Das Spielfeld lesen lernen

von Shirin Sojitrawalla

30. August 2016. Im Fußball spricht man davon, ein Spiel lesen zu können. Dieses Lesen ist nicht nur so genannten Fachleuten, sondern auch sachkundigen Laien zuzutrauen. Ähnlich verhält sich das im Theater. Auch eine Aufführung will gelesen werden. Was geschieht wo und wieso und mit welchem Ergebnis? So weit, so klar, doch wie bewertet man das Spiel, äh, Stück?

Die Musealisierung des Eisenhändlers

von Sascha Ehlert

24. August 2016. Jetzt, da die Ära Castorf an der Volksbühne zu Ende geht, ist offenbar die Zeit gekommen, um dessen Denkmal mit Ornamenten und Verzierungen zu verschönern, oder böse ausgedrückt: es zu verkitschen. Diese Befürchtung drängt sich jedenfalls auf, beschaut man zwei neue Publikationen, die dieser Tage erscheinen: zum einen die "Republik Castorf", herausgegeben von Frank Raddatz, insbesondere aber das "Arbeitsbuch Castorf" von "Theater der Zeit". "Seit seinem Durchbruch in den frühen neunziger Jahren hatte kein anderer Regisseur in den vergangenen Jahrzehnten mehr Einfluss", schreibt dort Staffen Valdemar Holm, schwedisch-deutscher Theatermacher und ehemaliger Intendant des Schauspielhaus Düsseldorf. Bedeuten Sätze wie dieser das Ende des Widerstands von Castorfs Kunst gegen die Gegenwart?

Die Zerbrechlichkeit des Neuen

von Esther Boldt

29. Juli 2016. Am Ende war das A. Zwei Kletterer erklommen die Fassade des Bockenheimer Depots, demontierten die zwei Ts des TAT und ließen nur das A stehen – als Symbol eines Neuanfangs. Leider blieb dieser eine Utopie: An einem milden Abend im Mai 2004 fand die letzte Performance im Frankfurter Theater am Turm (TAT) statt, "For urbanites – nach den großen Städten" des Performancekollektivs andcompany&Co., die sich mit Stadtsterben und Theatertod beschäftigte.

Ein Zeitgeisthändler

von Dirk Pilz

11. Juli 2016. Auf dem Tisch liegt ein schmales Bändchen, mintgrün, pappgebunden. Es ward von einem Theaterkritiker verfasst, den das Rentenalter aus dem Amt vertrieb. Ein in den informierten Kreisen sattsam bekannter Mann, der stets vorgab, einer "radikalen Subjektivität" zu folgen und Kritik als "Kunst der Autonomie" zu betreiben, was allerdings zumeist darauf hinauslief, das private Meinen schon als subjektives Urteil und das ungeschützte Vorurteil bereits als Ausdruck von Autonomie zu nehmen. Im Grunde eine tragische Figur, die das Gefängnis des Geschmäcklerischen kaum je zu verlassen vermochte.

Aus purer Lust

von André Mumot

7. Juli 2016. Am Schluss des Vorworts steht das Datum. Juni 2015. Das ist, ganz lapidar, ein Abschied. Einen Monat später starb Dieter Kühn mit achtzig Jahren. Er hat, nach seiner über tausendseitigen Autobiographie "Das Magische Auge. Mein Lebensbuch", ganz am Ende noch diese wunderliche Ergänzung hinterhergeschoben. Er wusste dabei, dass ihm "der Verlag dieses Buch letztlich zum Geschenk gemacht" hat. "Spätvorstellung" heißt es. Und im Untertitel: "Mein Theaterbuch". Es stehen sechs seiner Stücke darin, die in dieser Form nie aufgeführt worden sind. Wird sich das ändern? Wohl nicht. Wird der Verlag das Buch oft verkaufen? Auch nicht sehr wahrscheinlich. Nein, es ist eben ein Geschenk.

Die Erben Lessings

von Thomas Rothschild

2. Juni 2016. Das Berufsbild des Dramaturgen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten radikal verändert. Bis in die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts oblag es den Dramaturgen vornehmlich, Vorschläge für den Spielplan zu machen, die Programmhefte zu redigieren und eventuell Strichfassungen vorzubereiten. Oder man beschäftigte sie mit Nebenaufgaben, weil sie von Theatertexten außerhalb des engen Kanons und erst recht von deren geschichtlichen Bedingungen nicht allzu viel Ahnung hatten. Mit der Durchsetzung des so genannten Regietheaters wuchs – im deutschsprachigen Raum – die Bedeutung und das Ansehen der Dramaturgen.

Der Kosmos kotzt

von Janis El-Bira

17. März 2015. Zum Allerschönsten in der Literatur überhaupt zählen Verschwörungen. Vielleicht hat das damit zu tun, dass die Prinzipien einer Verschwörung denen des Erzählens und des Lesens gleichermaßen verwandt sind. Wer sich verschwört, trifft geheime Absprachen, legt falsche Fährten, zieht die Fäden und tritt irgendwann doch immer ins Helle. Der Verschwörung zu folgen, ihr auf die Spur zu kommen, bedeutet andererseits, Sinn zu konstruieren, dem Flüstern eine Richtung abzulauschen, die Zeichen zu lesen. Auf beiden Seiten der Verschwörung lockt die Verheißung einer kaum zu steigernden Freude: Welterschließungseuphorie.