Ich will da nicht mitmachen!

von Şeyda Kurt

31. März  2020. Spätestens nach dem rechtsextremen Terroranschlag in Hanau wünschte ich mir wie viele andere Menschen, die Rassismus erfahren und sich mit ihm beschäftigen, eine Zäsur. Eine Eruption, einen gesellschaftlichen Resonanzraum für den absoluten inneren Ausnahmezustand, den ich fühlte. Ich wollte mich darauf verlassen, dass meine, unsere Geschichte sich in eine soziale Realität übersetzt. Das alles blieb aus.

Wir in Schieflage

von Lara-Sophie Milagro

25. März 2020. Als mich Anfang letzter Woche immer mehr Jobabsagen erreichten, die Leute anfingen, sich bei Rossmann Klopapier und Desinfektionsmittel aus der Hand zu reißen, ich erfolglos versuchte, meiner Mutter ihren Frisörbesuch auszureden und wir am vorerst letzten Kita-Tag mit anderen Eltern zusammenstanden und betretene "Und wo geht ihr jetzt in Quarantäne?"-Gespräche führten, begann ich Dinge zu tun, die ich noch vor zwei Wochen für unvorstellbar gehalten hätte: mäßig witzige "5ter Tag Quarantäne"-Videos mit hustenden Hunden an WhatsApp-Kontakte zu verschicken, einem Aufruf zur Meditation für die endgültige Auslöschung des Virus zu folgen, mir die weiße Massai auf DVD anzusehen (aber nur weil unser Internet mal wieder nicht funktionierte!) und mich mit Freunden zu gemeinsamen virtuellen Museumsbesuchen zu verabreden.

Don't cry. Work!

von Esther Slevogt

18. März 2020. Da haben wir nun den Salat, beziehungsweise das Virus. Plötzlich wird zum Existenzproblem, was das Theater stets als Alleinstellungsmerkmal stolz vor sich herträgt: die physische Kopräsenz. Die Anwesenheit echter Körper in einem echten Raum. Gegen die grassierende Ansteckungsgefahr hilft nicht mal, die vierte Wand wieder hochzuziehen. Zu spät. Unser bürgerliches Heldenleben findet jetzt auf unbestimmte Zeit hinter verschlossenen Türen statt.

Ich weiß es nicht

von Wolfgang Behrens

10. März 2020. Erlauben Sie (ich verwende hier die generische Höflichkeitsform: alle Menschen, die ich duze oder die von mir geduzt werden wollen, sind selbstverständlich mitgemeint) – erlauben Sie mir, Ihnen ein kleines, mir aber umso eindrücklicheres Begebnis aus meiner Studienzeit zu erzählen! Ich hatte damals das Glück, noch zwei Semester bei Ernst Tugendhat zu hören, bei einem der damaligen Meisterdenker der Freien Universität Berlin und Vorreiter der sprachanalytischen Philosophie im deutschsprachigen Raum, der übrigens vor zwei Tagen seinen 90. Geburtstag beging. Im Wintersemester 1991/92 hielt Tugendhat seine letzte Vorlesungsreihe an der FU, die später auch im Druck erschienenen "Vorlesungen über Ethik". In der Regel trug er im zum Bersten gefüllten Hörsaal eine knappe Stunde vor, ein zweiter Teil war der Diskussion gewidmet.

Beethoven was black

von Michael Wolf

3. März 2020. Beethoven war schwarz. En passant, in einem Nebensatz, behauptet das die Schriftstellerin Sasha Marianna Salzmann in einem Text für das Wiener Burgtheater. Ich bin kein großer Klassik-Kenner, war dennoch hochgradig irritiert und fing sogleich an, zu googeln. Dass Beethoven schwarz gewesen sein soll, hatten vor allem afro-amerikanische Künstler und Bürgerrechtler immer wieder behauptet, unter anderen Malcolm X. Die Beweislage ist aber recht dünn.

Vom Theater lernen, heißt lieben lernen

von Şeyda Kurt

25. Februar 2020. Es gibt viele Gemeinsamkeit zwischen einer Theatererfahrung und der Erfahrung des Sich-Verliebens. Damit meine ich nicht jene biochemische, unmittelbare Reaktion des Sich-Verknallens in romantischen oder sexuellen Kontexten. Ich meine das Erlieben im Bewusstsein widriger Umstände. Das Sich-Einlassen, Erarbeiten und Erlernen. Die Entscheidung, zu einer Familie, zu Partner*innen und Freund*innen zärtlich sein zu wollen.

#diversitysowhite

von Lara-Sophie Milagro

18. Februar 2020. Mit der praktischen Umsetzung von Diversität im deutschen Kunst- und Kulturbetrieb ist es wie mit dem Internet bei uns zuhause. Das fällt mindestens ein Mal pro Woche aus und dann beginnt stets das gleiche Ritual: Ich rufe bei unserem Anbieter an und ein sehr freundlicher Mitarbeiter erklärt mir, man sei sich des Problems bewusst, setze alles daran es zu beheben und man rufe uns zurück, sobald der Fehler gefunden sei. Der Mitarbeiter bedankt sich jedes Mal für meine Beschwerde, "die unbedingt nötig ist, damit wir unseren Service beständig verbessern können", und wünscht mir noch einen schönen Tag. Wir erhalten nie einen Rückruf, stattdessen geht das Internet plötzlich wieder, bevor es spätestens nach einer Woche erneut ausfällt. Fazit: Alle Beteiligten geben sich wirklich sehr viel Mühe, aber es will einfach nicht gelingen.