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Unsere auswahl ist subjektiv

Presseschau vom 22. März 2021 – Schauspieler Ron Ighiwiyisi Iyamu erhebt Rassismus-Vorwürfe gegen Düsseldorfer Schauspielhaus

"Jeden Tag Schmerz"

22. März 2021. Der Schwarze Schauspieler Ron Ighiwiyisi Iyamu hat im Rahmen eines Fernsehbeitrags im WDR rassistische Vorfälle am Düsseldorfer Schauspielhauses beklagt. Das berichtete gestern unter anderem die Frankfurter Rundschau. Der 29-Jährige, der seit 2019 fest am Düsseldorfer Schauspielhaus angestellt ist, behauptet demnach, während der Proben zu einer Produktion, in der er einen haitianischen Freiheitskämpfer spielen sollte, vom namentlich nicht genannten Regisseur "Sklave" genannt worden zu sein.

Presseschau vom 11. März 2021 – Vergewaltigungsvorwurf gegen Ex-Intendanten Lignadis tritt #MeToo-Debatte in griechischer Theaterszene und Politik los

Große Dynamik

11. März 2021. Dimitris Lignadis, im Februar zurück getretener Intendant des Nationaltheaters in Athen, ist in Untersuchungshaft aufgrund von Vorwürfen, männliche Jugendliche vergewaltigt zu haben, wie die taz berichtet (10.3.2021). Im Januar wurden durch die Berichte der olympischen Seglerin Sofia Bekatorou und anderer Athletinnen zahlreiche Vorfälle sexualisierter Gewalt im Sport öffentlich - jetzt greift die Debatte auch im griechischen Theaterbetrieb um sich und erreicht die Politik. In einem Interview äußern sich zu dem Fall um Ex-Intendant Lignadis der deutsch-griechische Regisseur Prodromos Tsinikoris und die Schauspielerin Antriana Andreovits, die letztes Jahr in den stellvertretenen Vorstand der griechischen Schauspieler:innen Union gewählt wurde. 

Presseschau vom 26. Februar 2021 – Im Bayerischen Rundfunk fürchten Bayerns Staatsintendanten gravierende Folgen der fortgesetzten Theaterschließung

"Kulturelle Klimakatastrophe"

26. Februar 2021. In Bayern bleiben die Staatstheater bis Ende März geschlossen. Das teilte dem Bayerischen Rundfunk zufolge heute Mittag das bayerische Kunstministerium den Intendant*innen mit. Die Entscheidung sei "nicht etwa mit unserem Einverständnis" gefallen, zitiert der BR den Staatsintendanten des Münchner Residenztheaters, Andreas Beck.

Presseschau vom 21. Februar 2021 - Die Rhein-Neckar-Zeitung berichtet von Auseinandersetzungen über die neue Theaterförderpraxis in Baden-Württemberg

Streit um den Notgroschen

21. Februar 2021. In der Rhein-Neckar-Zeitung (RNZ) (20.2.2021) berichtet Anica Edinger vom Streit um eine neue Förderpraxis der baden-württembergischen Landesregierung: Kommunale Theater erhalten für das Jahr 2020 keinen festen Zuschussbetrag mehr – denn Überschüsse im Finanzhaushalt der Theater wurden erstmals in der Landesförderung berücksichtigt. Von der Festbetrags- zur Fehlbedarfsfinanzierung.

Presseschau vom 30. Januar 2021 – Von gravierenden finanziellen Corona-Folgen für die Kultur berichten Matthias Hornschuh und Nina George in der Frankfurter Allgemeine Zeitung

Bröckelndes Fundament

30. Januar 2021. Gravierend sind einer Studie des Beratungsunternehmens Ernst & Young ("Rebuilding Europe") zufolge die finanziellen Folgen der Corona-Lockdowns für die Kultur: "Neunzig Prozent Verluste für die Bühnenkünste, 76 Prozent in der Musik, 56 Prozent in der bildenden Kunst, dreißig Prozent in der Buchbranche. Das einzig gewachsene Segment: Games." Das schreiben der Filmkomponist Matthias Hornschuh, Vorsitzender des Berufsverbands mediamusic und Mitglied im Aufsichtsrat der Gema, und die Schriftstellerin Nina George, die Präsidentin des European Writers' Council, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Presseschau vom 18. Januar 2021 – Die Aargauer Zeitung über sexuelle Belästigung im Schweizer Theaterbetrieb

Jeder kennt jeden

14. Januar 2021. In der Aargauer Zeitung untersuchen Julia Stephan und Julia Nehmiz die Ergebnisse einer Anfang November 2020 veröffentlichten Umfrage des Schweizerischen Bühnenkünstlerverbandes SBKV zum Thema Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung. 80 Prozent aller Teilnehmenden der Umfrage haben "in den letzten zwei Berufsjahren mindestens einen sexuellen Übergriff erlebt, 69 Prozent davon waren Frauen. Die Vorwürfe gehen von abwertenden und anzüglichen Sprüchen zu Angeboten beruflicher Vorteile bei sexuellem Entgegenkommen und in seltenen Fällen bis zur Vergewaltigung."

Presseschau vom 5. November 2020 – Herbert Grönemeyer fordert Vermögensabgabe der Millionär*innen für Künstler*innen

Soli für darbende Künstler*innen, Roadies, Clubbesitzer und andere

5. November 2020. In der Zeit schlägt der Musiker Herbert Grönemeyer vor, dass die "vermögendsten Menschen des Landes" den durch "die Pandemie und den neuerlichen Lockdown in Not" geratenen Künstler:innen mit einer Vermögensabgabe "zur Seite springen".

Presseschau vom 29. Oktober 2020 – Der Lockdown II und die Folgen fürs Theater

Dünnes Eis

29. Oktober 2020. Die Medien reagieren in ihren Kommentaren sehr unterschiedlichen auf den neuerlichen Kultur-Lockdown in Deutschland ab Montag.

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (29.10.2020) rechnet Jan Brachmann vor, dass die Bundesregierung "knallhart kalkuliert" und "klare Prioritäten gesetzt" habe: Aufrechterhaltung des Wirtschaftslebens sowie des Betriebs von Kindertagesstätten und Schulen. Wenn man sich die Zahlen des Statistischen Bundesamtes für 2018 ansehe, wisse man, warum Kultur nicht zur Wirtschaft gehöre. "Theater, Opern- und Konzerthäuser machten in Deutschland insgesamt einen Jahresumsatz von 8,8 Milliarden Euro. Das sind weniger als 0,3 Prozent der Bruttowertschöpfung. Da braucht man über Systemrelevanz gar nicht erst zu diskutieren, selbst wenn man die Vervierfachung der Umsätze durch Umwegrentabilität noch einrechnet." Außerdem treffe die Schließung der Kultureinrichtungen ein Publikum, das ohnehin nur sieben bis zehn Prozent der Gesamtbevölkerung ausmache. Die würden zwar als besonders zivilisiert gelten, anders als die Anhänger der Partyszene. Aber: "Wenn man schon Feiern in kleinen Gruppen verbietet, kann man schwer Opern- und Theatervorstellungen mit mehreren hundert oder – wie momentan in Österreich noch erlaubt – tausend Besuchern zulassen, vor allem dann nicht, wenn man an die öffentliche Symbolwirkung von Kunst glaubt."

Im RBB (29.10.2020) wird Maria Ossowski deutlich: "Bitte, wer kuschelt und quatscht während klassischer Konzerte, wer säuft im Theater, wer singt in der Oper mit, und wer tanzt bei einer Lesung? Niemand. Wir, die Kulturmacher und die Kulturbegeisterten, büßen für jene Gruppe, die kein Politiker in den Griff bekommen hat, nämlich die Hochzeiter, die Partymacher, die Leugner. Ihretwegen soll vielen, vor allem kleineren Kulturinstitutionen, jetzt der Todesstoß versetzt werden." Sie geißelt Populismus und Verzichtsethik und kommt zum Schluss: "Die Entscheidung trifft die Falschen, sie trifft sie ins Mark, sie ist zerstörerisch, denn Kultur ist nicht systemrelevant, dieser Begriff aus der Finanzkrise nervt nur noch. Kultur ist existenzrelevant, sie ist lebensrelevant."

Auf Deutschlandfunk Kultur (28.10.2020) kommentiert Stefan Keim: "Wenn alle anderen gesellschaftlichen Aktivitäten herunter gefahren werden, ist es schwer zu vermitteln, warum die Kultur eine Ausnahme machen soll. Es gibt schon rationale Gründe, aber in diesem Moment geht es nicht nur um Logik. Ohne Solidarität kann so ein Lockdown nicht funktionieren." Allerdings dürften Künstlerinnen und Künstler und andere gebeutelte Berufsgruppen nicht alleingelassen werden. Das funktioniere aber nur, wenn die Künstlerinnen und Künstler "eine starke Interessenvertretung bilden. Sie werden bisher kaum gehört, weil sie keine Lobby haben. Lobbyismus gilt vielen Kulturtreibenden als unkünstlerisch und korrupt, ist aber eine Notwendigkeit."

Ebenfalls auf Deutschlandfunk Kultur (28.10.2020) kritisiert Rechtswissenschaftler Volker Boehme-Neßler die Verordnungen, die sich "auf dünnem Eis" bewegten: "Ich rechne mit einer Klagewelle."  Denn immer wieder gehe es bei der Einschränkung von Freiheitsrechten auch um die Frage der Verhältnismäßigkeit. So könnten etwa Theater oder Restaurants mit konsequent praktizierten Hygienekonzepten zu Recht darauf pochen, dass ihnen ein hohes Ansteckungsrisiko erst einmal nachgewiesen werden muss – der Rechtsweg habe durchaus Aussicht auf Erfolg. Wenn ein Theater klage, gelte das Urteil zwar nur für dieses eine Haus. Doch sei davon auszugehen, dass dann viele andere folgten.

"Durch eine wiederholte vorübergehende Schließung von Konzerthäusern, Opern, Kinos, Museen und Theatern wird nach jetzigem Wissensstand womöglich kein einziges Infektionsgeschehen verhindert", argumentiert Marcus Stäbler im NDR (29.10.2020) Dafür werde eine Branche mit rund 1,2 Millionen Erwerbstätigen und einem Gesamtumsatz von knapp 170 Milliarden Euro jährlich unverschuldet noch weiter an den Rand des Ruins oder darüber hinaus getrieben. "Außerdem nimmt das Verbot uns die Möglichkeit, in der realen Begegnung mit Musik, Film, Kunst und Theater neue Kraft zu schöpfen." Die generelle Absage von Kulturveranstaltung zerstöre womöglich mehr als sie rette. "Das kann nicht Sinn der Sache sein."

In der Süddeutschen Zeitung (29.10.2020) äußert sich Kammerspiel-Intendantin Barbara Mundel im Interview zum Lockdown: Ihr Haus müsse mit hoher Wahrscheinlichkeit in Kurzarbeit gehen. "Die emotionale Seite, puh, da ist eine tiefe Traurigkeit. Die Möglichkeit, sich wenigstens hier noch live zu begegnen, auch dem Publikum zu begegnen, wenn auch eingeschränkt, war extrem wichtig in den vergangenen Wochen." Lernen und verhandeln könne man nicht, wenn mit Verboten und Willkür durchregiert werde. "Das höhlt auf Dauer Demokratie und die offene Gesellschaft aus, die wir doch sein wollen. Krise kann als Gefühl kein Dauerzustand sein."

"In Theatern habe ich mich in den letzten zwei Monaten sicher gefühlt", schreibt Tobi Müller auf zeit.de (29.10.2020). "Doch wenn 75 Prozent der Infektionen nicht mehr zurückverfolgt werden können, hilft Fühlen nicht mehr weiter und die Rede von sicheren Orten wirkt etwas wohlfeil." Halbrichtige Zahlen zum Beweis ihrer (wirtschaftlichen) Bedeutung würden der Kultur gerade nicht helfen. Wichtiger sei es, nicht immer nur den Staat zu adressieren, sondern auch jene, "die diesen Staat bezahlen und darunter ganz besonders jenen, die sich nicht primär als Teil des Publikums verstehen". Müllers Vorschlag: "Vielleicht könnte man nun winzige Teile dieser großen Gruppe gerade in für alle schweren Zeiten stärker für sich einnehmen, wenn man nicht nur Solidarität einfordert, sondern selbst stärker welche zeigt, zunächst einmal untereinander."

In der Welt (29.10.2020) argumentiert Jan Küveler für die Theaterschließungen und verweist auf den Klassismus der Theater: "Wem nützen sie, an wen wenden sie sich mit ihrem Programm?" Es möge ja sein, dass offene Theater das Infektionsgeschehen nicht maßgeblich beeinflussen. "Aber dass man sie im Vergleich zu Kitas, Schulen und Lebensmittelläden für einen Tick verzichtbarer hält und deshalb jenen Branchen zurechnet, denen, um Schlimmeres zu verhindern, ein vierwöchiger Shutdown zugemutet werden kann, könnte sie auch ehren. Manchmal ist das Nicht-Notwendige (die Schließung der Theater) eben notwendig (gesamtgesellschaftlich sinnvoll), damit später, wenn alles wieder gut ist, das Nicht-Notwendige (die Theater) seine Notwendigkeit (die Unverzichtbarkeit als Stätte der Unterhaltung und symbolischen Selbstvergewisserung einer Gesellschaft) wieder beweisen kann."

(geka)

 

 

Presseschau vom 22. Oktober 2020 – Ortsbestimmung der aktuellen Theaterkritik auf 54books

"Stammtisch-Sumpf des Jeder-darf-mal-Postens"

22. Oktober 2020. Unmut erfasste den FAZ-Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier, als ihm am 16. Februar 2006 ein Spieler des Schauspiels Frankfurt während der Aufführung den Spiralblock entwendete. Stadelmaiers folgender Zeitungsbeitrag "Angriff auf einen Kritiker" führte zur Entlassung des Schauspielers. Felix Lempp zufolge ist Stadelmaiers Bestürzung "als Entsetzen über den Verlust der Insignie des souveränen Kritikers zu deuten" – und die sogenannte "Spiralblockaffäre" als Diskussion darüber, welche Rolle und welchen Stellenwert der Theaterkritik in einem seit der Jahrtausendwende zunehmend pluralistischen Theatersystem zukommt. Diese "Ortsbestimmung der aktuellen Theaterkritik" nimmt Lempp in seinem Beitrag "Vom Spiralblock zum Blog?" auf der Plattform 54books vor.

Presseschau vom 16. Oktober 2020 – FAZ über "gefühlte Wahrheiten" in der "digitalen Theaterkantine"

Community der Besserwisser

16. Oktober 2020. In der heutigen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung meldet sich der Regisseur und ehemalige Schauspieldirektor des Landestheaters Linz, Gerhard Willert, zu mehreren "gefühlten Wahrheiten" zu Wort, die er einigen bei nachtkritik.de erschienenen Texten entnommen habe. "Was nun in dieser Online-Kantine zur allseits konstatierten (Führungs-)Krise des Theaters samt angeblichen Folgen zu lesen ist", schreibt Willert, "lässt ein paar Muster erkennen. Zunächst einmal: Es scheint um Strukturen zu gehen."

Presseschau vom 28. Juli 2020 – Die Schleswiger Nachrichten berichten über Zweifel an der Entscheidung für einen Theaterneubau

Eh schon hoch verschuldet

28. Juli 2020. Die Entscheidung für den Theaterneubau ist bereits gefallen, über die Vergabe des Auftrags soll am 18. August entschieden werden. Dennoch werden in der Politik in Schleswig nun Zweifel am 12-Millionen-Euro-Projekt laut, wie die Schleswiger Nachrichten ( 27. Juli 2020) berichten. Vor dem Hintergrund der Corona-Krise und daraus folgenden sinkenden Steuereinnahmen stellen dem Bericht zufolge nun insbesondere die Freien Wähler das Projekt in Frage und haben für die nächste Sitzung der Ratsversammlung am 7. September 2020 eine Aktuelle Stunde zum Thema beantragt.

Presseschau vom 22. Juli 2020 – Björn Bicker fordert im BR eine Stunde Null des Theaters

Eine riesen Chance

22. Juli 2020. "Macht die Theater zu – und fangt von vorne an", fordert Dramaturg und Autor Björn Bicker im Bayerischen Rundfunk. Er regt an, die Corona-Schließzeit als Denkpause zu nutzen, um ihre eigene Zukunft zu verhandeln. "Dann könnten sie sich ernsthaft mit Demokratie, Teilhabe und Gerechtigkeit auseinandersetzen und zwar nicht irgendwie im symbolischen Raum, sondern ganz konkret am Beispiel ihrer eigenen Wirklichkeit. Sie könten ihren Kunstbegriff hinterfragen und ihn einem Update unterziehen. Sie würden ernsthaft über Formen der künstlerischen wie betrieblichen Partizipation nachdenken, darüber, wie man seine eigenen Führungskräfte in good governance fortbilden könnte. Und sie könnten dann weitermachen und Strukturen verändern."

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