Träumer eines gleichen Traums

von Petra Kohse 

Berlin, 18. Mai 2007. Diese Inszenierung macht in verschiedenen Farben traurig. Es ist eine stilisierte, transponierte, kompensierte, immer wieder ermüdende, am Ende aber zunehmend verzweifelte und schließlich ganz wesentliche Traurigkeit, die hier vorgezeigt wird. Und die einen entsprechend berührt.

Am Anfang deprimiert die Kunstgewerblichkeit eines riesigen Sperrholzkronleuchters in Form einer umgedrehten Blüte, der die Bühne beherrscht. Am Ende geht der Anblick sich abwendender Schauspieler ans Herz, zwischen denen sich ein Dutzend schlapper Luftballons jeweils gerade noch oben hält, aber seine Fracht, einen Zettel mit einem Wunsch, einfach nicht vom Boden kriegen.

Will sagen: Andreas Kriegenburg was here. Der hippeste Sentimentale, den die deutschsprachigen Bühnen seit Jahren kriegen können. Er hat ein Herz, das nach wie vor für Pina Bausch, die Liebe, die Hoffnung und die Vergeblichkeit schlägt, und alles, was man tun müsste, wäre, ihn davon abzuhalten, die Bühnen, die er bespielt, auch noch selber zu bauen, wie er es für Tschechows "Drei Schwestern" an den Münchner Kammerspielen getan hat.

Ein einfallslos mit Sperrholz ausgekleideter Salon (Türe nach hinten und rechts, Fenster nach links), über dem besagter Leuchter dräut, aus dessen Mitte zu Beginn eine Ladung Nusschalen auf die Bühne prasselt und fortan unter den Schritten knirscht. Annette Paulmann in der Rolle der ältesten Schwester Olga sitzt genau unter dem Nussschalenregen, als wäre sie die Pechmarie im Märchen von Frau Holle. Und man fragt sich vergeblich, wer es eigentlich sein soll, der die Nüsse in strafender Absicht geknackt haben könnte, da oben. Denn bekanntlich sind gerade bei Kriegenburg die Himmel ja leer.

Ein Ton, ein Rhythmus, eine Erzählung
Nicht alles fügt sich ineinander in dieser Inszenierung. Und doch ..., und doch ist da ein Ton und ein Rhythmus und eine Erzählung von der Sehnsucht und ein Sich-Schicken in die Enttäuschung, der, die und das die Aufführung zu einer bedeutenden macht, zu einer schönen.

Die jüngeren Schwestern sind Sylvana Krappatsch (Mascha) und Katharina Schubert (Irina). Wie alle Beteiligten tragen sie cremeweiße Kleidung und schwarze Stiefel, und manchmal setzen sie riesige, weiße Pappmachépuppenköpfe mit schwarz umrandeten Augen auf und sehen dann aus wie misshandelte Porzellanpuppen und agieren trippelnd, piepsend und mit schlenkernden Armen und Beinen. Mehrfach entlädt sich die Melancholie des gesamten Personals in den Puppenkopfszenen auch in der Formation eines Folklore-Orchesters, das – ungerührten, weil aufgemalten Blickes – mal Lateinamerikanisches, mal Balkanisch-Slawisches bietet, und kurz bevor gar nichts mehr geht, wird a capella "We all live in a yellow submarine" intoniert.

Die "Drei Schwestern" also, junge Frauen in einer Garnisonsstadt der russischen Provinz, die nach dem Trod ihres Vaters zurück nach Moskau wollen, zurück in ihre Kindheit, ihre Träume. Indes, es mag zwar einen Willen geben, aber keinen standesgemäßen Weg.

Es sind drei starke Frauen, das muss so sein in diesem Stück. Stark im Sehnen, stark im Jammern, stark im Verstummen und Gefangensein. Leidenschaftliche, gestutzte Wesen, die sich gehen lassen können, ohne sich zu beschädigen. Die Männer sind schwächer, teils grotesk und stören nicht. Oliver Mallison als zum fetten Riesenbaby ausgestopfter Bruder Andrej mit blonder Kriegenburg-Frisur, Bernd Grawert als dröhnend selbstmitleidiger Werschinin, Paul Herwig als manisch selbstzufriedener Lehrer (Maschas Mann) und Bernd Moss als dackeläugiger Tusenbach. Diese Männer wurden und werden genommen, weil sonst keiner zur Hand ist, soviel ist klar.

Kindlich, aber nicht unerwachsen
Gern sind die Schwestern für sich, tanzen Ringelreihen, schleifen sich über den Boden oder spielen Zugvögel und wedeln mit den Armen. Das Kindliche ist bei Kriegenburg seltsamer- oder entlarvenderweise nichts Unerwachsenes, und auch keine Privatsache. Mitten in der Aktion können sich plötzlich alle zum Fenster drehen und hinausschauen, disparate Träumer eines gleichen Traum. Und Laurent Simonettis Akkordeon, Gitarre oder Klavier dreht dazu nachdenkliche Schleifen auf Band.

Im zweiten Akt bedecken hunderte Zettel mit Irinas Wünschen die Wände. Im dritten ist rückwärtig weiße Wäsche aufgeschichtet wie ein Müllberg oder Sandwall gegen die Flut. Kriegenburg liebt es, zu emotionalisieren. Aber er verankert alles Gefühlige im Raum und in den Körpern, so dass selbst im langwierigsten Ungefähr noch eine Präsenz aufgeboten wird, der man sich guten Gewissens ergeben kann. Es wird viel geküsst, an Kleidern gezerrt und sich gewälzt in dieser Inszenierung. Nähe aber herrscht allenfalls in den Momenten des gleichmütigen Nebeneinanders. Wenn jeder ganz für sich ist und man hoffen kann, dass sich die Blicke wenigstens in der Unendlichkeit kreuzen.

 

Drei Schwestern
von Anton Tschechow
Inszenierung und Bühne: Andreas Kriegenburg, Kostüme: Andrea Schraad, Musik: Laurent Simonetti, Licht: Jürgen Tulzer, Dramaturgie: Marion Tiedtke.
Mit: Jean-Pierre Cornu, René Dumont, Bernd Grawert, Paul Herwig, Walter Hess, Sylvana Krappatsch, Oliver Mallison, Stefan Merki, Bernd Moss, Annette Paulmann, Tanja Schleiff, Katharina Marie Schubert.

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kommentare

Kommentare  
#1 3 Schwestern Carlo Collodi 2007-05-19 12:21
Liebe Frau Kohse,
mein Eindruck dieser Drei Schwestern ist ihrem genau entgegengesetzt. Traurig hat mich die Inszenierung keineswegs gemacht. Dazu steckte mir viel zu viel Dynamik im Spiel, viel zu wenig Psychologie. Zwar wurde gejammert und vom Sehnen gesprochen. Aber dieses Gefühl konnte sich auf mich nicht übertragen und ich fand es auch nicht überzeugend dargestellt. Tschechows Text lief gleichsam auf einer Tonspur neben dem Bühnengeschehen her. "Nach Moskau, nach Moskau", war immer wieder zu hören. Dabei hüpften und hampelten die Darsteller herum, als lautete ihr Text: "Heute back ich, morgen brau ich,
übermorgen hol ich der Königin ihr Kind"
Was mir dagegen gut gefallen hat, war das Bühnenbild, beziehungsweise das Gesamtdesign, zu dem die cremweißen Kostüme ebenso gehörten wie das helle Sperrholz und der Blütenleuchter. Wenn die Schauspieler ihre Masken aufsetzten verbanden sie sich mit dieser Kulisse zu einem menschlich-marionettenhaften Gesamtkunstwerk. Der Gegensatz zwischen Traurigkeit der Rede und Fröhlichkeit der Aktion wirkte auf einmal poetisch und geheimnisvoll. Schade, dass Kriegenburg nicht so konsequent war, sich ganz von überkommenen Inszenierungsmustern zu lösen und ein reines Menschenpuppen-Spektakel zu wagen.
#2 3 Schwestern 2Roth 2007-05-19 15:59
Ich habe selten so etwas eitles, peinlich-selbstbezogenes und denunzierendes gesehen wie die Jutta Lampe Parodie am Anfang der Aufführung. Das was danach folgte hatte durchaus seine Stärken (auch große Schwächen!), aber eigentlich war ich nach diesem Anfang, und dem zustimmenden Gegröhle der Theatertreffen-Insider-Schickeria für den Abend schon verloren!
#3 Drei Schwestern 3Maria Felder 2007-05-19 16:48
Ich habe offenbar in einer anderen Inszenierung gesessen und deshalb wahrscheinlich auch nicht begriffen, dass die von Kriegenburg "bedeutend" ist, wie Frau Kohse uns unterrichtet. Denn ich habe vor allem viel Wichtigtuerei gesehen, viele Bilder, die schönschönschön sind, aber nichtssagend. Ist das bedeutend? Was ist daran bedeutend? Ich finde in dem Text keinen Hinweis darauf, warum das bedeutend sein soll, nur ein paar lapidare Hinweise auf "den" Kriegenburg und "die" "Drei Schwestern", die so oder so zu sein haben und so oder so hier sind und deshalb "bedeutend" sind.
#4 3 Schwestern 4Herbert 2007-05-19 17:21
Genau. Was mich total nervt, ist dieses lässige "Hey, ist total traurig, das Leben, und eh!, ich habs begriffen" von Kriegenburg. Dieses "alles-in-der-Tasche- haben". Kriegenburg tut so, als habe er alles begriffen, alles gecheckt, alles durchschaut. So sprechen Akademiker und Bürokraten über die Liebe, die Sehnsucht - kennen alles, wissen alles, sind über alles schon hinweg. Ich habe der Inszenierung kein Wort geglaubt. Dafür ist sie viel zu selbstverliebt und arrogant. Und die Kritik schreibt ihm brav und blöd hinterher.
#5 3 Schwestern 5pola 2007-05-20 18:48
einspruch, lieber herbert: die kritik von frau kohse ist nicht blöd, allenfalls emotional stark involviert - was ja durchaus drin sein muss, wenn über nacht geschrieben wird und eine zeitliche und emotionale distanznahme kaum möglich ist. die Inszenierung ist m.e. extrem elegisch in ihren abschattungen der traurigkeit, sie infantilisiert ihre figuren und ist zwischendurch schlichtweg langweilig - trotzdem geht es doch um etwas, die suche nach identität/sinngebung/erfüllung, auch wenn sie ohne ergebnis bleibt, das vergehen der zeit etc.
#6 3 Schwestern 6Pitty 2007-05-21 20:30
Bei Tschechow geht es eben nicht um Identität, Sinnbildung und was der moderne Mensch sonst so auf dem Herzen hat, sondern darum, dass man in einem Gefängnis lebt und raus möchte. Diese Gefängnis habe ich weder im Bühnenbild noch bei den Figuren gesehen. Dadurch wirkt die "Trauer" abstrakt und das Ganze doch recht langweilig.
#7 Drei Schwestern 7Joe Cool 2007-05-22 00:55
Ist die "Trauer" nicht immer abstrakt ? Tschechow hingegen zu unterstellen, dass er seine Figuren generell in ein Gefängnis packt, aus dem sie fliehen möchten, ist mir zu einschichtig. Dann schon eher Frau Kohses Kritik, die die Kirche mit den Schwestern dort lässt, wo sie hingehört: ins Dorf.
#8 Noch mal tt 07, 3 SchwesternSchnabbo 2007-06-04 12:38
Grauenhaft, wie sich Menschen geschlagene 3 Stunden langweilen lassen und im Nachhinein alles Erdenkliche ins Stück interpretieren, als Selbstschutz, es nicht umsonst gesehen zu haben. Wer bei schmutzigen Hintern eines über den Boden geschleiften Baronen, bei sich küssenden Männern oder der lateinisch durchkonjugierten Liebe (Klugscheissereffekt: man lacht, um sich nicht die Blöße anmerken zu lassen, evtl des Lateinischen nicht mächtig zu sein) lacht, muss sich zu recht vorhalten lassen, eines der oberflächlichen Schafe zu sein, von denen Tschechow die Welt übervölkert sieht. Wer mit solchen Witzen seinem Stück wenigstens noch etwas Unterhaltungswert geben will ist keinen Deut besser.
#9 nochmal: 3 SchwesternBaron 2007-06-11 03:17
lieber Schnabbo, der Klugscheissereieffekt mit der durchkonjugierten Liebe steht bei Tschechow im Text. man sollte nicht über Schafe herziehen, wenn man zur Herde gehört. oder nicht durch oberflächliche Kommentare das Niveau in den Keller verlegen.

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