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Hipsterdämmerung

von Christian Rakow

13. Dezember 2011. Thomas Melle "gehört zu den wichtigsten jungen deutschen Theaterautoren", erfahren wir auf dem Schutzumschlag dieses Rowohlt-Hardcovers. Das ist, gelinde gesagt, eine ziemliche Übertreibung. Aber von einem Buch, das so kühn vom zerstörerischen Größenwahn unserer Zeit spricht und dabei so souverän und anspielungsreich auf der Klaviatur unseres kulturellen Wissens spielt, kann man vielleicht auch erwarten, dass der Größenwahn ein wenig in die Beipackzettelprosa hüpft. Immerhin schickt sich Melle mit diesem Roman an, einer der wichtigen jungen Erzähler zu werden.

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"Kauf dir doch mal ein Parfüm"

Man erfährt in Eva Mattes' Erinnerungen "Wir können nicht alle wie Berta sein" so allerhand Beiläufiges, als würde einem das Leben dieser Ausnahmeschauspielerin in freundschaftlich-geselliger Runde nach dem zweiten oder dritten Glas Wein erzählt: Welches Kleid sie zu welcher Gelegenheit getragen hat, welchen Mann sie wann attraktiv fand und welche Ferien besonders schön waren. Das muss einen nicht alles interessieren, aber der unendlich charmante Ton, in dem Eva Mattes erzählt – es gibt auch ein Hörbuch, allerdings hat man ihre Stimme beim Lesen sowieso im Ohr –, trägt einen auch über diese Stellen hinweg.

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Wo war hinten?

von Sophie Diesselhorst

10. November 2011. Als "Naturgewalt" wird der in Interviews durchgängig grantige Josef oder Sepp Bierbichler öfter mal bezeichnet – was ihn, damit konfrontiert, noch grantiger macht. Verständlich: Die Naturgewalten sind es ja, mit denen er als Kulturmensch ringt. Als Schauspieler hat er ihnen grandiose Theater- und Filmmomente abgerungen. Außerdem auch zwei Bücher, jüngst "Mittelreich".

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Salto Vitale eines Defensivkünstlers

von Christian Rakow

Berlin, 23. März 2011. Der Popliterat Joachim Lottmann meinte einmal in einem Gespräch, dem ich beiwohnte, eigentlich habe heute kein Autor mehr Stoff für mehrere Bücher. Man müsse es so machen wie Benjamin von Stuckrad-Barre: einen Roman wie "Soloalbum" schreiben – den einen erlebnissatten Roman –, dann geht man auf Lesetour und anschließend handeln alle weiteren Werke von Beobachtungen, die man auf dieser Tour gesammelt hat.

Bei Burgschauspieler Joachim Meyerhoff gab's die Lesetour schon vor seinem Debütbuch und es war eine Tour, beginnend im Wiener Burgtheater 2007, die von Kritikern wie Peter Kümmel in der Wochenzeitung Die Zeit quasi als Neuerfindung des Theaters im Modus "genialer Schlichtheit" begrüßt wurde, und die fast schon folgerichtig in eine Einladung zum Berliner Theatertreffen 2009 mündete.

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Lob der Verwegenheit

von Wolfgang Behrens

Berlin, 11. Oktober 2011. Der Name Heidegger fällt in dem Buch nur ein einziges Mal, und, offen gestanden, habe ich die Stelle nicht einmal verstanden (es geht da um die Haltung des 68ers Fritz Teufel, die etwas mit Novalis zu tun habe "oder mit Martin Heidegger, wenn man ihn heimlich liest" … was ist mit diesem Rätselwort gemeint?). Trotzdem: Als ich "Das Bastardbuch" las, in dem der mittlerweile 70 Jahre junge Regisseur Hans Neuenfels seine "Autobiografischen Stationen" beschreibt, ist mir immer wieder ein Abschnitt aus Heideggers Freiburger Antrittsvorlesung von 1929 in den Sinn gekommen:

Der stille Revolutionär

von Eva Maria Klinger

Wien, 6. Dezember 2010. Selbst wenn es 1980 in Wien schon üblich gewesen wäre, zum Abschluss einer Direktionsära reich bebildert Rückschau auf das eigene Wirken zu halten, Gustav Manker hätte sich der Selbstspiegelung entzogen. Sein Sohn Paulus Manker, 52, Schauspieler, Regisseur und Filmemacher hat das Versäumnis mit dem Prachtband "Der Theatermann Gustav Manker 1913-1988, Spurensuche" behoben. Eine Fundgrube, eine Augenweide, ein Lesevergnügen.

"Ihr seid ja gar keine ­Kommunisten!" (1949-1950)

von Esther Slevogt

Seit Juni 1949 lebt Bertolt Brecht endgültig in Berlin. Renate Langhoff hatte unter Einsatz ihrer guten Verbindungen zur SMA [Sowjetische Militäradministration - d. Red.] der Brechtfamilie ein Haus in der Nachbarschaft besorgt, eine weiße Gründerzeitvilla am Weißen See, die vom Langhoff'schen Haus aus fußläufig zu erreichen ist. Oft kommt Brecht abends zum Schachspielen vorbei oder um Paul Dessau zu besuchen, der ja ebenfalls im Hause Langhoff lebt.

Till Eulenspiegels Erbe

von Esther Boldt

29. September 2010. Einen "provokativen Zweifler" und "unterhaltsamen Intellektuellen" nannte ihn die taz, die New York Times betrauerte ihn als "Filmemacher, Theaterregisseur und politischen Störenfried". Matthias Lilienthal, der Christoph Schlingensief einst an die Volksbühne holte, sagte dem ZDF nach seinem Tod, Schlingensief sei "der einzige Mensch aus dem deutschen Theater, mit dem man nicht unerkannt auf die Straße gehen konnte." Seine Ästhetik des "gesellschaftlichen Denkens in einem Gesamtkunstwerk", werde niemand weiterführen. Zeit seines Lebens war Schlingensief eine umstrittene Figur, deren Sein und Wirken sich Festlegungen und Definitionen entzog und der Boulevardblätter ebenso in Aufregung versetzte wie linke Popmagazine.

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Die Probe ist das Theater

21. September 2011. Dies ist ein Sammelband mit 18 essayartigen Aufsätzen und 1 CD. Der erste Satz im Vorwort lautet: "Das zeitgenössische Theater in allen seinen Facetten ist ohne Probe nicht denkbar." Gibt es jemand, der dieser Behauptung widersprechen würde? Eben.

Von Krisen, Rissen, Brüchen

von Anna Teuwen und Stefan Bläske

31. August 2010. Kaum wird wieder irgendwo eine Krise konstatiert, beschrieben oder herbeigeschrieben, ist auch das Drama nicht weit. Denn Krisen sind natürlich immer sofort dramatisch. In der Theaterwissenschaft allerdings geht man – rein gewohnheitsmäßig – mit dem Drama etwas entspannter um.

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Wahrheit, Wirklichkeit, Anekdoten

12. Oktober 2011. Gert Voss' Erinnerungsbuch "'Ich bin kein Papagei'. Gert Voss - Eine Theaterreise" versammelt kleine Erzählungen, die der große Schauspieler Gert Voss seiner Frau, der Dramaturgin Ursula Voss in den Computer diktiert hat. Etwa die, wie er als Schauspielschüler, auf der Party seiner kleinen Schwester, die schönste Frau seines Lebens traf, sich Knall auf Fall verliebte und das gemeinsame Leben begann.

Inkommensurable Biographien treffen aufeinander

von Wolfgang Behrens

30. Juli 2010. Die schönste Kritik, die wohl je zu einer Inszenierung des vor Jahresfrist verstorbenen Peter Zadek geschrieben wurde, stammt - sorry, Herr Stadelmaier - aus der Feder von Benjamin Henrichs. Sie erschien am 23. Februar 1996 in der "Zeit" und sezierte mit seismographischem Gespür und unbedingter liebender Hingabe das Bühnendasein der Zadek-Schauspieler in Tschechows "Kirschgarten", seinerzeit neu inszeniert am Akademietheater Wien. Henrichs beschrieb in seinem Text auf wahrhaft wunderbare Weise die "fast unbegreifliche Beiläufigkeit und Entspanntheit" der Darsteller, von Angela Winker, Ulrich Wildgruber und all den anderen - Leute, die "auf der Bühne nur so dahin leben". Hier sollte auch der Nachgeborene eine Ahnung davon bekommen, was das Geheimnis der großen Zadek'schen Aufführungen war.

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Kein Alltag! Nur Poesie!

von Esther Slevogt

Berlin, 15. September 2011. Sie ist Mitte zwanzig, er schon vierzig Jahre alt. Sie fängt gerade am Theater an, wo er bereits ein berühmter Theaterregisseur ist. Sie beginnen ein Verhältnis, obwohl er eine Frau irgendwo hat. Es ist, wie es ist, er ist der Star, sie seine Muse. Die Wirklichkeit muss ausgeblendet werden. Sei es die politische oder die private. Nie verbringt er die ganze Nacht bei ihr. "Nur kein Alltag, sondern nur Poesie! Nur Kleist!" Über die Arbeit an einem Kleistprojekt waren sie einander begegnet. Heinrich von Kleist, dem sich das heimliche Paar nun in geradezu existenzieller Weise verbunden fühlt, finden sie in seinem Werk doch das eigene Lebensgefühl wieder, in der Unmöglichkeit nämlich "mit uns selbst und der Welt, in der wir lebten, eins zu sein".

Der die großen Rollen der Großen spielte

von Ute Grundmann

20. Juli 2010. Die große Geste des Arturo Ui. Tanzend in "Das kleine Mahagonny". Probend für "Das Leben des Galilei". Oder die Gesten, den Gang prüfend für "Der kaukasische Kreisekreis". Als Philosoph im Schaukelstuhl für den "Brecht-Abend Nr. 3. Der Messingkauf". Momentaufnahmen des Schauspielers Ekkehard Schall, den Vera Tenschert über Jahrzehnte im Berliner Ensemble fotografiert hat. Daraus ist ein jetzt schöner Bildband des Schauspielers geworden, dessen 80. Geburtstag und fünfter Todestag in dieses Jahr fallen.

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Der Sanfte

von Simone Kaempf

8. August 2011. Als erstes ein Strafbefehl. Im Original abgedruckt, so wie er im September 1989 dem Regisseur Jossi Wieler vom Polizeigericht des Kantons Basel-Stadt zugestellt wurde wegen Falschparkens in einer Parkverbotszone. Zu diesem Zeitpunkt probt Wieler am Basler Theater "Iwanow", das einzige Tschechow-Stück, das er je inszeniert hat. Über seine Tätigkeit am Theater habe der Regisseur sein Auto vergessen, das ist im Protokoll der Polizei nachzulesen, die von Wieler damals Rechenschaft verlangte.

Vom Wetter in der Raumlochwelt

von André Mumot

28. April 2010. Einfach mal kurzfassen. Thomas Thieme zum Beispiel sagt: "Alle reden, Brack arbeitet." Großartig, so ein Satz. Zumal er einer Künstlerin gewidmet ist, die derartig berühmt ist fürs Minimale. Und Thieme, der sich für seine "Büchner/ Leipzig/ Revolte"-Inszenierung von Katrin Brack eine gelbe Girlandenwelt hat entwerfen lassen, äußert noch ein paar weitere schöne Sätze zum Thema: "Ich habe bis heute nicht verstanden, was ein Bühnenbild sein soll. Alles, was es nicht sein soll, entwirft Katrin Brack. Kein Milieu, kein Bildkommentar, keine lauwarme Atmosphäre, aber auch keine künstliche Kälte."

Politisch ein Kind

von Nikolaus Merck

17. Juni 2011. Als im Jahr 1932 der erfolgreiche Basler Theaterdirektor Oskar Wälterlin wegen einer Missbrauchsaffäre – ein Opernsänger hatte einen 13-jährigen Statisten mit einer Geschlechtskrankheit angesteckt – aus dem Amt gedrängt worden war, suchte er eine neue Stelle. Wälterlin, ein offenes Geheimnis in Basel, war homosexuell. In der Schweiz galten damals Männer dieser Orientierung als "pervers", die Polizei registrierte und überwachte sie.

Lauter nette Leute

von André Mumot

9. Februar 2010. Hier spricht ein Liebender. Deshalb wundert sich der Leser auch nicht, wenn Hajo Kurzenberger plötzlich von seinem "inzwischen beträchtlich angewachsenen Wieler-Archiv" berichtet. Als Dramaturg hat er mit ihm am Theater Neumarkt Zürich zusammengearbeitet und kann seitdem nicht von ihm lassen. Wegen Jossi Wielers "großer Wertschätzung für Menschen" zum Beispiel. Und weil Wieler auch "zugeben kann, dass er etwas nicht weiß", weil er als Regisseur manchmal nur zuhört und weil deshalb ein "spielerisch-liebevoller Umgang zwischen den Beteiligten" herrsche.

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So geht das eben

von Nikolaus Merck

19. April 2011. Peter Iden, 30 Jahre lang Theater- und Kunstkritiker der Frankfurter Rundschau, ein paar Jahre bis ins Jahr 2000 Feuilletonchef, Gründungsdirektor des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt, Professor und zeitweiliger Leiter Schauspiel der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, neben Rolf Michaelis von der Zeit der am längsten amtierende Juror des Berliner Theatertreffens, insgesamt 14 Jahre zwischen 1970 und 2001 – Peter Iden war ein kulturpolitisch enorm einflussreicher Mann.

Das Dritte im Bunde

von Esther Boldt

12. Januar 2010. Für das Theater braucht es nicht viel: Einen, der etwas tut, und einen, der ihm dabei zuschaut. Fertig ist die Aufführung. Diese Minimaldefinition von Theater ist historisch unumstritten, ästhetische Differenzen gibt es vor allem bei den Bedeutungs- und Realitätsebenen, die sie herstellt.