Aufmucken? Verstören!

von Lara-Sophie Milagro

12. November 2019. Als im Sommer letzten Jahres Nicht-Weiße von Nazis durch die Straßen von Chemnitz geprügelt wurden und die Presse ernsthaft darüber debattierte, ob nun "Jagd", "Hetze" oder "Hetzjagd" der angemessene Ausdruck dafür sei, stand man als (wie auch immer) in diesem Land beheimateter Mensch wieder einmal vor der Frage: Was tun? Wie etwas dagegen setzen, wirkungsvoll Widerstand leisten, auch und gerade als Kunstschaffende?

"Bitte bevorraten Sie sich!"

von Wolfgang Behrens

29. Oktober 2019. Als ich noch kein Kritiker sondern nur ein Zuschauer war, erlebte ich einmal mit meiner Cousine C.... in Peter Steins "Kirschgarten"-Inszenierung einen Theatermoment, den wir beide fortan zu unseren komischsten zählen sollten. Was allerdings nichts mit Peter Stein oder Tschechow zu tun hatte. Vielmehr trug sich zu, dass C.... und ich, die wir als Student*innen auf den billigen Plätzen saßen, vor der Pause zwei freie Sitze in der ersten Reihe erspäht hatten, die wir nun am Beginn des dritten Aktes einzunehmen trachteten.

Spielmacher gesucht

von Michael Wolf

23. Oktober 2019. Es gibt viele Argumente gegen Adaptionen: Sie dienen als Publikumsköder, setzen nur auf Wiedererkennung eines prominenten Originals, versperren jungen Dramatikern den Zugang zu großen Bühnen und so weiter. All das stimmt, ist aber noch kein Grund, sie mittels einer Quote für Gegenwartsdramatik von den Bühnen zu verbannen, wie es die Lektoren des Fischer Theater Verlags kürzlich rührend hilflos in der FAZ vorschlugen. Anstatt ihr Produkt attraktiv zu bewerben, fordern sie die Einführung der Planwirtschaft, ein ästhetisches Argument gegen Adaptionen bleiben sie schuldig.

Die doch immer dagewesen sind

von Esther Slevogt

15. Oktober 2019. Es ist in diesen Wochen viel von der Deutschen Einheit die Rede. Das dreißigste Jubiläum des sogenannten Mauerfalls naht. Am 2. und 3. Oktober wurde unter der Überschrift "Mut verbindet" in Kiel bereits der 29. Tag der Deutschen Einheit begangen, die per 3. Oktober 1990 in Kraft getreten ist. Es gab also Volksfest, Sonntagsreden und "Einheitsbuddeln". Ja: Einheitsbuddeln. Damit war eine bundesweite Baumpflanzaktion gemeint, um Klimaschutz und Deutsche Einheit zu verbinden. Zwar sollen im Zuge der Aktion insgesamt über 90.000 Bäume gespendet bzw. gepflanzt worden sein. Das deutsche Klima ist trotzdem mieser denn je.

Radikale Rollenspieler

von Lara-Sophie Milagro

8. Oktober 2019. Während unserer Zeit beim Jugendclub am Bremer Theater nutzten meine Freundin Gülcan und ich jede Gelegenheit, um unsere Schauspieltechniken zu erproben, zu schleifen und auszubauen. Nachdem die NPD Anfang der 90er Jahren mit sechs Abgeordneten in die Bremer Bürgerschaft eingezogen war, bestand eine unserer Lieblingsbeschäftigungen darin, uns an ihren Wahlkampfständen darüber informieren zu lassen, wie wir möglichst schnell Mitglied werden könnten, um ein Zeichen zu setzen gegen "all die Schwarzen und Türken" und "für Deutschland". Über die verdutzten Gesichter der NPD-Leute lachten wir uns hinter der nächste Straßenecke schlapp und spielten uns gegenseitig immer wieder genüsslich vor, wie sie verlegen hüstelnd in ihren Unterlagen geblättert hatten. Nicht nur im Theater, auch in der Politik waren damals bestimmte Rollen ganz klar für Weiße reserviert.

Ehret den Esel!

von Wolfgang Behrens

Berlin, 1. Oktober 2019. Es gibt eine Frage, die mich zeit meines Theaterlebens verfolgt – und zwar unabhängig davon, ob ich gerade Zuschauer, Kritiker oder Dramaturg war. Ich kann diese Frage noch so oft zu beantworten versuchen, sie kommt immer wieder, lässt sich nicht abschütteln und zielt permanent ins Innerste des eigenen Theaterverständnisses. Sie wird gern von Leuten gestellt, die man auf Taufen, Konfirmationen und Hochzeiten trifft, also zu Gelegenheiten, bei denen man lästigerweise über den gleichfalls ins Theater vernarrten Freundes- und Kollegenkreis hinauszuschauen gezwungen ist. Besonders häufig kommt die Frage übrigens von Musiker*innen und von Teilnehmer*innen an Publikumsdiskussionen. Sie lautet: Warum wird ein Stück nicht so aufgeführt, wie es im Text steht? (Die Musiker*innen pflegen dann stets anzufügen, dass sie doch schließlich auch laut spielten, wenn ein "forte" in der Partitur stehe, und bei einem "ritardando" nicht beschleunigten.)

Seht her, ein Arschloch!

von Michael Wolf

24. September 2019. Bei manchen Theaterabenden ahne ich schon vor dem Besuch, dass ich sie für schwach befinden werde. Für diese Fälle habe ich eine Regel. Ich schreibe keine Kritiken über diese Inszenierungen und überlasse das lieber meinen Kollegen. Von meiner Zurückhaltung profitieren alle Beteiligten: die Künstler, die Leser, ich selbst.