Krasse Gegensätze

Nicht nur Cineasten beeindruckt seine Verkörperung des Bond-Antagonisten Goldfinger (1964) noch heute. Sean Connery sieht in ihm gar seinen besten Gegenspieler überhaupt. Doch nicht nur diese, seinen Weltrang begründende Rolle ist ursächlich dafür, dass Gert Fröbe (1913-1988) einer der bedeutendsten deutschen Schauspieler des 20. Jahrhunderts war. Als Leinwandgröße und als Persönlichkeit birgt das Leben des gebürtigen Sachsen reichlich Stoff für eine literarisch-dokumentarische Verarbeitung.

Hiesigkeitsweh

von Dirk Pilz

November 2012. Am Nikolaustag wird Peter Handke 70 Jahre alt. Wir möchten heute schon gratulieren: herzlichen Glückwunsch, schöne Grüße! Einen Rundumwürdigungsartikel zu Leben und Werk des in Kärnten geborenen und einstweilen in der Nähe von Paris lebenden Dichters wollen noch vermögen wir aber hier niederzuschreiben. Die Feuilletons werden pünktlich gut gefüllt sein mit gehörig huldigenden wie feierlich lobenden, gewiss auch ordnungsgemäß kritischen Texten.

Kein Eis, kein Mond

von Christian Rakow

Berlin, Oktober 2012. Mit 16 Jahren dreht dieser wild gewordene Apothekersohn aus Oberhausen einen Super-8-Film, der ihm die erste kolossale Abfuhr seines Künstlerlebens einbringt: "Ich weiß nur eins, wenn ich den Film sehe: Du wirst in deinem Leben niemals einen Menschen lieben können. Denn du hast dich nicht für die Personen interessiert", sagt ein Redakteur beim WDR über das Jugendwerk, das wohl ein furioser Quark voll manischem Kunstwillen und Schrillpfeiferpoesie gewesen sein muss, also quasi schon damals ein echter Schlingensief.

Der schnellste Brüter

von Elena Philipp

Berlin, 24. Juni 2012. Ein "ewiges olympisches Theaterdorf" mit jährlich 120 Inszenierungen von Künstlern aus aller Welt. Ein "launisches, trashiges Dorf", das sich als "Mutterschiff, Zentrum, Treffpunkt, Lernort" (Rimini Protokoll) für frei produzierende Theatergruppen profiliert hat: das Berliner Hebbel am Ufer, Theater des Jahres 2004. Nach neun Jahren ist nun Schluss, Matthias Lilienthal dankt ab. Und das Begleitbuch zu dieser theaterhistorischen Ära ist jetzt im Verlag Theater der Zeit erschienen, herausgegeben von der HAU-Pressechefin und stellvertretenden künstlerischen Leiterin, Kirsten Hehmeyer, und Matthias Pees, Chefdramaturg der Wiener Festwochen.

Falsche Erwartungen

Luc Bondy, geboren 1948 zu Zürich, ist Regisseur von Beruf, seit Kurzem zudem Intendant am Pariser Odéon Theater. Jetzt hat er seinen ersten Gedichtband veröffentlicht, er heißt "Toronto", wie die Stadt in Kanada. Er hat auch schon einen Roman geschrieben, Am Fenster. Ein interessantes Buch, das in der nahen Zukunft spielt. Der Beruf des Theaterregisseurs wird darin zu den verschwundenen Erwerbstätigkeiten gerechnet.

coverbondytorontoBondys Gedichte dagegen gehören zur Unterform der Schubladenlyrik, die ihr Verschwinden nicht fürchten muss. Es hat sie immer gegeben, man wird sie auch künftig verfertigen. Denn sie suchen den Bund mit dem Zeitlosen, an das die Menschen auch dann noch glauben, wenn das Wort Gott längst vergessen sein wird, falls es je vergessen wird. So oder so: Die Schubladenlyrik bleibt, wobei sie aber keineswegs mit der sogenannten Schuhkartonlyrik verwechselt werden darf. Zu ihr gehören jene lyrischen Versuche, die äußerst weit verbreitet sind. Handelt es sich dabei doch um diejenigen seelenschmatzenden Gedichte, die in besonders geistschwachen oder besonders gefühlsstarken Momenten entstehen, vornehmlich zu vorgerückter Stunde, und besonders gern mit Angelegenheiten des Herzens befasst sind. Ihre Verfasser entscheiden sich in der Regel klugerweise, sie vor der Öffentlichkeit versteckt zu halten, weil sie äußerst privat, wenn nicht peinlich sind, vermögen es aber aus Erinnerungsgründen meist nicht, sie schlicht wegzuwerfen. Deshalb der Schuhkarton.

Ganz anders die Schubladenlyrik. Auch sie entspringt zwar ausgesucht besonderen Augenblicken intensiver Selbst- und manchmal auch Weltwahrnehmung, aber sie sucht doch mehr als den Dialog mit dem eigenen zittrigen Ich. Sie will für alle sprechen, zumindest für alle, die in dieselbe Richtung zu fühlen vermögen. Sie ist also, potentiell wenigstens, veröffentlichungswürdig. Einzig ihr hoher zittriger Ich-Gehalt vermag die Scheuen von einer Publikation zurückhalten. Deshalb die Schublade.

Luc Bondy ist nicht scheu, offenbar, oder mutig. Er hat 49 meist reimlose Verstexte seines vermutlich weit umfangreicheren Gedichtschatzes zu einem Band geformt, der durch seine Furchtlosigkeit besticht. Denn sie durchwandern die Gebiete des Herzens von den peinlichen bis zu den pathetischen Winkeln. Die Liebe und das Leiden an der Liebe, die Einsamkeit der Seele und der drängende Wunsch nach Heimat, die rastlose Hast nach Glück und die Verlorenheit des Ich – darum geht es in diesen seltsam offenherzigen, fast bestürzend distanzlosen Gedichten. Ihre Poesie speist sich aus der Weigerung, die Flüchtigkeit des Daseins in deutungsbedürftigen Metaphern zu fassen. Ihr geheimer Nenner ist die allseits bekannte, aber für Schubladenlyriker noch längst nicht erkannte Erkenntnis: Man nimmt sich mit, wohin man auch reist, sei's nach Toronto oder nach Kasachstan, ganz gleich, wen man auch liebt oder verlässt, was man auch hofft und erduldet. Das zentrale Gedicht trägt folgerichtig den Titel "Ohne Titel". Dies sind die ersten Verse:

Unsere Vergangenheit ist verseucht

von falschen Erwartungen,

die in ihrer Gegenwart lebendiger

Traum waren.

Man fällt in eine seelenschaukelnde Schwermut beim Lesen dieses Bandes, es zieht einem die Selbsttrauer in die Glieder. Es ist alles so traurig, ach. Ja. Und endlich. Sterbensendlich.

Wer des Trostes bedarf, solcher Schubladenlyrik womöglich mit Skepsis begegnet und gern sich an Bondy-Inszenierungen erinnert, die zwar keineswegs schwermutlos, aber tiefer und höher steigen zugleich, das Sanftmütige streifen und Bekanntschaft mit den herbstzeitlosen Gefilden des Gemüts machen, möge sich an dem Gedanken erwärmen, dass der Lyriker Bondy mit dem Regisseur Bondy kaum etwas gemein hat. (Dirk Pilz)

 

Luc Bondy:
Toronto. Gedichte.
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2012, 61 S.,
14,90 Euro

 

Leben heißt sterben

So wie das Leben vor der Geburt beginnt, gibt es viele Abschiede, bis das Leben mit dem Tod endet. Aber dass es endet, ist von Geburt an klar. Eine Metaphysik, die aufs Jenseits zielt, ist der Gegenwart abhanden gekommen. Alles Leben endet, einiges später, anderes früher. Weiß man das erst einmal, wittert man das Vergehen in den kleinsten Alltagsdetails.

coverrezanirgendwoYasmina Reza jedenfalls spürt es in den kurzen Texten, die der Band "Nirgendwo" vereint, vor allem in der Familie auf: Der sterbenskranke Vater verpatzt am Klavier zum ersten Mal seine Lieblingssonate, und das Wissen um sein baldiges Ende schwingt mit. Der Sohn lehnt plötzlich das langgeübte morgendliche Abschiedsritual ab und will von nun an ohne mütterliches Winken den Weg zur Schule antreten. Mal schreibt Reza über eine Fahrt nach Budapest, der Geburtstadt ihrer Mutter. Dann erinnert sie sich an Szenen aus der eigenen Kindheit, und immer schwingt ein trauriges Wissen mit über die Vergeblichkeit, in die Kindheit zurückzugelangen oder darüber, dass jeder glückliche Moment Gegenwart gleich schon wieder in Vergangenheit zerrinnt. 

Wer in Rezas Theaterstücken die Genauigkeit und auch den Witz schätzt, mit dem sie in die Leerstellen des Lebens eindringt, findet hier eine überraschende Melancholie vor. Selbst, wenn's komisch werden soll und sie etwa beschreibt, wie sie mit dem Vater über körperliche Veränderungen lacht, kommt in diesen kurzen, tagebuch-artigen Skizzen keine Heiterkeit auf. Nein, im Nebeneinander von Werden und Vergehen fühlt sich diese Autorin nicht wohl. Aber sie versucht, sich mit offenem Visier dem Vergehen der Zeit zu stellen und ist sich auch für pathoshafte Erkenntnisse nicht zu schade. Wer sein Bild über die immer etwas hermetisch wirkende Autorin erweitern will, dem sei zu dem Buch geraten, das etwas von einem Familienalbum hat: keines mit Bildern, aber mit geschriebenen Aufnahmen. (Simone Kaempf)

 

Yasmina Reza:
Nirgendwo
Aus dem Französischen von Eugen Hemlé, Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel
Carl Hanser Verlag, München 2012, 150 Seiten,
17,90 Euro

 

In der Atmosphäre des Vagen

Über die Stückeschreibergeneration der Nach-Dotcom-Ära glaubt man ja, schon alles gehört, gesehen und gelesen zu haben. Angesichts des anhaltenden Hypes um die Heckmanns,Mayenburgs und Düffels dieser Welt geschah die Auseinandersetzung mit deren Werk jedoch bisher häufig entweder enthusiastisch oder polemisch, in jedem Fall aber unsachlich. Wie gut, dass die Trierer Germanistin Christine Bähr mit ihrem jüngst erschienenen Buch "Der flexible Mensch auf der Bühne" eine diesbezüglich erfreulich fundierte wissenschaftliche Abhandlung liefert.

coverbaehrflexibleIm Theorie-Teil liest sich die Studie zwar exakt so sperrig, wie es Dissertationen leider meist so an sich haben, ihre Analysen der einzelnen Theatertexte aber sind auf den Punkt gebracht und ansprechend formuliert. Minutiös arbeitet die Autorin heraus, welche Arbeits- und Familiendarstellungen sich in acht zwischen 2000 und 2005 uraufgeführten deutschsprachigen Theatertexten zeigen und welche Bezüge darin hergestellt werden zu soziologischen Zeitdiagnosen.

Über Moritz Rinkes "Republik Vineta" schreibt Bähr etwa, es lege den Akzent nicht auf das Anprangern, sondern auf ein "Durchdeklinieren der sich im zeitgenössischen Verständnis von Arbeit offenbarenden Widersprüche und Absurditäten". Genau hier findet sich die Klammer zu allen weiteren analysierten Stücken: Sie spiegeln kommentarlos die Arbeitswelt des "flexiblen Menschen" (Richard Sennett), der sich in der alltäglichen Selbstinszenierung nach dem Motto "Wir alle spielen Theater" (Erving Goffman) als "unternehmerisches Selbst" (Ulrich Bröckling) begreifen muss, und tun dies vorrangig mit dem Mittel der Distanzierung (Komik, Wiederholung, Selektion).

Im Mittelpunkt dieser Texte steht, wie Bähr schlussfolgert, "das Scheitern der Indiviualisierungsprojekte". Dabei herrsche "ein skeptischer Grundton vor, der jede aufscheinende positive Utopie mit einer Atmosphäre des Vagen, Surrealen und Absurden umgibt". Das hat man zwar irgendwie bereits geahnt, doch aus einer so umfassenden Untersuchung wie dieser lässt sich nun auch wissenschaftlich ableiten, was die gegenwärtige deutschsprachige Dramatik in ihrem Innersten ausmacht.

Einerseits wird Kunst heute oft als Fundamentalkritik betrieben, und alternative Gesellschaftsentwürfe im Theater finden entweder gar nicht statt oder werden persifliert. Zugleich kommen die Texte von traditionellen Marxisten wie Brecht auf den Bühnen fast nur noch als wohlfeile Erheiterung von Schulklassen und gealterten 68ern daher, indem ihr utopisches Potenzial durch formal statische Inszenierungen geradezu musealisiert wird. Das mag man gut finden oder nicht. Doch mit der von Christine Bähr prägnant ausgeführten Erforschung der Texte junger deutschsprachiger Dramatiker lässt sich diese Erkenntnis nun nicht mehr als Ausgeburt eines ritualisierten Stoßseufzertums dauernörgelnder Kritiker des postmodernen Habitus' abtun. (Christian Baron)

 

Christine Bähr:
Der flexible Mensch auf der Bühne.
Sozialdramatik und Zeitdiagnose im Theater der Jahrtausendwende.
transcript Verlag, Bielefeld 2012, 520 S.,
39,80 Euro.

 

ReichlichRezensionen zu Romanen, Essays, Gedichten, wissenschaftlichen Abhandlungen, Studien und Biographien finden Sie hier.

 

altKein Ratgeber

Wie entsteht ein Stück? Auf dem Theater, argumentiert der Autor (und Dramaturg am Berliner Deutschen Theater) John von Düffel in "Wie Dramen entstehen": Wer Stücke schreibt, muss die Bühne stets im Kopf haben, das Theater kennen und verstehen. Eine Binsenweisheit? Wenn man sich quer durch die dramatischen Erzeugnisse der Saison liest, möchte man sie dem einen oder anderen Jungautor dennoch unbedingt ans Herz legen. Ebenso wie den gesamten ersten Teil des Buchs.

Im Gegenwartsflow

von Wolfgang Behrens

26. September 2012. Seit zweieinhalb Wochen ist das Buch nun auf dem Markt. Demnächst ist Buchmesse, langsam könnte also die erste Rezensionswelle anlaufen. Bei Rainald Goetz aber ist alles anders. Die Rezensionswelle ist längst vorbei, sie brandete hoch und verebbte schnell, und ob noch eine kommen wird, das steht dahin. Als Goetz Anfang August – in einer Aktion, die schon für sich genommen ungewöhnlich genug war – seinen Roman "Johann Holtrop" einer Gruppe eingeladener Kritiker vorstellte (oder sollte man "austeilte" sagen?), da sagte er noch: "Das Buch hat keine Eile, es ist keine Nachricht, kein Event." Doch obwohl oder gerade weil es die übliche Sperrfrist für Rezensionen gab, beeilten sich die großen Zeitungen, diese zu unterlaufen.

altNichts weiter

von Dirk Pilz

Juni 2012. Dieses Buch ist das Romandebüt einer Dramatikerin, das allseits als reif aufgenommen wurde, was allerdings nur jene erstaunen kann, die keine Dramen lesen. Es ist ja noch immer so, dass als Schriftsteller von der breiteren Leseöffentlichkeit erst wahrgenommen wird, wer Prosa (oder Lyrik) schreibt. Dass Dramatiker noch immer unter dem Verdacht stehen, bloße Spielanweisungsstichpunkte zu liefern. Dass noch immer das Drama gegen die Inszenierung (oder andersrum) ausgespielt wird. Kann ein Drama einen eigenständig literarischen Wert haben? Wer je ein Drama dieser Romandebütantin gelesen hat, wird feststellen: Es kann, oh ja.

Der Spezialist als Bürger

Ein streitbarer Intellektueller war Ivan Nagel. Seine "Einsprüche" aus mehr als einem halben Jahrhundert sind nun in den "Schriften zur Politik" gesammelt, die – nach den Bänden zum Drama, zum Theater und zur Kunst – posthum erschienen sind. Der Neuheitswert der Beiträge ist begrenzt: Veröffentlicht wurde ein Großteil bereits in den "Streitschriften" und dem "Falschwörterbuch". Doch ergänzen sie das Bild des Kunstkritikers, Dramaturgen und Theateritendanten um eine bedeutsame Facette.

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Eine Werkzeugkiste

Wer ein Germanistik-Studium beginnt und mit der Masse an Einführungswerken in Berührung gerät, muss den Eindruck gewinnen, als wolle sich die Professorenschaft gegenseitig darin überbieten, das kompetenteste und verkaufsträchtigste Lehrbuch zu schreiben. Tatsächlich sind viele dieser Werke nichts weiter als schlecht geschriebene Redundanzparaden. Gänzlich freizusprechen von solcherlei Vorwürfen ist auch Franziska Schößlers soeben erschienene "Einführung in die Dramenanalyse" nicht. Die Trierer Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft verstand ihrer Version aber immerhin einige innovative Elemente beizumengen.

Ein Anfang ist gemacht

von Herwig Lewy

August 2012. Form ist Inhalt: Der Blick aus dem Kosmos auf den Planeten Erde, blau. Durch das Raster der Längen- und Breitengrade hindurch heben die weiß gepunkteten Konturen auf den geographischen Raum Europa ab, mit dem symptomatisch eher Kopf- und Bauchschmerzen denn Euphorie aufkommen: Phänomene à la Viktor Orban, INDECT, FRONTEX, Austerität, "Kulturinfarkt".

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Es gibt kein großes weißes Wir

von Nikolaus Merck

9. Mai 2012. Eigentlich wussten wir es, seit die deutsche "Internationalmannschaft" bei der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika 2010 so begeisternd aufspielte: Das große weiße Wir in Deutschland gehört der Vergangenheit an. Migrantenkinder prägen das Bild der neuen Nation.

Heiliger Eifer

von Esther Slevogt

Berlin, August 2012. Der Titel klingt erst mal nicht nach Theater. Und gehört doch genau dorthin: die sechs Thesen des Theater- und Openregisseurs Adolf Dresen zu Karl Marx’ Ökonomischer Theorie.

Ein Leben in Widersprüchen

Angenommen, Pier Paolo Pasolini (1922-1975) wäre durch seine Arbeit als Filmregisseur und Autor nicht weltberühmt geworden. Über seine Vita wäre er wohl eher als wunderlicher Kauz denn als genialer Künstler in Erinnerung: Er war schwul und stellte sich gegen sexuelle Diskriminierung, sprach sich aber auch gegen Abtreibung und Ehescheidungen aus; er war Anhänger der italienischen Kommunisten, obwohl sein Bruder von ebendiesen gemeuchelt wurde; ebenso bezeichnete er sich selbst als Marxisten, ohne Marx gelesen zu haben. Ein pathologisch enges Verhältnis zur eigenen Mutter rundet diesen in der Tat sonderlichen Charakter ab.

Der Eitelstolz des Untertanen

Er sei "wahrscheinlich der größte Liebhaber des Theaters", heißt es ziemlich unbescheiden auf dem Klappentext. Das werden wohl nur wenige unwidersprochen hinnehmen wollen, ist doch die Liebe des FAZ-Kritikers Gerhard Stadelmaier eine recht einseitige: demjenigen Theater, das er selbst Regisseurstheater nennt, begegnet er nämlich nicht als Liebender, sondern als unerbittlich, mancher wird sagen: als verbohrt Hassender.

cover stadelmaiersliebeserklaerungenVielleicht aber ist Gerhard Stadelmaier wenn nicht der größte Theaterliebhaber, so doch der größte Bühnenkunstmonarchist. Und das hier anzuzeigende Buch lässt seine Königinnen und Könige auftreten, vor denen er lustvoll auf die Knie geht ("wenn man die entsprechenden Knie hat", wie er verlauten lässt): "die großen Schauspieler und ihre gewaltigen Figuren". Mit dem Eitelstolz des Untertanen preist er sie, und mit einer gewissen Häme verzeichnet es der Monarchist, wenn auch die Republikaner im Staub vor der Größe der einsamen Bühnenherrscher liegen. So erinnert er etwa daran, wie, wenn Bernhard Minetti ein Theater betrat, dieser "den Raum dominierte, wie sich ihm alle zuneigten, wie das ganze demokratische Ensemble der Voyeure, Flaneure und Abonnenten sich ihm geradezu aufatmend zu unterwerfen schien – da ließ sich ein König herab."

Stadelmaier ist ehrlich genug vorwegzuschicken, dass nicht alle großen Schauspieler in seinem Buch vorkommen können. Dass der Bühnenkunstmonarchist, der er ist, jedoch alle Schauspieler ignoriert, deren Bühnenkunst mit dem Arbeiter- und Bauernstaat DDR in Berührung gekommen ist, hat wohl Methode: keine Inge Keller, keine Corinna Harfouch, kein Henry Hübchen, kein Ulrich Mühe.

Dafür gibt es ein buntes Panoptikum des BRD-Theaters, beginnend mit einem klugen Essay über Gustaf Gründgens, weiter über Porträts der großen Schaubühnen-Mimen (Edith Clever, Jutta Lampe, Bruno Ganz …) bis hin zu den großen Spielern unter Dieter Dorn, Peter Zadek, Claus Peymann oder Andrea Breth (Cornelia Froboess, Angela Winkler, Rolf Boysen, Gert Voss, Johanna Wokalek …). Manchmal mag Stadelmaiers Panegyrik gefährdet sein, in allzu leeres Wortgepränge zu gleiten (geradezu inflationär wird das Buch von dem Wort "Welt" in allen möglichen Zusammensetzungen durchzogen), manchmal aber kommt man nicht umhin, sich vor diesem zur Entzückung entzündeten Bühnenherrscheruntertanen zu verneigen. Wenn Stadelmaier seine Vision von Shakespeares "Sturm" entfaltet oder den einen großen Moment von Otto Sander im Film "Das Boot" schildert, dann findet er wahrhaft schöne Worte. Worte, die wohl nur einem großen Liebhaber einfallen. Also doch! (Wolfgang Behrens)

 

Gerhard Stadelmaier:
Liebeserklärungen. Große Schauspieler, große Figuren.
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2012, 240 S., 19,90 Euro.

 

Ein relativ guter Klang

Als ein unvergleichlich geschmeidiges Instrument hat George Steiner, der Literaturphilosoph, den Chor vor über 40 Jahren in seinem Essay "Der Tod der Tragödie" bezeichnet. Treffenderweise. Denn gleichviel, ob man (wie Steiner) vom Ende der Tragödie ausgeht oder nicht – der Chor hat überlebt: Aus ihm ist einst das Theater erwachsen, aus ihm zieht es noch immer Innovations- und Irritationskraft.

cover maskeundkothurn chorKaum verwunderlich also, dass die Zeitschrift "Maske und Kothurn" in ihrer aktuellen Nummer "Formationen des Chorischen im gegenwärtigen Theater" vorstellt. Auch nicht überraschend, dass hier allenfalls ein kleiner Ausschnitt zur Sprache kommt. Einen repräsentativen Querschnitt wollten die Herausgeberinnen ohnehin nicht vorlegen, aber eine lohnende Frage aufwerfen: "Wann ist ein Chor ein Chor?" Die einzelnen Beiträge verlieren sie (leider) immer wieder etwas aus den Augen, aber mit Grund wahrscheinlich. Denn mit dem Bezug auf den Gruppencharakter eines Chores ist nicht allzu viel gesagt, weil jede Gruppe mehr ist als die Summe ihrer Individuen. Weil verschiedene Einzelne verschiedene Gruppen bilden, gerade im Theater.

Was chorische Energie ausmacht, wie sich das Verhältnis von Einzelnem und Masse darstellt, wird in diesem Band daher vornehmlich an konkreten Inszenierungen untersucht, an Claudia Bosses Persern, Volker Löschs Medea und René Polleschs Ein Chor irrt sich gewaltig etwa. Sehr schön, dass auch der leider etwas in Vergessenheit geratene Josef Szeiler hier nicht übergangen wird – in einem Gespräch berichtet er von seiner "Prometheus"-Inszenierung 1983 in Wien und der Arbeit an einem "kreativen Chor". Wann ist ein Chor ein Chor? Szeiler sagt: Im Theater sei ein Chor ein Chor, "wenn jemand dirigiert und alle sprechen gleichzeitig und es schert niemanden etwas." Das erzeuge bestenfalls "einen relativ guten Klang". Er dagegen will mit dem Chor das, was Einar Schleef einst wollte: einen "rituellen Vorgang" schaffen. Auch das gehört zu den Formationen des Chores im Gegenwartstheater: diese Sehnsucht nach dem Rituellen. (Dirk Pilz)

 

Genia Enzelberger, Monika Meister, Stefanie Schmitt (Hg.):
Auftritt Chor. Formationen des Chorischen im gegenwärtigen Theater.
Maske und Kothurn. Heft 1/2012.
Böhlau Verlag, Wien 2012, 118 S., 16,90 Euro

 

Das Leiden bleibt

Es gebe da an den antiken Tragödien etwas, das bis heute kontrovers diskutiert werde, woran sich ablesen lasse, dass sie sich keineswegs erledigt hätten, schreibt der Literaturwissenschaftler Bernhard Greiner zu Beginn seiner ehrgeizigen Studie. Das sei die Frage, ob der Mensch in der Tragödie (und im Leben) einem "übermächtigen, ihn verderbenden Schicksal oder einer ihn ins Unglück stürzenden göttlichen Lenkung ausgesetzt und allenfalls fähig sei, Klage zu erheben" oder ob ihm "ein eigener, von ihm auch zu verantwortender Anteil an seinem Geschick zuerkannt werde".

cover greiner tragoedieDas ist die Frage, ja. Anders aber als zuletzt Wolfram Ette in seiner Studie Kritik der Tragödie gibt Greiner darauf keine eigene tragödientheoretische Antwort, sondern führt in das "komplexe Feld der Determinationen, in das die Tragödie das Handeln des Menschen eingelassen zeigt". Die Tragödie, so Greiner, verhandle den Freiheitsspielraum des Menschen, daher auch der Untertitel dieses Buches: "eine Literaturgeschichte des aufrechten Ganges". Es geht in Tragödien damit immer um das Verhältnis von "Gebundenheit und Selbstverfügung".

Das ist kein neuer, aber noch immer ein eleganter Zugriff auf den Stoff. Denn er erlaubt, von Aischylos bis Botho Strauß die Entwicklung der Tragödie zu verfolgen. Ein Überblicksbuch also, allerdings mit punktuellen Tiefenbohrungen, zu Goethes "Faust" oder Wedekinds "Lulu" zum Beispiel. Bemerkenswert, dass es in diesem Buch auch ein eigenes, aufschlussreiches Kapitel zu Benjamin Cohen und den geschichtsphilosophischen Bestimmungen der Tragödie in jüdischer Perspektive gibt. Schade, dass es zum Gegenwartstheater nichts zu sagen weiß.

An der Gegenwärtigkeit der Tragödie und ihrer ästhetischen Verfahren zweifelt Greiner aber nicht: Sie sei gegenwärtig, insofern die Nötigung weiter bestehe, "die Welt vom Leiden aus zu verstehen", wie Nietzsche es in einem seiner nachgelassene Fragmente formulierte. Denn noch immer werden wir mit Furchtbarem konfrontiert, das sich "logisch-vernünftiger Bewältigung" verweigert. (Dirk Pilz)

 

Bernhard Greiner:
Die Tragödie. Eine Literaturgeschichte des aufrechten Ganges.
Grundlagen und Interpretationen.
Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2012, 864 S., 27, 90 Euro

 

Mehr Bücher? Gibt es hier.

 

Macht und Mutti

von Dirk Pilz

12. April 2012. Vielleicht sollte man das singen? Oder einsam in Bergeshöh' gen Himmel flüstern? Ins Meer hinauskreischen? Hm.

Auf dem Tisch liegen gut 650 Seiten Jonathan Meese. Schwarze Schutzhülle, roter Einband. Es sind "ausgewählte Schriften zur Diktatur der Kunst". Für die Auswahl sei herzlich gedankt, denn wie vom Herausgeber Robert Eikmeyer im Nachwort zu erfahren ist, gibt es noch große Mengen unveröffentlichter Manuskripte, darunter auch ein Buch namens "Monosau", angeblich mehrere hundert Seiten lang. Meeses Mutter, Brigitte Meese, hat früh begonnen, die Meese-Manuskripte abzutippen, sie brach nach einiger Zeit zusammen.

Davon später

Es beginnt auf einer Alm in Kärnten und endet bei Beethoven und Napoleon. Die Begegnung zwischen Komponist und Kaiser ist (Drehbuch-)Fiktion, die Alm dagegen ein Kindheitsort, an den es ihn "auf meine alten Tage wieder hingezogen" hat: Maximilian Schell. Zwischen diesen beiden Punkten schlägt der Theater- und Filmschauspieler, Produzent und Pianist, den Bogen seiner Lebenserinnerungen.

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Mit dem unbeugsamen Willen zum Erfolg

von Nikolaus Merck

20. März 2012. Von Zeit zu Zeit liest man den Spiegel gern, erfährt man daraus den neuesten Klatsch des Landes doch. Wenn es darum geht, mal wieder einer vermeintlich heiligen deutschen Kuh in den Hintern zu treten, sind die journalistischen Krawallmacher aus Hamburg jedenfalls vorne dran. So war es vor sechs Jahren bei der sogenannten Ekeltheaterdebatte, als ein rechter Tor auf die Reise zu den Pisse-Blut-und-Sperma-Sümpfen auf deutschen Stadttheaterbühnen geschickt wurde. Und so ist es jetzt wieder, da vier arrivierte Kulturmanager und –berater das dringende Bedürfnis verspürten, mal ordentlich ins eigene Nest zu kleckern. Der Spiegel bläst in die Posaune: Die Hälfte der Theater, Museen, Bibliotheken muss weg! Und schon schlagen Radio, überregionale Presse, Fernsehen und Internet aufgeregt mit den Flügeln (hier die ausführliche Presseschau). Schönes Spiel. Jedenfalls wissen wir jetzt wieder, wer die Macht hat, Themen zu setzen. Bloß, ging es wirklich darum, die Hälfte der Kunstinstitute hierzulande (und in Österreich und der Schweiz) kurzerhand ersatzlos zuzusperren?

Glaubenskriegerisch neutral

von Dirk Pilz

Juli 2012. Alles wird immer mehr auf dieser Welt. Mehr Menschen, mehr Informationen, mehr Kunst, auch mehr Unsinn, klar. Unübersichtlichkeit und Orientierungsverlust sind wahrscheinlich jene Merkmale unserer Gegenwart, die jeder abnicken wird.

Was für G'schichten

Es gibt Charaktere, die sich erst auf den zweiten Blick für eine umfangreiche Biographie eignen. Johann Nestroy (1801-1862), der große Mann des Alt-Wiener Volkstheaters, ist so einer. Derart voluminös ist die Liste seiner Stücke und allabendlichen Bühnenauftritte, dass es scheint, als habe er schlicht keine Zeit gehabt für ein Privatleben. Wie weit gefehlt diese Annahme ist, zeigt Renate Wagner in ihrem Buch "Der Störenfried", in dem sie das Theaterleben des Österreichers gründlich und konzis zugleich nachzeichnet.