Großes kündigt sich an

von Wolfgang Behrens

16. Mai 2018. Als ich noch ein Kritiker und sogar noch Redakteur bei nachtkritik.de war, ließ Kay Voges, Intendant des Schauspiels Dortmund, einmal anfragen, ob er nicht auf einen Plausch in der Redaktion vorbeikommen könne. Nach der allfälligen Auskunft, dass es keine nachtkritik.de-Redaktion gebe (also nicht als konkreten Ort in Gestalt eines eigenen Büros – die Redaktionstreffen finden bis heute in den privaten Wohnungen statt), verabredete man ein Gespräch auf neutralem Terrain. Während einer Redaktionssitzung legten wir fest, wer von uns diesen Termin wahrnehmen solle. Das Los fiel auf mich.

Theaterrepubliken gründen!

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 1. Mai 2018. Findungskommission ist in. Ein stichprobenartiger Streifzug durch deutschsprachige Theaterlande zeigt, dass das Hinterzimmer als Intendanten-Findungsort im Augenblick keine Konjunktur hat: Abgesehen von Rostock (wo der Intendantenposten zugunsten einer "internen Lösung" noch nicht einmal ausgeschrieben wurde) und Schwedt sind alle neuen Stadt- und Staatstheater-Intendanzen, die 2018 auf nachtkritik.de gemeldet wurden, per Findungskommission zustande gekommen.

Elfriede for president

von Michael Wolf

24. April 2018. Vor kurzem ist mir aufgefallen, welche politische Entscheidung mein Leben am stärksten geprägt hat: das Dosenpfand. Ohne Jürgen Trittin käme ich nie auf die Idee, mein leeres Wegbier neben einen Mülleimer zu stellen, statt es hineinzuwerfen.

Das sind ja nur Nazis

von Dirk Pilz

18. April 2018. Diesmal nichts über Chris Dercon und die Volksbühne. Besser wär’, eine Dercon-Debatten-Pause einzulegen. Denn es sind zwar inzwischen allerhand Fakten auf dem Tisch, die wesentlich zum Abbruch der Dercon-Intendanz geführt haben. Es wurden auch allerlei handfeste Argumente und Probleme benannt (siehe die Fragen nach dem Ensembletheater und dem Status des Stadttheaters, siehe die Fragen nach den Verhältnissen der Künste untereinander), aber der Streit ist ideologisch festgefahren. Es werden Schlagworte hin und her geworfen, Vorwürfe gemacht, Verbitterungen ausgetauscht. Rechthaber hier, Rechthaber dort. Die Fakten sind allenfalls Girlanden einer lustvoll bespielten Kulturkampfarena. Lassen wir das für eine Weile.

Der bequeme Weg

von Esther Slevogt

10. April 2018. Seit einiger Zeit teile ich mein bürgerliches Heldenleben mit einem Obdachlosen. Meist kommt er erst abends, um sich hier im Durchgang zum Nachbarhof in die immer gleiche Ecke zu kauern. Der Durchgang hat den Luxus, dass er beheizt ist und seine Türen sich schließen lassen. Der Mann ist eher jung als alt, schaut freundlich, fast kindlich aus seinen erschreckten Augen. Oft sitzt er auch mitten am Tag einfach da, raucht, trinkt und grüßt freundlich, wenn ich an ihm vorbei zu den Fahrradständern hinterm Haus gehe. Meist lässt sich die Dauer seines Aufenthalts in diesem Durchgang an der Zahl der Kippen, an leeren Flaschen und Essensresten ablesen, die er um sich verteilt hat.

Gruppenkunde

von Wolfgang Behrens

3. April 2018. Man kann Kritiker*innen in drei Gruppen einteilen:

1) In die Gruppe derer, die geliebt werden wollen,

2) in die Gruppe derer, die gehasst werden wollen, und

3) in die Gruppe derer, denen es egal ist, ob sie geliebt oder gehasst werden.

Die meisten Kritiker*innen werden wohl behaupten, zur dritten Gruppe zu gehören – eine Blitzumfrage unter einem (in Zahlen: 1) befreundeten Kritiker ergab sogar 100 Prozent, wobei der Umfang der Stichprobe vielleicht nicht optimal gewählt war. Ich behaupte jedoch, dass alle jene, die sich selbst der Gruppe 3 zuordnen, lügen, weswegen sich streng genommen alle Kritiker*innen in die ersten beiden Gruppen aufteilen lassen.

Äh, ästhetische Kriterien?

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 27. März 2018. Das deutsche Stadt- und Staatstheater verhält sich zum internationalen Kunstbetrieb wie der unter prekären Bedingungen produzierte Indie-Film zum Hollywood-Blockbuster. Das ist nichts Neues, wurde mir aber noch einmal besonders deutlich, als ich in Nathaniel Kahns sehr sehenswertem, an Insider-Interviews reichen Dokumentarfilm The Price of everything bei Sotheby's New York einen Auktionator tänzeln und hämmern sah und neidisch dachte: Wow, was für eine Spannung dieser Kunstmarkt produziert. Und was da für ein Glaube drinsteckt! An den Wert der Kunst bzw. des jeweils verhandelten Kunstwerks, das feierlich erleuchtet hinterm Auktionator an der Wand hängt und die Gebote in die Höhe treibt, bis man die Nullen nicht mehr zählen kann.