Erwachen am Krankenbett

27. Juli 2023. Der Autor und Theatermacher Necati Öziri hat seinen ersten Roman veröffentlicht: Vatermal. Die Hauptfigur Arda kennt, wer Öziris Arbeit verfolgt, aus dem Stück "get deutsch or die tryin'". Im Roman geht der Erzähler nun dem eigenen Leben weiter nach, mit viel Raum für die Frauen in der Familie.

Von Sophie Diesselhorst

27. Juli 2023. Was ist ein Vatermal? Wikipedia sagt: "Das Wort Muttermal kommt aus dem 16. Jahrhundert, als man glaubte, dass diese Hautveränderungen durch unbefriedigte Gelüste der Mutter während der Schwangerschaft entstehen würden." Analog dazu sind es vielleicht die unbefriedigten Gelüste seines Vaters, wegen derer der Literaturstudent Arda auf der Intensivstation des Krankenhauses seiner Heimatstadt liegt mit einer Autoimmunhepatitis. Oder der Autor wollte den kruden mittelalterlichen Aberglauben einfach ad absurdum führen.

Rückschau auf ein aussichtsloses Leben

In dieser lebensbedrohlichen Lage jedenfalls blickt Arda auf sein Leben zurück. Und richtet das Wort dabei immer wieder an seinen abwesenden Vater Metin, der die Familie verlassen hat, bevor sein Sohn ihn hätte kennenlernen können. Eines Morgens verschwand er aus seinem aussichtslosen Leben als Fließband-Arbeiter in einer deutschen Fleischfabrik und ging zurück in die Türkei.

Arda ist also aufgewachsen ohne Vater, mit einer unglücklichen Mutter und einer Schwester, die als Teenager von zuhause abgehauen ist, weil sie es nicht mehr ausgehalten hat, dabei zuzuschauen, wie ihre Mutter in den Alkoholismus abrutschte. Übrigens nicht wegen des gegangenen Gatten, den sie nie wirklich geliebt hat, sondern weil sich in ihrem von Schicksalsschlägen geprägten Leben jedes Glücksversprechen immer wieder in Wohlgefallen aufgelöst hat.

Blick auf die Frauen in der Familie

Die Perspektive von Ardas und Aylins Mutter Ümran, deren Geschichte Necati Öziris Roman als eigener Thread durchzieht, nimmt viel Raum ein in “Vatermal”, so viel, dass man sich manchmal fragt, ob nicht eigentlich sie auf den Titel gehört hätte, denn "Vatermal" klingt ja auch nach einer Narbe, die Arda eben gerade nicht hat – "Wäre ich bei dir aufgewachsen, hätte ich genau zwei Möglichkeiten gehabt", schreibt er einmal an seinen Vater, "Nachahmung oder Abgrenzung. Du wärst der Maßstab gewesen, an dem ich und alle anderen mich gemessen hätten, und vermutlich wäre ich dann nie ich geworden, sondern würde jetzt irgendeine Ingenieursscheiße studieren, würde in Fußballtrikot und Sonnenbrille in tiefergelegten Autos flexen".

Cover Oeziri

"Ich hab mich nicht nur glücklich geschätzt, sondern ich war sogar stolz darauf, ausschließlich von Frauen großgezogen worden zu sein", schreibt er auch. "Frauen, die mir jene Liebe schenkten, die sie einander nicht zeigen konnten". Beide, Mutter und Schwester, sitzen an Ardas Krankenbett, aber nie zusammen. Sobald die eine den Raum betritt, verlässt die andere ihn. In Ardas Rückblick werden sie zusammen- und der Leserin nahegebracht.

Wir kennen sie bereits aus Öziris 2017 von Sebastian Nübling am Berliner Gorki Theater uraufgeführtem Stück get deutsch or die tryin' – das sowieso viele Motive und Geschichten des Romans bereits enthielt, zum Beispiel auch die Wahlfamilie, in der Arda Halt fand, nachdem seine Schwestern abgehauen und er mit seiner mit sich selbst beschäftigten Mutter allein zurückblieb. Savaş, Danny und Borjan, mit denen Arda am Bahnhof die Zeit totschlägt, mit denen er raucht und philosophiert und sich gegen eine widrige Außenwelt verbündet.

Kurz und deutlich und gleichzeitig im Fluss der Erzählung betont unspektakulär wird der alltägliche Rassismus beschrieben, dem sie ausgesetzt sind. "In der Schule nennen sie mich Asylanten-Arda und Savaş nennen sie einfach nur Sucuk. Sie rufen, dass wir stinken und behaupten, wir wohnen im Müll. Sie fragen, warum wir hässlich sind, obwohl Döner schöner macht. Sie erzählen, wir hätten Läuse und weigern sich uns zu berühren. Das einzige Gute an unseren Mitschülern ist, dass sie Savaş und mich zwingen, immer ein Team zu sein."

In "Vatermal" werden die Geschichten der Freunde mit Betonung auf der Tatsache erzählt, dass sie in der Vergangenheit liegen. Während Arda sie in "Get deutsch or die tryin'" noch zur (fiktiven) Beerdigung seines Vaters mitnehmen will als Chor wütender Supporter, beschränkt er sich in "Vatermal" auf eine halbherzige Facebook-Recherche zu der Frage, was sie eigentlich mittlerweile machen. Außerdem schlägt Necati Öziri sich im Roman sehr viel deutlicher auf die Seite der Mutter. Ihre Geschichte wird aus personaler Perspektive erzählt, also nahe an ihrem Erleben, ohne dass der Erzähler sie aus ihrer Ich-Perspektive verdrängt. Eigentlich ist sie die heimliche Hauptfigur – all die zusammengetragenen Informationen und Mutmaßungen über die politische Vergangenheit und das innere Leben des abwesenden Vaters, die in "Get deutsch" noch ausführlich vorgebracht werden, kürzt Öziri in “Vatermal” auf knapp drei Seiten. Das kann man als feministisches Statement lesen – eines, das gleichwohl nicht konfrontativ daherkommt, sondern seine politische Botschaft in den Stoff einwebt.

Inklusive Erzählweise

Sowieso: mit weniger Wut und Bitterkeit als in "Get Deutsch", stattdessen mit mehr Innigkeit geht der Erzähler dem nach, was in der eigenen Lebens-Erinnerung verhaftet ist. Dabei hilft die düstere Perspektive aus dem Krankenbett. Sie markiert eine Verletzlichkeit, die Öziri umwandelt in eine inklusive Erzählweise, die weder die Leser:innen abhängt noch die Figuren. Sie werden einerseits schonungslos genau und pointiert, oft von Ardas erstem Eindruck her beschrieben. Andererseits wird auch jeder und jedem ein angedeutetes Eigenleben zugestanden, das diesen ersten Eindruck vielleicht noch widerlegen könnte.

Vatermal
von Necati Öziri
Ullstein Buchverlage, 304 Seiten


Mehr zu Necati Öziri: Beim Bachmannpreis 2021 gewann Öziri für einen Ausschnitt aus "Vatermal" bereits zwei Preise.

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