Die geborgte Prominenz

3. Januar 2011. Wenn Einträge unter dem Namen von Personen des öffentlichen Lebens in den Kommentaren auftauchen, überprüft nachtkritik.de die Authentizität des Beitrags. Falls der Name geborgt ist, gibt's Anführungszeichen (ansonsten ist es wirklich Hermann Beil, wenn der Name des BE-Chefdramaturgen drunter steht). Im weiten Feld der Anführungszeichen aber mag man fröhlich siedeln. Hier einige der Prominenten, die sich im Forum auf nachtkritik.de im Jahr 2010 versammelten – und eben doch nicht:

 

"Mario Barth"

Not amused zeigt sich ein User unter der Maske des Stadionrockers unter Deutschlands Komikern von Dirk Lauckes Bakunin auf dem Rücksitz in der Comic-Regie von Sabine Auf der Heyde am Deutschen Theater Berlin:

"Dieser Abend ist leidenschaftslos, langweilig, lapidar und macht wütend!"

 

"Florian Silbereisen"

Der Patrick-Lindner-Gedächtnistollenträger und neue Herzbube des deutschen Schlagerbusiness geht mit der nachtkritik-Redaktion hart ins Gericht, anlässlich einer kleinen Beatles-Hommage im Blog:

"Nette Idee. Aber warum mit so tantigem Vokabular wie 'unvergessene Momente' abmoderieren?"

 

"Jeff Porcaro"

Der (tote) Drummer von Toto beendet einen Kommentatorenstreit über das Schlagzeugspiel von Fabian Hinrichs in Ich schau Dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang (von René Pollesch an der Berliner Volksbühne) und urteilt letztgültig:

"Greetings from heaven above: This chap Hinrichs ain't no bad drummer at all."

 

"Hans Albers"

Der blonde Hans von der Reeperbahn himself gibt sich die Ehre im nachtkritik-Forum zu Jarg Patakis Umsetzung der Dreigroschenoper von Bertolt Brecht am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Allein er lugt zu den Nachbarn am Alstertor hinüber:

"Skandal dagegen im Thalia: Viele sind begeistert, Hamburgs bessere Gesellschaft allerdings sieht ihr Hamburg Bild beschädigt und schreit massiv Buh!! Vielleicht ist das das politische Theater heute?"

 

"Grace Jones"

Die katzengleiche Dance-Hall-Queen aus den 1980ern ("Slave to the Rhythm") tauchte 2010 zumindest virtuell bei den Salzburger Festspielen wieder auf, etwa bei Peter Steins Ödipus auf Kolonos, und schlug ihre gendertheoretisch gespitzten Krallen ins Fleisch der Kommentatoren:

"Ob Mann oder Frau. Ohne Ego kein gutes Schau-Spiel. Weiterdenken."

 

"Johannes der Täufer"

Im Verbund mit "Roland Bart" (sic!) und (Ferdinand de) "Saussure" liest der heilige Johannes höchst selbst Nis-Momme Stockmann die linguistischen Leviten anlässlich seiner Rede Vom Verschwinden des Autors und dem anschwellenden Theater:

"Det wirft alles über den Haufen, sogar den Haufen wirft es über den Haufen. Irgendwie."


"Bovary"

Die Freude am Diskurs über Akupunktur-Methoden, anlässlich von Katie Mitchells Fräulein-Julie-Adaption an der Berliner Schaubühne, lässt vermuten, dass es sich hier nicht um Madame Emma, sondern um ihren Arztgatten Charles Bovary handelt. Der Auftritt des braven Romanantihelden, dessen Autor im nachtkritik-Forum ebenfalls reüssiert (als "Flohbär"), steht pars pro toto für eine lange Gästeliste prominenter literarischer KommentatorInnen: "Peter Pan", "Jeanne d'Arc", "Gretchen", "Schillerchen", "Heidi Hoh", "Palmström", "Achill", "Irma la Douce",...

 

"Earl of Essex"

Noch ehe die Hochzeit des Thronfolgers Prinz William 2011 gefeiert wird, verschafft sich der britische Hochadel auf nachtkritik.de Gehör, anlässlich einer Züricher Shakespeare-Inszenierung von Karin Henkel: Viel Lärm um nichts – fürwahr ein Motto für das anstehende spätmonarchische Brimborium. Da bleibt nur eine hochkarätige Besinnung auf die dauerhaften Werte:

"wir sollen doch froh sein, dass wir so einen 5 Sterneautor wie Shakespeare haben."

 

"Heribert Faßbender"

Der Altmeister unter den deutschen Fußballkommentatoren entflieht gelegentlich seinem Rentnerdasein, disputiert dann etwas mit Frank-Patrick Steckel (dem echten!) anlässlich der Faust-Preisverleihung und pfeift mit einer beherzigenswerten Parole die Nachspielzeit im real life an:

"Weg vom Bildschirm, hinaus ins Freie!"

 

"Sebastian Hartmann"

Das netzwandelnde Poesiealbum "Sebastian Hartmann" (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Intendanten des Leipziger Centraltheaters) erweist sich auch im Jahr 2010 als unbeirrbar treuer Gratulant des ewigen Claus Peymann. Anlässlich der Nachricht von Peymanns neuerlicher Vertragsverlängerung als Intendant des Berliner Ensembles öffnet er seinen Zitatenschatz:

"Warum gabst du uns die tiefen Blicke,
unsre Zukunft ahndungsvoll zu schaun,
unsrer Liebe, unsrem Erdenglücke
wähnend selig nimmer hinzutraun?
Warum gabst uns, Schicksal, die Gefühle,
uns einander in das Herz zu sehn,
um durch all die seltenen Gewühle
unser wahr Verhältnis auszuspähn?

(Peter Handke)"

 

Mehr über skurrile User im nachtkritik-Forum? Hier entlang! Und hier gibt es die Highlights aus der Kommentarflut 2010.

 

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