In der Geistermaschine

19. Juli 2016. Das Theater ist ein träger Tanker. Ziemlich lange dauerte es, ungefähr zwei Tage, also Ewigkeiten in der Pokémon-go-Zeitrechnung, bis vergangene Woche die ersten Bilder von Bisasam-Taschenmonstern in Zuschauerreihen auftauchten und im Netz zirkulierten. Das Münchner Residenztheater postete aus dem aufgebauten Bühnenbild einer Frank-Castorf-Inszenierung, in dem einen ein kleines, wild ausschauendes Monster aus schmalen Augenschlitzen anfunkelte. Ob ein Nebulak, Gengar oder Pidgey als Charakter auftaucht, ist ja durchaus von Bedeutung für einen eingefleischten Spieler. Und mittlerweile zerbricht sich vermutlich so mancher Theatermacher den Kopf, wie man Pokémon go in die nächste Inszenierung integrieren könnte. Vorschläge zirkulieren bereits. Als Hamlets Vater? Im Ensemble einer hochdiversifizierten Digitalbühne? Oder doch lieber als Volker Löschs Chor der Pokémon-Spieler, die den Handel mit Nutzerdaten anklagen?

Pokeomon Resi 280h uEin Nebulak im Castorf-Bühnenbild
© Residenztheater München
Einen 18-Jährigen auf eine Pokémon-Tour zu begleiten, ist äußerst erhellend. Man wird Zeuge vieler vertrauter Wiederbegegnungen. Die next generation ist mit den Figuren von klein auf herangewachsen und trifft nun ihre Helden der Kindheit wieder. Während man erstmal einfach nur bunte Trickmonster sieht, die auf den ersten Blick ziemlich austauschbar erscheinen. Und doch holt einen ein déja-vu-Erlebnis ein. Denn das gab’s ja schon: ein kleiner Bildschirm, der gerahmt wird von der Wirklichkeit. Die Verschmelzung von Fiktion und Realität, der ständige Wechsel zwischen dem Diesseits der Lebens und dem Eindringen der Fiktion, das Überschreiten von sonst klar getrennten Räumen.

Im Videowalk "Ghost machine" des kanadischen Künstlerpaars Janet Cardiff und George Bures Miller hielten die Besucher vor zehn Jahren eine kleine Videokamera in der Hand, die sie durch das Berliner HAU führte: durchs Foyer und über die Bühne, durch abgelegene Seitenräume und schmale Stiegen. Statt Monstern tauchten Menschen wie Geister auf dem Kamerascreen auf. Eine sehr unmittelbare, sehr körperliche Erfahrung, durchdrungen von Bild, Bewegung und auch Ton über die Kopfhörer. Man nahm fremde Schritte wahr im Treppenhaus, gemischt mit den Geräuschen der eigenen Schuhe, sah eine Hand, die eine Eisentür aufdrückte, bevor man es selbst tat. Und blickte man vom Balkon, tauchte plötzlich eine Gestalt auf der nächtlichen Straße auf. Kein Taschenmonster, sondern der Schauspieler Lars Rudolph. Der wie von allein verschwand, ohne einen Pokéball zu werfen. 2006 war das Smartphone noch keine Selbstverständlichkeit. Aber Cardiff und Miller hatten schon damals Mittel und Wege gefunden, eine Idee umzusetzen, die jetzt erst den Massenmarkt erreicht. Theater ist ein träger Tanker? Manchmal sogar erstaunlich schnell.

(sik)

 
Kommentar schreiben