Ich hasse diesen Heimatkram

von Elena Philipp

Berlin, 22. März 2018. Vater und Sohn im düsteren Wirtshaussaal. Die Mutter ist gestorben, letzte Gäste kehren dem Leichenschmaus den Rücken. Neben Tortenresten und einem Haufen Fotos sitzen der Seewirt Pankraz und sein Erbe Semi, trinken, rauchen – und steigen hinab in den Schacht der Erinnerung. Auf seinem Grund: alte Schuld.

Josef Bierbichler hat seinen Roman "Mittelreich" für die Leinwand adaptiert: schroffer, schrundiger noch als die Vorlage. Gebieterisch bestimmt die Tradition das Leben, gegen individuelles Wollen. Als Klosterschüler wird der Seewirts-Sohn missbraucht – und gibt Jahrzehnte später (womöglich) der bettlägerigen, entblößten Mutter, die damals wegsah, einen Todeskuss. Derb ländlich geht es zu, so scheißt etwa die Sau auf den Betonboden, als sie der Betäubungsschlag des Metzgers trifft. Zwischendurch hackt Bierbichler, der selbst die Hauptrolle spielt, einige Scheit Holz – auf die Bodenständigkeit des bayerischen Dorflebens, das als beengend dumpf gezeichnet wird, scheint er schon auch stolz.

Zwei Herren Im Anzug 280 PlakatHeimatfilm und Hommage

"Zwei Herren im Anzug" ist also ein bitterböser Heimatfilm – und zugleich eine Hommage, vor allem an deutschsprachige Filmgranden, mit denen Bierbichler teils selbst gearbeitet hat. Michael Hanekes Schwarze-Pädagogik-Epos "Das weiße Band" spricht aus den schwarz-weiß gefilmten frühen Episoden. Störrischer Eigensinn und eine kritische Hassliebe zu Bayern verbinde Bierbichler mit Herbert Achternbusch, mit dem er und seine Schwester in den 70ern Filme drehten und im elterlichen Gasthaus am Starnberger See zusammenlebten. Seine Skepsis gegenüber medialer Unterhaltung teilt Bierbichler mit den Protagonisten des Neuen Deutschen Films – Dorfaufnahmen lassen denn auch an Edgar Reitz’ "Heimat"-Trilogie denken, die exaltiert-groteske Faschingsfeier, bei der besoffene Masken zur schrägen Neo-Volksmusik von Kofelgschroa das Wirtshaus verwüsten, an Rainer Werner Fassbinders Optik. Und durchgehend verweigert der Film den glatten Fluss gängiger Kinomontage, er bleibt stockend, sperrig, spröde.

"Zwei Herren im Anzug" wartet dabei mit einem Cast auf, der deutsche Theater- und Filmgeschichte spiegelt. Irm Hermann, die mit Fassbinder, Werner Herzog und Christoph Schlingensief drehte und für Neuenfels, Palitzsch oder Marthaler spielte, gibt die steif-bigotte Schwester Philomena. Sarah Camp, die in Reitz’ "Heimat" einen Auftritt hatte, aber auch in "Aimée & Jaguar" oder Serien wie "Der Bulle von Tölz" spielte, ist die gemütlichere, traut beschürzte Schwester Hertha. Beide schikanieren sie die eingeheiratete Seewirtin Theres, die Martina Gedeck handfest und zugleich durchscheinend anlegt: selbstsicher, aber gefangen in den althergebrachten Familienhierarchien, wie ihr Mann. Wie formuliert es der eine der beiden immer mal kommentierend ins Bild gestellten zwei Männer im Anzug nach Goethe, Münchner Kammerspiele-Schauspieler Peter Brombacher: "Es erben Brauchtum sich und Sitte wie eine ewige Krankheit fort."

Das Erbe

Tradition als etwas Verrottetes: das ist ein Leitmotiv im Roman wie auch im Film. Die in Rückblenden erzählten Episoden spannen einen weiten historischen Bogen – vom Ersten Weltkrieg bis ins Jahr 1984, in dem die Theres stirbt. Hurrapatriotisch marschiert ein Häuflein Jungmänner des Dorfes in den Ersten Weltkrieg, darunter Pankraz' großer Bruder. Mit einem Kopfschuss wird er nach Hause kommen, im Wirtshaus gegen Juden hetzen, bald als verrückt gelten und im Sanatorium enden. Die erträumte Karriere als Sänger kann Pankraz (anfangs spielt ihn noch Simon Donatz, Bierbichlers leiblicher Sohn) damit an den Nagel hängen. Statt bei der Kammersängerin Krauss (Gaststar mit zupackender Grandezza: Margarita Broich) zu üben, wird Pankraz vom Vater (als alter Seewirt: Bierbichler) vorgeladen: entweder übernimmt er Gasthaus und Hof oder er wird enterbt. Drückend ist die Atmosphäre in dieser Szene – Pankraz wird zum Knecht des von den Ahnen aufgehäuften Erbes.

Zwei Herren 1 560 Marco NagelTheres (Martina Gedeck), Pankraz (Josef Bierbichler) und Hanusch (Benjamin Cabuk)  © Marco Nagel, X Verleih AG

Hadern wird der widerwillige Seewirt damit bis zu einem schicksalshaften Umschlagpunkt, seinem Wagner-Moment. Mittlerweile selbst ein Weltkriegs-Veteran – den Geruch von Verwesung in der Nase, aber keine klare Erinnerung –, hat er Theres geheiratet und mit ihr einen Buben bekommen. In zaghaft farbigen, noch gelbstichigen Filmbildern sieht man, wie Pankraz (nun Josef Bierbichler) zupackend als Wirt und Bauer agiert. Und dann kommt die Sturmnacht: Im Wirtshaus feiern die Masken Fasching, während draußen ein Baum umkippt, der Wind an den Fenstern reißt. Das Haus bebt, der Sturm deckt das Hausdach ab – und Pankraz droht im Selbstmitleid zu ersaufen.

Wagner-Moment

Bierbichler platziert hier eine klassische Peripetie in des Filmes Mitte: Wenn das Haus bloß abgebrannt wäre, dann hätte er endlich seinen Frieden, jammert Pankraz. "Reiß di raus aus deinem feigen Leid, i kann di sonst nimmer ertragen", schleudert ihm Theres entgegen. "Die Frist ist um, voll Überdruss wirfst Du mich weg?" entgeistert sich Pankraz komisch-larmoyant mit Wagners "Fliegendem Holländer" und geht auf den Steg, sein Leben zu beenden. Expressionistisch tobt das Wetter, unter ihm das Geschiebe der Eisschollen, ein fahler Mond und wilder Wind. "Verfluchtes Erbe", schreit Bierbichler, der nicht nur hier alle Register der Schauspielkunst zieht, "ich hasse diesen Heimatkram". Zum Tosen Wagners wird dem Wütenden dann noch eine Nazi-Parade vors innere Auge montiert. "Verflucht, verflucht, was geht’s mich an?" schreit er und wendet sich zum See. Schlussakkord, Stille, Sprung, der See von unten – und die wundersame Errettung. Aus dem Eisloch taucht der Seewirt auf, treibt morgens im nunmehr stillen See auf einer Scholle. Bekehrt gibt er sich ab da zu seinem Gastwirts-Leben, erzählt sich das Geschehene zurecht.

Verweigert aber wird ihm das Vergessen vom Sohn Semi (Simon Donatz): "Ich erzähl jetzt Deine Geschichte fertig, die Du immer totgeschwiegen hast – weil's auch meine ist". Die christliche Familie? Falsche Frömmler. Rückhalt von zuhause? Wurde ihm verweigert. Mutter wie Vater wiegelten ab, als Semi vom Missbrauchtwerden im Klosterinternat erzählte. Semi stimmt, die Tenor-Arie "Selig sind, die Verfolgung leiden" aus Wilhelm Kienzls "Evangelimann" an. Pankraz trug sie als Chorsänger vor und summte sie im Auto, als er Semi ins Internat begleitete – wo der Pater die Arie auf Schallplatte abspielte, bevor er sich am Bub verging. Pankraz, stier und kreidebleich, fällt da eine andere verdrängte Schuld wieder ein – das Eisloch, von dem er nächtlich träumt, hat mit dem Krieg zu tun. Auf Bierbichlers Gesicht spiegelt sich das Zerbrechen seiner Lebenslüge: er atmet aus und schließt die Augen, sein Gesicht verschwimmt zum weißen Fleck. Gerettet? Nimmermehr. Gerichtet.

 

Zwei Herren im Anzug
Drehbuch und Regie: Josef Bierbichler, Kamera: Tom Fährmann, Musik: Kofelgschroa, Produktion: Stefan Arndt, Uwe Schott
Mit: Josef Bierbichler (Pankraz & Seewirt), Martina Gedeck (Theres), Simon Donatz (Pankraz jung & Semi erwachsen), Irm Hermann (Philomena), Sarah Camp (Hertha), Florian Karlheim (Toni), Johan Simons (Spezialist), Peter Brombacher (Laie), Thomas Ostermeier (Kranz), Catrin Striebeck (Meinrad), Philipp Hochmair (Pater Ezechiel), Tilman Spengler (Herr Frido zu Wähnen), Margarita Broich (Kammersängerin Krauss), Lisa Dreer (Mare), Josef Staber (Semi Kind und Pankraz Kind), Sophie Stockinger (Theres jung) u.v.m.
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten

www.x-verleih.de
www.x-verleih.de/filme/zwei-herren-im-anzug/

 

 

Filmtrailer "Zwei Herren im Anzug"

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