Eine Rose für Achim

4. Januar 2010. Achim von Paczensky ist tot. Ich habe erst gestern davon erfahren, denn die FAZ, die im Silvesterurlaub mein Fenster zur Welt war, hat es natürlich nicht gemeldet. Vielleicht hätte ich noch vor ein paar Tagen auf die Frage, was eigentlich Achim von Paczensky mache, gesagt, dass ich es nicht wisse und es mich eigentlich auch nicht interessiere. Nun aber, da er tot ist, bin ich ehrlich traurig. Denn wenn ich es recht besehe, verdanke ich Achim von Paczensky einige der schönsten Momente meiner Theaterzuschau-Karriere. Also meines Lebens.

1998 war Achim von Paczensky der Spitzenkandidat der Schlingensief-Partei Chance 2000, und als solcher tauchte er sogar auf meinem Wahlzettel auf (ich habe ihn, das muss ich der Ehrlichkeit halber sagen, damals nicht angekreuzt). Am Abend der Bundestagswahl, am 27. September, veranstaltete das Schlingensief-Team in der Berliner Volksbühne eine irrwitzige Wahlparty ohne ARD und ZDF, aber mit gefaketen Ergebnissen. Irgendwann ertönte überlaut irgendeine monumentale Musik, das Publikum im Saal sprang begeistert auf, und Achim von Paczensky zog ein – grenzenloser Jubel!

Spitzenkandidat und epischer Protagonist

Der Augenblick atmete eine wunderbare Anarchie: Nicht eines dieser glattgeschliffenen Medienprodukte, die sich Politiker nennen, wurde adoriert, gefeiert wurde hier: ein Mensch! Ein Mensch mit Behinderung obendrein! Schlingensief hat damals im Grunde relativ zynisch massenmediale Inszenierungsstrategien für sich und seine Sache genutzt, vermutlich war alles kühl kalkuliert. Und doch hat es mir die Tränen in die Augen getrieben. Achim von Paczenskys wegen.

Dann erinnere ich mich an die Feierlichkeiten am Berliner Ensemble zum 100. Geburtstag von Bertolt Brecht: Dort richtete Schlingensief im Rahmen eines Fragmentschau-Spektakels die Uraufführung einiger "Rosa Luxemburg"-Entwurfs-skizzen von Brecht an. Als Protagonisten standen der dicke Werner Brecht (auch er ist vor einigen Jahren verstorben) und Achim von Paczensky im Mittelpunkt – ein komisches Duo, wie es auf deutschen Bühnen vorher und nachher wohl nicht mehr zu sehen war. Eine der Hauptattraktionen im Spiel der beiden war, wie sie sich gegenseitig daran erinnerten, was als nächstes zu tun sei. Sie machten das mit halblaut gezischten Zurufen oder mit nur äußerst schlecht versteckten auffordernden Gesten. Manches Mal gerieten sie auch in Streit. Epischer ist Brecht nie aufgeführt worden, witziger auch nicht.

Das Grundrecht auf eine Bühne

Nach einer der nur drei Aufführungen (die ich alle gesehen habe, da jeden Abend etwas völlig Anderes passierte: einmal prügelte sich Schlingensief auch mit einem Zuschauer, wovon ein anderes Mal zu berichten wäre) stritt ich mich im Garten der BE-Kantine mehrere Stunden lang mit Freunden, ob die behinderten Darsteller bei Schlingensief instrumentalisiert würden. Ich verneinte das vehement, und ich weiß noch, dass ich das Argument Herbert Feuersteins "Jeder Behinderte hat ein Recht auf Verarschung" abwandelte in: "Jeder Behinderte hat das Recht auf eine Bühne." Warum sollte Achim von Paczensky nicht dort stehen, wo Gert Voss und Martin Wuttke standen?

Weitere Achim von Paczensky-Erinnerungssplitter aus meinem Fundus: In "Talk 2000" stellt Talkmaster Schlingensief dem Talkgast Ingrid Steeger den (damals bereits verstorbenen) Dramatiker Heiner Müller vor, der sich als niemand anderer als Achim von Paczensky entpuppt. Schlingensief lässt die beiden vor laufenden Kameras allein, was von Paczensky in stoischer Ruhe meistert, die Steeger jedoch aus der Fassung bringt. Und dann geistert mir noch ein ekstatischer Schlingensief-Refrain im Kopf herum, den ich nicht mehr zuordnen kann: "Achim von Paczensky verteilt die Geschenke, Achim von Paczensky verteilt die Geschenke!" (oder hieß es: "Achim von Paczensky serviert die Getränke!"?)

Es ist eine der großen Fähigkeiten von Christoph Schlingensief, dass er Menschen zum Leuchten bringen kann. Den Menschen Achim von Paczensky hat er zum Leuchten gebracht. Beiden sei Dank dafür. Ich lege für Achim von Paczensky eine virtuelle Rose nieder.

(wb)

 

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