Dramatisches Doppel

von Kai Bremer

4. September 2018. Vor knapp zehn Jahren hat der Theaterwissenschaftler Gottfried Fischborn die Dramen von Alfred Matusche (1909-1973) neu herausgegeben. Matusche, Arbeiterkind, ursprünglich Radiojournalist, von den Nationalsozialisten kurzzeitig inhaftiert und mit Berufsverbot belegt, begann in den 50er Jahren Theaterstücke zu schreiben. Als Erscheinung eine Art Sonderling, war Matusche für die Theatergeschichte durchaus bedeutend. Sein 1955 im Berliner Deutschen Theater uraufgeführtes Stück "Die Dorfstraße" etwa nahm einige Motive von Heiner Müllers "Die Umsiedlerin" vorweg, Theatermenschen wie Wolfgang Langhoff und Heinar Kipphardt förderten, Kollegen wie Bertolt Brecht, Heiner Müller und Peter Hacks bewunderten ihn. Der Theaterkritiker Martin Linzer schrieb: "Matusche gab in seinen Stücken immer nur einen kleinen Wirklichkeitsausschnitt, sehr genau, hoch verdichtet, in  seiner ganzen Versponnenheit ein wirklicher Dichter. Aber selten gespielt, Matusche versprach keine Breitenwirkung."

Nun hat die Mainzer Theaterwissenschaftlerin Julia Lind ein Buch geschrieben, dessen erster Teil Matusche gewidmet ist. In ihrer Studie deutet sie ihn angesichts seiner Stellung innerhalb der DDR-Theaterlandschaft als "Grenzgänger". Die zweite Hälfte widmet Lind dem Dramatiker Lothar Trolle (geb. 1944), dessen Werk ohne die DDR gewiss auch nicht zu denken, der aber zugleich ästhetisch weit radikaler als Matusche ist. Auch ihn begreift Lind als "Grenzgänger". Ihre Studie bietet den Lesern also zunächst sehr viel: nämlich zwei Bücher in einem und zum Preis von einem.

Stolperstrick statt einendes Band

Das ist jedoch nicht unproblematisch. Zwar versucht Lind einleitend, beide als "Grenzgänger" im literarischen Leben – Matusche während der 1960er und -70er Jahre, Trolle vor allem nach dem Fall der Mauer – zu interpretieren. Aber ihre Lesart überzeugt nur bedingt. Lind versucht profiliert mittels kulturwissenschaftlicher Raumtheorien zu beschreiben, zwischen welchen Räumen die beiden Dramatiker sich bewegen.

Buchcover 280 JuliaLind MatuscheTrolle uAllerdings sind diese Räume nur punktuell vergleichbar. Matusche setzt auf Verfahren, die an den Expressionismus und andere Ästhetiken vor dem Faschismus anknüpfen. Damit hat er sich implizit der Doktrin des sozialistischen Realismus widersetzt. Trolle schreibt bis heute Texte, die formal ähnlich innovativ wie etwa die Heiner Müllers sind und gerade durch ihre postdramatische Anlage versuchen, historische Konstellation und Szenen zu reformulieren, um sie dadurch neu erfahrbar zu machen.

Lind lässt zwar keinen Zweifel an den substantiellen künstlerischen Unterschieden der beiden. Gleichwohl aber bemüht sie immer wieder den Begriff des Grenzgängers, der angesichts des historischen Kontextes missverständlich ist. Schließlich wäre es weit naheliegender, Heiner Müller mit seinem DDR-Reisepass als Grenzgänger zu begreifen. So ist das erklärte Grenzgängertum der beiden Dramatiker mehr ein Stolperstrick als ein einendes Band.

Sinn und Form

Aber wen dieser Umstand sowie einige weitere terminologische Unschärfen und Unsicherheiten beim Lektorat nicht irritieren, wird sich an dem Buch trotzdem sehr erfreuen. Durch Linds Studie besteht nämlich die Chance, den selten gespielten Matusche – zuletzt etwa in Halle 2008 – als Autor wiederzuentdecken. Sie führt seine Bedeutung für den DDR-Theaterdiskurs vor und leistet damit einen wesentlichen Beitrag gegen sein drohendes Vergessen (in Emmerichs DDR-Literaturgeschichte wird Matusche lediglich zweimal erwähnt).

Dass die zeitgenössische Wertschätzung eine andere war, bestätigt ein Blick in ein Sonderheft von "Sinn und Form" zum Stand der Gegenwartsdramatik 1966. Neben einigen szenischen Beispielen für den sozialistischen Realismus von den üblichen Autoren der Zeit, Helmut Baierl etwa, dem Erstdruck von Heiner Müllers "Das Laken", das später eine Szene von "Die Schlacht" werden sollte, und einem heute recht nett zu lesenden, ostentativ realsozialistischen Dürrenmatt-Verriss wurde hier auch eine erste Fassung von Matusches Künstlerdrama "Van Gogh" abgedruckt. Lind rekonstruiert solche Kontexte präzise, so dass das erste Verdienst ihrer Arbeit ist, kaum mehr bekannte, wenn auch punktuelle Einblicke in das Literatur- und Theatersystem DDR zu geben. Vergleichbares ließe sich auch über ihre Auseinandersetzung mit Trolle zeigen.

Zugleich ist die Lektüre von Linds Buch eine Freude, weil sie nicht nur die Dramen der beiden Autoren interpretiert, sondern weil sie in erster Linie Theateraufführungen und andere Inszenierungsformen vorstellt bzw. rekonstruiert und sodann deutet. Sie berücksichtigt Archivalien, was in theatergeschichtlichen Studien aktuell eher selten geschieht. Sie geht auf das HR-Fernsehspiel von "Van Gogh" (das Matusche kurz vor seinem Tod von den notorischen Geldsorgen befreite) ebenso wie auf die erste DDR-Inszenierung in Karl-Marx-Stadt (dem heutigen Chemnitz) von Peter Sodann ein. Dabei ist auch die in theaterkritischen Kreisen weiterhin von vielen vermisste Stimme des 2014 verstorbenen bedeutenden (DDR)-Kritikers Martin Linzer zu vernehmen.

Breiter Überblick

Ergänzt werden diese theatergeschichtlichen Interpretationen im Teil zu Lothar Trolle durch Inszenierungsanalysen, die auf eigene Seherfahrungen Linds aufbauen und wohl deswegen an einigen Stellen subjektiv anmuten. Doch kann Lind dadurch auf Inszenierungen wie die von "klassenkampf" vom Freien Theater München aus dem Jahr 1998 eingehen, zu der nur wenige und offenbar auch recht oberflächliche Kritiken aus der Regionalpresse und der "Süddeutschen Zeitung" vorliegen. Gegen Ende interpretiert Lind zudem die Hörspielfassung von Trolles "novemberszenen" als Döblin produktiv rezipierendes "Zeitstück".

Matusche und Trolle wurden bzw. werden also an ganz unterschiedlich etablierten Orten und in diversen Formaten inszeniert. Indem die Studie von Lind das vorführt, bietet sie zugleich einen breiten Überblick, wie und unter welchen Bedingungen Dramatiker ihr Publikum gewinnen konnten und weiterhin können. Durch die je der Inszenierungsform geschuldeten Analyseverfahren ist Linds Studie eine Plädoyer, die vielfältigen Inszenierungsmöglichkeiten des Dramas stärker zu berücksichtigen, als das gemeinhin geschieht. Und da diese Vielfalt bei der Konzentration auf nur einen der beiden Autoren wohl nicht derart deutlich zutage getreten wäre, rechtfertigt das schließlich doch die Auseinandersetzung mit den Matusche und Trolle in einem Buch.

 

Alfred Matusche und Lothar Trolle. Grenzgänger des DDR-Theaters
von Julia Lind
Transcript Verlag Bielefeld 2018, 366 Seiten, 39,99 Euro

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