Das Ganze des Denkens

von Dirk Pilz

März 2012. Dieses Buch ist das gehalt- und geistvollste, lehrreichste, wichtigste, scharf- und feinsinnigste, vor allem aber wagemutigste zur Tragödie seit Friedrich Nietzsches "Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik". Das erschien vor 140 Jahren; es hat das Nachdenken über die Tragödie geprägt wie keines zuvor seit Aristoteles' "Poetik". Die wurde, vermutlich, um 335 vor Christus verfasst.

Unbedingte Augen

Sie hat sich mehr als rar gemacht in den letzten Jahren. Auf der großen Theaterbühne sah man Jutta Hoffmann zuletzt vor zwölf Jahren, in einer fast schon versunkenen Theaterepoche: als Rosa Luxemburg in Einar Schleefs Inszenierung "Verratenes Volk" am Deutschen Theater Berlin. Die Schauspielkollegin Inge Keller stellt in dem hier anzuzeigenden Buch die "kleine Anfrage", warum man sie denn in keinem Theater mehr erleben könne.

altDas Leben läuft

Von Dirk Pilz

Februar 2012. Alexander Kluge ist 80 Jahre alt, und auch wir wollen gratulieren: herzlichen Glückwunsch! Vielen Dank für die Filme, Interviews und Fernsehproduktionen, vor allem aber für die Bücher! Die Welt wäre ärmer, leerer ohne sie.

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Lob der Verwegenheit

von Wolfgang Behrens

Berlin, 11. Oktober 2011. Der Name Heidegger fällt in dem Buch nur ein einziges Mal, und, offen gestanden, habe ich die Stelle nicht einmal verstanden (es geht da um die Haltung des 68ers Fritz Teufel, die etwas mit Novalis zu tun habe "oder mit Martin Heidegger, wenn man ihn heimlich liest" … was ist mit diesem Rätselwort gemeint?). Trotzdem: Als ich "Das Bastardbuch" las, in dem der mittlerweile 70 Jahre junge Regisseur Hans Neuenfels seine "Autobiografischen Stationen" beschreibt, ist mir immer wieder ein Abschnitt aus Heideggers Freiburger Antrittsvorlesung von 1929 in den Sinn gekommen:

altDas Unmögliche wahr machen

von Simone Kaempf

26. Januar 2012. Die Ankündigung, dass jenes Buch, das Thomas Brasch nie geschrieben hat, nun mit diesem vorliegt, wie es im Klappentext heißt, mag verlockend klingen, auch ein bisschen verwegen. Ganz sicher führt sie auf die falsche Spur. Es ist sogar genau das Gegenteil, willl man am Ende ausrufen: "Die Kinder der Preußischen Wüste" ist wohl eher das, was Brasch zu schreiben gescheut hat. Was überhaupt nicht gegen das Buch spricht. 

"Ihr seid ja gar keine ­Kommunisten!" (1949-1950)

von Esther Slevogt

Seit Juni 1949 lebt Bertolt Brecht endgültig in Berlin. Renate Langhoff hatte unter Einsatz ihrer guten Verbindungen zur SMA [Sowjetische Militäradministration - d. Red.] der Brechtfamilie ein Haus in der Nachbarschaft besorgt, eine weiße Gründerzeitvilla am Weißen See, die vom Langhoff'schen Haus aus fußläufig zu erreichen ist. Oft kommt Brecht abends zum Schachspielen vorbei oder um Paul Dessau zu besuchen, der ja ebenfalls im Hause Langhoff lebt.

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Was lernt man im Theater?

"Können wir vom Theater noch etwas lernen?" Diese Frage steht ganz oben auf dem Rückumschlag und klingt, als verheiße sie ein Ja. Auch das Inhaltsverzeichnis hört sich recht vielversprechend an: Da geht es um "Dumme Fragen" und "Autopannen", "Lügen" und "Hochzeit", "Intrigen" und "Rache" und – natürlich – "Lieben" und "Sex". Neugierig geworden, schlägt man den schmalen Band auf.

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Die Probe ist das Theater

21. September 2011. Dies ist ein Sammelband mit 18 essayartigen Aufsätzen und 1 CD. Der erste Satz im Vorwort lautet: "Das zeitgenössische Theater in allen seinen Facetten ist ohne Probe nicht denkbar." Gibt es jemand, der dieser Behauptung widersprechen würde? Eben.

Alle waren aufgeregt

von Rainer Nolden

30. Dezember 2011. "Sie wissen, wie hoch ich Ihr Talent schätze. Und eben deshalb bin ich verpflichtet, Ihnen gegenüber ganz offen zu sein. Und das ist mein ganz freundschaftlicher Rat: Hören Sie auf, fürs Theater zu schreiben. Das ist überhaupt nicht Ihr Fach."

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Wahrheit, Wirklichkeit, Anekdoten

12. Oktober 2011. Gert Voss' Erinnerungsbuch "'Ich bin kein Papagei'. Gert Voss - Eine Theaterreise" versammelt kleine Erzählungen, die der große Schauspieler Gert Voss seiner Frau, der Dramaturgin Ursula Voss in den Computer diktiert hat. Etwa die, wie er als Schauspielschüler, auf der Party seiner kleinen Schwester, die schönste Frau seines Lebens traf, sich Knall auf Fall verliebte und das gemeinsame Leben begann.

Der heimliche Held

Walter Bruno Iltz gehörte zu den autokratischen Alleinherrschern an deutschen Theatern, die nach 1968 von der Generation SteinPeymannFlimm verdrängt und später vergessen wurden. Nach Anfängen als Schauspieler in Dresden wird der 1886 bei Danzig geborene Apothekersohn 1924 Generalintendant in Gera, auf den "General" legt er besonderen Wert. Er setzt neue Dramatiker wie Brecht, Barlach, Zuckmayer auf den Spielplan. 1927 wechselt er an die Städtischen Bühnen Düsseldorf, wo er Moderne wie Hindemith, Weill, Strawinsky, Krenek fördert. Für sein Schauspiel engagiert er den Kommunisten Wolfgang Langhoff, den Juden Leopold Lindtberg und fürchtet sich nicht, gegen den Antisemitismus der NSDAP aufzutreten.

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Kein Alltag! Nur Poesie!

von Esther Slevogt

Berlin, 15. September 2011. Sie ist Mitte zwanzig, er schon vierzig Jahre alt. Sie fängt gerade am Theater an, wo er bereits ein berühmter Theaterregisseur ist. Sie beginnen ein Verhältnis, obwohl er eine Frau irgendwo hat. Es ist, wie es ist, er ist der Star, sie seine Muse. Die Wirklichkeit muss ausgeblendet werden. Sei es die politische oder die private. Nie verbringt er die ganze Nacht bei ihr. "Nur kein Alltag, sondern nur Poesie! Nur Kleist!" Über die Arbeit an einem Kleistprojekt waren sie einander begegnet. Heinrich von Kleist, dem sich das heimliche Paar nun in geradezu existenzieller Weise verbunden fühlt, finden sie in seinem Werk doch das eigene Lebensgefühl wieder, in der Unmöglichkeit nämlich "mit uns selbst und der Welt, in der wir lebten, eins zu sein".

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Die Aura der Selbstverwirklichung

von Matthias Weigel

23. Dezember 2011. Das oberfränkische Wunsiedel wäre eine Kleinstadt wie jede andere: Kein Bahnhof, keine Diskothek, kein Kino. Dafür Kirchweih und Feuerwehrfest, Schulbusse und Stadtkapelle, der CSU-Bürgermeister vom Gehöft nebenan, die Dorfpunks im Jugendzentrum, das Weihnachts-Musical vom Kirchenchor. Würden da nicht einmal im Jahr Fremde einfallen. Andere Klamotten, andere Frisuren. Sie sind in kürzester Zeit mit dem Wirt per Du und bleiben auch unter der Woche bis zuletzt. Sie wohnen in Ferienwohnungen oder auch mal im Campingzelt, und es umweht sie die unerreichbare Aura der freien Kunst, der großen Stadt, des unsteten Lebens, der freiheitlichen Selbstverwirklichung: Die Schauspieler sind in der Stadt.

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Der Sanfte

von Simone Kaempf

8. August 2011. Als erstes ein Strafbefehl. Im Original abgedruckt, so wie er im September 1989 dem Regisseur Jossi Wieler vom Polizeigericht des Kantons Basel-Stadt zugestellt wurde wegen Falschparkens in einer Parkverbotszone. Zu diesem Zeitpunkt probt Wieler am Basler Theater "Iwanow", das einzige Tschechow-Stück, das er je inszeniert hat. Über seine Tätigkeit am Theater habe der Regisseur sein Auto vergessen, das ist im Protokoll der Polizei nachzulesen, die von Wieler damals Rechenschaft verlangte.

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Hipsterdämmerung

von Christian Rakow

13. Dezember 2011. Thomas Melle "gehört zu den wichtigsten jungen deutschen Theaterautoren", erfahren wir auf dem Schutzumschlag dieses Rowohlt-Hardcovers. Das ist, gelinde gesagt, eine ziemliche Übertreibung. Aber von einem Buch, das so kühn vom zerstörerischen Größenwahn unserer Zeit spricht und dabei so souverän und anspielungsreich auf der Klaviatur unseres kulturellen Wissens spielt, kann man vielleicht auch erwarten, dass der Größenwahn ein wenig in die Beipackzettelprosa hüpft. Immerhin schickt sich Melle mit diesem Roman an, einer der wichtigen jungen Erzähler zu werden.

Politisch ein Kind

von Nikolaus Merck

17. Juni 2011. Als im Jahr 1932 der erfolgreiche Basler Theaterdirektor Oskar Wälterlin wegen einer Missbrauchsaffäre – ein Opernsänger hatte einen 13-jährigen Statisten mit einer Geschlechtskrankheit angesteckt – aus dem Amt gedrängt worden war, suchte er eine neue Stelle. Wälterlin, ein offenes Geheimnis in Basel, war homosexuell. In der Schweiz galten damals Männer dieser Orientierung als "pervers", die Polizei registrierte und überwachte sie.

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"Kauf dir doch mal ein Parfüm"

Man erfährt in Eva Mattes' Erinnerungen "Wir können nicht alle wie Berta sein" so allerhand Beiläufiges, als würde einem das Leben dieser Ausnahmeschauspielerin in freundschaftlich-geselliger Runde nach dem zweiten oder dritten Glas Wein erzählt: Welches Kleid sie zu welcher Gelegenheit getragen hat, welchen Mann sie wann attraktiv fand und welche Ferien besonders schön waren. Das muss einen nicht alles interessieren, aber der unendlich charmante Ton, in dem Eva Mattes erzählt – es gibt auch ein Hörbuch, allerdings hat man ihre Stimme beim Lesen sowieso im Ohr –, trägt einen auch über diese Stellen hinweg.

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So geht das eben

von Nikolaus Merck

19. April 2011. Peter Iden, 30 Jahre lang Theater- und Kunstkritiker der Frankfurter Rundschau, ein paar Jahre bis ins Jahr 2000 Feuilletonchef, Gründungsdirektor des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt, Professor und zeitweiliger Leiter Schauspiel der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, neben Rolf Michaelis von der Zeit der am längsten amtierende Juror des Berliner Theatertreffens, insgesamt 14 Jahre zwischen 1970 und 2001 – Peter Iden war ein kulturpolitisch enorm einflussreicher Mann.

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Wo war hinten?

von Sophie Diesselhorst

10. November 2011. Als "Naturgewalt" wird der in Interviews durchgängig grantige Josef oder Sepp Bierbichler öfter mal bezeichnet – was ihn, damit konfrontiert, noch grantiger macht. Verständlich: Die Naturgewalten sind es ja, mit denen er als Kulturmensch ringt. Als Schauspieler hat er ihnen grandiose Theater- und Filmmomente abgerungen. Außerdem auch zwei Bücher, jüngst "Mittelreich".

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Salto Vitale eines Defensivkünstlers

von Christian Rakow

Berlin, 23. März 2011. Der Popliterat Joachim Lottmann meinte einmal in einem Gespräch, dem ich beiwohnte, eigentlich habe heute kein Autor mehr Stoff für mehrere Bücher. Man müsse es so machen wie Benjamin von Stuckrad-Barre: einen Roman wie "Soloalbum" schreiben – den einen erlebnissatten Roman –, dann geht man auf Lesetour und anschließend handeln alle weiteren Werke von Beobachtungen, die man auf dieser Tour gesammelt hat.

Bei Burgschauspieler Joachim Meyerhoff gab's die Lesetour schon vor seinem Debütbuch und es war eine Tour, beginnend im Wiener Burgtheater 2007, die von Kritikern wie Peter Kümmel in der Wochenzeitung Die Zeit quasi als Neuerfindung des Theaters im Modus "genialer Schlichtheit" begrüßt wurde, und die fast schon folgerichtig in eine Einladung zum Berliner Theatertreffen 2009 mündete.