An die Grenzen Europas

von Sophie Diesselhorst und anderen

Ab 7. November 2014. Anfang dieser Woche informierte die Künstlergruppe Zentrum für politische Schönheit über den Verbleib von 14 Kreuzen aus der Maueropfer-Gedenkinstallation "Weiße Kreuze" neben dem Reichstag. Diese hätten die "Flucht aus dem Regierungsviertel vor den Gedenkfeierlichkeiten zu '25 Jahre Mauerfall' ergriffen" und seien "in einem Akt der Solidarität" über die EU-Außengrenzen zu den "zukünftigen Mauertoten" geflüchtet. Die Polizei ermittelt inzwischen wegen schweren Diebstahls.

europaeischer-mauerfall 560 political-beautyMaueropfer-Gedenkkreuz (Imitat), das "in einem Akt der Solidarität" über die EU-Außengrenzen
zu den "zukünftigen Mauertoten" flüchtete. Foto: ZPS

Parallel machte das ZPS, geleitet von dem Theatermacher und Regisseur Philipp Ruch, seine Pläne für einen "Europäischen Mauerfall" publik: Am heutigen Freitag brechen zwei Busse mit "friedlichen Revolutionären" von Berlin an die europäische Außengrenze in Bulgarien auf, um dort am 9. November die Grenzanlagen abzureißen. nachtkritik.de-Redakteurin Sophie Diesselhorst hat sich als "revolutionäre Journalistin" casten lassen und berichtet von unterwegs – über den Twitteraccount von nachtkritik.de, Hashtag #EUwall.

Wir protokollieren die Ereignisse sukzessive von Berlin aus mit Hilfe folgender Quellen: Sophie Diesselhorst (nachtkritik.de), Facebook-Seite des Zentrums für politische Schönheit, Berichte von den Mitreisenden Ines Kappert in der taz (8.11.2014 und 9.11.2014), Björn Kietzmann (Fotoserie 9.11.2014) und Nancy Fischer von Radio Eins (10.11.2014) und auf Spiegel online (9.11.2014), Tweets von Mitreisenden und Augenzeugen, siehe Storify-Sammlung unten.

 

Erster Tag

7. November 2014. Die Abfahrt der Busse vor dem Gorki Theater, geplant für 13 Uhr, verschiebt sich: Rund 100 Polizisten von Staatsschutz, Bundespolizei und Bundesgrenzschutz durchsuchen die Busse und Mitfahrenden nach "Waffen und Werkzeug". Die Begründung: "Sie rufen zu schweren Straftaten auf. Wir müssen gefahrenabwehrende Maßnahmen einleiten." Auf die Feststellung aller Personalien wird verzichtet. Die Bolzenschneider mussten vorher an der Garderobe des Theaters abgegeben werden. Auf einem großen Schild prangt die zentrale Handlungsanweisung: "Verhalten Sie sich beim Abbau der EU-Außengrenzen friedlich, aber bestimmt." Vor dem Gorki gibt es eine kleine Kundgebung und Musik, Intendantin Shermin Langhoff gibt in einer Rede Rückenstärkung: "Die Geschichte ist kein ruhiger Ort – Gedenken kommt schließlich von Denken". Sprechchöre skandieren "Die Mauer muss weg", während die Motoren laufen.

Um kurz vor 15 Uhr fahren zwei Busse mit rund 120 Personen an Bord ab, es gibt Käsebrötchen, die Stimmung ist gut. Die Regisseure des Zentrums für politische Schönheit sitzen nicht mit im Bus, sondern reisen auf anderem Weg nach Bulgarien. Angekündigte Dauer der Fahrt: 30 Stunden. Im Bus gibt es keinen Strom.

Zur Mauerfall-Gedenkfeier im Deutschen Bundestag kritisiert Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) die Entwendung der Mauerkreuze im Rahmen der Aktion des Zentrums für politische Schönheit: Die Mauerkreuze seien "vor einigen Tagen gestohlen worden mit einer heldenhaften Attitüde und einer pseudohumanitären Begründung, die man für blanken Zynismus halten muss."

 

ruch-mit-bolzenschneider 560 zpsPhilipp Ruch, Kopf des Zentrums für politische Schönheit, übergibt Bolzenschneider
an Polizei – kurz vor der Busabfahrt. Foto: ZPS

 

Zweiter Tag

8. November 2014. Die Reisenden haben die Nacht im Bus verbracht. An der ungarisch-serbischen Grenze am Übergang Rösk werden ihre Pässe eingezogen und untersucht. Grenzbeamte, offensichtlich informiert über die ZPS-Aktion, finden eine Sporttasche mit Bolzenschneidern. Es wird verhandelt. Schließlich bekommen alle ihre Pässe zurück, nach drei Stunden Grenzkontrolle geht die Fahrt weiter. Allerdings werden vier der Mitfahrer wegen Beanstandung ihrer Papiere aus den Bussen geholt und dürfen nicht nach Serbien einreisen. Die Bolzenschneider sind noch mit an Bord, sie wurden lediglich inventarisiert.

Die Busse werden von mehreren Einsatzfahrzeugen der serbischen Polizei bis nach Bulgarien eskortiert, in Novi Sad soll die bulgarische Polizei übernehmen. Ines Kappert kommentiert in der taz: "Die europäischen Außengrenzen infrage zu stellen, ist kein Kavaliersakt. Die Grenzstellen sind informiert. Man nimmt das hier ernst." Zunächst wird des den ZPS-Bussen nicht gestattet, anzuhalten, um zu tanken oder zu rasten. Angeblich hat die Polizei angenommen, im Bus befänden sich Fußball-Hooligans. Um kurz vor 14 Uhr machen die friedlichen Revolutionäre Halt auf einer Raststätte, in Anwesenheit der Polizei. Der Handy-Akku unserer Korrespondentin geht zu Ende.

Kurz vor 21 Uhr erreichen die Busse den Grenzübergang nach Bulgarien. Auf der anderen Seite warten Repräsentanten des bulgarischen Innenministeriums. Ein Vertreter des Ministeriums besteigt den Bus und klärt die Reisenden über rechtliche Folgen der Aktion auf: Illegaler Grenzübertritt kann mit bis zu fünf Jahren Gefängnis oder einer Geldstrafe von bis zu 150 Euro geahndet werden, bei Wiederholung drohen sechs Jahre Gefängnis oder 150 Euro. Auf die Vorbereitung solcher Straftat stehen bis zu zwei Jahre Gefängnis. Proteste darf es nur innerhalb von Gemeinden geben und nur, wenn sie genehmigt sind. Aktionen im Grenzbereich müssen mit lokalen Grenzstationen abgestimmt werden, Fotos sind in einem Umkreis von 30km verboten. Außerdem informiert der Ministeriumsvertreter über gewaltbereite bulgarische Nationalisten, die Maßnahmen gegen die Aktion "Europäischer Mauerfall" planen, und bittet, sich von diesen auf keinen Fall provozieren zu lassen. Die bulgarische Polizei wird die Aktivisten schützen. Der Vertreter des Innenministeriums erwähnt überdies auch die gute und enge Kooperation mit den deutschen Behörden. Er hinterlässt eine Informationsbroschüre und seine Telefonnummer, im Bus wird applaudiert. Um 22.40 Uhr wird der komplette Bus kontrolliert, Frauen zuerst, alle müssen aussteigen.

Nach drei Stunden an der Grenze setzen die Busse ihre Fahrt auf bulgarischem Territorium fort. Sie werden weiter eskortiert bis zu den Hotels, wo man wohl erst am nächsten Morgen ankommen wird. Nachtkritikerin Sophie Diesselhorst hat Strom getankt und kann wieder twittern. Die Stimmung: "erstaunlich Klassenfahrt". Hinsichtlich der für morgen geplanten Aktion wissen die #EUwall-Darsteller noch nichts Genaueres, Bolzenschneider sind aber noch mit dabei.

 

grenzkontrolle 560 zpsGepäckkontrolle an der Grenze zwischen Ungarn und Serbien. Foto: ZPS

 

Dritter Tag

9. November 2014. "Wir sind angekommen im Nebel von Jambol. Vor der Hoteltür lungern bulgarische Journalisten", twittert um 8.30 Uhr Sophie Diesselhorst. Jambol ist eine Stadt in Ostbulgarien. Zehn Kilometer entfernt befindet sich einer der wichtigsten Stützpunkte der US-Luftwaffe außerhalb der USA. 50 Kilometer hinter Jambol verläuft die Grenze zur Türkei. Der Bus ist also fast am Ziel: der Außengrenze der EU. Die Aktivisten sind in Bulgarien als Gedenkgruppe angemeldet, die deutsche Botschaft ist eingeschaltet. Laut Ines Kappert bekundet der bulgarische Innenminister im Staatsfernsehen, er würde sein politisches Schicksal daran knüpfen, dass die EU-Außengrenze zur Türkei von den Aktionsteilnehmern unangetastet bleibt. Im Berliner Tagesspiegel greift der Berliner Innensenator Frank Henkel das Gorki Theater wegen der Mauerkreuzentwendung scharf an.

Nach dem Frühstück im Hotel werden die Teilnehmer von Philipp Ruch für die Aktion gebrieft: "Wir wollen absolut gewaltfrei bleiben." Und: "Wir wollen unsere Zeremonie machen, wir haben das Recht dazu, wir sind eine Künstlergruppe – graviert euch das ein." Ein Livestream zur Aktion wird in Aussicht gestellt, wird jedoch bis zum Ende nicht funktionieren.

Gegen 12 Uhr geht es in den in 30 Kilometer Abstand verlaufenden Grenzstreifen hinein, den Bussen folgt weiter eine "Kolonne unauffälliger Begleiter". Am Übergang zum kleinen Grenzstreifen empfängt die Polizei die Busse. Die Aktivisten fordern, zumindest in Sichtweite des Zauns gelassen zu werden: "We will not leave until we can see the fence." Wie Kappert schreibt, hält das ZPS daran fest, mindestens eine "Denkveranstaltung zum Fall der europäischen Mauer" abzuhalten, und verweist darauf, bereits vor Wochen eine entsprechende Veranstaltung angemeldet zu haben. Es geht zu Fuß weiter, in Begleitung zweier Polizeiautos. "Die Mauer muss weg"-Rufe. Um 13.30 Uhr wird eine Schweigeminute für alle Menschen abgehalten, die "jemals auf der Flucht umgekommen sein werden" (Philipp Ruch). Zwei Mannschaftswagen der Polizei und ein Schäferhund wollen den Aktivisten den Weg abschneiden, sie befänden sich schon auf verbotenem Gebiet. Angeblich sind 1000 bulgarische Beamte im Einsatz. Bulgarische Medien begleiten das Ganze.

Etwa 300 Meter vor der EU-Grenze bei Lessowo liegt immer wieder Eskalation in der Luft, zum Zaun werden die Aktivisten nicht vorgelassen. Man verhandelt. Es wird gesungen: "Say it loud, say it clear, refugees are welcome here". Philipp Ruch beendet die Kunstaktion vor den Grenzpolizisten. Um 17.30 Uhr kann man den Europäischen Mauerfall als verschoben betrachten. Sophie Diesselhorst twittert um 18.22 Uhr: "die Aktion ist an 'Grenze 2' friedlich zuende gegangen". Aktivisten zerschneiden mit den Bolzenschneidern Teile eines alten Stacheldrahtzauns. Das ZPS schreibt auf seiner Facebook-Seite: "Die Mauerschützer kommen von allen Seiten, selbst die Unterkünfte der Revolutionäre wurden von der bulgarischen Polizei ausgebucht, um den Ersten Europäischen Mauerfall zu stoppen."

Es geht zurück zu den Bussen, die wiederum von der bulgarischen Polizei eskortiert werden, diesmal in Richtung griechische Grenze. Um 19.30 Uhr empfängt die griechische Polizei die zurückreisenden Aktionskünstler mit vier Bussen voller Polizisten in Kampfmontur und durchsucht die Busse. Um 21.30 Uhr vermeldet das ZPS auf Facebook, dass die Busse mittlerweile durchgekommen seien und mit großer Polizeieskorte zur Unterkunft gebracht würden. Auf Spiegel online ist die Rede davon, dass die Aktion wiederholt werden soll.

Um 22.30 Uhr, nach Ende der offiziellen Jubiläumsfeierlichkeiten zum Mauerfall, bringen vier Personen die entwendeten Mauergedenkkreuze wieder zurück an den Ort ihrer Installation am Reichstagsufer. Ihre Personalien werden von der Polizei, die wegen schweren Diebstahls ermittelt, festgestellt.

 

 

 

Vierter Tag

10. November 2014. nachtkritik.de-Korrespondentin Sophie Diesselhorst hat wie andere Mitreisende auch die Rückreise per Flugzeug von Sofia aus angetreten und kommt am Abend in Berlin an. Die Busse fahren weiter nach Griechenland, damit die Aktivisten vor der Rückreise ausspannen können, wie die taz berichtet. Linken-Politiker Andrej Hunko stellt im Bundestag eine Schriftliche Frage "zur vorauseilenden Repression der Performance 'Europäischer Mauerfall' durch das Bundesinnenministerium". Am Abend gibt das Berliner Gorki Theater eine Stellungnahme zum Diebstahl der Gedenkkreuze für die innerdeutschen Maueropfer und gegen die Vorwürfe des Berliner Innensenators Frank Henkel heraus: Man habe von diesem Bestandteil der Aktion nichts gewusst und entschuldige bei den Angehörigen.

 

Fünfter Tag

11. November 2014. Die Aktion "Erster Europäischer Mauerfall" heizt das Debattenfeuilleton an. Die Rezension von Nachtkritikerin Sophie Diesselhorst erscheint, Printmedien berichten ebenfalls (siehe Presseschau). Derweil sind die Busse auf der Heimreise von Alexandroupoli aus über Thessaloniki nach Mazedonien, wobei sie laut Facebook-Nachricht auf neue Grenzkontrollen stoßen. Das Gorki Theater erhält im Streit mit dem Berliner Innensenator Frank Henkel Rückendeckung vom Berliner Rat für die Künste. Das Zentrum für politische Schönheit stellt laut eigener Pressemitteilung Strafantrag gegen den Innensenator Henkel wegen "übler Nachrede und aller anderen infrage kommenden Delikte" bei der Polizei in Potsdam.

 

Sechster Tag

12. November 2014. Der Rückreisebus ist in Ungarn und damit im Schengen-Raum angekommen. "Die 6. und letzte Grenzkontrolle ging sehr schnell. Vor uns liegen noch 1.000 km Klassenfahrt durch die freie Welt", schreibt der Mitreisende Tim Lehmann auf Facebook. Übers Mikrofon werden Pressestimmen vorgelesen. Gegen 23 Uhr sind die Busse kurz vor Dresden, letzte Pause am Elbepark. Wie Tim Lehmann weiter berichtet, haben die Aktivisten eine Erklärung zum Thema Flüchtlingspolitik vorbereitet, die dem ZPS vorgelegt werden soll.

 

Siebter Tag

13. November 2014. Gegen 2 Uhr nachts kommen die Busse in Berlin am Gorki-Theater an und werden von der ZPS-Leitung mit heißer Suppe empfangen. In einer Mail an seine Unterstützer schreibt das Zentrum: "Wir sind überglücklich, sie endlich aus den Klauen der Staatsmacht befreit zu haben. Die Anfragen zu den massiven Repressionen auf unserer Reise laufen und beschäftigen derzeit den Bundestag." In derselben Mail gibt es bekannt, dass die eigentlich für heute Abend im Gorki geplante "Rückkehrer-Party" auf den 20. November verschoben wird, aufgrund der massiven Verspätung und der Repressionen.

 

Nach der Reise

14. November 2014. Berliner Landespolitiker*innen der Grünen und der CDU kritisieren die Aktion des Zentrums für politische Schönheit und diskutieren, laut Bild-Zeitung, die Berechtigung der Senatsförderung in Höhe von 10.000 Euro für das Projekt. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) verteidigte die Zahlung: "Diese Entscheidung ist aus Sicht der Freiheit von Kunst und Kultur nicht zu beanstanden."

 

17. November 2014. Aktivist*innen aus den Reisebussen veröffentlichen im Internet ein Statement zur Aktion. Darin heißt es: "Wir waren Statist*innen in einem Kunstprojekt, das sich vornehmlich als Medienspiel an eine deutsche Öffentlichkeit richtete. Aus einer privilegierten Position heraus agierten wir ohne Beteiligung von lokalen Akteur*innen und Betroffenen. Als Menschen und Aktivist*innen aber, trafen wir auf die sozialen Realitäten in den Grenzregionen Europas. In diesem Spannungsfeld schärften wir unseren Blick für den politischen Kampf, den wir weiter führen werden." Und weiter: "Die Kunst hat die Richtung gewiesen. Jetzt braucht der Europäische Mauerfall eine Basis. (...) Eines Tages wird sich eine kritische Masse zu den europäischen Außengrenzen aufmachen und die Zäune werden fallen. Dazu braucht es vielfältige Praktiken des Widerstands. Kontinuierlich und nachhaltig. Unter unser aller Beteiligung."

 

21. November 2014. Mittlerweile hat das Zentrum für politische Schönheit auf seiner Webseite eine ausführliche Sammlung mit Links zu Medienberichten über den Ersten Europäischen Mauerfall veröffentlicht. Der Bericht unserer Korrespondentin Sophie Diesselhorst ist in dieser Liste nicht enthalten.

 

 

Gesammelte Tweets zur Busfahrt

(Oben stehen die neuesten Nachrichten, unten die ältesten.)

 

 

Mehr zum Thema:

Hier lesen Sie den Behind-the-scenes-Reisebericht von Sophie Diesselhorst vom 11. November 2014. Im Juli 2014 stellte Sophie Diesselhorst das Zentrum für Politische Schönheit in einem Porträt auf nachtkritk.de vor.

Die Aktion Erster Europäischer Mauerfall des Zentrums für Politische Schönheit ist Teil des November-Festivals Voicing Resistance im Maxim Gorki Theater Berlin. Gorki-Intendantin Shermin Langhoff hat sich zu der Aktion auch persönlich zu Wort gemeldet, ebenso wie etwa Aktionskunst-Veteran Bazon Brock – siehe die Presseschau vom 4./5. November.

Und hier steht geschrieben, wie die Aktion #EUwall schließlich auch die Gründung eines Zentralkommitees für nachtkritische Schönheit nach sich zog ...

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