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Die Probe ist das Theater

21. September 2011. Dies ist ein Sammelband mit 18 essayartigen Aufsätzen und 1 CD. Der erste Satz im Vorwort lautet: "Das zeitgenössische Theater in allen seinen Facetten ist ohne Probe nicht denkbar." Gibt es jemand, der dieser Behauptung widersprechen würde? Eben.

coverchaosundkonzeptDie Probe ist schon deshalb das Herzstück jeder Theaterarbeit, weil Schauspieler, Regisseure, Assistenten und oft auch Dramaturgen die meiste Arbeitszeit auf Proben verbringen. Heißt: "Welchen Umgang das Theater mit seinem Publikum pflegt, hat auch damit zu tun, welchen Umgang die Theatermacher untereinander pflegen." Heißt auch: "Wie im Theater gearbeitet wird, sagt etwas aus über die Gesellschaft, für die und in der Theater gemacht wird." Davon handelt dieses Buch; auf einen eigenen, am besten philosophisch oder meinethalben soziologisch inspirierten Beitrag zu dieser Beziehung verzichtet es aber, leider.

Es geht statt dessen um die Poetiken des Probierens, um Probenverfahren und Probenbeobachtungen. Jens Roselt schreibt, sehr aufschlussreich, über den Zusammenhang zwischen der Entstehung des Regieberufs und der Etablierung von Probenzeiten; er spricht vornehmlich von Fritz Kortner. Bernd Stegemann berichtet Erhellendes von den Proben mit Jossi Wieler und Nicolas Stemann, Carl Hegemann von Castorf, Pollesch und Schlingensief. Sandra Umathum beugt sich über den viel gescholtenen und oft missverstandenen Begriff  "Konzepttheater" und sieht hier die Theatermacher als "Erfahrungsgestalter" in Erscheinung treten, ohne Genaueres zu verraten, was mit Erfahrungen hier gemeint sein soll (das ist ja auch eines der Allerweltworte); Gunther Merz stellt seinen dem Band beigegebenen Dokumentarfilm "Der Hexer in Niedernhall" vor, ein Film über die Proben von Wolfgang Wolter mit schwäbischen Laien. Auch interessant.

Und jetzt? Jetzt wissen wir ein bisschen genauer, was schon immer zu vermuten war: Das unterschiedliche Proben macht die Unterschiede im Theater. (Dirk Pilz)

 

Melanie Hinz, Jens Roselt (Hg.)
Chaos und Konzept. Proben und Probieren im Theater.
Mit der DVD "Der Hexer von Niedernhall" von Gunther Merz.
Alexander Verlag, Berlin 2011. 340 S., 29,90 Euro

 

Die Krise ist die Heilung 

Wie hat Heiner Müller einst verkündet? Genau: "Theater ist Krise. Das ist die eigentliche Definition von Theater – sollte es sein." Klingt gut. Entsprechend ist dies eines der beliebtesten Theaterdefinitionen, die im Betrieb herumgereicht werden.

coverkriseundheilungMatthias Warstat hat sie jetzt zur Wissenschaft veredelt; er versucht zu zeigen, welche Dynamiken "in modernen Theaterdiskursen" der Krisenbegriff zu entfalten wusste. Dabei stehe er, so Warstat, immer in einem "Spannungsfeld" zum Begriff der Heilung, vor allem dann, wenn man auf die "Wirkungszuschreibungen" schaue, die die Theatergeschichte in den letzten hundert Jahren geprägt hat. Die Wirkungsdimensionen zeichneten sich nämlich, so die Grundthese dieser Studie, durch die Besonderheit aus, "dass sie als krisenhaft und heilsam zugleich beschrieben werden können". Warstat, Professor für Theater- und Medienwissenschaft in Erlangen, kennt fünf therapeutische Wirkungsversprechen der historischen Theateravantgarde und weiß ausführlich von den Revisionen innerhalb der neueren Wirkungsdiskurse zu berichten. Man lernt allerlei bei der Lektüre.

Allerdings rauft man sich auch öfter die Haare. Denn die theoretischen Gerüste stehen auf äußerst tönernen Füßen. Den entscheidenden Gegenbegriff zu Krise, den der Routine, gibt es hier nicht, statt dessen Heilung. Aber was ist Heilung in ästhetischen Kontexten, wenn sie (auch?) Krise ist? Nichts Genaues ist darüber zu erfahren, lediglich ein paar lapidare, kaum hergeleitete Hinweise auf das "Modell der Parallaxe" (Slavoj Zizek) sind zu finden (als ob der Verweis auf eine vermeintliche Theorieautorität irgendwas sagen würde). Aber nicht nur in diesem Zusammenhang, überall stößt man in theoretische Watteberge. Die Studie macht sich keinen Begriff von Kausalität, weiß kaum Präzises über die Struktur der ästhetischen Erfahrung zu berichten und hat darum immerfort Abgrenzungsschwierigkeiten, zum Beispiel zum Bereich der religiösen Erfahrung. Die oft ungeprüft übernommenen und noch öfter wild zusammengewürfelten Theorieschnipsel dienen ohnehin meist nur zur Illustration statt Herleitung der Grundthese. Das hat sie nicht verdient. (Dirk Pilz)


Matthias Warstat
Krise und Heilung. Wirkungsästhetiken des Theaters.
Wilhelm Fink Verlag, München 2011. 247 S., 29, 90 Euro

 

Mehr als bloß symbolische Revolutionen

Skadi Jennickes untersucht in ihrem Buch "Theater als soziale Praxis" das ostdeutsche Theater nach dem Systemumbruch von 1989/90 auf seinen "Nomos", seine grundlegende Feldregel, hin. Aus 13 Interviews mit ostdeutschen Theatermachern aus drei Generationen filtert sie einen noch in der DDR geprägten Habitus, der sich die eigene künstlerische Praxis nur als gesellschaftsverändernde vorstellen kann. Eine Haltung, die für sich in Anspruch nimmt, das aus den herrschenden Diskursen Verdrängte ans "Licht zu holen" (drei Gespräche sind vollständig im Anhang abgedruckt).

covertheateralssozpraxisMit diesem Befund korrespondieren Jennickes Untersuchungen von Theatertexten ostdeutscher Autoren, in denen die sozialen Veränderungen aktualisiert, nachvollzogen und – in den jüngsten Beispielen – partiell überwunden werden. Während die von ostdeutschen Autoren verfassten "dramatischen Szenarien" helfen, die "kollektiven Dispositionen ästhetisch zu transformieren", verstehen sich die ostdeutschen Theatermacher als künstlerische Arbeiter an einem "gemeinschaftlich verstandenen Gesellschaftsprojekt". Ganz anders als der Theater-Westen, der die Hegemonie des "l'art pour l'art" nach der Vereinigung im gesamten Theaterfeld durchgesetzt habe, ganz anders auch als die herrschende Theaterwissenschaft, die sich die Verarbeitung außertheatraler Wirklichkeit als konstitutive Bedingung für Theaterproduktion nicht vorzustellen vermöge, erscheint das ostdeutsche Theater: als Raum der "kommunikativen Verständigung über gesellschaftliche Prozesse des Sozialen". Schreibt Jennicke. Und die doppelte Verdopplung in diesem Satz offenbart das ganze literarische Elend der deutschen Universitäten, für die diese Dissertation verfasst wurde. (Nikolaus Merck)

 

Skadi Jennicke
Theater als soziale Praxis. Ostdeutsches Theater nach dem Systemumbruch. Mit einem Vorwort von Wolfgang Engler.
Verlag Theater der Zeit, Recherchen 85, Berlin 2011, 397 S., 22 Euro.


 

Mehr zu Büchern aus dem Theaterbereich? Unser Buch des Monats September finden Sie hier.


 
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