"Zischt man? Ist Skandal?"

8. Dezember 2008. Friedrich Schiller, dessen "Die Räuber" Haare-Ausreißen, Augenrollen und Frühgeburten provozierte, Gerhart Hauptmann, der mit seinen "Webern" den höchstwohlgeborenen Zorn des Kaisers erregten, der skandalöse Ibsen mit seinen Leichen im Bürgerkeller, Frank Wedekind der Obszönling, Brecht der kaltherzige Anarchist – sie alle machten Skandal auf dem Theater. Derartiges, heißt es, hat es nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem deutschsprachigen Theater nicht mehr gegeben. Oder vielleicht doch?

Das ist eine der Fragen, mit denen sich Bernd Noack in seinem Buch "Theaterskandale von Aischylos bis Thomas Bernhard" beschäftigt. Noack ist in die Archive gestiegen und fündig geworden. Er hat Dramatiker, Regisseure und Journalisten getroffen, befragt und vernommen. Was macht einen Skandal auf dem Theater aus? Was bedarf es, um Skandal zu erregen? Welche Rolle spielen die Medien? Wie kommt es, dass sich wohlanständige Bürger, wenn Skandal ist, benehmen, als hätte der wilde Wullewatz sie in den Hintern gebissen?

Castorf stößt verdienten Regisseur Treppe hinunter

18. November 2008. Die Anekdoten über ihn sind Legion. Ob er mit Kohlen auf Verwaltungsdirektoren warf, auf "Woyzeck"-Proben mit Georg Büchner persönlich sprach oder von Frank Castorf eine Treppe hinuntergestoßen wurde – immer geht es in diesen Geschichten ums Ganze. Ums Ganze des Theaters und ums Ganze des Lebens.

Schauspieler wie Corinna Harfouch oder Winfried Glatzeder und den Regisseur Dimiter Gotscheff prägte er maßgeblich. Angelica Domröse, Jürgen Gosch, Rolf Boysen oder Martin Wuttke spielten in seinen Inszenierungen. Und er hat legendäre Heiner-Müller-Erstaufführungen verantwortet. Und doch ist er – zumal im Westen – einer der großen Unbekannten des DDR-Theaters geblieben: Fritz Marquardt.

Komik aus Versehen, Schlingern im Verborgenen

von Georg Kasch

12. November 2008. Wer ihn nur als Oberstudiendirektor Dr. Gottlieb Taft kennt, diesen altmodisch-gestrengen wie trottelig-charmanten Direktor des Mommsen-Gymnasiums in den Filmkomödien der "Paukerreihe", jenen sieben Filmen, die zwischen 1968 und 1972 entstanden, kennt Theo Lingen nicht. Und hat dennoch schon viel von seiner Kunst erlebt: sein Markenzeichen, die nasale Stimme, und seine aufrechte, elegante Haltung, die bei Bedarf in atemberaubende Körperartistik umschlagen kann.

Flaschenpost aus einer fremden Welt

von Anne Peter

31. Oktober 2008. Was fällt Ihnen zum Namen Dimiter Gotscheff ein? Außer Heiner Müller. Vermutlich Almut Zilcher, Samuel Finzi, Margit Bendokat – die Lieblingsschauspieler. Wahrscheinlich noch: Nebel. Konfetti. Leere Räume, in denen der Schauspieler einsam seine Arme in den Bühnenhimmel reißt.

Peng, peng, Peymann

von Dirk Pilz

30. Oktober 2008. Vier Zentimeter dick, weiß mit schwarzer Banderole, raues Papier. Das neue Peymann-Buch schaut wie ein Manifest aus, eine Kampfschrift für die Glaubensgenossen. Es ist aber ein Lexikon, "Peymann von A – Z" betitelt.

Der polnische Pate des Postdramatischen

von Thomas Irmer

21. Juli 2008. Als im Januar die Kafka-Paraphrase "Der Hungerkünstler geht" in der Regie von Piotr Kruszczynski in Zittau aufgeführt wurde, fragte sich auch nachkritik.de, warum der polnische Dramatiker Tadeusz Różewicz auf deutschen Bühnen kaum noch bekannt ist. Ein Vielgespielter war er hier nie, doch seine wichtigsten Stücke wurden auf west- und mit einiger Verzögerung auch auf ostdeutschen Bühnen aufgeführt und fanden große Anerkennung als Experimente mit den Formen des Dramas.

Der Lebenserzähler

von Wolfgang Behrens

8. April 2008. Er hatte sich sagen lassen müssen, "wer kein Blut sehen könne, tauge nicht für die große Sache." Die das sagten, waren nicht irgendwer, sondern Leute auf die er etwas hielt, sehr viel sogar: sein Vater und dessen Weggefährte und Freund, der Komponist Paul Dessau. Und sie sagten noch mehr: "die Partei, das sei halt ein großer Kreis, und beim Zusammenrücken in schwierigen Situationen, nun, da werde eben ab und zu mal einer zerquetscht."

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