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Die manipulative Macht der Worte

von Sarah Heppekausen

Essen, 16. Dezember 2011. "Friends" – mit diesem einen Wort ist viel gesagt: die Beziehung zwischen Redner und Zuhörer geklärt, die Basis für ein wohlgesinntes Vertrauensverhältnis gelegt. Ihre Ansprache ans Publikum beginnt die Performerin Kate McIntosh mit John McCains offiziellen Worten nach dem Wahlausgang 2008 in den USA. "Thank you for coming here on this beautiful Arizona evening". Kate McIntosh strahlt ihr Publikum an, der Ton ihrer tiefen Stimme ist warm, fast herzlich. Ein vermeintliches Gespräch unter Freunden. Dieser Klang wird sich in den nächsten 45 Minuten nur wenig verändern. Die Inhalte ihrer Rede, die Orte, Zeiten, Themen hingegen schon, ziemlich massiv sogar.

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Ein Tor zum deutschsprachigen Theater

von Rainer Petto

Saarbrücken, 17.-19. November 2011. In ihren Kinderbüchern sah sie verlockende bunte Bilder vom Amazonas. Vor dem Abitur machte sie Bekanntschaft mit Rousseaus Verherrlichung der nackten Wilden. Mit 25 floh sie aus Europa und tauchte ein in den Urwald. Sie wollte wie eine der Ihren mit den Indios leben.

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Die Kapazität zum Bösen

von Simone Kaempf

Berlin, 11. November 2011. Die Gewalt bricht aus in einer fast Turnerschen Landschaftsstimmung aus undurchdringlichem Nebel und Friedlichkeit, Laubschattigkeit und drohenden Baumstämmen. Eine doppelbödige, halb erotische, halb gewalttätige Stimmung, raffiniert produziert mithilfe von Video, Licht und beweglichen Seidenballonen. Real sind die drei Frauen, deren Umrisse sich im Nebel abzeichnen. Ihre Demütigungen auch. Eine, die schwächste, muss sich ausziehen und nackt niederknien. "Du sollst nett sein, und sauber und gesund, aber du bist es nicht", lautet der Vorwurf, jetzt bekommt sie ihre Strafe, in einem bedrohlichen Stück Wald, in dem alptraumhaft die düstere Seite der Natur und deren irrationale Facetten herrschen.

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Siege des Kollektivs

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 6. November 2011. Das Theater hat recht: Live ist besser. Während die Preisverleihungen des deutschen Theaterpreises "Der Faust" auf 3sat stets wirken, als seien sie Reenactments des "Bambi", war bei der Frankfurter Preisverleihung vor Ort von Fernsehglitzerambitionen wenig zu spüren. Vielmehr bot sie eine ebenso fruchtbare und merkwürdige Massenkarambolage von Gegensätzen wie das Theater selbst: Aufregung paarte sich mit Langeweile, Pathos mit Selbstironie, Fremdscham und helle Freude gaben sich die Hand, Geschichte prallte kommentarlos auf Gegenwart. Dazu trugen alle Schwarz und einer bunte Turnschuhe. Der Gastgeber (Michael Quast) war ein breitmauliger Komiker, dem seine eigene Haut nicht zu schade war für Selbstversuche und Rampensaueinlagen, aber der zugleich in bissigen Witzen und hiebfesten Zitaten seinen scharfen Geist aufblitzen ließ. Und wie stets im Theater begann die bunte Gemengelage schon vor der Tür.

altDramatische Orts- und Richtungswechsel

von Ralf-Carl Langhals

Heidelberg, 7. – 10. Oktober 2011. Man soll dem großen Trara keinen Glauben schenken. In Heidelberg allerdings, und das ist neu, wirbt Holger Schultzes Eröffnungswochenende unter dem nun fast wieder reißerischen Titel "Don't believe the Hype" für Zweitaufführungen zu Unrecht vergessener Werke. Heidelbergs neuer Intendant setzt mit seinem leitenden Dramaturgen Jürgen Popig dem Uraufführungswahnsinn und Schnellverwertungsstress des deutschsprachigen Jungautorentheaters etwas Positives entgegen: nämlich die Chance des zweiten Versuchs.

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Stückchen, Stadt und Sloterdijk

von Otto Paul Burkhardt

Karlsruhe, den 1.-3. Oktober 2011. Auch eine Form des Kennenlernens: Beim 1. Karlsruher Dramatikerfestival ergehen, erwandern sich die Zuschauer ihr Theater. Simultan und in Grüppchen aufgeteilt, wuseln sie treppauf, treppab durch die Eingeweide des Badischen Staatstheaters, vom Heizungskeller tief drunten bis hinauf zur Klimazentrale im 4. OG, von der Laderampe zum Tapezierraum – vorbei an Flucht- und Rettungsplänen, vor allem aber vorbei an 20 Kurzdramen junger Autoren zum Thema "Stadt der Zukunft": eine logistische Meisterleistung.

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Auf der Suche nach der verlorenen Figur

von Elske Brault

Rendsburg/Flensburg, 16./17. September 2011. Ein UFO ist gelandet. Diesen Eindruck muss bekommen, wer an einem ganz normalen Freitagabend das Rendsburger Stadttheater besucht, um dort ein zeitgenössisches Stück anzuschauen. Die Bühne nehmen drei Laufbänder aus dem Fitnessstudio ein. Zwei Frauen und ein Mann rennen darauf vergeblich um die Wette mit den gehetzten, fliehenden, abgerissenen Sätzen aus Felicia Zellers Sozialdrama "Kaspar Häuser Meer".