Gestandener Berufsanfänger

10. Juni 2025. John von Düffel, erfolgreicher Dramatiker und Autor, wird mit Beginn der Spielzeit 2025/26 Intendant des ETA Hoffmann Theaters in Bamberg. Ein Gespräch über Theatermachen in der Provinz und in Berlin, über magisches Erzählen und hoffnungstiftende Kunst.

Von Andreas Thamm

Der neue Bamberger Intendant John von Düffel © Katja von Düffel

10. Juni 2025. Mit John von Düffel, 1966 in Göttingen geboren, wird ein Mann Intendant in Bamberg, der im deutschsprachigen Raum bisher vor allem als Dramaturg und Bühnenautor große Bekanntheit besitzt. Parallel zu seiner schriftstellerischen Arbeit war er Dramaturg an mehreren deutschen Theatern von Stendhal bis Bonn. Von 2000 bis 2009 arbeitete er als Dramaturg am Thalia Theater in Hamburg, danach wechselte er ans Deutschen Theater Berlin. 

Herr von Düffel, Sie waren zuletzt, bis 2023, Dramaturg am Deutschen Theater in der Hauptstadt, kommen jetzt in die fränkische Kleinstadt Bamberg. Warum? Und hat das mehr mit Berlin zu tun oder mit Bamberg?

Die Frage habe ich mir schon früh gestellt. Die Geschichten von Bamberg und Berlin führen auf eine Art zusammen: Neben der Tätigkeit am Deutschen Theater seit 2009 habe ich 2010 auch die Leitung des Studiengangs Szenisches Schreiben an der Berliner UdK übernommen. Viele der jungen Autorinnen und Autoren, die ich mit ausgebildet habe, wurden in Bamberg gespielt. Sibylle Broll-Pape und Remsi Al Khalisi haben in Bamberg in den vergangen zehn Jahren ein sehr dezidiert gegenwartsdramatisches Programm gemacht, mit Remsi hatte ich in Berlin und Potsdam zuvor bei mehreren Werkstattfestivals zusammengearbeitet. Dadurch waren wir auf gegewartsdramatischer Ebene eng vernetzt. Er hat bei uns auch viele Autor:innen kennengelernt wie Konstantin Küspert oder Bonn Park, die dann in Bamberg eine große Rolle gespielt haben.

Waren Sie selbst damals auch in Bamberg?

Ja, oft, und ich habe gemerkt, dass das Ensemble auffällig gut ist und die Autor:innen dort auf eine Plattform gehoben werden, sich ausprobieren und beweisen können. Diese Berlin-Bamberg-Connection war ein gutes Modell für den Anfang. Es ist für die Schreibenden nicht gleich die große, freie Wildbahn, wo man mit allen konkurriert.
Als die Intendanz ausgeschrieben wurde, dachte ich, das lässt sich gut mit meiner Arbeit an der UdK verbinden. Auch wenn ich dazu sagen muss, dass ich in Bamberg keine einzige Person aus dem DT-Kontext bezahlen kann. Was die Gagen und Möglichkeiten angeht, ist es ein gewaltiger Unterschied.

Was versprechen Sie sich, vielleicht unabhängig von der Zusammenarbeit mit jungen Autor:innen, vom Theatermachen in der Provinz?

Die Antwort hat mehrere Ebenen: Erstmal ist da meine persönliche Motivation. Durch die lange Zusammenarbeit mit vielen Intendanten und zuletzt über 24 Jahre mit Uli Khuon ist mein Respekt vor dem Beruf eher gewachsen. Ich halte es, gerade in diesen Zeiten, für extrem wichtig, dass man die ausreichende Kompetenz mitbringt, insbesondere in sozialer Hinsicht. Dass man ein Team, eine Gemeinschaft bilden und alle hinter einem Programm versammeln kann. Da ich so lange mit so guten Leuten gearbeitet habe, wollte ich nicht da anfangen, wo die aufgehört haben. Ich betrachte mich als Berufsanfänger. Es ist etwas anderes, als Dramaturg Ideen zu entwickeln oder Projekte anzubahnen, als Entscheidungen zu treffen und zu verantworten, von der misslungenen Inszenierung bis zur fehlenden Klorolle. Dieser Seitenwechsel ist ein Weltenunterschied.

Und wie nähert sich der Berufsanfänger der Bamberger Welt?

Nach der Vorbereitung kann ich sagen: Ich bin sehr froh, mich für ein Theater entschieden zu haben, bei dem ich das Gefühl habe, ich kann das Haus verstehen, ich kann die Komplexität bewältigen und: Ich habe ein Gefühl für die Stadt. Es gibt hier bis in die Weltkulturerbe-Gässchen hinein eine Literarizität des Standorts. Daher meine Hoffnung, verstanden zu werden und umgekehrt die Leute zu verstehen. Ich hätte mir nicht zugetraut, eine Stadt zu erobern, zu der ich keinen Bezug habe. Die erste Tuchfühlung zu Bamberg hatte ich schon 2008 im Rahmen meiner Poetikdozentur an der Uni.

Glauben Sie es wird schwer, mit weniger Aufmerksamkeit, gefühlt weniger Relevanz zurechtzukommen?

Die Frage ist, wie definiert man Aufmerksamkeit und Relevanz? Die Aufmerksamkeit in Berlin zu gewinnen, ist weitaus schwieriger, vor allem die der Zuschauer:innen. Die Belange des ETA Hoffmann Theaters werden in Bamberg extrem wahrgenommen, während das DT in Berlin ein Theater unter vielen ist. Was man in Berlin will und macht, passiert immer im Abgleich mit den anderen Häusern, jedes arbeitet an seinem Profil und Alleinstellungsmerkmal. Das ETA ist das Haus in der Stadt, die Leute nehmen Anteil daran und man kann es sich auch gründlich mit ihnen verscherzen.

Zur Frage nach der Relevanz: Das Motto der Spielzeit ist "viel zu erzählen". Ich glaube, es gibt die große Aufgabe, eine Form von Verbindung zu schaffen, Theater als Ort einer erlebbaren Gemeinschaftlichkeit, einer ästhetischen Erfahrung zu festigen, die man gemeinsam macht. Theater als ein demokratischer Ort, an dem Auseinandersetzung stattfinden kann. Diesen Ort zu behaupten, ist das Relevanteste.

Wie schwierig wird es, mit weniger Etat zurecht zu kommen?

Eine Regel habe ich mir selbst auferlegt: Wenn ich Leute anfrage, sage ich gleich zu Anfang, was finanziell möglich ist und was nicht. Wenn die Antwort ist, dafür kann ich nicht arbeiten, bin ich nicht beleidigt. Ich habe aufgehört, Absagen persönlich zu nehmen. Auf der anderen Seite läuft es ein bisschen nach dem Motto: Bezahlen Sie mit Ihrem guten Namen. Wenn Leute Lust haben, hier zu arbeiten, kommen sie auch. Ich gehe also nicht nur von Absage zu Absage.

In Ihrem Werdegang spielten kleinere Häuser ja auch eine Rolle.

Ja, ich selbst habe in Stendal angefangen, war danach in Oldenburg und erst dann ging es über Basel, Bonn nach Hamburg und Berlin an die ganz großen Häuser. Ich habe von Zürich bis Kiel, von NRW bis Cottbus an Theatern gearbeitet, es gibt kaum eines in Deutschland, das ich nicht besucht habe. Insofern war meine Sozialisation nicht elitär. Ich habe die Arbeit an anderen und kleineren Häusern selbst immer genauso ernst genommen.

Inwiefern muss man in Bamberg ein anderes Theater machen als am DT? Oder muss man das gar nicht?

Man kann! In Berlin ist die Suche danach, was noch nicht dagewesen ist, nach der originellen, nie dagewesenen Inszenierung sehr wichtig. Man wird schnell daran gemessen, inwieweit man die Inszenierung produziert, die theatertreffenmäßig ist. Man arbeitet auf einem Radar, wo gewisse Marktwerte, das Spektakuläre und eine mediale Außenwirkung viel mehr zählen. Die andere Berlin-Erfahrung ist ähnlich wie in allen Theatern der Welt: Das eigentliche Medium sind die Schauspieler:innen. Wenn man am DT mit Dagmar Manzel und Uli Matthes einen Abend wie "Gift" macht, ist das eine traumhafte Konstellation, und es ist traumhaft fürs Publikum. Da funktioniert die Bindung über die Größe der Schauspielenden. Man muss also auch in Berlin nicht immer eine Kuh schlachten, damit jemand hinguckt.

Schauspieler*innen vom Kaliber Matthes/Manzel kriegen Sie in Bamberg natürlich nicht.

Nein, aber meine ästhetischen Ansprüche schraube ich in Bamberg in keinster Weise zurück. Es ist nicht so, dass man in einer kleineren Stadt weniger geben muss. Aber es ist möglich, auch mal leiser aufzutreten, das Theater als poetischen Raum und nicht nur als Sensationsraum zu betrachten. Eine Formensprache, die mich interessiert, ist zum Beispiel die Berührung zwischen Schauspiel und Puppenspiel. Das möchte ich gerne im Sinne einer magischen Erzählweise weiter verfolgen. Auch das Crossover mit Musik, nicht als Musical, sondern eher als Mischung von szenischen und konzertanten Formen.

Diese Suche führt unmittelbar nach Bamberg, weil es nicht nur ein literarischer, sondern vor allem ein musikalischer Ort ist. Die Bamberger Symphoniker sind Weltklasse, an denen kommt man nicht vorbei. Der Intendant Marcus Axt schreibt mir im Moment aus Taipeh, da wird das ETA Hoffmann Theater wohl nie hinkommen. Aber durch dieses Orchester ist diese Stadt voller Musiker:innen. Wir haben uns auch vorgenommen, solche Potenziale zu finden und ins Programm einfließen zu lassen. Nicht bei den Symphonikern, die haben eh genug zu tun, aber in der freien Szene, wo es junge Musiker:innen gibt, die mit den Symphonikern und mit dieser Kraft aufgewachsen sind.

Das ETA Hoffmann Theater hatte in den letzten Jahren zweischneidige Presse. Einerseits beachtliche Festivaleinladungen, andererseits die atmosphärischen Unruhen rund um Sibylle Broll-Pape. Haben Sie das aus Berlin verfolgt?

Verfolgt habe ich das nicht, weil ich lange nicht wusste, dass die Intendanz ausgeschrieben wird. Was Sie ansprechen lag ja davor, als es um die Verlängerung von Sibylle Broll-Papes Vertrag ging. Von daher kenne ich das Thema nur vom Hörensagen. Ich kann berichten, wie ich das Haus kennengelernt habe, wie die Technik und das Ensemble aufgestellt sind, da stimmt es atmosphärisch absolut. Jetzt ist natürlich eine schwierige Zeit des Übergangs. Auch für mich war der Abschied vom DT vor zwei Jahren nicht leicht. Aber Sibylle ist mir sehr fair begegnet. Vieles von dem, was sie aufgebaut hat, soll weitergehen. Wir werden gleich in der ersten Saison vier Uraufführungen haben: Paula Kläy, die eine Überschreibung von "Felix Krull" macht. "Das letzte Bier" von Jaroslav Rudiš, "Die Ratten" von Murat Yeginer und mit "Vernissage" das erste Stück von Robert Seethaler. Der Uraufführungsort ETA wird weiter bestehen.

Jaroslav Rudiš, der neue Hausautor, wird die Spielzeit mit seinem Bier-Stück eröffnen. Ist das eine kleine Anbiederung ans Publikum zum Neustart in dieser Bierstadt oder war es die Idee des Autors?

Da Sie Bamberg kennen, wissen Sie, Bier ist hier das schwierigste Thema überhaupt. Jaroslav Rudiš weiß nicht nur viel über Bier. Er vertritt als tschechischer Autor, der auf Deutsch schreibt, auch diese Bierrivalität zwischen Tschechien und Oberfranken. Aber er hat kein anbiederndes Stück geschrieben, sondern eine Art Bier-Beckett. Es ist der Versuch, ein Thema zu verhandeln, das Leute umtreibt und sie zum Lachen bringt, aber in Form einer Beckett‘schen Partitur. Und darum geht es: die Hand auszustrecken, aber auch weiter zu führen und einen Weg miteinander zu gehen.

Gleich drei Inszenierungen kommen von Jasper Brandis. Welche Rolle nimmt er ein?

Bisher war Sibylle Broll-Pape die maßgebliche Regisseurin am Haus. Ich habe mich entschieden, bei dem zu bleiben, was ich kann, der Dramaturgie. Ich möchte allen Produktionen gleich nahe sein, es soll keine B-Produktionen geben. Deswegen sehe ich mich als Dramaturg des Hauses, der die Produktionsprozesse begleitet. Eine Dramaturgen-Position haben wir daher in die Hausregie von Jasper Brandis umgewandelt.

Die Versöhnung der Unterhaltung mit dem Ernst, Musical und Oper, das Leichtfüßige und Spielerische, Kooperation mit der freien Szene – die Ankündigungen aus der Pressemitteilung der Stadt klingen fast nach einer bewussten Abgrenzung zu Ihrer Vorgängerin, täuscht das?

Nein, dabei ging es mir nicht um Abgrenzung. Es war eine Reaktion auf die vielen Entweder-oder-Fragen, die auf mich zukamen: Wird es ganz ernst oder nur Komödie? Solche Fragen kann man nur falsch beantworten. Wer über Shakespeare sagt, es sei nur ernst, hat Shakespeare nicht verstanden. Theater ist im besten Fall immer die lachende und weinende Maske. Wenn man das sagt, ist es eine Plattitüde, aber als Erfahrung ist es toll. Also machen wir Ü – Unterhaltung und Ernst. Viele Stücke sind Täler der Düsternis. In einer Zeit der Sicherheit und Sattheit war es wichtig, diese dunklen Geschichten zu erzählen. Jetzt fällt dem Theater die Aufgabe zu, Momente der Hoffnung zu erfinden. Die reine Bestätigung des Es-wird-immer-schlimmer ist tautologisch und führt zu völliger Resignation. Ich finde, es geht es vielmehr darum, Kräfte zu sammeln und widerständige Energien aufzurufen. Das Spielerische, Subversive gehört dazu. Solche Kräfte will ich am Theater haben.

Es ist die gemeinste Frage zum Abschluss: Gibt es das eine Stück, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Auch wenn das den anderen Kolleg:innen gegenüber grausam ist, würde ich sagen: Es ist "Das Mädchen mit der Pringlesdose" von Elisabeth Pape, ein Stück über Magersucht. Den Text kenne ich aus Elisabeth Papes UdK-Studium, er wurde bereits mit dem Kleist-Förderpreis prämiert. Ich hatte immer das Gefühl, er hat so eine Härte, dass er eine musikalische Welt braucht, um sich zu öffnen. Mathias Noack, Professor an der UdK für Musical/Show, hat daraus ein Schauspiel mit Musik gemacht. Für Bamberg werden wir junge Laien casten und das Stück neu erarbeiten. Premiere ist Ende März . Das Projekt nennen wir ETA Hoffnung, weil das Stück trotz aller Härte des Textes eine Hoffnung, Kraft und berührende empathische Qualität hat.
 

Thamm Andreas Sarah Guber smAndreas Thamm, geboren 1990 in Bamberg, hat in Hildesheim Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus studiert. Er lebt als Journalist, Autor und Suppenkoch in Nürnberg. Texte von ihm sind erschienen u.a. in der taz, Zeit und nachtkritik.de. 2019 erschien sein Jugendroman "Heldenhaft" und 2021 "Wenn man so will, waren es die Aliens". Darüber hinaus ist er Kulturförderpreisträger und Arbeitsstipendiat des Freistaats Bayern 2020 und Kulturpreisträger der Stadt Nürnberg 2021.

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