Rauchen, loben, spielen

Der Briefwechsel zwischen Bertolt Brecht und Helene Weigel umfasst 250 Briefe, Karten, Telegramme und Billette. Sie reichen von 1923, dem Jahr des Kennenlernens, bis zum Juni 1956, zwei Monate vor Brechts Tod im August. Der Leiter des Bertolt-Brecht-Archivs Erdmut Wizisla hat sie in einem gewohnt gediegen aufgemachten Suhrkamp-Band versammelt und mit Anmerkungen, Register und Nachwort versehen.

coverbrechtDer überwiegende Teil der schriftlichen Einlassungen stammt von Brecht, darunter auch jene bislang unbekannten, im Nachlass des Schweizer Freundes Victor N. Cohen aufgefundenen Briefe, die Brecht Mitte der 40er Jahre aus New York nach Kalifornien schrieb. Von der nach eigenem Dafürhalten schreibfaulen Weigel stammt nur rund ein Viertel des Konvoluts, großteils aus den Jahren 1949 bis 1956, als das Paar im sowjetischen Sektor Berlin sein Theater, das Berliner Ensemble aufbaute und internationale Erfolge erzielte. Am Schiffbauerdamm fungierte Weigel als Intendantin, im Hintergrund zog der kränkelnde Brecht die Fäden. Ihm war in künstlerischen Dingen das letzte Wort vorbehalten. Dieser Abschnitt, der Engagements, Gagen, Spielplanüberlegungen mitteilt, bildet eine Fundgrube für Spezialisten, die sich der Frühgeschichte des BE verschrieben haben.

Die halbwegs in Brechtiana bewanderte Leserin erfährt weniger Neues. Oder überrascht jemanden die Chuzpe, mit der Brecht, kaum ist Weigel 1924 von ihm schwanger, sie als Sekretärin in Dienst stellt und von ihr verlangt, ihre Wohnung an ihn abzutreten? Die meisten seiner Briefe beinhalten Aufträge, nur halbwegs versüßt durch den schriftlichen Kuss am Schluss, dafür gerne unterstrichen mit dem Zusatz "das ist entscheidend". Weil es ja zumeist um "das Werk" geht, Brechts Schriften und die gemeinsame Theaterarbeit, muss der Autor um jeden Preis arbeitsfähig bleiben. Dieser "dritten Sache", dem Werk ihres Mannes, hat sich Weigel mit Haut und Haaren verschrieben. Sie richtet die Häuser und Wohnungen ein, versorgt die Kinder (eigene und die der anderen Brecht-Frauen), organisiert und beschafft das Benötigte, beherbergt Freunde und Mitarbeiter, spielt Theater. Brecht schreibt, raucht, lobt das Spiel der Weigel und lebt mit anderen Frauen.

In wenigen Briefen werden die Kränkungen offenbar, die eine offene Beziehung jenseits einer "mit Stempel versehenen Ehe" (Weigel) besonders für Weigel bedeuteten. 1933, wenige Tage vor dem Machtantritt Hitlers schreibt Brecht, sie müsse Rücksicht nehmen auf seine anstrengende Arbeit und nicht streiten, man könne doch auch das "Körperliche" vom "Psychischen" trennen (im Klartext: miteinander schlafen, obwohl Brecht vornehmlich mit seiner Geliebten Margarete Steffin zusammenlebt). Von 1944 stammt einer der seltenen Brief(entwürf)e, in dem Weigel sich beschwert, dass Brecht es Ruth Berlau gestatte, Ausschließlichkeits-Ansprüche auf ihn zu erheben. 

Wer sich tiefere Einsichten in die politischen und die Lebensverhältnisse der Familie Brecht in der Weimarer Republik, im Exil und später der DDR erhofft, wird enttäuscht werden. Wizislas knappe Hinweise helfen, ersetzen aber nicht die hinreichende Kenntnis der Biographien. Immer scheint ausreichend Geld (oder Gönner) vorhanden für Reisen vom dänischen Exil nach London oder Paris oder New York. Die Familie leistet sich eine Haushälterin. In Wirklichkeit war die materielle Situation viel prekärer. Auch die Bedrängnisse durch die Nazis bleiben weitestgehend unerwähnt, ebenso die Gefahren für den mit oppositionellen Kommunisten befreundeten Autor in der Sowjetunion von 1941.

Dafür erfährt man durchaus überrascht, dass Brecht, als er auf sich allein gestellt in New York mit Charles Laughton an der Aufführung des "Galileo Galilei" arbeitet, endlich einmal "gläser + tassen spülen" und Müll raustragen lernt. Mehr noch, als Weigel versucht, in der Exilzeit Engagements zu ergattern, hütet Brecht gelegentlich sogar die Kinder. BB, unterstützt von einer Haushälterin, als alleinerziehender Vater, in den Brecht-Biografien hatte man's allzu rasch überlesen.

Angeblich versammelt der Band alle heute bekannten Briefe. Weil aber die Briefe oft ins Leere gehen, die zu den gestellten Fragen gehörigen Antworten fehlen, ist es, als lese man zufällig aufgefundene Fetzen. Verloren sind auch die Liebesbriefe, die Brecht laut Weigels späterer Auskunft mitunter auf Klopapier verfasste. Die blaue Kiste, in der Weigel sie verwahrte, gilt als verschollen. (Nikolaus Merck)

 

Bertolt Brecht, Helene Weigel:
"ich lerne: gläser + tassen spülen". Briefe 1923–1956
Herausgegeben von Erdmut Wizisla
Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 402 S., 26,95 Euro


Noch nicht, nicht mehr

Texte haben ihre Konjunkturen und Re-Lektüren, die immer auch etwas über die Zeit aussagen, in der sie wiederentdeckt werden. Nun kann man nicht gerade behaupten, es wäre je still um Bertolt Brechts "Fatzer" gewesen, seit man 1976 Brechts Zettelkasten als Stück das erste Mal auf die Bühne brachte. Doch scheint gerade in einer Krisenwelt, in einer Zeit aus den Fugen, die Beschäftigung mit dem unerhörten Individuum Fatzer besonders produktiv.

coverfatzer"Ein harter Bissen, ich baue immer noch am Rahmen herum", hielt Brecht über seinen dramatischen Versuch fest. Bruchstücke, Unvollständiges, Nichtfertiges – Fragmente zeichnet gemeinhin das Merkmal des "Nicht mehr" und "Noch nicht" aus, und das gilt für "Fatzer" insbesondere. Hier hat eine Gruppe Deserteure keine Lust mehr auf Krieg und versteckt sich. Wie es weiter geht, wissen sie nicht, begehren aber die ungewisse Zukunft, immerhin: Es kann nur besser werden. Dadurch ist der Text für ein Theater der Auseinandersetzung geradezu geschaffen, und einem solchen fühlen sich die Mülheimer Fatzertage, die 2011 erstmalig stattfanden, verpflichtet.

Was kann uns das Fragment sagen, stört seine Unfertigkeit oder macht sie es umso fruchtbarer? Der Band "Kommando Johann Fatzer" versammelt die beim Festival aufgeführte Auseinandersetzung und eröffnet zugleich die Reihe Mülheimer Fatzerbücher. Versammelt sind ausführliche Dokumentationen und Diskussionen der Festivalbeiträge. Darunter sind FatzerBratz von andcompany&Co. und ein "Fatzer" für Kinder. Besonders interessant ist der Ansatz einer Produktion des Leipziger Spinnwerk: ein Stück als individuelles Mosaikspiel. Die Produktion versuchte nicht, die Sehnsucht nach Revolution in einer bestimmten Reihenfolge aufzuschließen und damit zu richten. Der Zuschauer läuft nach seinem Gusto Stationen ab, und der Text setzt sich en passant zusammen.

Wird hier der Verzicht aufs Ganze und harmonische Fügung/Verfugung als Chance erkannt, so trifft das aufs gesamte Buch zu: "Fatzer" ist besser schlaglichtartig denn in der Totalen anzugehen. (Tobias Prüwer)

 

Alexander Karschnia und Michael Wehren (Hg.):
Kommando Johann Fatzer
Neofelis Verlag, Berlin 2012, 213 S., 18 Euro

 

Zwei Lehrstücke

Es gibt keine Zensur in Russland. Das sagen jene, denen die Macht gegeben ist, Zensur auszuüben, jener Clique um Putin herum, zu der auch die Oberen der Russisch-Orthodoxen Kirche gehören; sie bekämpft, was ihrem Machterhalt gefährlich werden könnte. Das weiß die Welt seit dem Prozess gegen die Punk- und Performance-Gruppe Pussy Riot, spätestens.

coverpussyriotWegen "Rowdytums aus religiösem Hass" wurden am 17. August 2012 drei Mitglieder von Pussy Riot zu zwei Jahren Straflager in Sibirien verurteilt. Das Urteil für eine von ihnen, Jekaterina Samuzewitsch, wurde später in eine Bewährungsstrafe umgewandelt, der Antrag von Marija Aljochina auf Haftaufschub wegen des jungen Alters ihres Kindes abgelehnt.

Das aber ist nicht der entscheidende Punkt. Entscheidend ist, dass dieser Prozess nicht nach strafrechtlichen, sondern einzig nach politischen Kategorien geführt wurde. Denn der Auftritt von Pussy Riot im Februar 2012 in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale war strafrechtlich betrachtet allenfalls eine mittelschwere Ordnungswidrigkeit. Weil die Gruppe damals ein so genanntes Punk-Gebet mit der Textzeile "Jungfrau Maria, räum Putin aus dem Weg!" vortrug, und weil sie mit der Wahl des Ortes die unheilige Allianz von russisch-orthodoxer Kirche und Politik anklagten, wurde ihr Auftritt zu einer Provokation für die Machthaber: Die kurze, lediglich 40 Sekunden dauernde Performance demaskierte das System Putin, ließ es korrupt und denkbar undemokratisch aussehen. Deshalb, nur deshalb wurde Pussy Riot verurteilt.

Jetzt versammelt ein schmaler Band jene Dokumente, die das Skandalöse des Prozesses offenlegen. Briefe der Bandmitglieder aus dem Untersuchungsgefängnis, das Plädoyer der Staatsanwaltschaft, die Ansprachen der drei Frauen vor Gericht und mehrere ihrer Gedichte. Dass dieser Gerichtsvorgang mit erfundenen Akten, grotesken Unterstellungen und hanebüchenen Verfahrensfehlern geführt wurde, dass er Ausdruck einer autoritären Herrschaft ist und die Richter folglich nur Attrappen – man zweifelt keine Sekunde daran.

Das allerdings ist auch die Schwäche dieses kleinen Bandes. Man wünschte sich eine etwas distanziertere, kühlere Analyse der politischen Hintergründe. Nicht um Putins poststalinistisches Reich zu entschuldigen, sondern um es genauer zu verstehen. Dieses Buch will aber vor allem eine Kampfschrift sein, ein flugschrifthafter Aufruf zur Rebellion; dafür ist es hervorragend geeignet.

Die politischen und religiösen Hintergründe, die Analyse des Putin-Staates liefert dagegen ein Band, der sich mit einem russischen Zensurfall aus dem Jahr 2006 beschäftigt. Im Moskauer Andrej-Sacharow-Zentrum fand 2006 eine Ausstellung statt, "Verbotene Kunst" betitelt, die ebenfalls zum Gegenstand einer Gerichtsverhandlung wurde, weil sie den Machthabern die Maske abriss. Zu sehen waren damals Kunstwerke, die vornehmlich in Akten vorauseilender Selbstzensur aus Galerien und Museen entfernt worden waren, weil sie sich explizit als politisch verstanden, eine Arbeit von Alexander Sawko etwa, die eine Mickey Maus beim Verlesen der Bergpredigt zeigt, oder einen Ikonenbeschlag mit einer Füllung aus schwarzem Kaviar, die Alexander Kosolapow angefertigt hat. In einem aufwendigen Verfahren wurden der Kurator Andrej Jerofejew und der Direktor des Sacharow-Zentrums, Juri Samodurow, zu hohen Geldstrafen verurteilt, mit der Begründung, sich des "Schürens von religiösem und nationalem Hass" schuldig gemacht zu haben.

coververbotenekunstDie Zeichnerin Wiktoria Lomasko und der Künstler Anton Nikolajew haben diesen Prozess seinerzeit verfolgt, vielerlei zusätzliche Materialen gesammelt und daraus eine grafische Gerichtsreportage geschaffen, die in ihrem geglückten Zusammenspiel von Zeichnungen und Texten bestens geeignet ist, die himmelschreiende Instrumentalisierung dieser Veranstaltung zu entlarven: Was damals in Moskau stattfand, war ein Schauprozess in stalinistischer Tradition. Angeworbene Quasi-Zeugen, die "geprobte" Aussagen machten, instruierte Richter, erfundene Tatbestände. Man liest ein Lehrstück, nicht nur über politische Willkür, sondern auch über die Reaktionen der Künste auf ein repressives, angst- und entsprechend gewaltbereites System. Und, vor allem, über die Unmöglichkeit, religiöse oder nationale Gefühle zum Rechtsgegenstand zu machen.

"Man hat im Augenblick das Gefühl, wir befänden uns nicht im Russland des 21. Jahrhunderts, sondern in einem Paralleluniversum, in einem Märchen wie 'Alice im Wunderland' oder 'Alice hinter den Spiegeln'." Das sagte Violetta Wolkowa, die Verteidigerin von Pussy Riot, im August 2012 in ihrem Schlussplädoyer; es ließe sich auch über den Prozess gegen Samodurow und Jerofejew sagen.

Der viel strapazierte (und häufig allenfalls auf der Trivialebene zutreffende) Theatervergleich, die Rede von Theatralisierung des öffentlichen Raumes, trifft hier (ausnahmsweise) übrigens zu, wie die Übersetzerin und Wissenschaftlerin Sandra Frimmel in einem instruktiven Nachwort schreibt: Man hatte es bei dieser Verhandlung nicht mit einem Gerichtsprozess, sondern mit "Gerichtstheater" zu tun, allerdings mit gänzlich untheatralischen, harten Folgen für die Verurteilten. Womöglich ist genau dies auch das Kalkül: Die Urteile entfalten gerade dadurch ihre Härte, weil sie in einem theatralen Rahmen entstanden, aber im außertheatralen Raum Geltung haben.

In diesem Sacharow-Zentrum, das seinerzeit "Verbotene Kunst" und 2003 bereits die ebenfalls befehdete Ausstellung "Achtung! Religion" zeigte, wird Anfang März übrigens Milo Rau mit Die Moskauer Prozesse eben diese drei Prozesse – gegen Pussy Riot, "Verbotene Kunst" und "Achtung! Religion" – drei Tage lang wiederaufnehmen und neu verhandeln lassen, mit Anwälten, Zeugen und einer Jury aus sieben Moskauer Bürgerinnen und Bürgern. Es werden dabei zum Beispiel Anna Stavickaja, die Verteidigerin in den Prozessen um "Achtung! Religion" und "Verbotenen Kunst", Alexander Chuev, der den Prozess gegen "Achtung! Religion" angestrengt hat, Michail Ryklin, dessen Frau die Hauptangeklagte im "Vorsicht! Religion"-Prozess war, und Katja Samuzevitsch, das auf Bewährung freigelassene Mitglied von Pussy Riot teilnehmen. Der Ausgang dieser neuen, von Milo Rau initierten Prozesse, die Anton Nikolaev als Gerichtsreporter und Wiktoria Lomasko als Zeichnerin begleiten werden, ist bewusst offen. Es wird, so gilt zu hoffen, ein Schau-Spiel über Macht, Zensur und Kunst. (Dirk Pilz)

 

Pussy Riot:
Pussy Riot! Ein Punk-Gebet für die Freiheit
Mit einem Vorwort von Laurie Penny, aus dem Englischen von Barbara Häusler
Edition Nautilus. Hamburg 2012. 128 S., 9,90 Euro

Wiktoria Lomasko/Anton Nikolajew:
Verbotene Kunst. Eine Moskauer Ausstellung. Gerichtsreportage.
Aus dem Russischen und mit einem Nachwort von Sandra Frimmel
Matthes & Seitz, Berlin 2013, 172 S., 19,90 Euro

 

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Manchmal fliegen sie sogar hoch

von Nikolaus Merck

Februar 2013. Der Schauspieler Joachim Meyerhoff ist ein großer Egozentriker. Seit vielen Jahren inszeniert er, in wechselnden Formaten, sein Leben auf der Bühne. Zuletzt hat er in sechs Teilen Vorleseabende lanciert: Alle Toten fliegen hoch 1 – 6

Das Wetter ist scheußlich

von Dirk Pilz

Januar 2013. Im August 1932 teilt Samuel Beckett aus London seinem engen Freund Thomas McGreevy mit: "Schon der Gedanke ans Schreiben scheint mir irgendwie lächerlich." Er hat zu dieser Zeit seinen ersten, posthum veröffentlichten Roman "Traum von mehr bis minder schönen Frauen" abgeschlossen, arbeitet an Gelegenheitsübersetzungen, verfasst zuweilen Rezensionen und freut sich, dass ein Jahr zuvor sein langer Essay über Marcel Proust erschienen ist. Das half ihm aus finanziellen Nöten, aber wozu Literatur schreiben? Sein Bruder Frank wird ihn später fragen: "Warum kannst du nicht so schreiben, wie die Leute wollen?" Ja, warum? Beckett antwortete, dass er nur "auf die eine Art" schreiben könne – und fand, dass dies "überhaupt nicht die richtige Antwort" sei.

Der Spezialist als Bürger

Ein streitbarer Intellektueller war Ivan Nagel. Seine "Einsprüche" aus mehr als einem halben Jahrhundert sind nun in den "Schriften zur Politik" gesammelt, die – nach den Bänden zum Drama, zum Theater und zur Kunst – posthum erschienen sind. Der Neuheitswert der Beiträge ist begrenzt: Veröffentlicht wurde ein Großteil bereits in den "Streitschriften" und dem "Falschwörterbuch". Doch ergänzen sie das Bild des Kunstkritikers, Dramaturgen und Theateritendanten um eine bedeutsame Facette.

Das Spiel mit Menschen

Dieses Buch sei allen dringend ans Herz gelegt, den Theatermachern genauso wie den passionierten oder gelegentlichen Theatergängern, nicht minder den Freunden der Theaterwissenschaft, besonders jenen, die sich der Performativitäts- und Postdramatikforschung ergeben haben.

Ein Anfang ist gemacht

von Herwig Lewy

August 2012. Form ist Inhalt: Der Blick aus dem Kosmos auf den Planeten Erde, blau. Durch das Raster der Längen- und Breitengrade hindurch heben die weiß gepunkteten Konturen auf den geographischen Raum Europa ab, mit dem symptomatisch eher Kopf- und Bauchschmerzen denn Euphorie aufkommen: Phänomene à la Viktor Orban, INDECT, FRONTEX, Austerität, "Kulturinfarkt".

Schattenkriege im Zettelkasten

Um es gleich vorweg zu sagen: Es ist eine zähe Lektüre, ein Ringen mit dem Zettelkasten eines Mannes, der viel weiß, viel zu viel, und wohl auch längst die Distanz zu seinem Gegenstand verloren hat. Davon zeugt auch der joviale, oft schnodderige und vereinnahmende Ton, in dem der westdeutsche Brechtspezialist Jan Knopf sein Werk verfasste, vom Verlag als "erste große Biografie über Bertolt Brecht nach der deutschen Wiedervereinigung" angekündigt.

Heiliger Eifer

von Esther Slevogt

Berlin, August 2012. Der Titel klingt erst mal nicht nach Theater. Und gehört doch genau dorthin: die sechs Thesen des Theater- und Openregisseurs Adolf Dresen zu Karl Marx’ Ökonomischer Theorie.

Es ist nicht alles unpolitisch

von Dirk Pilz

Dezember 2012. Gut, noch einmal zum so betitelten politischen Theater, der am meisten befehdeten, gern belächelten, jüngst aber auch wieder verherrlichten Erscheinungsweise des Bühnenspiels.

Der Eitelstolz des Untertanen

Er sei "wahrscheinlich der größte Liebhaber des Theaters", heißt es ziemlich unbescheiden auf dem Klappentext. Das werden wohl nur wenige unwidersprochen hinnehmen wollen, ist doch die Liebe des FAZ-Kritikers Gerhard Stadelmaier eine recht einseitige: demjenigen Theater, das er selbst Regisseurstheater nennt, begegnet er nämlich nicht als Liebender, sondern als unerbittlich, mancher wird sagen: als verbohrt Hassender.

cover stadelmaiersliebeserklaerungenVielleicht aber ist Gerhard Stadelmaier wenn nicht der größte Theaterliebhaber, so doch der größte Bühnenkunstmonarchist. Und das hier anzuzeigende Buch lässt seine Königinnen und Könige auftreten, vor denen er lustvoll auf die Knie geht ("wenn man die entsprechenden Knie hat", wie er verlauten lässt): "die großen Schauspieler und ihre gewaltigen Figuren". Mit dem Eitelstolz des Untertanen preist er sie, und mit einer gewissen Häme verzeichnet es der Monarchist, wenn auch die Republikaner im Staub vor der Größe der einsamen Bühnenherrscher liegen. So erinnert er etwa daran, wie, wenn Bernhard Minetti ein Theater betrat, dieser "den Raum dominierte, wie sich ihm alle zuneigten, wie das ganze demokratische Ensemble der Voyeure, Flaneure und Abonnenten sich ihm geradezu aufatmend zu unterwerfen schien – da ließ sich ein König herab."

Stadelmaier ist ehrlich genug vorwegzuschicken, dass nicht alle großen Schauspieler in seinem Buch vorkommen können. Dass der Bühnenkunstmonarchist, der er ist, jedoch alle Schauspieler ignoriert, deren Bühnenkunst mit dem Arbeiter- und Bauernstaat DDR in Berührung gekommen ist, hat wohl Methode: keine Inge Keller, keine Corinna Harfouch, kein Henry Hübchen, kein Ulrich Mühe.

Dafür gibt es ein buntes Panoptikum des BRD-Theaters, beginnend mit einem klugen Essay über Gustaf Gründgens, weiter über Porträts der großen Schaubühnen-Mimen (Edith Clever, Jutta Lampe, Bruno Ganz …) bis hin zu den großen Spielern unter Dieter Dorn, Peter Zadek, Claus Peymann oder Andrea Breth (Cornelia Froboess, Angela Winkler, Rolf Boysen, Gert Voss, Johanna Wokalek …). Manchmal mag Stadelmaiers Panegyrik gefährdet sein, in allzu leeres Wortgepränge zu gleiten (geradezu inflationär wird das Buch von dem Wort "Welt" in allen möglichen Zusammensetzungen durchzogen), manchmal aber kommt man nicht umhin, sich vor diesem zur Entzückung entzündeten Bühnenherrscheruntertanen zu verneigen. Wenn Stadelmaier seine Vision von Shakespeares "Sturm" entfaltet oder den einen großen Moment von Otto Sander im Film "Das Boot" schildert, dann findet er wahrhaft schöne Worte. Worte, die wohl nur einem großen Liebhaber einfallen. Also doch! (Wolfgang Behrens)

 

Gerhard Stadelmaier:
Liebeserklärungen. Große Schauspieler, große Figuren.
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2012, 240 S., 19,90 Euro.

 

Ein relativ guter Klang

Als ein unvergleichlich geschmeidiges Instrument hat George Steiner, der Literaturphilosoph, den Chor vor über 40 Jahren in seinem Essay "Der Tod der Tragödie" bezeichnet. Treffenderweise. Denn gleichviel, ob man (wie Steiner) vom Ende der Tragödie ausgeht oder nicht – der Chor hat überlebt: Aus ihm ist einst das Theater erwachsen, aus ihm zieht es noch immer Innovations- und Irritationskraft.

cover maskeundkothurn chorKaum verwunderlich also, dass die Zeitschrift "Maske und Kothurn" in ihrer aktuellen Nummer "Formationen des Chorischen im gegenwärtigen Theater" vorstellt. Auch nicht überraschend, dass hier allenfalls ein kleiner Ausschnitt zur Sprache kommt. Einen repräsentativen Querschnitt wollten die Herausgeberinnen ohnehin nicht vorlegen, aber eine lohnende Frage aufwerfen: "Wann ist ein Chor ein Chor?" Die einzelnen Beiträge verlieren sie (leider) immer wieder etwas aus den Augen, aber mit Grund wahrscheinlich. Denn mit dem Bezug auf den Gruppencharakter eines Chores ist nicht allzu viel gesagt, weil jede Gruppe mehr ist als die Summe ihrer Individuen. Weil verschiedene Einzelne verschiedene Gruppen bilden, gerade im Theater.

Was chorische Energie ausmacht, wie sich das Verhältnis von Einzelnem und Masse darstellt, wird in diesem Band daher vornehmlich an konkreten Inszenierungen untersucht, an Claudia Bosses Persern, Volker Löschs Medea und René Polleschs Ein Chor irrt sich gewaltig etwa. Sehr schön, dass auch der leider etwas in Vergessenheit geratene Josef Szeiler hier nicht übergangen wird – in einem Gespräch berichtet er von seiner "Prometheus"-Inszenierung 1983 in Wien und der Arbeit an einem "kreativen Chor". Wann ist ein Chor ein Chor? Szeiler sagt: Im Theater sei ein Chor ein Chor, "wenn jemand dirigiert und alle sprechen gleichzeitig und es schert niemanden etwas." Das erzeuge bestenfalls "einen relativ guten Klang". Er dagegen will mit dem Chor das, was Einar Schleef einst wollte: einen "rituellen Vorgang" schaffen. Auch das gehört zu den Formationen des Chores im Gegenwartstheater: diese Sehnsucht nach dem Rituellen. (Dirk Pilz)

 

Genia Enzelberger, Monika Meister, Stefanie Schmitt (Hg.):
Auftritt Chor. Formationen des Chorischen im gegenwärtigen Theater.
Maske und Kothurn. Heft 1/2012.
Böhlau Verlag, Wien 2012, 118 S., 16,90 Euro

 

Das Leiden bleibt

Es gebe da an den antiken Tragödien etwas, das bis heute kontrovers diskutiert werde, woran sich ablesen lasse, dass sie sich keineswegs erledigt hätten, schreibt der Literaturwissenschaftler Bernhard Greiner zu Beginn seiner ehrgeizigen Studie. Das sei die Frage, ob der Mensch in der Tragödie (und im Leben) einem "übermächtigen, ihn verderbenden Schicksal oder einer ihn ins Unglück stürzenden göttlichen Lenkung ausgesetzt und allenfalls fähig sei, Klage zu erheben" oder ob ihm "ein eigener, von ihm auch zu verantwortender Anteil an seinem Geschick zuerkannt werde".

cover greiner tragoedieDas ist die Frage, ja. Anders aber als zuletzt Wolfram Ette in seiner Studie Kritik der Tragödie gibt Greiner darauf keine eigene tragödientheoretische Antwort, sondern führt in das "komplexe Feld der Determinationen, in das die Tragödie das Handeln des Menschen eingelassen zeigt". Die Tragödie, so Greiner, verhandle den Freiheitsspielraum des Menschen, daher auch der Untertitel dieses Buches: "eine Literaturgeschichte des aufrechten Ganges". Es geht in Tragödien damit immer um das Verhältnis von "Gebundenheit und Selbstverfügung".

Das ist kein neuer, aber noch immer ein eleganter Zugriff auf den Stoff. Denn er erlaubt, von Aischylos bis Botho Strauß die Entwicklung der Tragödie zu verfolgen. Ein Überblicksbuch also, allerdings mit punktuellen Tiefenbohrungen, zu Goethes "Faust" oder Wedekinds "Lulu" zum Beispiel. Bemerkenswert, dass es in diesem Buch auch ein eigenes, aufschlussreiches Kapitel zu Benjamin Cohen und den geschichtsphilosophischen Bestimmungen der Tragödie in jüdischer Perspektive gibt. Schade, dass es zum Gegenwartstheater nichts zu sagen weiß.

An der Gegenwärtigkeit der Tragödie und ihrer ästhetischen Verfahren zweifelt Greiner aber nicht: Sie sei gegenwärtig, insofern die Nötigung weiter bestehe, "die Welt vom Leiden aus zu verstehen", wie Nietzsche es in einem seiner nachgelassene Fragmente formulierte. Denn noch immer werden wir mit Furchtbarem konfrontiert, das sich "logisch-vernünftiger Bewältigung" verweigert. (Dirk Pilz)

 

Bernhard Greiner:
Die Tragödie. Eine Literaturgeschichte des aufrechten Ganges.
Grundlagen und Interpretationen.
Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2012, 864 S., 27, 90 Euro

 

Mehr Bücher? Gibt es hier.

 

Krasse Gegensätze

Nicht nur Cineasten beeindruckt seine Verkörperung des Bond-Antagonisten Goldfinger (1964) noch heute. Sean Connery sieht in ihm gar seinen besten Gegenspieler überhaupt. Doch nicht nur diese, seinen Weltrang begründende Rolle ist ursächlich dafür, dass Gert Fröbe (1913-1988) einer der bedeutendsten deutschen Schauspieler des 20. Jahrhunderts war. Als Leinwandgröße und als Persönlichkeit birgt das Leben des gebürtigen Sachsen reichlich Stoff für eine literarisch-dokumentarische Verarbeitung.

Davon später

Es beginnt auf einer Alm in Kärnten und endet bei Beethoven und Napoleon. Die Begegnung zwischen Komponist und Kaiser ist (Drehbuch-)Fiktion, die Alm dagegen ein Kindheitsort, an den es ihn "auf meine alten Tage wieder hingezogen" hat: Maximilian Schell. Zwischen diesen beiden Punkten schlägt der Theater- und Filmschauspieler, Produzent und Pianist, den Bogen seiner Lebenserinnerungen.

Hiesigkeitsweh

von Dirk Pilz

November 2012. Am Nikolaustag wird Peter Handke 70 Jahre alt. Wir möchten heute schon gratulieren: herzlichen Glückwunsch, schöne Grüße! Einen Rundumwürdigungsartikel zu Leben und Werk des in Kärnten geborenen und einstweilen in der Nähe von Paris lebenden Dichters wollen noch vermögen wir aber hier niederzuschreiben. Die Feuilletons werden pünktlich gut gefüllt sein mit gehörig huldigenden wie feierlich lobenden, gewiss auch ordnungsgemäß kritischen Texten.

Glaubenskriegerisch neutral

von Dirk Pilz

Juli 2012. Alles wird immer mehr auf dieser Welt. Mehr Menschen, mehr Informationen, mehr Kunst, auch mehr Unsinn, klar. Unübersichtlichkeit und Orientierungsverlust sind wahrscheinlich jene Merkmale unserer Gegenwart, die jeder abnicken wird.

Kein Eis, kein Mond

von Christian Rakow

Berlin, Oktober 2012. Mit 16 Jahren dreht dieser wild gewordene Apothekersohn aus Oberhausen einen Super-8-Film, der ihm die erste kolossale Abfuhr seines Künstlerlebens einbringt: "Ich weiß nur eins, wenn ich den Film sehe: Du wirst in deinem Leben niemals einen Menschen lieben können. Denn du hast dich nicht für die Personen interessiert", sagt ein Redakteur beim WDR über das Jugendwerk, das wohl ein furioser Quark voll manischem Kunstwillen und Schrillpfeiferpoesie gewesen sein muss, also quasi schon damals ein echter Schlingensief.

Der schnellste Brüter

von Elena Philipp

Berlin, 24. Juni 2012. Ein "ewiges olympisches Theaterdorf" mit jährlich 120 Inszenierungen von Künstlern aus aller Welt. Ein "launisches, trashiges Dorf", das sich als "Mutterschiff, Zentrum, Treffpunkt, Lernort" (Rimini Protokoll) für frei produzierende Theatergruppen profiliert hat: das Berliner Hebbel am Ufer, Theater des Jahres 2004. Nach neun Jahren ist nun Schluss, Matthias Lilienthal dankt ab. Und das Begleitbuch zu dieser theaterhistorischen Ära ist jetzt im Verlag Theater der Zeit erschienen, herausgegeben von der HAU-Pressechefin und stellvertretenden künstlerischen Leiterin, Kirsten Hehmeyer, und Matthias Pees, Chefdramaturg der Wiener Festwochen.

Falsche Erwartungen

Luc Bondy, geboren 1948 zu Zürich, ist Regisseur von Beruf, seit Kurzem zudem Intendant am Pariser Odéon Theater. Jetzt hat er seinen ersten Gedichtband veröffentlicht, er heißt "Toronto", wie die Stadt in Kanada. Er hat auch schon einen Roman geschrieben, Am Fenster. Ein interessantes Buch, das in der nahen Zukunft spielt. Der Beruf des Theaterregisseurs wird darin zu den verschwundenen Erwerbstätigkeiten gerechnet.

coverbondytorontoBondys Gedichte dagegen gehören zur Unterform der Schubladenlyrik, die ihr Verschwinden nicht fürchten muss. Es hat sie immer gegeben, man wird sie auch künftig verfertigen. Denn sie suchen den Bund mit dem Zeitlosen, an das die Menschen auch dann noch glauben, wenn das Wort Gott längst vergessen sein wird, falls es je vergessen wird. So oder so: Die Schubladenlyrik bleibt, wobei sie aber keineswegs mit der sogenannten Schuhkartonlyrik verwechselt werden darf. Zu ihr gehören jene lyrischen Versuche, die äußerst weit verbreitet sind. Handelt es sich dabei doch um diejenigen seelenschmatzenden Gedichte, die in besonders geistschwachen oder besonders gefühlsstarken Momenten entstehen, vornehmlich zu vorgerückter Stunde, und besonders gern mit Angelegenheiten des Herzens befasst sind. Ihre Verfasser entscheiden sich in der Regel klugerweise, sie vor der Öffentlichkeit versteckt zu halten, weil sie äußerst privat, wenn nicht peinlich sind, vermögen es aber aus Erinnerungsgründen meist nicht, sie schlicht wegzuwerfen. Deshalb der Schuhkarton.

Ganz anders die Schubladenlyrik. Auch sie entspringt zwar ausgesucht besonderen Augenblicken intensiver Selbst- und manchmal auch Weltwahrnehmung, aber sie sucht doch mehr als den Dialog mit dem eigenen zittrigen Ich. Sie will für alle sprechen, zumindest für alle, die in dieselbe Richtung zu fühlen vermögen. Sie ist also, potentiell wenigstens, veröffentlichungswürdig. Einzig ihr hoher zittriger Ich-Gehalt vermag die Scheuen von einer Publikation zurückhalten. Deshalb die Schublade.

Luc Bondy ist nicht scheu, offenbar, oder mutig. Er hat 49 meist reimlose Verstexte seines vermutlich weit umfangreicheren Gedichtschatzes zu einem Band geformt, der durch seine Furchtlosigkeit besticht. Denn sie durchwandern die Gebiete des Herzens von den peinlichen bis zu den pathetischen Winkeln. Die Liebe und das Leiden an der Liebe, die Einsamkeit der Seele und der drängende Wunsch nach Heimat, die rastlose Hast nach Glück und die Verlorenheit des Ich – darum geht es in diesen seltsam offenherzigen, fast bestürzend distanzlosen Gedichten. Ihre Poesie speist sich aus der Weigerung, die Flüchtigkeit des Daseins in deutungsbedürftigen Metaphern zu fassen. Ihr geheimer Nenner ist die allseits bekannte, aber für Schubladenlyriker noch längst nicht erkannte Erkenntnis: Man nimmt sich mit, wohin man auch reist, sei's nach Toronto oder nach Kasachstan, ganz gleich, wen man auch liebt oder verlässt, was man auch hofft und erduldet. Das zentrale Gedicht trägt folgerichtig den Titel "Ohne Titel". Dies sind die ersten Verse:

Unsere Vergangenheit ist verseucht

von falschen Erwartungen,

die in ihrer Gegenwart lebendiger

Traum waren.

Man fällt in eine seelenschaukelnde Schwermut beim Lesen dieses Bandes, es zieht einem die Selbsttrauer in die Glieder. Es ist alles so traurig, ach. Ja. Und endlich. Sterbensendlich.

Wer des Trostes bedarf, solcher Schubladenlyrik womöglich mit Skepsis begegnet und gern sich an Bondy-Inszenierungen erinnert, die zwar keineswegs schwermutlos, aber tiefer und höher steigen zugleich, das Sanftmütige streifen und Bekanntschaft mit den herbstzeitlosen Gefilden des Gemüts machen, möge sich an dem Gedanken erwärmen, dass der Lyriker Bondy mit dem Regisseur Bondy kaum etwas gemein hat. (Dirk Pilz)

 

Luc Bondy:
Toronto. Gedichte.
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2012, 61 S.,
14,90 Euro

 

Leben heißt sterben

So wie das Leben vor der Geburt beginnt, gibt es viele Abschiede, bis das Leben mit dem Tod endet. Aber dass es endet, ist von Geburt an klar. Eine Metaphysik, die aufs Jenseits zielt, ist der Gegenwart abhanden gekommen. Alles Leben endet, einiges später, anderes früher. Weiß man das erst einmal, wittert man das Vergehen in den kleinsten Alltagsdetails.

coverrezanirgendwoYasmina Reza jedenfalls spürt es in den kurzen Texten, die der Band "Nirgendwo" vereint, vor allem in der Familie auf: Der sterbenskranke Vater verpatzt am Klavier zum ersten Mal seine Lieblingssonate, und das Wissen um sein baldiges Ende schwingt mit. Der Sohn lehnt plötzlich das langgeübte morgendliche Abschiedsritual ab und will von nun an ohne mütterliches Winken den Weg zur Schule antreten. Mal schreibt Reza über eine Fahrt nach Budapest, der Geburtstadt ihrer Mutter. Dann erinnert sie sich an Szenen aus der eigenen Kindheit, und immer schwingt ein trauriges Wissen mit über die Vergeblichkeit, in die Kindheit zurückzugelangen oder darüber, dass jeder glückliche Moment Gegenwart gleich schon wieder in Vergangenheit zerrinnt. 

Wer in Rezas Theaterstücken die Genauigkeit und auch den Witz schätzt, mit dem sie in die Leerstellen des Lebens eindringt, findet hier eine überraschende Melancholie vor. Selbst, wenn's komisch werden soll und sie etwa beschreibt, wie sie mit dem Vater über körperliche Veränderungen lacht, kommt in diesen kurzen, tagebuch-artigen Skizzen keine Heiterkeit auf. Nein, im Nebeneinander von Werden und Vergehen fühlt sich diese Autorin nicht wohl. Aber sie versucht, sich mit offenem Visier dem Vergehen der Zeit zu stellen und ist sich auch für pathoshafte Erkenntnisse nicht zu schade. Wer sein Bild über die immer etwas hermetisch wirkende Autorin erweitern will, dem sei zu dem Buch geraten, das etwas von einem Familienalbum hat: keines mit Bildern, aber mit geschriebenen Aufnahmen. (Simone Kaempf)

 

Yasmina Reza:
Nirgendwo
Aus dem Französischen von Eugen Hemlé, Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel
Carl Hanser Verlag, München 2012, 150 Seiten,
17,90 Euro

 

In der Atmosphäre des Vagen

Über die Stückeschreibergeneration der Nach-Dotcom-Ära glaubt man ja, schon alles gehört, gesehen und gelesen zu haben. Angesichts des anhaltenden Hypes um die Heckmanns,Mayenburgs und Düffels dieser Welt geschah die Auseinandersetzung mit deren Werk jedoch bisher häufig entweder enthusiastisch oder polemisch, in jedem Fall aber unsachlich. Wie gut, dass die Trierer Germanistin Christine Bähr mit ihrem jüngst erschienenen Buch "Der flexible Mensch auf der Bühne" eine diesbezüglich erfreulich fundierte wissenschaftliche Abhandlung liefert.

coverbaehrflexibleIm Theorie-Teil liest sich die Studie zwar exakt so sperrig, wie es Dissertationen leider meist so an sich haben, ihre Analysen der einzelnen Theatertexte aber sind auf den Punkt gebracht und ansprechend formuliert. Minutiös arbeitet die Autorin heraus, welche Arbeits- und Familiendarstellungen sich in acht zwischen 2000 und 2005 uraufgeführten deutschsprachigen Theatertexten zeigen und welche Bezüge darin hergestellt werden zu soziologischen Zeitdiagnosen.

Über Moritz Rinkes "Republik Vineta" schreibt Bähr etwa, es lege den Akzent nicht auf das Anprangern, sondern auf ein "Durchdeklinieren der sich im zeitgenössischen Verständnis von Arbeit offenbarenden Widersprüche und Absurditäten". Genau hier findet sich die Klammer zu allen weiteren analysierten Stücken: Sie spiegeln kommentarlos die Arbeitswelt des "flexiblen Menschen" (Richard Sennett), der sich in der alltäglichen Selbstinszenierung nach dem Motto "Wir alle spielen Theater" (Erving Goffman) als "unternehmerisches Selbst" (Ulrich Bröckling) begreifen muss, und tun dies vorrangig mit dem Mittel der Distanzierung (Komik, Wiederholung, Selektion).

Im Mittelpunkt dieser Texte steht, wie Bähr schlussfolgert, "das Scheitern der Indiviualisierungsprojekte". Dabei herrsche "ein skeptischer Grundton vor, der jede aufscheinende positive Utopie mit einer Atmosphäre des Vagen, Surrealen und Absurden umgibt". Das hat man zwar irgendwie bereits geahnt, doch aus einer so umfassenden Untersuchung wie dieser lässt sich nun auch wissenschaftlich ableiten, was die gegenwärtige deutschsprachige Dramatik in ihrem Innersten ausmacht.

Einerseits wird Kunst heute oft als Fundamentalkritik betrieben, und alternative Gesellschaftsentwürfe im Theater finden entweder gar nicht statt oder werden persifliert. Zugleich kommen die Texte von traditionellen Marxisten wie Brecht auf den Bühnen fast nur noch als wohlfeile Erheiterung von Schulklassen und gealterten 68ern daher, indem ihr utopisches Potenzial durch formal statische Inszenierungen geradezu musealisiert wird. Das mag man gut finden oder nicht. Doch mit der von Christine Bähr prägnant ausgeführten Erforschung der Texte junger deutschsprachiger Dramatiker lässt sich diese Erkenntnis nun nicht mehr als Ausgeburt eines ritualisierten Stoßseufzertums dauernörgelnder Kritiker des postmodernen Habitus' abtun. (Christian Baron)

 

Christine Bähr:
Der flexible Mensch auf der Bühne.
Sozialdramatik und Zeitdiagnose im Theater der Jahrtausendwende.
transcript Verlag, Bielefeld 2012, 520 S.,
39,80 Euro.

 

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altKein Ratgeber

Wie entsteht ein Stück? Auf dem Theater, argumentiert der Autor (und Dramaturg am Berliner Deutschen Theater) John von Düffel in "Wie Dramen entstehen": Wer Stücke schreibt, muss die Bühne stets im Kopf haben, das Theater kennen und verstehen. Eine Binsenweisheit? Wenn man sich quer durch die dramatischen Erzeugnisse der Saison liest, möchte man sie dem einen oder anderen Jungautor dennoch unbedingt ans Herz legen. Ebenso wie den gesamten ersten Teil des Buchs.

Im Gegenwartsflow

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26. September 2012. Seit zweieinhalb Wochen ist das Buch nun auf dem Markt. Demnächst ist Buchmesse, langsam könnte also die erste Rezensionswelle anlaufen. Bei Rainald Goetz aber ist alles anders. Die Rezensionswelle ist längst vorbei, sie brandete hoch und verebbte schnell, und ob noch eine kommen wird, das steht dahin. Als Goetz Anfang August – in einer Aktion, die schon für sich genommen ungewöhnlich genug war – seinen Roman "Johann Holtrop" einer Gruppe eingeladener Kritiker vorstellte (oder sollte man "austeilte" sagen?), da sagte er noch: "Das Buch hat keine Eile, es ist keine Nachricht, kein Event." Doch obwohl oder gerade weil es die übliche Sperrfrist für Rezensionen gab, beeilten sich die großen Zeitungen, diese zu unterlaufen.

altNichts weiter

von Dirk Pilz

Juni 2012. Dieses Buch ist das Romandebüt einer Dramatikerin, das allseits als reif aufgenommen wurde, was allerdings nur jene erstaunen kann, die keine Dramen lesen. Es ist ja noch immer so, dass als Schriftsteller von der breiteren Leseöffentlichkeit erst wahrgenommen wird, wer Prosa (oder Lyrik) schreibt. Dass Dramatiker noch immer unter dem Verdacht stehen, bloße Spielanweisungsstichpunkte zu liefern. Dass noch immer das Drama gegen die Inszenierung (oder andersrum) ausgespielt wird. Kann ein Drama einen eigenständig literarischen Wert haben? Wer je ein Drama dieser Romandebütantin gelesen hat, wird feststellen: Es kann, oh ja.