Der stille Revolutionär

von Eva Maria Klinger

Wien, 6. Dezember 2010. Selbst wenn es 1980 in Wien schon üblich gewesen wäre, zum Abschluss einer Direktionsära reich bebildert Rückschau auf das eigene Wirken zu halten, Gustav Manker hätte sich der Selbstspiegelung entzogen. Sein Sohn Paulus Manker, 52, Schauspieler, Regisseur und Filmemacher hat das Versäumnis mit dem Prachtband "Der Theatermann Gustav Manker 1913-1988, Spurensuche" behoben. Eine Fundgrube, eine Augenweide, ein Lesevergnügen.

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Gustav Manker 1964 mit Sohn Paulus
(alle Bilder aus dem besprochenen Band)
© Archiv Paulus Manker

Gustav Manker hat sich 45 Jahre, also lebenslänglich, dem Theater und dabei fast ausschließlich dem Volkstheater in Wien verschrieben – und Theatergeschichte geschrieben. "Er war eine merkwürdige Mischung zwischen einem Repräsentanten des öffentlichen Theaters und einem Stierler und Aufmüpfer und Störer".

Das Neue in spektakulären Skandalen durchgesetzt
Dieser Befund von Peter Turrini gilt besonders seit 1968, für die zehn Jahre von Mankers Direktionszeit, in der er den jungen, wilden österreichischen Autoren als erster eine Bühne bot. 1969 liefert Wolfgang Bauer mit "Change" dem Volkstheater einen (ausverkauften) Aufreger, eine Einladung zum Berliner Theatertreffen adelt die Tat. 1971 setzt Manker mit Turrinis erstem Stück "Rozznjagd" eine bis heute anhaltende Autorenkarriere in Gang. Turrini: "Ich war vorher nix, und nach dieser Uraufführung das, was ich auch heute bin." Nach "Sauschlachten" und "Der tollste Tag", muss das Volkstheater das Uraufführungsrecht an berühmtere Häuser abgeben.

Das Neue hat Gustav Manker auch schon davor als Kombattant des mutigen Langzeitdirektors Leon Epp gefördert, der "gerne den Weg des größten Widerstandes ging". Im Nachkriegs-Wien wurden am Volkstheater und nicht am Burgtheater Vaclav Havel, Peter Weiss, Ionesco, Canetti, Rolf Hochhuth in zum Teil spektakulären Theaterskandalen durchgesetzt. 1963 brach das Duo den von Hans Weigel und Friedrich Torberg ausgerufenen Brecht-Boykott mit Mankers aufregender Inszenierung von "Mutter Courage und ihre Kinder".

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Von der Schauspielschule weg engagiert: Ulrich Wildgrubers Debüt 1963 als "Schweizerkas"
© Archiv Paulus Manker

Dorothea Neff, unvergessen in der Titelrolle, und Ulrich Wildgruber, den Manker vom Reinhardt-Seminar weg engagiert hat, als Schweizerkas. Wildgruber: "Er machte kein großes Brimborium um seine Sachen. Theater war für ihn etwas Selbstverständliches, das man immer wieder erarbeitet. Er war einer von denen, die einem vermitteln, dass es auf einen selbst ankommt". Mit dem darauf folgenden "Kaukasischen Kreidekreis" mit Mankers zweiter Ehefrau Hilde Sochor als Grusche und zwei weiteren Brecht-Stücken war der als Kommunist verteufelte Autor posthum in Wien durchgesetzt.

Neupositionierung eines Nationalheilgen
Gustav Mankers künstlerische Revolution bestand zunächst in der Entwicklung eines modernen, puristischen Bühnenbildes, Räume zu bauen statt Kulissen, seine Simultanbühnen werden Stil prägend für jede Aufführung. Ab den 1950er Jahren feiert er als analytischer Regisseur in seinen Ausstattungen die größten Erfolge, ein Höhepunkt 1959 die ungestüme, wüste "Räuber"-Inszenierung.

Mankers Jahrhundert-Leistung aber ist die Neupositionierung des österreichischen Nationalheiligen Johann Nepomuk Nestroy, dessen sarkastische Weltsicht bis zu Mankers giftigem Zugriff von biedermeierlicher Süße verklebt war. Der Weg beginnt mit der Ausgrabung "Kampl" 1947, gefolgt von 43 weiteren Nestroy-Triumphen. Böse, scharf, schmutzig und anarchisch hob er den "Wiener Possenschreiber in den Rang eines großen österreichischen Dichters" (Hilde Sochor). Nach Deutschland und in die Schweiz wird Gustav Manker geholt, wenn Nestroy in Angriff genommen werden soll. 1969 bringt er am Hamburger Thalia Theater "Das Haus der Temperamente" heraus, und Luc Bondy absolviert seine erste Assistenz.

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Gustav Manker 1969 mit Assistent Luc Bondy (ganz rechts)
© Archiv Paulus Manker

"Ich erinnere mich, wie Manker Zigarren kauend im Dunkel saß, nicht sehr viel sagte, aber sarkastisch schaute. Einmal wollte ich einen Vorschlag machen – ich glaube, es sollte eine Schauspielerin auf einen Stuhl hüpfen, anstatt zu steigen – worauf er sich erstaunt zu mir wendete und sagte: "Bondy, bitte keinen Gombrowicz!"

Nachhaltig erschütterte Sehgewohnheiten
Wie die Wiener Staatsoper in den 1950er Jahren ein legendäres Mozart-Ensemble versammelte, so schart das Volkstheater um Gustav Manker ein unvergleichliches Nestroy-Ensemble. ("Redet's so hochdeutsch wie's nur geht, wir sind eh wienerisch genug"). Die "Nestroyaner" Hans Putz, Walter Kohout, Inge Konradi, Hilde Sochor, Karl Skraup, Fritz Muliar, Hugo Gottschlich, Kurt Sowinetz, Brigitte Swoboda und Helmut Qualtinger erschüttern nachhaltig alle Sehgewohnheiten.

559 Premieren zählt Paulus Manker im Lebensspielplan seines Vaters, als Regisseur und/oder Ausstatter. Akribisch rollt der wortgewandte Chronist Jahr für Jahr, Stück für Stück auf, fasst in knappen Essays Schwerpunkte zusammen, breitet Bühnenbildentwürfe, Szenenfotos malerisch aus, beschreibt am roten Faden der väterlichen Biographie den spannenden Wiener Theaterkosmos von den Katastrophen der 1930er Jahre, über Krieg und Zerstörung bis zum Aufbruch in die durch die Nazis verlorene Literatur. In den drei Dezennien 1950 bis 1979 ist das Volkstheater das aufregendste, wichtigste Theater Wiens.

Die Theaterarbeit nie untertan gemacht
Nach alledem wird es verwundern zu lesen: "Manker war ein Konservativer, war wohl so etwas wie ein Monarchist, aber nie hat er die Theaterarbeit seiner politischen Gesinnung untertan gemacht." Bemerkenswert auch, dass ihn die Sozialdemokraten Kreisky und Benya zum Direktor des vom Gewerkschaftsbund subventionierten Volkstheaters machten. So viel Weitblick sucht man heute in der österreichischen Politik vergeblich.

Die erste Auflage dieses Buches war nach drei Wochen vergriffen, nun liegt nach dem Wechsel zum Amalthea Verlag die zweite Auflage des Prachtbandes druckfrisch vor. 550 Seiten, 877 Bilder und CD mit Inszenierungsausschnitten, Preis nur 20 Euro.

Der Autor: Paulus Manker, 1958 in Wien geboren, Schauspieler in Inszenierungen von Claus Peymann, Peter Zadek und Matthias Hartmann am Burgtheater, in Hamburg und München, von Luc Bondy, in Filmen von Michael Haneke, selbst Regisseur, Filmemacher. Seit 15 Jahren inszeniert er Sobols Simultan-Theaterstück "Alma- a Showbiz ans Ende" an immer neuen phantastischen Spielorten, darunter Wien, Berlin, Venedig, Lissabon und Los Angeles. Paulus Manker, häufig mit dem Attribut "Enfant terrible" geschmückt, weil er in der Beurteilung von ZeitgenossInnen keine Tabus kennt, wird Sieger in der Wahl zum Publikumsliebling "Nestroypreis 2010".

 

Paulus Manker
Der Theatermann Gustav Manker. Eine Spurensuche
Amalthea Verlag, Wien 2010, 2. Aufl., 550 S., 20 Euro / 34,50 sFr

www.manker.at

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Theaterbuch zu Gustav Manker: mörderisch gute FotosSilvio Gerst 2010-12-11 13:50
Ist ja irre! Luc Bondy als halbwüchsiger Theateranfänger und der unvergessene Ulrich Wildgruber in seiner ersten Rolle, ausgerechnet in Wien! Und ich dachte immer, die Österreicher lebten hinterm Mond. Da war aber ganz schön was los - wenn man dem buch trauen darf. Namen, die mir allerdings bis dato nichts gesagt haben: Epp, Haenel, Manker (jemand, der noch bei Max Reinhardt persönlich studiert hat - wow) Endlich mal ein Theaterbuch, bei dem die Photos den Großteil ausmachen. Und sind mörderisch gute Photos von Legenden: Qualtinger, Hörbiger, Paryla, Turrini, Walter Schmidinger, O. W. Fischer, Gert Fröbe, Curd Jürgens. Die Zeichnungen sind sehr bemerkenswert - kein Wunder, wenn Alfred Roller der Lehrer war.
#2 Theaterbuch zu Gustav Manker: zu EppHelga Anne Kersten 2010-12-13 13:21
Der Name Epp sagt nichts? Der hat Hochhuths "Stellvertreter" in Wien erstaufgeführt und ist, als es Proteste gab, auf die Bühne und hat mit Bezug auf das Dritte Reich gerufen: „Jeder, der dieser Aufführung beiwohnt, möge sich doch fragen, ob er nicht an den hier geschilderten Dingen irgendwie mitschuldig gewesen ist.“
#3 Theaterbuch zu Gustav Manker: enorm, reichhaltig, genialUwe Hals 2010-12-15 22:19
Habe das Ding jetzt in Händen. Enorm, muss ich schon sagen. Reichhaltig und mehr als verschwenderisch. Ich habe Wiener Theater erst in den Siebzigern kennen gelernt. Was da los war, kann sich mit allerhand vergleichen. Denn erst mit Peymann wurde das Burgtheater fortschrittlich, bis dahin war eindeutig das Volkstheater tonangebend. Anfang der 80er vielleicht kurzzeitig noch Hans Gratzers Schauspielhaus. Mit Turrini, Bauer, Pevny, Zenker, Roth, Canetti war unter Gustav Manker die Creme de la Creme der Moderne am Werk. Ich habe all die jährlichen Nestroy-Inszenierungen Mankers dort gesehen, die waren wie eine Erlösung. Wild, anarchisch, sozialkritisch, unverstellt. Und unerhört komisch und unterhaltsam. Seither in Wien unerreicht. In dem Buch ist das sehr gut beschrieben und auf der CD auch zu hören. Und dass das Ding nur 20 Euro kostet ist überhaupt genial.
#4 Theaterbuch zu Gustav Manker: Kränze für dieses BuchKarl Gschmeiderer 2010-12-28 18:25
Habe das Buch zu Weihnachten bekommen. So stelle ich mir einen Theaterband vor. Nicht dieses ewige Geschwafel und unnötige, eitle Aufsätze und sinnlose Kritiker-Onanie, sondern voll bebildert und hauptsächlich zum Anschauen. Dann hat man auch was davon, wenn man (wie ich) die meisten Aufführungen gar nicht gesehen hat. Zweiter Pluspunkt sind die Kurztexte, die nicht nur die einzelnen Aufführungen erhellen, sondern auch den historischen Kontext, in dem sie stattfanden. Das ist enorm hilfreich. Drittens und am unterhaltendsten ist die "Spurensuche" nach all den großen Namen, die da drin versammelt sind und die man erst beim zweiten Hinschauen überhaupt erkennt, weils alles Jugendbilder sind: Bondy, Wildgruber, Schmidinger, Schell, Fröbe und Oskar Werner nebst 100 anderen. Das ist der Wahnsinn! - und ein bisschen traurig und melancholisch ist es auch. Dem Mimen flicht die Nachwelt eben doch auch Kränze!
#5 Gustav-Manker-Buch: ein Feinschmeckerbissen!Fitzcarraldo 2011-01-06 13:44
Eine Gewaltleistung. Das kann anders nicht gesagt werden. Enorme Recherche, Hut ab. All das geht von den Dreissiger-Jahren bis in die Achtziger, am interessantesten (weil unbekannt, da schlecht erforscht) die Vorkriegszeit mit dem hohen Anteil jüdischer Künstler am Wiener Theaterleben. Da gabs, wie man lesen kann, sogar einen "Wiener Broadway" im jüdischen zweiten Bezirk. Der Autor mischt hier bei fast jeder Stückbeschreibung Herkunft und (oft) Emigration von Autoren und Theaterschaffenden unter die enzyklopädischen Angaben der einzelnen Stücke. Und das sind immerhin 560 im Ganzen. Eine Menge für ein Theaterleben, muss man schon sagen. Dazu kommen kurze Erwähnungen historische Ereignisse, auch das sehr hilfreich. Wie spielt man denn eine Premiere, wenn am Vortag grade der Bundeskanzler ermordet wurde? "Zwischen Bajonetten und unter trauerbeflaggten Häusern", wie das Buch verrät. Max Reinhardts Flucht kommt sogar zweimal vor: einmal aus Deutschland, dann auch aus Österreich. Seine Schauspielschule wird auch gleich arisiert. Zu vielen Personennamen findet man hier begleitende Texte, Erläuterungen, auch Insiderwissen (wie man vermuten darf). Herrlich der eitle O.W. Fischer, der sich selbst im Schminkspiegel anhimmelt oder das Premierengedicht von Walter Schmidinger und Luc Bondys Kühnheit als junger Regieassistent, der sogleich als Gombrowicz zurechtgewiesen wird, weil er vorschlägt, eine Schauspielerin möge auf den Stuhl springen statt zu steigen. Dass Ulrich Wildgruber aus der Schauspielschule geflogen ist, verwundert nicht, aber dass dann ausgerechnet ein Wiener Patriarch ihn zurückholt und das Risiko seines Debüts in Kauf nimmt (lange vor Neuenfels und Zadek), ist für den deutschen Leser schon erstaunlich. Es scheint, dass dieser Herr Gustav Manker wenig aufhebens um sich gemacht hat - ähnlich vielleicht wie Hans Bauer - denn wie kommt es sonst, dass man bisher nicht über ihn wusste. Damit räumt dieses Buch gründlich auf. Ein Feinschmeckerbissen, wahrlich!

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