TikTok kauft sich ein

von Janis El-Bira

29. Juni 2021. Unter den Meldungen der vergangenen Wochen flog eine ganz zu unrecht tief unterm Radar hindurch: TikTok macht jetzt Theater. Nicht etwa auf die Weise, wie es angeblich schon immer irgendwie Theater gemacht hat, weil ja auch auf TikTok Menschen unter gewissen formalen Regeln vor sich hin performen. Nein, TikTok steigt jetzt richtig ein in die Sache und spendiert dem Nationaltheater Mannheim 100.000 Euro für dessen neues "Institut für Digitaldramatik". Aus dem Topf, so heißt es, sollen Autor:innen mit Förderstipendien unterstützt werden, die das Schreiben im digitalen Raum erforschen wollen.

Du bist schön

von Georg Kasch

22. Juni 2021. Im Darkroom brennt selten Licht. Klingt wie eine Tautologie, will aber sagen: Was hier passiert, darüber spricht man nicht. Also dass es einen Ort gibt, an dem vornehmlich Männer mit Männern mehr oder weniger anonymen Sex haben. Zu schmutzig, zu sexuell. Was soll daran auch interessant sein? Schon Oma und Opa haben früher beim Sex das Licht ausgemacht.
Überhaupt Sex: Privatsache. Immer bissl peinlich. Schwer, Worte zu finden. Dabei ist drüber reden das Einzige, was hilft. Denn selbst zwei Menschen in einer Paarbeziehung begegnen sich da immer wieder neu, mit verändertem kleinsten gemeinsamen Nenner und Begehrensnuancen.

Wunderbar wegkürzen

von Wolfgang Behrens

15. Juni 2021. Als am 18. März 2020 die Kanzlerin ihre Fernsehansprache zum ersten Lockdown hielt, hatte ich das seltene Vergnügen, die ZDF-"heute"-Sendung gemeinsam mit einer ehemaligen "heute"-Redakteurin anzuschauen. Nach ca. 14 Minuten sagte Petra Gerster, die Nachrichtensprecherin an jenem historischen Tag, den bedeutungsschweren Satz: "Das Corona-Virus hat auch Frankreich fest im Griff." Ohne eine Sekunde des Zögerns entfuhr es da der ehemaligen Redakteurin auf dem Sessel neben mir: "Steht doch auf dem Index!" Ich sah sie entgeistert an, worauf sie erklärte, dass es zu ihrer Zeit für die "heute"-Redaktion eine Liste mit verbotenen Formulierungen gegeben habe. "Fest im Griff haben" habe darauf gestanden, aber auch das Wort "stattfinden". Zum Beispiel.

Es reicht, ein Arsch zu sein

von Esther Slevogt

8. Juni 2021. In den aktuellen Debatten um Macht, Strukturen und ein anderes künstlerisches Arbeiten wird ja jetzt immer viel auf dem Genie herumgehackt. Was ist das, was im Theater brüllt, hurt und menschenwürdiges Arbeiten verhindert? Das Genie! Es benutzt sein Ausnahmetalent als Vorwand für missbräuchliches Verhalten. Durch seine außerordentliche Begabung befördert es außerdem Ausschluss: Exklusion statt Inklusion.

Gleichung ohne Unbekannte

von Michael Wolf

1. Juni 2021. "Wieder mal ein Mann!", schreibt Sabine im Kommentarthread unter der Meldung über den Gewinn des Hans-Gratzer-Stipendiums. Ein Offener Brief beklagt das Fehlen schwarzer Autoren auf der Longlist des Leipziger Buchpreises. Für den renommierten Turner-Preis sind in diesem Jahr ausschließlich Kollektive nominiert. Die Kulturstiftung des Bundes hat die Klimabilanz von Kulturinstitutionen berechnen lassen. Gut möglich, dass Förderungen in Zukunft an die Einhaltung von Emissionsgrenzen gebunden werden.

All you need? All you get!

von Georg Kasch

18. Mai 2021. Es gibt eine Szene in der kleinen, wunderbaren Serie MaPa, die viel sagt übers deutsche Fernsehen jenseits von 3sat und Arte. Metin, die Hauptfigur, arbeitet im Writersroom einer Soap-Produktion. Vor einigen Wochen ist seine Freundin Emma gestorben, völlig unerwartet – Hirnaneurysma. Seitdem schlägt er sich alleine rum mit seiner Trauer, seiner Wut, seiner Liebe und seiner sechs Monate alten Tochter Lene. Wir haben ihn scheitern sehen zwischen Brei, Handy und Müdigkeit, haben erlebt, wie er sich an der übergriffigen Hilfsbereitschaft seiner Mutter und der hilflosen seiner Freunde abarbeitet. Das alles hinreißend realistisch, mit Dialogen wie in diesem Moment erdacht.

Jenseits von Identität

von Wolfgang Behrens

11. Mai 2021. Wenn man sich auf der Streaming-Seite von Disney+ herumtreibt, wird man in gar nicht so wenigen Fällen vor dem eigenen Angebot des Konzerns gewarnt. In Bezug auf bestimmte Figurendarstellungen, etwa in Trickfilmen wie "Dumbo", "Aristocats" oder "Dschungelbuch", heißt es dann: "These stereotypes were wrong then and are wrong now." "Diese Stereotype waren damals falsch und sind es noch heute."