Beitragsseiten

Meldung: Konstruktive Vorschläge

23. Febuar 2011. Wie das Schauspielhaus Köln mitteilt, hat Karin Beier heute ein ausführliches und konstruktives Gespräch mit dem Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters und Kulturdezernent Georg Quander geführt. Es stehe nun fest, so die Mitteilung, dass Beier Köln auf keinen Fall schon 2012 verlassen werde.

Sie habe auch darlegen können, wird die Schauspielintendantin zitiert, warum sie eine Generalintendanz, in welcher Besetzung auch immer, für grundsätzlich falsch halte. "Das Schauspiel braucht eine starke Person, die sich die sich mit ihrer ganzen Kraft für seine Belange einsetzt. Das Gespräch verlief auch insofern erfreulich, als schon heute gemeinsam konstruktive Vorschläge für die Interimszeit erarbeitet wurden. Details dazu können zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht genannt werden."

Gestern war in verschiedenen Medien davon die Rede gewesen, bereits 2012 einen Generalintendanten für die Kölner Bühnen zu ernennen. Mit der Spielzeit 2013/14 soll Karin Beier in Hamburg die Intendanz des Deutschen Schauspielhauses Hamburg übernehmen.

(sle)

Presseschau, 24.2.2011: Treffen mit Anwalt

In der causa Karin Beier, Köln, der Klüngel und das Kölner Schauspiel schreibt Welt Online (24.2.2011, 6:57 Uhr) Karin Beier lasse sich nicht aus dem Amt drängen, das habe sie dem Oberbürgermeister und dem Kulturdezernenten "unmissverständlich" klar gemacht. Das Modell Generalintendanz sei vom Tisch, Beier bliebe bis 2013, am Dienstag werde entschieden, wo genau Oper und Schauspiel in der Zeit der Renovierung der Theaterhäuser unterkämen. Die "Forderungen der Politiker" in dieser Sache, das heißt in Sachen Geld, seien "eindeutig", die Kosten für die Zeit in den Ausweichspielstätten "müssen gesenkt werden". In der Vorlage stehe folgender Vorschlag: Die Oper miete den Musical Dome als Ausweichquartier an, das Schauspiel nutze für zwei Produktionen pro Spielzeit ebenfalls den Musical Dome, die Halle Kalk werde technisch aufgerüstet und als ständige Spielstätte für das Schauspiel eingerichtet. Zur Spielzeit 2013/14, wenn Karin Beier Köln in Richtung Hamburg verlässt, soll ein neuer Schauspiel-Intendant in Köln anfangen.

Auf der Webseite des Kölner Stadt-Anzeigers (24.2.2011, 9:43 Uhr) ergänzen Christian Bos und Martin Oehlen, beim Treffen von Beier mit OB Roters und Kulturdezernent Quander am Mittwoch sei auch Beiers Anwalt dabei gewesen. Uwe Eric Laufenberg habe inzwischen aus Barcelona sein Bedauern "über den Gang der Dinge" geäußert. Beier nicht einzubeziehen, sei "natürlich indiskutabel", er habe sich schriftlich bei ihr "entschuldigt." Allerdings erleichtere die Dreieckskonstellation in der Leitungsstruktur der Bühnen - Opernintendant, Schauspielintendantin, Geschäftsführender Direktor - nicht gerade "das Planen für die Zeit des sehr komplizierten Interims". Auch Kulturdezernent Georg Quander habe versichert, "dass ihn das Scheitern der Generalintendanz nicht schmerze. Im Gegenteil". Beiers Theater sei "ein internationales Aushängeschild der Stadt." Auf jeden Fall werde Beier das Schauspiel 2012/13 ins Interim führen, habe der OB bestätigt. Möglicherweise stehe Beier, so heiße es in einer Mitteilung, schreibt der Stadt-Anzeiger, trotz der Hamburger Verpflichtung für die Spielzeit 2013/14 ganz oder teilweise zur Verfügung. Darüber solle zu einem späteren Zeitpunkt entschieden werden.

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (24.2.) resümiert Andreas Rossmann die Misere: Mehr als drei Jahre währe schon "das Hoch" des Kölner Schauspiels, seit Jürgen Flimm 1985 seine Heimatstadt verließ, habe das Theater hier "keine so aufregende und glückliche Zeit mehr erlebt". Doch Oberbürgermeister Roters wolle "offenkundig" die "erfolgreiche und unbequeme Intendantin loswerden". Das Szenario dafür "hatte sein Büro bereits ausgeheckt", die Pressekonferenz, auf der der "scheinbar perfekte Coup vorgestellt werden sollte", sei bereits "anberaumt" gewesen, nur Karin Beier sei zu den im "internen Hauruckverfahren" entwickelten Pläne einer Generalintendanz nicht gefragt worden. So sei sie, als sie von dem fait accompli erfuhr, aus allen Wolken gefallen. "Dass die Schauspielchefin sich gegenüber ihren Mitarbeitern, Zuschauern und den eigenen künstlerischen Ansprüchen in der Pflicht sieht, das Theater noch durch das erste Sanierungsjahr zu boxen, interessierte schon gar nicht mehr oder überstieg schlicht das hier waltende Vorstellungsvermögen." Wie Köln der Intendantin, die dem Theater "wieder Ansehen und Angebote zur Auseinandersetzung beschert hat", seine "Wertschätzung" bekunde, dürfe als "Lehrstück für eine sozialdemokratische, von technokratischem Denken bestimmte Kulturpolitik" gelten.

In der Frankfurter Rundschau (24.2.2011) schreibt Peter Michalzik in einer Glosse: "Und wenn schon der Politik die Zukunft Kölns egal ist, die in diesem Fall an einem anziehenden Theater hängt, dann schlägt die Stunde des Dezernenten. Er [Georg Quander] ist der Anwalt der Kunst in der Stadt. Und der wird jetzt - zum Wohle der Stadt - gebraucht. Quander sagt, [...] Köln habe nun auch einen Ruf zu verspielen. Der Mann scheint verstanden zu haben, worum es geht. [...] Er war es, der einst Beier geholt hat. Er sollte dafür kämpfen, dass er sich wieder auf die Suche machen kann.

Und Stefan Keim schreibt in der Tageszeitung Die Welt: Seit Karin Beiers Weigerung, Ihren Vertrag vorzeitig aufzulösen, "herrscht Karneval in der Kölner Kulturpolitik. Gerüchte machen die Runde. Geht Karin Beier doch nicht nach Hamburg? Will sie selber Generalin werden? Beier dementiert. [...] Es gab in den vergangenen Wochen die seltsamsten Kooperations- und Fusionsideen mit Bonn. Völlig unausgegorene, selbstverständlich. Hinter den Kulissen brodelt es, alles scheint möglich, nichts ist sicher. Nur eins: Köln setzt wieder einmal Maßstäbe für kulturpolitischen Dilettantismus."

Kommentar, 24.11.2011: Peinlich und kleinlich

von Dina Netz

Köln, 24. Februar 2011. Peinlich und kleinlich. So muss man die Kölner Kulturpolitik im Moment nennen. Die Stadt hat Opern-Intendant Uwe Eric Laufenberg angetragen, während der Sanierungsphase 2012 bis 2015 Generalintendant der Kölner Bühnen zu werden, also Oper und Schauspiel zusammen zu leiten – dabei läuft der Vertrag von Schauspiel-Intendantin Karin Beier noch bis 2014. Dummerweise hatte niemand Karin Beier gefragt, was sie davon hält, weshalb sie jetzt erst recht ihren Vertrag bis zum Ende erfüllen will, auch wenn eigentlich Hamburg ruft. "Damit sind Überlegungen für eine Generalintendanz bei den Bühnen Köln für die Zeit des Interims nicht zu verwirklichen", hieß es Mittwoch Abend lakonisch in einer Pressemitteilung der Stadt. Das hätte man auch ohne große Öffentlichkeit herausfinden können. Uwe Eric Laufenberg hat sich inzwischen bei Karin Beier entschuldigt, obwohl er für das Vorgehen der Stadt ja auch nichts kann.

Furchtbar peinlich ist das, denn auf so eine plumpe Weise versucht man niemanden, offensichtlich gegen den Willen des zuständigen Kulturdezernenten Georg Quander, aus dem Amt zu drängen, schon gar nicht, wenn diejenige das Kölner Schauspiel fast aus dem Stand aus der absoluten Bedeutungslosigkeit in die allererste Theaterliga geführt hat.

Keine Intendantin für den Theater-Elfenbeinturm

Was steckt hinter einem so grob fahrlässigen Vorgehen, das alle Beteiligten beschädigt außer Karin Beier selbst? Damit sind wir beim zweiten Attribut, das die Kölner Kulturpolitik kennzeichnet: Viele Kölner Lokalpolitiker, insbesondere Oberbürgermeister Jürgen Roters, sind offenbar kleinlich. Sie sehen nur, dass Karin Beier ihnen Arbeit gemacht hat, indem sie ein Bürgerbegehren unterstützte, das den Abriss des Schauspielhauses in eine Renovierung umwandelte. Dadurch wurden ein neuer Ratsbeschluss und neue Planungen für die Sanierung von Oper und Schauspiel notwendig.

Bei jeder Gelegenheit wird seitdem der Vorwurf erhoben, Karin Beier habe sich gegen die Stadt gestellt. Dabei braucht es, erstens, für ein Bürgerbegehren auch noch ein paar unterschreibende Bürger. Und zweitens: Sollen sie doch froh sein über eine Intendantin, die nicht nur in ihrem Theater-Elfenbeinturm hockt, sondern sich einmischt in die Belange ihrer Stadt (die ja im übrigen auch ihre Heimatstadt ist). Als Karin Beier dann vergangene Woche bekanntgab, dass sie ans Hamburger Schauspielhaus wechseln werde, brach ein Sturm der Entrüstung los – im Fußball, der in Köln ja die Referenzgröße ist, obwohl die Erfolge des FC weit hinter denen von Karin Beier zurückbleiben, im Fußball wäre der Wechsel eines Trainers von der zweiten in die erste Bundesliga die natürlichste Sache der Welt.

Zumal Karin Beier Recht hat, wenn sie sagt, dass man ihr geradezu den roten Teppich für den Weggang ausgerollt habe: Statt Anerkennung für die wiederholten Einladungen zum Berliner Theatertreffen und für die Spitzenplätze in den Kritikerumfragen gab's Sparvorgaben, geradezu ostentatives Fernbleiben des Oberbürgermeisters und jetzt eben über ihren Kopf hinweg den Vorschlag eines Generalintendanten.

Uwe Eric Laufenberg und sein Unterwegskonzept

Auch die Rolle von Opernintendant Uwe Eric Laufenberg in diesen Scharmützeln ist fragwürdig. Laufenberg hat selbst eigene Händel mit der Kölner Kulturpolitik - obwohl man ihm den Generalintendanten angetragen hat, droht er weiter mit Rücktritt, weil er immer noch kein dauerhaftes Ausweichquartier für seine Oper während der Zeit der Sanierung von 2012 bis 2015 hat. Er favorisiert den Musical Dome, und finanzierbar scheint das den Kölner Haushaltspolitikern nur, wenn die Ausweichquartiere des Schauspiels billiger werden, als bisher geplant. Darüber verhandelt jetzt die Stadt weiter mit, gottlob, Karin Beier und Uwe Eric Laufenberg, der als Generalintendant für einen Tag schon einmal ein "Unterwegskonzept" für das Schauspielhaus vorschlug, mit dem er als vormaliger Chef des Potsdamer Schauspiels für viel Furore gesorgt hatte. Ein Unterwegskonzept, das er allerdings für seine Oper strikt ablehnt. Was für die Oper nicht recht ist, sollte also für das Schauspiel billig sein?

Man kann nur von Glück sagen, dass Karin Beier trotz ihrer Hamburger Zukunft, die Kölner Gegenwart nicht schnurz-piep-egal geworden ist und dass sie selbst für einen geordneten Übergang in die Interimsspielzeiten sorgen will (und, wie es leise anklingt, sich möglicherweise auch noch weiter kümmern wird, bis das Schauspiel eine neue Führung erhalten hat). Unter einer schwächeren Leitung als der von Beier, wäre der so schnell eroberte Ruhm des Kölner Schauspiels wohl im Nu wieder dahin.

Die kleinliche und peinliche Kölner Kulturpolitik jedenfalls, die für dieses ganze Kuddelmuddel erst gesorgt hat, ist schwer erträglich und schwer nachvollziehbar. Kölle am Rhein hält sich offenbar für die tollste Stadt der Welt, in der Jeder dankbar sein muss, der hier arbeiten darf. Dabei steht Köln ganz tief in der Schuld von Karin Beier, die das Schauspielhaus zum ersten Mal überhaupt zum heftig schlagenden kulturellen Herz der Stadt gemacht hat.

 
Kommentar schreiben