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Kultureller Suizid

Halberstadt, 12. Oktober 2011. "Haben die Menschen im ländlichen Raum weniger Recht auf Bildung und Kultur als die Menschen in der großen Städten?", fragt Ursula Meinke, die Personalratsvorsitzende des Nordharzer Städtebundtheaters, in einer Pressemitteilung. "Die Kommunen sind am Ende, die Landespolitik ist gefragt" – weshalb sie sich in einem Offenen Brief an den Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt Reiner Haseloff (CDU) wendet: "Unser Nordharzer Städtebundtheater ist in Not - die Lage war noch nie so prekär wie jetzt."

Schon vor Jahren seien im Zuge von Sparmaßnahmen 25% der Stellen und Haushaltsmittel gestrichen worden, "was das Theater an die unterste Grenze der Arbeitsfähigkeit geführt hat", heißt es in dem Schreiben. Seitdem verzichteten die Mitarbeiter des Theaters auf bis zu 20% Lohn in der ohnehin niedrigsten Gehaltsstufe. Nun seien erneut Kürzungen in einem Umfang geplant, die "die völlige Schließung des Theaters bedeuten oder es lediglich als Bespieltheater erhalten würden. Das jedoch kommt einem kulturellen Suizid gleich und bedeutet die Verödung der Lebensqualität in unserer Stadt."

Mehr als 13.000 Unterschriften, die zeigten, "wie stark das Theater in dieser Stadt verwurzelt ist", seien zum Erhalt Theaters mittlerweile gesammelt und dem Halberstädter Stadtrat präsentiert worden, bestätigte Meinke gegenüber nachtkritik.de. Trotz dieser zahlreichen Bürgerstimmen sei nun eine Kürzung der Theaterzuwendung um zunächst 600.000 Euro jährlich geplant. Auch die drei weiteren Träger des Theaters, der Landkreis Harz, die Stadt Quedlinburg und das Land Sachsen-Anhalt, hätten im Zuge von Konsolidierungsmaßnahmen eine Verringerung der Zuschüsse beschlossen.

Insgesamt beläuft sich das Budget des Drei-Sparten-Hauses zurzeit auf acht Millionen Euro. Davon stammen

  • aus dem Kreishaushalt 1,876 Mio. Euro (ab 2014: 1,237 Mio. Euro)
  • aus dem Haushalt der Stadt Halberstadt 1,061 Mio. Euro (ab 2013: 461.000 Euro)
  • aus dem Haushalt der Stadt Quedlinburg 443.000 Euro (ab 2013: 250.000 Euro)
  • aus dem Landeshaushalt noch einmal 3,38 Mio. Euro an Gegenfinanzierung (dieser Betrag entspricht der Summe der Zuwendungen aus den Kreis- und den Stadthaushalten und ist nicht fix, sondern wird angepasst, würde in Zukunft also nur noch ca. 1,948 Mio. Euro betragen)
  • sowie ein Eigenanteil von 1,24 Mio.

Insgesamt müssten also insgesamt 2,864 Millionen Euro pro Jahr eingespart werden – kaum zu schaffen für das Nordharzer Theater, das bereits in den vergangenen Jahren zusätzliche Zuschüsse von Seiten des Landkreises und der Städte in Anspruch nehmen musste.

"Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, wir bitten Sie im Namen unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und im Interesse des Erhalts der Kulturlandschaft in unserer Region dringend darum, durch die Landesregierung ein Zeichen zu setzen, das den Theaterschaffenden und den Menschen in unserer Region zeigt, dass die Kultur einen hohen Stellenwert hat und dieser in einer auskömmlichen Förderung seinen Ausdruck findet. Bitte bedenken Sie: Mit dem Sinken der geistig-kulturellen Attraktivität einer Region sinken auch deren wirtschaftliche Chancen."

"Wenn unser Theater aufgegeben wird, wird der Nordharz zu einer kulturell abgehängten Region", heißt es außerdem in der Pressemitteilung.

www.harztheater.de

(Personalrat des Nordharzer Städtebundtheaters / ape)

 

Im Jahr 2007 machte das Nordharzer Städtebundtheater mit einer "Initative gegen Rechts" von sich reden: Nachdem im Juni mehrere Künstler von rechtsextremen Schlägern angegriffen worden waren, initiierte das Theater (damals noch unter Intendant André Bücker) im September den Aktionstag "Auf die Plätze!" – für nachtkritik.de berichtete damals Dirk Pilz.

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