist das eigentlich, Wirklichkeit in den Künsten? – fragt die Akademie der Künste in Berlin ein Jahr lang in einer Reihe von Veranstaltungen. Gestern war im Akademie-Foyer am Berliner Hansaplatz das Theater an der Reihe. Unter der Überschrift "Versuche über die unbekannte Gegenwart" moderierte der Journalist Thomas Irmer ein wahrhaftes Gipfeltreffen des alten und neuen Dokumentar… – "Ich mach' kein Dokumentartheater", ruft Rolf Hochhuth, "In meinem 'Stellvertreter' sind, bis auf die letzten sechs Zeilen, sämtliche Dialoge vollkommen frei erfunden. Genauso wie 24 der 28 Personen."

Schrei nach Neu-Schöpfung

von Dirk Pilz

30. November 2013. Christoph Schlingensief ist tot. Er starb nach schwerer Krankheit am 21. August vor drei Jahren in Berlin. Es wird sehr viel geredet von Schlingensief seitdem, sehr viel in Superlativen, sehr viel mit dem kunstmarktüblichen Goldstaub in den Augen. Schlingensief, der größte Künstler seiner Zeit. Der Einzigartige. Der Super-Mann. Der Kunstbetrieb, zu dem man selber gehört, verleibt ihn sich ein. Es ist zum Kotzen. Es widert einen an. Aber was soll man machen. So geht das eben zu.

Erst Bauchnabel, dann Welt

von Jan Fischer

Braunschweig, 25. November 2013. Drei Menschen auf der Bühne, zwei Männer, eine Frau, Wohlstandskinder, alle miteinander. Eine Gitarre. Ein paar Caipirinhas. Ein Maschendrahtzaun. Die drei Performer der Schweizer Truppe "Neue Dringlichkeit" haben alle etwas mit Brasilien zu tun: Zwei sind dort aufgewachsen, der dritte nach dem Abitur hängen geblieben. Und eigentlich erzählen sie dem Publikum nur Geschichten, die sie, vielleicht, vielleicht auch nicht, man weiß es nicht genau, erlebt haben: Eine Liebe in den Favelas. Ein Überfall mitten in Sao Paulo. Betrunkene Gespräche unter reichen Jugendlichen, die in neoliberale Rassismen münden. Die drei Performer erzählen von sich selbst, über sich selbst in Brasilien, und erzählen damit irgendwann dann auch, klar, von Brasilien.

Genie und Revolutionär

von Nikolaus Merck

Darmstadt, November 2013. In der Nacht des 1. August 1834 ging Georg Büchner über Land. Im blauen Polenrock, Zylinder auf dem Kopf. Die Jacke signalisierte den radikalen Liberalen, der Hut den Studenten. Nicht gerade die unauffälligste Kleidung im bäurischen Oberhessen, zumal für den Verfasser des umstürzlerischen Hessischen Landboten, den die Polizei steckbrieflich suchte.

An welchem Himmel hängen die Sterne?

von Eva Biringer

Berlin, 10. November 2013. Es gibt diesen einen Moment, in dem sich das Versprechen erfüllt. Eine kleinwüchsige Tänzerin bugsiert sich aus ihrem Rollstuhl und tritt ihn von sich, dieses Symbol ihrer Hilflosigkeit. Dann kriecht sie auf ihn zu, klappt ihn zusammen, setzt sich im Schneidersitz auf das Rad und stößt sich vom Boden ab. Anmutig dreht sie sich um die eigene Achse wie der kleine Kreisel in diesem Kinderlied. Ihre Behinderung wird bedeutungslos, mehr noch: durch sie entsteht etwas Originäres, ein Moment von Verletzlichkeit und Stärke. Als würde sie fliegen.

Playing Democracy

by Christian Rakow

Zürich, 9. November 2013. I must admit, I was a bit surprised when I noticed that my presentation on Game-Theatre had been announced with the title "Playing Revolution". Revolution for me is a political and historical category. And as far as I can see, there is no evidence of a revolutionary situation at the moment, neither here in Switzerland nor in Germany. Therefore an attempt to "play revolution" can quite easily end in a farce (to speak with Karl Marx). But this, sorry to say, happens quite frequently in German speaking theatre. Because this "playing revolution", or rather "playing with the gesture of revolution" can be found all over the place.