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Jürgen Flimm: "Da kommt eben Zugluft auf"

 

Herr Flimm, was ist eigentlich ein Theaterskandal?

Der Theaterskandal ist eine Störung der bislang eingeübten Sichtweisen.

 

Und Sie haben sich als Regisseur sicher das eine oder andere Mal an derartigen "Störaktionen" beteiligt …

Einer meiner größten Theaterskandale war im Jahr 1982, "Hoffmanns Erzählungen" an der Hamburger Staatsoper. Das Stück haben wir umgedeutet, aber nicht verdreht, sondern gesagt: E.T.A. Hoffmann war ein Alkoholiker und ein Womanizer, auch ein toller Komponist – alles, was ein romantischer Künstler in sich vereint. Wir hatten einen großen Raum, der war leer, bis auf Schränke, in denen er Sachen gesammelt hat – Spazierstöcke, Schmetterlinge. Hinten war ein großes Fenster. Und dieser Hoffmann lag im Bett, drumherum lauter leere Weinflaschen. Offensichtlich war er schon betrunken, bevor es überhaupt losging. Den Hoffmann hatte Neil Shicoff gespielt und gesungen – damals ein ganz junger Sänger, heute Weltstar – der das Konzept mitgemacht hat. Dann entstieg während der Ouvertüre dem Bett ein sehr schönes Mädchen, augenscheinlich nur mit einem T-Shirt bekleidet, stand noch eine Weile mit Blick auf Hoffmann am Fenster und verschwand dann. Und da war unten schon die Hölle los. Dann wehten diese Geschichten, die der Hoffmann auf Druck der Gesellschaft immer erzählen musste, durch das Fenster, durch die Türen in den Saal hinein und wehten wieder hinaus.

Die Leute haben geschrien, waren außer sich. Diese vornehmen Hamburger, die zeigten die italienische "Leck-mich-am-Arsch"-Geste, rollten die Programmhefte zusammen zu Verstärkern für ihre "Buhs" – es war unglaublich. Und als wir rauskamen beim Bühnenausgang, kam mir eine Frau entgegen, die hat mich angeschrien: "Herr Flimm" – und jetzt kommen wir zum entscheidenden Punkt – "warum nehmen Sie uns unseren Hoffmann weg?" Also der Hoffmann gehört nicht der Kunst oder der Rezeption oder dem Ausdruck der Zeit, sondern der Hoffmann gehört ihnen.

Und dieses Muster wiederholt sich. Die Zeiten verändern sich, es kommen genauere Leseweisen hinein in die Geschichten, man geht die Stücke von verschiedensten Perspektiven an. Und wir haben damals gesagt: Der Hoffmann, um den geht es, der muss ins Zentrum.

Wenn Sie das heute so machen würden – und jetzt kommen wir zum zweiten Punkt, den ich höchst interessant finde – hätten Sie einen Riesenjubel und wahrscheinlich wäre es schon so ein bisschen alte Moderne.

 

Das ist ja nun gerade mal 20 Jahre her …

Ja, aber heute wäre das eine absolut durchgesetzte Veranstaltung. Der wunderbare Götz Friedrich hat damals gesagt: "Zu früh!" Wahrscheinlich war das wirklich irgendwie eine Generation zu früh. Dasselbe ist dem Zadek passiert mit dem berühmten "Othello". Der Zadek ist ja den "Othello", den ich damals schon für eine ganz wesentliche Aufführung gehalten habe, ganz frei von Interpretation angegangen. Er hat sich auf die Probe gesetzt und hat die Schauspieler einfach losspielen lassen. Daraus ist eine radikale Aufführung geworden, die aber schmutzig war, völlig weg war von irgendeinem westdeutschen Shakespeare-Rezeptionsmuster der 50er Jahre. Ich glaube, dass die Aufführung ganz nah an Shakespeare war, weil sie höchst theatralisch war. Während wir Deutschen ja unseren romantischen Shakespeare pflegen, hat Zadek den theatralischen Shakespeare gezeigt. Mit wunderbaren Schauspielern, mit ganz großen komischen Szenen, mit der Mattes, dem Wildgruber, toll!

Und was haben die Leute gerufen? "Zadek – Scheiße". Weil er sie in ihren Rezeptionsmustern massiv gestört hat. Heute würde diese Aufführung Jubelstürme erleben. Verglichen mit den Dekonstruktivisten von heute könnte man sagen: Ja, das passt, das passt genau ins Bild der Zeit.

 

Aber was ist da in dieser relativ kurzen Zeit eigentlich passiert? Wenn man an heute denkt, an Gosch und den "Macbeth" etwa, der auch keine richtige Empörung mehr hervorruft; auf den Titelbildern sieht man die blutverschmierten Körper – die Gewöhnung ist doch erstaunlich.

Nein, die Gewöhnung ist nicht das Ding, es sind die Moden. Man kann ja nicht sagen, dass das Theater authentische Kunstwerke produziert, das sind ja nur Übersetzungen in Moden, die Interpretation vom Regisseur ist ja nichts anderes. Und die Moden wechseln natürlich. Die kommen und gehen. Wenn man mal bei dem herausragenden Gosch bleibt und Sie lesen jetzt, was er mit "Onkel Wanja" gemacht hat, dann ist das ja ganz rührend, wie er da zurückgeht.Da sitzen alle auf der Bühne, machen ein bisschen Klickklack-Klickin klack; am Schluss, wenn alle verreisen, dann macht es Pling-pling für die Kutsche – und da ist man auf einmal wieder bei Peter Brook und bei dem szenischen Minimalismus gelandet.

Es kommt noch was anderes hinzu, was ich früher immer meinen Studenten erzählt habe: Gucken wir uns mal "Clavigo" von Kortner an. Also so rum: Nehmen wir mal an, wir beide würden uns das ansehen und Sie würden mich fragen: Warum zeigen Sie mir das überhaupt? Dann würde ich sagen: Das war 1962 ein Riesenskandal am Hamburger Schauspielhaus. Und dann suchen wir den Skandal. Und finden ihn nicht! Und Sie fragen: Was war jetzt daran so aufwühlend, was war das? Und es war wahrscheinlich so etwas Banales, dass Thomas Holtzmann, der den Beaumarchais gespielt hat, während er sprach, gegähnt hat. Weil Kortner, schlau wie er war, eine Szene in die Nacht gelegt hatte, und der völlig übermüdete Mann, der seine Probleme auf die Reihe kriegen muss, kann vor Müdigkeit kaum noch sprechen. Das, glaube ich, war der Skandal.

Das finde ich ja so sehr interessant: Der Skandal verschwindet ja. Peter Zadek war letztens mal bei mir zu Besuch und da hab ich ihm gesagt: Dein "Othello", der wäre heute absolut zentral im Mainstream. Und mit der Zeit wissen Sie es nicht mehr: Warum gab es damals so eine Aufregung? Die Rezeption ändert sich eben und sie ändert sich immer schneller. Die Rezeption verändert die Moden. Dabei meine ich den Begriff Mode nicht negativ. Mit Mode meine ich eine zeitgenössische Ausdrucksform.

 

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