Stolz zeigen sie ihre Wunden

7. September 2023. Die Dramatikerin Olga Bach avancierte zusammen mit Ersan Mondtag über Nacht zum Shootingstar. In ihrem autofiktionalen Romandebüt bietet sie nun intime Einblicke in ihren Werdegang, kaputte Familien und tyrannisch geleitete Kulturinstitutionen. Auch Claus Peymann und Frank Castorf poltern über die Seiten.

Von Esther Slevogt

7. September 2023. Zum Eklat kommt es auf Seite 168. "Ich bin raus. Sorry, sucht euch einen anderen Quoten-Ossi!", sagt Maria aufgebracht und zieht ihr Einverständnis zurück, dass ein Text über die Geschichte ihrer Kindheit und Jugend für eine Performance verwendet werden darf. Bis dahin war sie Teil eines Projekts, das ihre beiden Jugendfreunde Irina und Orhan im Auftrag eines neuartigen Museums entwickeln wollten.

Das "Museum für Identität und Wiedervereinigung" will eine Lücke in Berlins Erinnerungskultur füllen. Es möchte das Leben nämlich in dem Moment abbilden, in dem es zu Geschichte gerinnt. Und was könnte besser für diesen Museumszweck geeignet sein als die Biographien dreier junger Menschen, die um die Jahre der Wende herum geboren wurden? Eine Westdeutsche, eine Ostdeutsche und ein Sohn türkischer Migranten aus Kreuzberg. Doch weil da dann am Ende nicht nur Klischee draufsteht, sondern aus ihrer Sicht auch Klischee drin ist, steigt Maria, die Ostdeutsche, jetzt also aus dem Projekt für die Eröffnung aus. Ein Mitarbeiter des Museums hat es "Kinder der Stadt" genannt.

"Kinder der Stadt" heißt auch der Roman von Olga Bach, mit dem die Theaterautorin jetzt als Prosaschriftstellerin debütiert. Bach, wie ihre Protagonistin Irina 1990 in Berlin geboren, ist mit Texten für die Theaterarbeiten von Ersan Mondtag bekannt geworden. Der Durchbruch kam 2016 mit Vernichtung in Bern: ein Satyrspiel in den grellen wie sinnentleerten Oberflächen der "Lost Generation des Neoliberalismus", wie Geneva Moser in ihrer Nachtkritik zur Uraufführung schrieb. Es folgte Olga Bachs Nominierung für den Mülheimer Dramatikpreis und eine Einladung der Inszenierung zum Theatertreffen. Damals waren Olga Bach 26, Ersan Mondtag 29 Jahre alt. "Vernichtung" machte sie zu Shootingstars des deutschsprachigen Theaters. 

Es begann im Grips Theater

Cover BachWie alles anfing, nämlich unter anderem im Jugendclub des Grips Theaters, können wir nun in Bachs Roman nachlesen, in dem ihr literarisches Alter Ego Irina die Geschichten ihrer Protagonist*innen sozusagen im Auftrag des Museums noch einmal recherchiert und reflektiert. In einem zweiten Handlungsstrang werden wir direkt zurückversetzt in die Leben von Orhan, Irina und Maria, sie ist die Dritte im Bunde, in den Nullerjahren: Kinder von irgendwie beschädigten Eltern, die mit ihren Träumen von den Zeitverläufen im rasenden Wechsel, den die Jahre 1989/90 bedeuteten, auf unterschiedlichste Weise entwurzelt wurden.

Es sind atmosphärisch dichte Beschreibungen von Häusern ohne Hüter*innen, in denen die drei Teenager, jede*r auf seine Weise, alleingelassen und auf sich gestellt sind. Die Figuren werden sehr plastisch, Maya: Irinas schriftstellernde Mutter, die für die Jugendlichen noch am ehesten ein Orientierungspunkt ist; Zoba, Irinas Vater, ein einstiger Architekt, der irgendwo in einem westdeutschen Provinznest der Altersarmut (und seinen gescheiterten Träumen) Paroli zu bieten versucht.

Da sind außerdem Irinas einst aus der DDR geflüchteten Dahlemer Großeltern mit dem Benz vor der Tür und den Billignahrungsmitteln im Kühlschrank. Oder Mehmet und Birsen, Vater und Mutter von Orhan – auch sie suchen eher an ihren Kindern Halt, als dass sie ihnen Halt geben könnten. Also halten sich die Jugendlichen aneinander fest. Eines Tages entdecken sie dann das Theater, das ihnen einen sicheren Hafen bietet.

"Türken sind nicht so begabt."

Und so wird man langsam in das Leben von drei Generationen in Berlin hineingezogen, in drei Schichten historischer Erfahrung. Stets liest man den Roman mit dem gefühlten Wissen, das alles wahrscheinlich genauso gewesen ist, wie Olga Bach es beschreibt! Denn Irina ist Olga, Orhan ist Ersan, das "Museum für Identität und Wiedervereinigung" ist das "Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung", wo Mondtag und Bach mit einem Projekt beauftragt wurden, das dann an verschiedenen Misslichkeiten scheiterte. Wie dann auch das Projekt im Roman.

Auch all die beschriebenen Theaterarbeiten wurden tatsächlich produziert. In München, im Kreuzberger Tiyatrom, in der Deutschen Oper, wo das Grand Finale des Romans angesiedelt ist. Der wutanfällige Bernhard G., in dessen Theater der junge Orhan Stern einst hospitierte, heißt im wirklichen Leben Claus Peymann, an dessen Berliner Ensemble der junge Ersan Mondtag als Hospitant gearbeitet hat. Vom Intendanten wurde Orhan dort stets als der "junge Perser" bezeichnet, auf Korrekturversuche des jungen Mannes reagierte er stets mit den Worten: "Das kann nicht sein. Türken sind nicht so begabt."

Mit dem naheliegenden Rückschluss allerdings, auch Claus P. könnte sich so verhalten haben, ist man eventuell bereits der Strategie des Buches auf den Leim gegangen, listig immer wieder die Grenzen von Fakten und ihrer Fiktionalisierung hin- und herzuschieben. Mit dem Voyeurismus zu spielen, den das Buch zwangsläufig mit seinem Gestus "Wie wir wurden, was wir sind" produziert. Jedes Detail der auf drei Zeitsträngen erzählten Geschichte des früh erfolgreichen Duos Stern/Funke alias Mondtag/Bach samt damit einhergehender Kollateralschäden scheint nur zwei, drei Google-Klicks von der Realität entfernt. Aber muss jetzt wirklich auch noch der Aufenthalt in Istanbul ins Buch? Ist das alles noch Kolportage oder schon Literatur?

Theater muss sein?

Sicher ist: Auch wenn sie sich manchmal ein bisschen zu cool finden, diese Kinder der Stadt mit ihren so proudly präsentierten Wunden wachsen einem ans Herz. In der Kunst suchen sie so etwas wie Freiheit und Erdung, die sie woanders nicht finden: nicht in der Zeit, in der sie leben, und erst recht nicht bei den beschädigten Eltern, die viel zu tief in ihre nichtgelingen wollenden Lebensentwürfe verstrickt sind, und an denen ihre Kinder schon bald vorbeiziehen.

Ein bisschen folgt das Buch der bildungsbürgerlichen Logik von Theater-muss-sein-Klischees. Aber Klischees werden in unterschiedlicher Form im Roman immer wieder thematisiert und kommentiert: Denn was ist, wenn es eben wirklich so ist? Wenn das Klischee gar kein Klischee, sondern einfach die Wirklichkeit ist?

Das Theater schafft zumindest für Irina und Orhan erträglichere Realitäten. Auch wenn seine so verschiedenen Repräsentanten Peymann und Castorf (im Roman Markus M.) dem Nachwuchs hier eher als "dunkle Lords" denn als wegweisende Lichtgestalten erscheinen. Trotzdem ist das Angebot des Theaters, Wege aus beschädigten Leben in eine irgendwie kunstveredelte Existenz zu weisen, für diese Kids bestechend.

Ohne Opfer jedoch gelingt diese Entwicklung offenbar nicht. "Warum finden Leute vom Theater eigentlich alle uninteressant, die kein Theater machen?", fragt Maria einmal. Da ist ihre Freundschaft mit Irina fast schon gescheitert. Die Kunst trennt eben auch, produziert Ausschlüsse. Schafft neue Klassenverhältnisse und Eliten, wie der Roman in entwaffnender Weise plastisch werden lässt. So ist ein Höhepunkt des Romans ein fast profanes Trennungsgespräch: als Irina den Literaten Renato kennengelernt hat und ihre siebenjährige Beziehung zu Gabriel zerbricht, der inzwischen Arzt geworden ist.

Über alles hat die stillstehende Zeit während der Pandemie (in der ein Zeitstrang des Romans spielt) ein eigenes Brennglas gelegt, in dem sich das Vergangene noch mal besonders verdichtet. Ein offenes wie ungeschütztes Buch, lauter Operationen am offenen Herzen.

 

Kinder der Stadt
von Olga Bach
Kiepenheuer & Witsch, 352 Seiten, 22,00 EUR

Kommentare  
Buch Kinder der Stadt: Präsentation, Volksbühne
Geballte Volksbühnen-Prominenz versammelte sich, um den Roman "Kinder der Stadt" vorzustellen. Das Quartett Kathrin Angerer, Inga Busch, Benny Claessens und Lilith Stangenberg sowie die Autorin Olga Bach halten sich nicht lange mit Einführungen auf. Vor jedem Kapitelchen gibt es eine knappe Vorbemerkung von Bach, in welchem Jahr die Handlung spielt, dann lesen alle reihum eine Passage vor.

Auffällig ist, in welch schlechtem Licht die Irina (Bachs Alter ego) den Orhan, hinter dem sich offenkundig Mondtag verbirgt, erscheinen lässt.

Musikalisch wird das Ganze von Tristan Bruschs Songs über verflossene Liebe und Abschiedsschmerz untermalt. Er stellte sich dem Berliner Theaterpublikum vor kurzem als Musiker in der Woyzeck-Inszenierung des BE vor. Regie führte: genau, Ersan Mondtag!

Er und andere Weggefährten waren natürlich auch bei dieser Lesung zu Gast. Gilt hier wie so oft: Was sich liebt, das neckt sich? Oder was steckt hinter den autofiktionalen Sticheleien?

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2023/10/16/kinder-der-stadt-buchvorstellung-volksbuehne-kritik/
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