Es hat sich ausgegangen

von Thomas Rotschild

27. September 2017. Was haben Groucho Marx, Chuck Berry, Mick Jagger, Michael Jackson und Otto Waalkes gemeinsam? Sie alle kannten das charakterisierende und komische Potential von Gängen.

Im Theater und im Film gab es Traditionen, in denen einzelnen Figuren schematisierte Körperhaltungen und Gänge vorgeschrieben waren: die Commedia dell'arte, das fernöstliche Theater, den Western. Dem stehen Schauspieler gegenüber, die unabhängig von der Rolle eine nur für sie typische Gangart pflegten. Der geniale Ulrich Wildgruber zählte dazu. Seine Beine schienen stets in eine andere Richtung zu streben als der restliche Körper.

Mittlerweile scheint die Kunst der Gänge in Vergessenheit geraten zu sein. Regisseure wie Christoph Marthaler, Herbert Fritsch oder Alvis Hermanis verlangen sie ihren Darstellern für einzelne Inszenierungen ab. Die meisten Schauspielerinnen und Schauspieler aber agieren nur oberhalb des Gürtels oder gar der Schultern. Die Beinarbeit kommt zu kurz. Michael Maertens erinnert mit seinem schlaksigen, wie knieweich aussehenden Gang noch an die Tradition, auch Maria Happel, deren Beine damit beschäftigt scheinen, den gedrungenen Körper auszutarieren. Unvergessen: Andrea Clausen als die ständig einknickende Honey in "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" in der Regie von Hans Neuenfels.

Dem Gang auf der Spur

Wie lässt sich die Verkümmerung einer eminent bühnenwirksamen Theatertechnik erklären? Hat es mit der Dominanz eines vom Fernsehen geprägten Realismusverständnisses zu tun, mit der beschädigten Anerkennung von Künstlichkeit in den Künsten? Tschechow hat die komische Wirkung von Gängen noch dramaturgisch eingesetzt, wenn er seinen tollpatschigen Jepichodow im "Kirschgarten" wiederholt stolpern lässt. Oder sind die Gänge ins Tanztheater abgewandert? Dort waren sie ja immer schon daheim, freilich eher als Teil der Gesamtkonzeption als zur Kennzeichnung einer Rolle oder gar eines Darstellers.

Eva Biringer hat kürzlich eine Liaison des Theaters mit anderen Künsten empfohlen. Wer hingegen die Bewahrung der Eigenart des Theaters für wünschenswert hält, wer auf der Bühne nicht bloß antreffen will, was er ebenso gut bei der Documenta, bei einer Schau von Installationen oder bei einem Video-Festival sehen kann, muss bedauern, dass Gänge mehr und mehr obsolet erscheinen. Wenn sie auf der Bühne verschwinden, sind sie für das Theater verloren. Dann bleibt nur noch das Kino. Wer's nicht glaubt, schaue sich einen Film der Marx Brothers an.
                          

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