Hinter lobbyistischen Slogans

von Georg Kasch

12. Oktober 2021. Muss Theater sein? Na klar. Weil: Theater ist systemrelevant. Und: Theater ist ein Bollwerk gegen Rechts. Oder? Kürzlich war in Deutschland Bundestagswahl, die im Großen und Ganzen die Mitte gestärkt hat. Möglich, dass das Theater das Seine dazu beigetragen hat. Allerdings irritieren Details. Etwa, dass in Sachsen die AfD 24,7 Prozent geholt hat. Zugleich ist es das Bundesland mit den höchsten Pro-Kopf-Ausgaben für Kultur. In Thüringen wählten 24 Prozent AfD. Nach Sachsen und den Stadtstaaten liegt es bei den Kulturausgaben je Einwohner auf Platz 5.

Achtung Hochspannung!

von Wolfgang Behrens

5. Oktober 2021. Kürzlich führte ein Schauspieler bei mir Beschwerde. Aufs Zornigste. Er wusste um meine Vergangenheit als Kritiker und nahm mich ins Gebet, stellvertretend für alle Kritiker:innen dieser Erde. Er hatte in einem großen Stück groß gespielt – nicht die Titelrolle, aber doch eine bedeutende –, er hatte seine ganze Energie in diese Rolle geschossen und die Seele noch gleich hintendrein geworfen. Und als zwei Tage später die Rezensionen erschienen, wurde er nicht erwähnt. Mit keiner Silbe.

Meine Dämonen

von Esther Slevogt

28. September 2021. Mein bürgerliches Heldenleben war in diesen Tagen weniger von den Geräuschen der Gegenwart und ihren Unerbittlichkeiten geprägt, als von der Begegnung mit einem großen Kollegen. Was für ein Bild: der erblindende Kritiker, der allein in seinem Haus Bildern und Stationen aus seinem Leben nachgeht, während er in die Capricen seines alternden Körpers hineinlauscht, als werde da ein unbekanntes Stück aufgeführt. Nach alter Gewohnheit versucht er, in Sprache und damit in eine Ordnung zu bringen, was er erlebt: "Als Kritiker lebt man selbstbewusst", ist schließlich die Maxime. "Man stellt nichts zur Meinung, man formuliert sie. Das macht stolz."

Triell auf Kolonos

von Janis El-Bira

21. September 2021. Wie sich die Theater unsere Gegenwart zurechtlegen, verraten am schönsten die Spielplankollisionen der kurioseren Art. Vor ein paar Wochen sorgte eine solche selbst in Berlin für Aufsehen, wo es ja notorisch eh alles doppelt und dreifach gibt: An drei aufeinanderfolgenden Abenden waren da, quer durch Schauspiel und Musiktheater, drei Premieren zu sehen, die sich allesamt dem Ödipus-Mythos widmeten. Doch damit nicht genug, das Berliner Trio komplettierte sich an diesem Sonntag mit Maja Zades Stoffadaption an der Schaubühne zu einem ödipalen Quartett, Mitte Oktober wird Johan Simons in Bochum mit "Ödipus, Herrscher" nachziehen. Bestimmt sind in den kommenden Wochen irgendwo noch ein, zwei weitere thebanische Königssöhne auf der Suche nach den großen Zusammenhängen ihrer Existenz.

Mit Gewalt gegen Gewalt

von Lara-Sophie Milagro

14. September 2021. Jüngst schlug mir ein befreundeter Kollege eine Stückentwicklung vor, basierend auf dem Roman "Schande" des südafrikanischen Literatur-Nobelpreisträgers John Maxwell Coetzee, der 1999 erschien und noch im selben Jahr mit dem Booker Preis ausgezeichnet wurde. Im Mittelpunkt der in der Post-Apartheid-Ära angesiedelten Geschichte steht der weiße Literaturprofessor David Lurie aus Kapstadt, der nach Sexismus-Vorwürfen seine Stellung verliert und zu seiner Tochter Lucy aufs Land zieht. Dort kommt es zu einem brutalen Überfall, bei dem Lucy von drei, vermutlich Schwarzen, Männern vergewaltigt wird. Auf meine Frage, ob denn nicht die Entscheidung, sich mit Diskursen um Rassismus und Sexismus durch das Werk eines weißen Autors, mit einem weißen männlichen Protagonisten auseinanderzusetzen, exemplarisch für genau die Machtverhältnisse steht, auf denen der Roman selbst aufruht (auch wenn er sie zugleich kritisch beleuchtet), gab er sich optimistisch: "Genau das könnten wir dann ja auf der Bühne thematisieren!"

Linke auf Abwegen

von Michael Wolf

7. September 2021. Der Dramaturg und Publizist Bernd Stegemann hat sein zweites Buch in diesem Jahr veröffentlicht. Auf Die Öffentlichkeit und ihre Feinde, in dem er die Identitätspolitik kritisierte, und zahlreiche Artikel, in denen er die Identitätspolitik kritisierte, folgt nun "im Vorfeld der Bundestagswahl" (Verlagsankündigung) der Essay Wutkultur, in dem Stegemann die Identitätspolitik kritisiert. Auf Seite 86 betitelt er die bevorzugte Textgattung ihrer Anhänger spöttelnd als "One-Trick-Pony": "'Ich bin wütend' wird zum Ausgangspunkt des immer gleichen Textes, der gegen eine vermeintliche Übermacht anbrüllt." Vermutlich war Stegemann die Ironie dieses Satzes nicht bewusst. Humor ist seine Sache nicht, dafür ist die Lage scheinbar zu ernst. 

Machen Hammelkeulen schwul?

von Georg Kasch

31. August 2021. Manchmal ist das beste Pferd im Stall ein Schaf. Etwa als Argument gegen den Einwand, queeres Leben sei wider die Natur. Schon seit ein paar Jahren hat sich herumgesprochen, dass in genau dieser Natur so ziemlich alles möglich ist. Klar, die Bonobos, da macht's ja jede:r mit jeder und jedem. Aber auch Delphine, Bisons, Elefanten, Löwen, Libellen, sogar Taufliegen und Bettwanzen – überall balzen und kuscheln, schnäbeln, schnäuzeln und kopulieren sie in Konstellationen, die jede:n "Demo für alle"-Aktivist:in im Schock erstarren lassen dürfte.