Festival d'Avignon - Neue Arbeiten von Anne-Cécile Vandalem, Caroline Guiela Nguyen, FC Bergman, Kornél Mundruczó

La cerisaie / Entre chien et loup - Festival d'Avignon

Stuhlrücken im Papstpalast

von Joseph Hanimann

Avignon, 5. Juli 2021. Intendantenwechsel zum Auftakt. Gleich am Eröffnungstag dieses 75. Theaterfestivals Avignon erfuhr man nach lebhaften Spekulationen, wer ab September 2022 Nachfolger des bisherigen Leiters Olivier Py sein wird. Solch zusätzlicher Spannung hätte das Festival mit seinem stolzen Programm gar nicht bedurft. Doch gehört das zur Besonderheit Avignons.

Architecture - Festival d'Avignon

Theater des Verstummens

von Elisabeth Maier

Avignon, 5. Juli 2019. Geist und Körper eines großen Architekten zerfallen in Pascal Ramberts Familiendrama "Architecture". Der französische Autor und Regisseur, der vor 30 Jahren erstmals beim Festival d'Avignon war und seither regelmäßig hier gastiert, blickt auf das 20. Jahrhundert und seine Kriegszeiten und zeichnet die Geschichte von Menschen nach, die an Hass und Brutalität zerbrechen. Sein Drama beginnt am Ende des 19. Jahrhunderts in den frühen Jahren der Moderne, reicht über den Ersten Weltkrieg hinaus und umspannt insgesamt einen Zeitraum von 30 Jahren.

Ibsen Huis - Simon Stone und die Toneelgroep Amsterdam beim Festival d'Avignon

Die höllische Tragödie

von Elisabeth Maier

Avignon, 15. Juli 2017. Gespenster erfüllen das mondäne Sommerhaus mit Leben. Der Regisseur Simon Stone feierte gestern mit "Ibsen Huis" beim Festival d'Avignon eine umjubelte Premiere. Im Innenhof des altehrwürdigen Gymnasiums Saint Joseph verbrennt Stone mit dem Ensemble der Toneelgroep Amsterdam die Lebenslügen seiner – von Henrik Ibsens dramatischem Universum inspirierten – Figuren. Im rauen Nachtwind der Provence hetzen die Akteure vom Paradies übers Fegefeuer in ein Inferno – so betitelt Stone die drei Akte und zitiert damit Dantes "Göttliche Komödie", allerdings in umgekehrter Reihenfolge. Und das französische Publikum ließ sich anstecken vom Hype um Publikumsliebling Stone, der sich nach seiner ersten Avignon-Premiere in stürmischer Sommernacht ganz unkompliziert auf dem Schulhof mit Zuschauern austauschte.

Orlando ou l'impatience - Olivier Pys Metatheater beim streik-bestimmten 68. Festival d'Avignon

Suche nach der wahren Kunst

von Elisabeth Maier

Avignon, 5. Juli 2014. Nun ist das Festival d'Avignon doch eröffnet mit einem Tag Verspätung. Am Eröffnungsabend waren Heinrich von Kleists "Prinz von Homburg" inszeniert von Giorgio Barberio Corsetti und Coup Fatal von Serge Kakudji, Fabrizio Cassol und Alain Platel wegen des Streiks der freien Bühnenarbeiter und Künstler abgesagt worden. Stattdessen gab es eine Demonstration. Die befristet beschäftigten Theatermitarbeiter, französisch Intermittents, wehren sich unter anderem gegen die drastische Verschlechterung ihrer Arbeitslosenversicherung. 

Shéda – Dieudonné Niangounas apokalyptischer Theatermarathon im Steinbruch von Avignon

Wimmelnde Alptraumbilder

von Andreas Klaeui

Avignon, 7. Juli 2013. Eine lebende Ziege, ein ledernes Krokodil. Podeste, Sandskulpturen, ein riesiges Lichtrad – es ist ein Bric-à-brac im Felsenamphitheater des alten Steinbruchs von Boulbon, über das Dieudonné Niangouna herrscht, neben Stanislas Nordey der zweite "Artiste associé" im diesjährigen Festival d'Avignon. Der "Artiste associé" ist ein beratender Gastkünstler der beiden Festival-Direktoren Hortense Archambault und Vincent Baudriller; das Konzept wird wohl mit der diesjährigen Ausgabe verschwinden: Baudriller und Archambault hören auf, an ihrer Stelle übernimmt der Autor, Schauspieler und Regisseur Olivier Py die Festivalleitung, also selber ein Künstler.

Par les villages - Stanislas Nordey zelebriert Peter Handke in Avignon

Künstlerische Weltrettung

von Andreas Klaeui

Avignon, 6. Juli 2013. Kunst ist das Gegenteil von gut gemeint. Wenn die Gottfried-Benn'sche Wahrheit einer Illustration bedarf: Dieser Abend ist hervorragend dazu geeignet. In Peter Handkes "Dramatischem Gedicht", einer weitschweifigen, mehr epischen als tatsächlich poetischen Parabel von 1982, geht es um zwei Brüder: einen Schriftsteller-Heimkehrer aus der Fremde (den Regisseur Stanislas Nordey selber spielt) und einen im Dorf ansässig gebliebenen Handwerker (Richard Sammut), zwischen ihnen steht vermittelnd die Schwester mit dem weisen Namen Sophie (Emmanuelle Béart), sie haben ein Elternhaus aufzuteilen.

Disabled Theater – Jérôme Bel und das Theater Hora beim Festival d'Avignon

altMich selber zu sein oder jemand anderes

von Andreas Klaeui

Avignon, 9. Juli 2012. Es ist nicht übertrieben zu sagen: Mit dieser Produktion hat die Theaterarbeit mit Behinderten eine neue Ebene erreicht. Seit 1993 hat sich das Zürcher Theater Hora mit landauf, landab bejubelten Produktionen zu einer ersten Theateradresse für Menschen mit einer geistigen Behinderung gemausert; in der Zusammenarbeit mit Jérôme Bel ist es nochmal einen Schritt weiter gegangen. In "Disabled Theater" gibt es keine Rollen, die Behinderten stehen selber im Zentrum. Eine Darstellerin bringt es auf den Punkt: "In diesem Stück ist meine Aufgabe, mich selber zu sein und nicht jemand anderes."

Nouveau Roman – Christophe Honoré denkt in Avignon szenisch über das Schreiben nach

Das Risiko des Schreibens

von Andreas Klaeui

Avignon, 8. Juli 2012. Auf einer berühmten Fotografie umringen sie ihren Verleger Jérôme Lindon, auf dem Trottoir vor den Editions de Minuit, die Autoren des "Nouveau Roman". Ein Herbsttag 1959, eine Straße in Saint Germain-des-Prés, etwas ungeschickt sind sie gruppiert, sichtlich unwohl, außer Nathalie Sarraute schaut keiner in die Linse. Robert Pinget blickt zu Boden und zündet sich eine Zigarette an, Samuel Beckett beobachtet ihn mit den Händen in den Hosentaschen. Vor fünfzig Jahren, nach der Zäsur des Zweiten Weltkriegs und mitten im französischen Algerienkrieg, brachen sie mit den klassichen Erzähltraditionen à la Balzac und stellten die Frage: Was macht einen "Roman" überhaupt aus, was heißt Schreiben?